Heute in den Feuilletons

Nur Frankfurt kam mit keinem Wort vor

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.01.2010. Für die Welt ist Andrzej Stasiuk nach Belzec gefahren, wo es kaum noch Spuren des ehemaligen Todeslagers gibt. Im Guardian erklärt Chefredakteur Alan Rusbridger, warum er eine Paywall ablehnt: Seine Zeitung würde Millionen Leser verlieren. In der New Republic plädiert Lawrence Lessig gegen das Google Book Settlement. Alle waren beim Suhrkamp-Empfang in Prenzlauer Berg. Auch Martin Walser. Bei Spiegel Online erklärt Henryk Broder, dass er seine Karriere als Hassprediger aufgeben und jetzt Taliban werden will.

Welt, 27.01.2010

Andrzej Stasiuk reist nach Belzec in Ostpolen, wo die Nazis ein Todeslager unterhielten, von dem heute fast nichts übrig geblieben ist: "Im Juni 1943 haben die Deutschen das Lager aufgelöst und alle Spuren verwischt. Nur die Anwohner wussten, was dort eigentlich geschehen war. Nach dem Krieg, als die Deutschen weg waren, wühlten sie in der Erde auf der Suche nach Gold und Edelsteinen. Es regnete, und außer mir war nur ein Ehepaar aus Mexiko mit einem polnischen Fremdenführer im Lager. Sie versuchten, etwas zu verstehen, doch sie konnten sich nur an den Händen halten und ratlos umherschauen."

Im Gespräch mit Andrea Seibel nimmt Necla Kelek auch zur feministischen Diskussion Stellung und erklärt, warum sie die Frauenfrage als zentral ansieht: "Die Entschleierung der Frau, also die persönliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung, würde den Islam total verändern. Das wäre die eigentliche Revolution. Ohne die Gleichberechtigung der Frau bleibt der Islam ein Apartheidsystem."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek unterhält sich mit Bundeskulturminister Bernd Neumann über den gegenwärtigen Stand der Filmförderung. Philipp Haibach berichtet von der Eröffnung der neuen Suhrkamp-Büros in Prenzlauer Berg und sieht den Umzug als Neuanfang nach den Jahren der Trauer um Siegfried Unseld. Matthias Heine freut sich in der Leitglosse über die Wiederzulassung des Haggis - hachierter Schafslunge - in den USA (es hat sich herausgestellt, dass man doch keinen Rinderwahn davon bekommt). Thomas Lindemann schreibt eine kleine Kulturgeschichte des Popmythos vom "Avatar". Manuel Brug bringt eine interessante Hintergrundreportage über das klassische Musikleben in Japan. Igal Avidan stellt eine Kooperation des Heidelberger Theatermachers Jan Linders mit israelischen Theatern vor. Und Peter Dittmar berichtet vom Kulturhauptstadtjahr an der Ruhr, dessen Etat geringer sei als seinerzeit in Linz.

Aus den Blogs, 27.01.2010

(via Gawker) Laut Reuters weist die chinesische Regierung alle Vorwürfe zurück, sie würde das Internet zensieren: Man verbiete nur Versuche, "die Staatsmacht zu untergraben und die nationale Einheit zu zerstören, ethnischen Hass zu anzustacheln, Kulte zu propagieren und Inhalt zu verbreiten, der pornografisch, anzüglich, gewalttätig oder terroristisch ist".

Nate Anderson hat für Ars technica chinesische Reaktionen studiert: "Im Qingyuan Daily, einer Lokalzeitung aus der Provinz Guangdong, schrieb am 1. Januar der Chefredakteur Pan Wei einen Leitartikel. Die Schlussfolgerung: 'Der Chefredakteur dieser Zeitung behauptet: die beste Zeitung ist eine, die keinen Ärger macht.'"

So könnte das heute kommende neue Wunderding aus Cupertino aussehen. Das Blog Mashable resümiert alle Gerüchte.




Stichwörter: Gawker, Internet

FR, 27.01.2010

Die Ägyptologin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann schreibt zum Gedenken an den Holocaust, den sich die Deutschen nie vergeben sollten. Kurt Krohn berichtet, wie gravierender Geldmangel die Gedenkstätte Auschwitz gefährdet: "Mehr als 100 Millionen Euro müssten in den kommenden 20 Jahren investiert werden, um die Substanz zu erhalten, schätzt Piotr Cywinsk, Direktor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. Inge Günther erzählt die Geschichte des Holocaust-Überlebenden Pesach Anderman.

Weiteres: Seine Eindrücke vom Berliner Suhrkamp-Empfang schildert Harry Nutt, der im neuen Verlagsdomizil schon die Berliner Egalität spürte: "Eine Egalität, die in ihrer Volksnähe anrührend, mitunter aber auch schroff abweisend sein kann." In Times mager beschäftigt sich Nutt anlässlich einer Buchvorstellung mit der Zwangsumsiedlung der Polen aus der Ukraine.

Besprochen werden Christoph Loys Inszenierung von Paul Claudels Beziehungsdrama "Der Tausch" am Schauspielhaus Zürich, das Album "Vexations" von Get Well Soon, Christian Spucks "Falstaff"-Choreografie in Wiesbaden, Tristan Egolfs Roman "Kornwolf" und zwei Bücher über das Ruhrgebiet (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Spiegel Online, 27.01.2010

Nicht nur China, fast alle Staaten spionieren im Netz, schreibt Frank Patalong in einem Artikel über die Hack-Attacken gegen Google und andere US-Firmen: "Die angelsächsischen Länder gelten dabei als weltweit führend, ihre Geheimdienste sind gut vernetzt. Im Rahmen des Echelon-Netzwerkes bauten beispielsweise die USA und Großbritannien zusammen mit Australien und Kanada das größte Netz zur Vollüberwachung internationaler Kommunikation auf. Dabei ging es unter anderem um Wirtschaftsspionage unter Verbündeten. So sollen Echelon-Informationen schon Mitte der Neunziger dem US-Flugzeugbauer Boeing zugeflossen sein, der daraufhin in einem Bieterwettstreit mit Airbus das Gebot der Europäer gezielt unterbieten konnte. Der Fall beschäftigte sogar das Europaparlament."

In einem Brief an Außenminister Westerwelle droht Henryk Broder jetzt, Taliban zu werden. Nur um dann vom geplanten Ausstiegsprogramm zu profitieren: "Nach einer erfolgreichen Karriere als 'Hassprediger' liebäugele ich schon eine Weile mit dem Gedanken, ein Taliban zu werden. Ich brauche Bewegung, frische Luft und - nachdem ich über 40 Jahre allein vor mich hin gearbeitet habe - die Erfahrung von Kameradschaft und Solidarität. Ich fürchte, dass ich für den Einsatz an der Front zu alt bin, aber ich könnte wichtige Aufgaben in der Etappe übernehmen. Ich kann kochen, backen, filmen, fotografieren und Karten lesen."

Weitere Medien, 27.01.2010

(Via Jeff Jarvis) Alan Rusbridger, Chefredakteur des Guardian argumentiert gegen die New York Times, die sich hinter eine Paywall verschanzen will und für die Öffnung von Zeitungen zum Netz. Allerdings kann er mit dem Guardian auch eine Erfolgsgeschichte erzählen: "In an industry in which we get used to every trend line pointing to the floor, the growth of newspapers' digital audience should be a beacon of hope. During the last three months of 2009 the Guardian was being read by 40 per cent more people than during the same period in 2008. That?s right, a mainstream media company - you know, the ones that should admit the game's up because they are so irrelevant and don't know what they are doing in this new media landscape - has grown its audience by 40 per cent in a year. More Americans are now reading the Guardian than read the Los Angeles Times."

In Antwort auf den Verzweiflungsschrei Hilal Sezgins in der Zeit, die zugeben musste, den Perlentaucher nurmehr hassen zu können, ergreift Burkhard Müller-Ullrich im Deutschlandfunk Partei für das Internetmagazin und behauptet glatt, "dass sich der Perlentaucher zum vielleicht wichtigsten Bindeglied zwischen dem gedankenschweren und daher stets ein wenig tempoarmen deutschen Geistesleben und dem Echtzeitmedium Internet entwickelt hat."

Newsweek fragt schon mal, wieviele Industrien das iSlate umstülpen wird, und zwar handelt es sich um: Print (Buch), Print (Medien), Musik, Spiele, Fernsehen, Kino.

Lawrence Lessig bringt in The New Republic einen langen Essay gegen das Google Book Settlement - allerdings nicht vom Standpunkt der Vewerterindustrien, sondern vom Standpunkt eines möglichst freien Zugangs zu den Büchern. Er erklärt zunächst, dass es praktisch unmöglich geworden ist, Dokumentarfilme zu zeigen oder aus ihnen zu zitieren (für jeden Schnipsel braucht man eine Genehmigung) und schließt dann auf das Google Book Settlement: "The problem here is not just antitrust; it is not just privacy; it is not even the power that this (enormously burdensome) free library will give this already dominant Internet company. Indeed, the problem with the Google settlement is not the settlement. It is the environment for culture that the settlement will cement. For it practically guarantees that we will repeat the cultural-environmental errors of our past, by now turning books into documentary film."

TAZ, 27.01.2010

Für Dirk Knipphals gab es beim Empfang des Suhrkamp Verlags im neuen Berliner Domizil rein bekleidungstechnisch nur einen Star: "Peter Handke sah toll aus. Hochgekrempelte Jeans, halblanger Mantel, helles Hemd, Schal, nach hinten gekämmte graue Haare, vor allem eine Schlankheit und ein dichtes Faltenmosaik, die etwas Gegerbtes und asketisch Weises ausstrahlten. Dabei ein sehr zugewandtes, sehr freundliches Gesicht."

Weitere Artikel: Christine Niggemann lässt sich in Wien von Thomas Frankl durch eine Ausstellung mit den Bildern seines Vaters, des Auschwitz-Überlebenden Adolf Frankl, führen. Rudolf Balmer spottet über einen Fernsehauftritt Nicolas Sarkozys. Rolf Lautenschläger berichtet von der Jahresbilanz-Pressekonferenz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Besprochen werden Phil Lords und Chris Millers Animationsfilm "Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen", Frank Abts Inszenierung von Maxim Billers "Adam und Esra" am Deutschen Theater in Berlin und Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 27.01.2010

Im Interview mit Ramon Schack spricht der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel über seinen Roman "Allahs Töchter", der ihm einen Prozess eingebracht hat. Verunglimpfung religiöser Werte lautet die Anklage: "Man kann davon ausgehen, dass gewisse Kreise unbedingt wollen, dass die Türkei weiterhin als ein Land bekannt bleibt, in dem Schriftsteller vor Gericht gestellt werden. Diese Zeiten sollten eigentlich vorbei sein."

Weiteres: Im Aufmacher fürchtet der in Basel Philosophie lehrende Hans Bernhard Schmid, dass bei der Sterbehilfe die Wünsche des Patienten hinter die der Helfer zurücktreten könnten. Besprochen werden eine Ausstellung zu Martin Elsaesser im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, Uwe Radas Lebenslauf der "Oder", Kerstin Ekmans Roman "Hundeherz" und Jochen Hörischs Schrift über die "Bedeutsamkeit" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Tagesspiegel, 27.01.2010

Gregor Dotzauer setzt ein Be vor die Jubelmelodien um den Suhrkamp-Umzug: "Ökonomisch aber ringt die Marke hart mit den Wirklichkeiten von Eventkultur und Thalia-Ignoranz, und was der Markt an Bitterkeiten nicht selbst hervorgebracht hat, das hat sich Suhrkamp in den letzten Jahren als Hire-and-Fire-Zentrale der deutschen Verlagslandschaft selbst zugemutet."
Stichwörter: Suhrkamp

FAZ, 27.01.2010

Von der Kulturbetriebsversammlung zur Eröffnung des neuen Berliner Suhrkamp-Domizils berichtet Felicitas von Lovenberg - als unerwartetster Überraschungsgast war, wie sie mitteilt, übrigens sogar Martin Walser angereist. Ansonsten ein Neuanfang mit speziellen Pointen: "Die Verlegerin, die ihr derzeitiges Lieblingswort 'resilient' Gershom Sholems Beschreibung der Berliner entlehnt hat, schlug den Bogen von Peter Suhrkamps Anfängen in Berlin über die Eröffnung der Berliner Suhrkamp-Dependance im Februar 2006, als Klaus Wowereit seine 'bürgermeisterliche Vision' entworfen habe, dass Suhrkamps erstem Schritt nach Berlin entscheidende weitere folgen sollten, bis zur Gegenwart. Nur Frankfurt, wo der Verlag mehr als fünfzig seiner jetzt sechzig Jahre verbracht hat, kam mit keinem Wort vor."

Weitere Artikel: Lorenz Jäger analysiert parallele Interessenlagen bei neokonservativen deutschen (Achse des Guten) wie amerikanischen Publizisten (Seine Argumentation: 1. Obama macht tolle Außenpolitik. 2. Nicht näher genannte ausländische Lobbys werfen ihm Knüppel in den Weg. 3. Die Achse des Guten ist gegen Obama und für Israel. 4. Israel ist gegen Obama.) Kerstin Holm besucht das vor Moskau gelegene Millionärsdorf Fürstensee, das sich jetzt eine "uralte Wunder-Ikone" zugelegt hat. Über einer erneute Initiative, Claude Monet ins Pantheon zu überführen, informiert Jürg Altwegg. Jordan Mejias blickt in amerikanische Zeitschriften. Edo Reents versucht in der Glosse zu klären, was eigentlich ein Idiot ist. Vom Wiener Festival für Alte Musik "Resonanzen" berichtet Dirk Schümer.

Besprochen werden Frank Abts Inszenierung einer rechtlich unbedenklichen Theaterversion von Maxim Billers verbotenem "Esra"-Roman am Deutschen Theater in Berlin, eine Carmen-Herrera-Ausstellung im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Guy Ritchies actionlastige "Sherlock Holmes"-Verfilmung mit Robert J. Downey und Jude Law und Bücher, darunter Almudena Grandes' Roman "Das gefrorene Herz" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 27.01.2010

Helmut Mauro verteidigt die Pianisten David Fray, Martin Stadtfeld und Lang Lang gegen irrationales Lob ebenso wie gegen Vorwürfe, sie seien exzentrisch oder von "mainstreamigem" Aussehen. Lothar Müller traf beim Empfang des Suhrkamp Verlags "hier auf Hans Magnus Enzensbeger mit seiner abenteuerlichen Pilotenbrille, dort auf einen milde nachdenklichen Peter Handke und en passant auf einen von Uwe Tellkamp deponierten Kinderwagen". Tobias Kniebe überlegt, was der Erfolg von "Avatar" über "uns" sagt. Der Hamburger Senat singt neuerdings ein Loblied auf die "kreativen Milieus", die bei der Stadtentwicklung "Raumpioniere" spielen sollen, berichtet Till Briegleb, die kreativen Milieus reagieren eher skeptisch. Henning Klüver begutachtet das restaurierte Opernhaus von Neapel, das jetzt mit Mozarts "La clemenza di Tito" wiedereröffnet wurde. Die Franzosen freuen sich, dass die Rechte an den Werken Freuds frei geworden sind und wollen ihn gleich neu übersetzen, erzählt Burkhard Müller, der dieses Vorhaben ausführlich würdigt. Jonathan Fischer schreibt zum Achtzigsten des Blues- und Soulsängers Bobby Blue Bland.

Besprochen werden Michael Hoffmans "in den Landschaften von Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen" gedrehter Tolstoi-Film "Ein russischer Sommer" mit Christopher Plummer und Helen Mirren, Christof Loys Inszenierung von Paul Claudels "Der Tausch" am Schauspielhaus Zürich, Johan Simons' Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns" im Berliner HAU, einige CDs, Siri Hustvedts Essay "Die zitternde Frau" und Emmanuelle Paganos Roman "Die Haarschublade" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).