Heute in den Feuilletons

Ein honoriger Skriptgeber

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.01.2010. In der Welt stellt Stefan Chwin klar, dass Polen nicht im Westen ankommen muss, der Westen muss Polens Dazugehörigkeit nur endlich realisieren. Die taz recherchiert in eigener Sache, wie ihr die Stasi mit Hilfe von Stefan Heym die Theorie unterjubelte, das Aids-Virus sei in amerikanischen Labors erfunden worden. Die SZ beobachtet Auswüchse in der Debatte um die nationale Identität in Frankreich. Für die NZZ verstößt jeder Nackt-Scanner gegen die Persönlichkeitsrechte. Und die Berliner Zeitung macht Bekanntschaft mit Skinny Bitches.

Welt, 09.01.2010

Sind die Osteuropäer eigentlich im Westen angekommen, fragt die Welt in einer von den antisemitischen Vorwürfen gegen Imre Kertesz inspirierten Reihe. Diesmal ist Polen dran. Bisschen beleidigend die Frage, findet der Autor Stefan Chwin. Schließlich fühlten sich die Polen "immer als Europäer". Die Frage sei doch wohl eher, "wann dieses Land in den Gesellschaften des Westens als solches anerkannt wird. Wann also diese Gesellschaften bereit sein werden, laut und deutlich zu sagen: 'Ihr' gehört zu 'uns', auch in der Frage der Werte. 'Ihr' seid wie 'wir' und könnt auf uns zählen, auch in den schwierigsten Situationen. Doch heute glauben viele Polen, ihre Liebe zu Europa beruhe nur zum Teil auf Gegenseitigkeit."

Weitere Artikel: Uwe Wittstock unterhält sich mit dem Schriftsteller Christoph Ransmayr über die Nanga-Parbat-Katastrophe, bei der Reinhold Messners Bruder ums Leben kam. (Josef Vilsmaier hat das Drama jetzt verfilmt.) Peter Stephan Jungk guckt mit Peter Henning "Avatar". Tilman Krause isst mit dem Schriftsteller Kristof Magnusson Sachertorte und stellt dessen neuen Roman "Das war ich nicht" (Leseprobe) vor. Marko Martin empfiehlt Alexander Kluges "Labyrinth der zärtlichen Kraft" als Buch der Woche. Besprochen werden weiter Sandor Marais' Reportageroman "Befreiung" über die Eroberung Budapests durch die Nazis und Lutz Seilers "brillanter" Kurzgeschichtenband "Zeitwaage".

Im Feuilleton spricht Filmregisseur Terry Gilliam im Interview über seinen Film "Das Kabinett des Dr. Parnassus". Eckhard Fuhr stellt ein Arte-Dokumentarspiel über Luise von Preußen vor. Und eine dpa-Meldung informiert uns, dass sich der Schriftsteller Uwe Tellkamp juristisch gegen Plagiatsvorwürfe wehrt, die der Schriftsteller Jens Wonneberger in einem Beitrag des MDR-"Sachsenspiegel" erhoben hat.

Auf der Forumsseite kommentiert Eckhard Fuhr die Ankündigung der Brigitte, sie wolle nur noch mit "echten Frauen" und nicht mehr mit Models arbeiten: "Models gehören zur Arbeiterklasse. Ihr Verschwinden ist kein Gewinn."

NZZ, 09.01.2010

Joachim Güntner hält die Einführung von Nackt-Scannern für eine Verletzung der individuellen Freiheitsrechte und einen Übergriff in die Intimsphäre. Dass dies zu absurden Wendungen wie etwa in England führt, wo das Scannen mit den Gesetzen gegen Kinderpornografie kollidiert, macht die Sache nicht besser. "Selbst wenn die Geräte, anders als in Manchester, keinen detaillierten Blick auf Genitalien erlauben, wird die Kontrolle notwendig zum Voyeurismus. Ob Prothesen aller Art, künstliche Darmausgänge, Herzschrittmacher, Inkontinenz-Windeln, delikate Implantate oder einfach nur Intimschmuck - es bleiben der Apparatur genug Dinge zu melden übrig, die der Fluggast lieber für sich behalten möchte, und zwar mit Recht. Wenn daher der deutsche Bundesinnenminister die Zuversicht äußert, dass eine ausgereifte Scanner-Technologie sehr wohl die Persönlichkeitsrechte zu wahren vermöge, dann nährt er bloß die alte Illusion, es sei möglich, den Pelz zu waschen, ohne ihn nass zu machen."

Außerdem: In der Reihe "Mein Stil" räumt der Kunsthistoriker Beat Wyss mit dem Vorurteil auf, Stil sei eine Form der individuellen Selbstentfaltung: "Der Stil stellt fest: Er ist eine Unterscheidungsmaßnahme, schließt ein, grenzt aus - und Klappe zu."

Besprochen werden eine Ausstellung des Designers Dieter Rams im Londoner Design-Museum und Bücher, darunter der Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger "fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung", Dominique Moisis Untersuchung zum "Kampf der Emotionen", Andrej Blatniks Roman "Ändere mich", Rudy Wiebes Mennoniten-Roman "Friede wird viele zerstören" und Thomas Manns neu edierte "Betrachtungen eines Unpolitischen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In Literatur und Kunst begegnet Udo Taubitz der kanadischen Autorin Margaret Atwood auf ihrer grünen Lesereise durch Europa (ihren neuen Roman "Das Jahr der Flut" bespricht Martin Zähringer). Susanne Ostwald huldigt dem Universalgenie Daniel Defoe zu seinem 350. Geburtstag. In den "Bildansichten" schwärmt Sibylle Lewitscharoff von den Zeichnungen Achilles Rizzolis.

TAZ, 09.01.2010

In der Titelgeschichte schildern Jan Feddersen und Wolfgang Gast, wie es die Stasi im Jahr 1987 schaffte, der taz mit Hilfe eines Stefan-Heym-Gesprächs die verschwörungstheoretische These vom Ursprung des AIDS-Virus in US-Labors unterzujubeln: "Stefan Heym teilte dem taz-Redakteur unumwunden mit, erinnert sich [der damalige taz-Kulturredakteur Arno, PT] Widmann, er müsse sich das Skript sofort angucken, dürfe es nicht weiter prüfen lassen - und solle sich entscheiden: es zu nehmen oder es abzulehnen. Widmann: 'Da gab es keine Wahl.' Die taz war noch nicht ein überregionales Medium unter anderen, sondern eine Zeitung, die ihre Relevanz über die Ökoszene hinaus erst noch zu beweisen hatte - der sozialistische Schriftsteller, später, kurz nach dem Fall der Mauern, als PDS-Abgeordneter Alterspräsident des Deutschen Bundestages, war ein honoriger Skriptgeber."

In einem weiteren Artikel stellt Wolfgang Gast dar, wie die Stasi die taz sah und auf sie auch sonst Einfluss zu nehmen versuchte.

Weitere Artikel: Michael Marek besucht in Washington den wohl berühmtesten Investigativjournalisten der USA, Seymour Hersh. Eine erste Überraschung bietet Hershs Arbeitsplatz: "Dichtgedrängt liegen hier auf 15 Quadratmeter Bürofläche die Papierberge, das Ganze gleicht eher einer Abstellkammer denn einem Recherchezentrum." Heidi Salaverria stellt die US-Fernsehserie "Breaking Bad" vor, in deren Zentrum ein todkranker drogenproduzierender Chemielehrer steht. Als Lehrstück erzählt Hertha-Fan Bert Rebhandl die Geschichte von Aufstieg und Fall des von ihm innig geliebten Hauptstadtclubs. In der Leuchten-der-Menschheit-Kolumne befasst sich erneut Wolfgang Gast mit der Vertriebenenvertreterin Erika Steinbach.

Besprochen werden Bücher, darunter mit großer Emphase Stephen Kings neuer Roman "Die Arena" und Jan Heidtmann und Barbara Nolte Band mit Managerinterviews "Die da oben" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
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FAZ, 09.01.2010

Für Paul Ingendaay nimmt die Suche nach Federico Garcia Lorcas sterblichen Überresten immer gruseligere Züge an. Bereits ein halbes Jahr wurde vergeblich gegraben, und Ingendaay ist schleierhaft, was man sich von der Suche verspricht: "Man sollte den Spaten beiseitelegen und wieder Garcia Lorca lesen. Ob sein Leichnam gefunden wird oder nicht, fügt der geschichtlichen Wahrheit über den Spanischen Bürgerkrieg nichts Wesentliches hinzu."

Weiteres: Andreas Rossmann läutet das Essener Kulturhauptstadtjahr ein, dessen Veranstaltungsreigen heute - möglicherweise im Schneegestöber - auf der Zeche Zollverein beginnt: "Mitmachen ist Pflicht. Ein Zug zur Party, zum Volksfest und Marktschreierischen ist kennzeichnend." In der Randspalte verarbeitet Mark Siemons die Meldung, dass zwar achtzig Prozent der chinesischen Männer sich vorstellen können, nur aus Liebe zu heiraten, aber nur dreißig Prozent der Frauen. Jürgen Dollase testet "Chez Michel" in Paris den neuen Trend zur Bistronomie. Der 15-jährige Nachwuchsjournalist Jakob Dettmar erklärt, dass man auf seinem Gymnasium nichts gegen Ausländer hat, höchstens gegen die von der Hauptschule. Martin Wittmann erzählt auf der letzten Seite von alten und kranken Deutschen, die nach Thailand auswandern.

In Bilder und Zeiten verortet der Kunsthistoriker Werner Spies die verstorbene Künstlerin Jeanne-Claude und ihre Werke an der "Grenze zum Weltwunder". Jordan Mejias betrachtet den von Sandow Birk illustrierten Koran. Michael Martens unterhält sich mit dem 1977 nach Albanien ausgewanderten Übersetzer Joachim Röhm.

Besprochen werden eine Ausstellung über "Manieren" im Bremer Focke-Museum, die Schau "Hamburger Ansichten" in der Hamburger Kunsthalle, die eintägige Ausstellung von Werken der Gruppe Zero in der Temporären Kunsthalle in Berlin, die gesammelten Werke der Band Big Star aus Memphis, Janine Jansens Aufnahmen von Beethoven und Britten sowie Bücher, darunter Alissa Walsers Roman "Am Anfang war die Nacht Musik", Kristof Magnussons "Das war ich nicht" und Alan Snows "Arthur und die Käsediebe" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In der Frankfurter Anthologie schreibt Claus-Ulrich Bielefeld über das Gedicht eines Unbekannten "Lass rauschen, Lieb, lass rauschen":

"Ich hört ein Sichlein rauschen,
Wohl rauschen durch das Korn,
Ich hört ein Mägdlein klagen,
Sie hätt ihr Lieb verlorn...

Berliner Zeitung, 09.01.2010

Lutz Lichtenberger macht uns mit den "Skinny Bitches" bekannt, mit ehrgeizigen, gutaussehenden Frauen mit 1A-Figur, deren Ideal von Rory Freedman und Kim Barnouin in einem gleichlautenden Buch gepredigt wird: "Die Autorinnen predigen die vegane Lebensweise, kein Fleisch, keine Milch und auch kein Alkohol, und versprechen für den entgangenen Genuss eine gesunden Körper und gesunde Haare, ein gesundes Selbst- und ein gesundes politisches Bewusstsein. Die Selbstdisziplin beim Essen ist ein politisches Statement und ein entscheidender Teil der persönlichen Selbstbestimmung. Freedman und Barnouin verheißen die klassischen feministischen Ziele - Selbstbewusstein, Eigenverantwortlichkeit und Stärke, angereichert durch schlanke, schöne und sexy Zutaten."

FR, 09.01.2010

Stefan Keim blickt voraus aufs von der Finanzmisere überschattete Kulturhauptstadtjahr "Ruhr 2010" und macht dabei durchaus manch "Vielversprechendes" aus: "Alle sechs Schauspielhäuser des Ruhrgebietes vereinigen sich zu einer 'Odyssee', in der sich sechs europäische Autoren - darunter der Österreicher Christoph Ransmayr und der Ire Enda Walsh - mit dem Mythos Ruhrgebiet aus heutiger Sicht auseinandersetzen. Es gibt eine riesige Hommage an den 83-jährigen Hans Werner Henze mit allein zwölf Opernproduktionen, darunter einer Uraufführung. Mit vielen Festivals und Aktionen versuchen die Macher der Ruhr 2010, die Migranten im Ruhrgebiet anzusprechen. Ein Geist der Gemeinsamkeit soll entstehen, eine regionale Identität, die Stadtgrenzen überwindet."

Abgedruckt wird auch die von Herbert Groenemeyer verfasste Ruhr-Hymne, die mit den folgenden Zeilen beginnt: "Wo ein rauhes Wort dich trägt / weil dich hier kein Schaum erschlägt / wo man nicht dem Schein erliegt / weil man nur auf Sein was gibt."

Weitere Artikel: In ihrer US-Kolumne erkennt Marcia Pally einen Mangel an Intelligenz der Beteiligten als Grundproblem der Terrorbekämpfung. In einer Times Mager unternimmt Sylvia Staude einen transkulturellen Bestsellerlistenvergleich.

Besprochen werden Peter Handkes Monolog nach Beckett "Bis dass der Tag euch scheidet", die neue Vampire-Weekend-CD "Contra" (mitsamt großem Bandporträt) und Lilian R. und Desider Fursts Autobiografie "Daheim ist anderswo" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 09.01.2010

Julia Amalia Heyer beschreibt, wie aus einem von Nicholas Sarkozy angestoßenen Referendum zur französischen Identität ein "öffentliches Forum für Xenophobien aller Art" geworden ist: "Nadine Morano, Staatssekretärin aus dem Familienministerium, erklärte im Radio: 'Was ich von einem jungen Muslim erwarte, der die französische Nationalität hat, ist, dass er sein Land liebt, dass er eine Arbeit findet, dass er nicht Verlan (den Jargon der Banlieues) spricht - und dass er seine Baseballkappe nicht verkehrtherum trägt.' Spätestens seit dem Statement von Morano laufen nicht nur Organisationen wie SOS Racisme Sturm und fordern den Präsidenten auf 'dieser unsäglichen Nabelschau für Rassisten jedweder Art' ein Ende zu bereiten. Kritisiert wird die Debatte auch in Sarkozys eigener Partei. Der verantwortliche Minister Besson gibt zu, zwei Drittel der Beiträge auf der Internetseite könnten wegen 'harscher Wortwahl gegenüber Andersgläubigen' nicht veröffentlicht werden."

Weitere Artikel: Im Feuilleton-Leitartikel schildert Peter Laudenbach, welche Auswirkungen die dramatische Finanzsituation in den Kommunen auf die Kulturetats haben könnte - oder schon hat. Dirk Graalmann kennt die Pläne der Kulturhauptstadt "Ruhr 2010". Johannes Boie fasst vergleichsweise sehr knapp zusammen, wie die 131 Antworten auf die Frage von edge.org danach ausfielen, wie das Internet unser Denken verändert.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erklärt Petra Steinberger, warum wir schleunigst unsere Ernäherung ändern müssen. Harald Hordych betreibt Ahnenforschung im Internet. Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt denkt über die Sehnsucht nach der Rekonstruktion ganzer Städte nach. Auf der Historienseite geht es am Beispiel des estnischen Augenzeugen Esten Ain Kaalep um Osteuropa zwischen Hitler und Stalin. Vorabgedruckt wird unter dem Titel "Balkan-Esperanto" ein Auszug aus dem Roman "Die Hand, die man nicht beißt" von Ornela Vorpsi. Im Interview spricht Susanne Höll mit Peer Steinbrück über "Bosheit".

Besprochen werden die Fotografieausstellung "Don McCullin: The Impossible Peace" bei c/o Berlin, die Ausstellung "Otto Hofmann. Die Poesie des Bauhauses" in Genua, in einer thematischen verbundenen Kritik ein Buch (von Peter Linebaugh und Markus Rediker) und ein Film (von Ted Gaier und Peter Ott) zum Thema Piraterie, Lucia Puenzos Film "Das Fischkind" und Bücher, darunter Alissa Walsers Roman "Am Anfang war die Nacht Musik" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).