Heute in den Feuilletons

Mein Denken scheint mir flüssiger geworden

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.01.2010. Auf der Website von Prospect und in Blogs wird heftig über den Nutzen sozialer Medien für die Demokratiebewegung im Iran debattiert. In Carta fordern die Medienökonomen Hanno Beck und Andrea Beyer, dass die Rundfunkgebühren nicht mehr in die Anstalten, sondern in einen Rundfunkfonds gesteckt werden, der per Ausschreibung über den besten Anbieter entscheidet. Die FAZ übersetzt einige Artikel zur Edge-Frage des Jahres: Wie hat das Internet Ihr Denken verändert? Das Provokante an Kurt Westergaards Karikatur ist ihre Wahrhaftigkeit, meint Daniele Dell'Agli in der Welt. Die NZZ widmet sich der Geschichte des Falsett-Gesangs in der Popmusik.

Aus den Blogs, 08.01.2010

Britische und amerikanische Intellektuelle diskutieren über die Potenziale des Internets für die Demokratisierung eines Landes wie Iran. Der Internetsketpiker Evgeny Morozov hatte in Prospect bezweifelt, dass die sozialen Medien den Aufständigen nützen. Darauf antwortete Clay Shirky (mehr in unserer Magazinrundschau vom 15.12.), darauf replizierte Morozov und nun greift mit einigen interessanten Argumenten Patrick Philippe Meier in seinem Blog iRevolution ein, der in Harvard über die Internetrevolution in repressiven Regimes forscht. Ein Argument gegen Morozov: "when attacked, centralized organizations tend to become even more centralized. A more centralized and paranoid regime, however, doesn't mean a more powerful regime. Greater repression is a typical reaction by a threatened regime during a revolution and often before a change of power."

(Gelesen bei Gizmodo) Das ist einfach eine gute Überschrift für einen Wissenschaftsartikel: "There's No Cure For Cancer, But We Are Hard At Work Shaving Fly Genitalia With Lasers."

"Nicht die Institution des öffentlich-rechtlichen Rundfunks steht auf dem Prüfstand, sondern dessen Institutionen", schreiben die Medienökonomen Hanno Beck und Andrea Beyer in einem aufsehenerregenden Artikel, den das Blog Carta aus der Zeitschrift Wirtschaftsdienst (Heft 12/09) übernimmt. Sie schlagen vor, die Rundfunkgebühren nicht mehr automatisch den Anstalten zukommen zu lassen, sondern in einen Rundfunkfonds fließen zu lassen: "Im Gegensatz zum aktuellen System allerdings soll es beim Rundfunkfonds grundsätzlich allen Anbietern freistehen, sich um Mittel aus diesem Fonds zu bewerben, um damit Beiträge zu erstellen, die den Ansprüchen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entsprechen. Der Fonds kann entweder Ausschreibungen für bestimmte Sendungen durchführen oder aber Initiativ-Bewerbungen von Anbietern zulassen. Er vergibt Aufträge für Angebote mit öffentlich-rechtlichen Inhalten und bezahlt - nach einer Qualitätskontrolle - den Produzenten der Beiträge."

Welt, 08.01.2010

Manuel Brug besucht Hans Werner Henze bei Rom, wo bald dessen neuestes Werk uraufgeführt wird. Im Gespräch gibt Henze zu verstehen, dass die einst von Adorno, Stockhausen und Boulez zugefügten Wunden immer noch schmerzen. Aber einen Trost hat er: "Er hat sie fast alle überlebt, der Alte von La Leprara. 2005 war er ins Koma gefallen, keiner gab ihm mehr eine Chance. (Sein Lebensgefährte) Fausto Moroni kaufte bereits den Sarg und das Grab, die Einladungskarten waren vorbereitet, der Zug durch den nahen Ort Marino geplant. Henze erholte sich, dafür starb im April 2007 der schwer depressive Fausto. Und bekam Henzes Begräbnis, genau so wie er es selbst vorbereitet hatte."

Kurt Westergaards Karikatur zeigt Mohammed mit Bombe im Turban. Die größte Provokation, so meint der Autor Daniele Dell'Agli, ist wohl die historische Wahrheit daran, denn der Prophet habe seine Lehre durchaus mit Gewalt verbreitet. Eines verdrängten beleidigte Muslime und die Kritiker der "Islamophobie" also: "dass islamische Attentäter sich nicht nur im Einklang mit dem Geiste vieler Koransuren und der meisten ihrer Kommentare wissen, sondern sich für ihre Bluttaten obendrein auf das persönliche Vorbild Mohammeds berufen können."

Weitere Artikel: Michael Pilz verteidigt den Geiger David Garrett, den Andre Rieu der Fortysomethings, der jetzt auf Tournee geht. Thomas Lindemann hofft, dass der von Apple nicht annoncierte und dennoch kommende Tablet-PC die Zeitungen retten wird. Gerhard Gnauck empfiehlt einen historischen Atlas zu Vertreibungen in Europa und ein "Lexikon der Vertreibungen".

Auf der Magazinseite erinnert Alan Posener an Elvis Presley, der heute 75 Jahre alt geworden wäre.

Weitere Medien, 08.01.2010

(Via Patrick Meier) Chinesische Dissidenten haben eine Soli-Seite für die Protestbewegung im Iran gegründet, CN4IRAN.org, wo Tweets über den Iran kompiliert werden. Einer der Unterstützer ist Ai Weiwei, berichtet Stephanie Ho auf der Website der Voice of America: "Prominent artist Ai Weiwei is one Chinese who has been closely following developments in Iran. He says he was especially busy on-line in the early morning hours of December 28, as the clashes were occurring in Tehran. Ai says he was constantly typing that night and sent countless tweets. He says he thinks the Iranians must have found it so strange, and wondered who is Ai Weiwei?"
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Stichwörter: Ai Weiwei, Dissidenten, Iran

NZZ, 08.01.2010

Auf der Popseite schildert Ueli Bernay in einem großartigen und sehr lehrreichen Artikel die Geschichte des Falsett-Gesangs in der Popmusik und der jetzt wieder schwer angesagt ist. Allerdings als schwacher Abglanz: "Einerseits stehen Expressivität und Lust in der Pop-Kultur unter Leistungsdruck. Andrerseits ist nicht ganz klar, was diese Lust und Ausdrucksstärke heute motivieren soll. Sensibilität und Emotionalität der Zeitgenossen jedenfalls scheinen so schwach, dass sie sich kaum mehr in neuen musikalischen Stilen ausformen; und so fehlt es umgekehrt auch an musikalischen Pioniertaten, die künstlerische Begeisterung entfachen könnten. Deshalb handelt es sich beim Falsett heute oft um Gimmick oder Fake: Hedonistische Intensität wird ständig und überall simuliert, gespielt, vorgegaukelt."

Natürlich war niemand so grandios wie Prince im Falsett, höchstens vielleicht noch Curtis Mayfield, dessen Videos immerhin im Netz stehen:



Dass wir immer länger, immer länger fit bleiben und besser aussehen, lässt die Autorin Dubravka Ugresic ein wenig schaudern. Wieso das Ganze? Nur damit wir am Ende einen Blumenstrauß vom Bürgermeister bekommen? "Viele Kulturen kannten neben anderen Ritualen auch das der Euthanasie und des Gerontozids. Diese Rituale konnten harmlos sein (man öffnete z. B. die Fenster, damit kalter Luftzug den Tod beschleunigte und die Seele leichter hinausflog), aber auch pragmatisch wirksam (Tötung, Verbrennung, Aushungern, Ertränken, Aussetzen im Wald, von einem Felsen hinunterstoßen)."

Carsten Krohn begutachtet Thom Maynes Hochschulgebäude für die Cooper Union in New York (mehr Bilder hier). Karin Hellwig bespricht die Ausstellung des spanischen Malers Juan Bautista Maino im Prado.

FR, 08.01.2010

Tobi Müller ist ganz hingerissen von Adam Greens neuem Album "Minor Love" und huldigt dem Sänger als dem Anti-Helden des Anti-Folk: "Adam Green war zwar zu ironisch, um ganz in den Bann des Neo-Lagerfeuers zu geraten. Seine kurzen Songs und sein Bariton klangen zu sehr nach Lee Hazelwood. Nach Herrenschmuck, den er nie trug, und nach Koteletten, die er sich nie wachsen ließ. Green war lustig und smart, live auch mit körperlichen Folgen. Auf einem seiner ersten großen Europa-Konzerte, 2004 in der Berliner Volksbühne, sah man nicht nur eine erstklassige Band und einen sicheren Performer, sondern etwas, was man an ernstzunehmenden Konzerten schon lange nicht mehr gesehen hatte: Frauen, die ohnmächtig wurden. Das Foyer glich einem Lazarett."

Weitere Artikel: Robert Kaltenbrunner stellt klar, dass Denkmalschutz mehr leisten muss, als Altstädten die dekorative Fassade für ihre Shopping-Oasen zu liefern. Peter Iden gratuliert dem Schauspieler Edgar Böhlke zum Siebzigsten. Auf der Medienseite wirft Annette Bräunlein einen Blick auf die russische Blogosphäre.

Besprochen werden der Briefwechsel zwischen Arnold Schönberg und Thomas Mann sowie Nanni Balestrinis Roman "Tristano" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 08.01.2010

Im Streit um den vakanten Sitz der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" argumentiert der Journalist Pit Fiedler auf der Meinungsseite, dass ein zentrales und repräsentatives Gedenken nicht ins digitale Zeitalter passe und plädiert deshalb für ein digitales Museum. "Denn unterschiedliche Sichtweisen und Darstellungsformen befördern den Prozess der Verständigung. Wer sich dagegen, aus welchen Motiven auch immer, eine Deutungshoheit anmaßt, erstickt diese Entwicklung gleich im Keim. Im internationalen Vergleich der 'Forschungsergebnisse' würde deutlich werden, wie viele Gesichter die Vertreibung hat."

Im Kulturteil Besprechungen des zweiten Albums von Vampire Weekend "Contra", der Doppel-LP "Variationen über die Freiheit eines Anderen" & "Der Himmel ist Blau - Ein Alptraum in Stereo" der Wiener Musikerin Fantas Schimun und von Rune Denstad Langlos Spielfilm "Nord", in dem ein depressiver Held mit Ski und Schneemobil durch Norwegen zieht.

Und Tom.
Stichwörter: Norwegen, Vampir

SZ, 08.01.2010

Der Theologe Mohsen Kadivar, Mitverfasser einer Erklärung (Auszug) von im Ausland lebenden iranischen Intellektuellen, erläutert die Ziele und Hintergründe des Papiers: "Die Mehrheit der Iraner verspürt keinen Wunsch nach einer zweiten Revolution, dreißig Jahre nach der letzten. Stattdessen wollen die meisten institutionelle und grundlegende Veränderungen des Systems. Deshalb können wir diese Bewegung als eine Reformbewegung bezeichnen, deren Ziele zwar revolutionär sind, die aber absolut gewaltfrei, behutsam und im Rahmen der bestehenden Gesetze agiert. Deshalb haben wir in dieser Erklärung stark auf die Verfassung der Islamischen Republik geachtet. Wir haben versucht, die Bereiche anzusprechen, die mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und mit den Prinzipien der Demokratie übereinstimmen."

Weitere Artikel: Kurt Kister zergliedert Guido Westerwelles Dreikönigsrede. Harald Eggebrecht und Wolfgang Schreiber erklären anlässlich des Weggangs von Christian Thielemann, warum man sich in München heute noch so gerne an den schwierigen Sergiu Celibidache erinnert. Johannes Boie weiß, was es mit Airtags auf sich hat. Christine Dössel gratuliert der Schauspielerin Jennifer Minetti zum Siebzigsten. Laura Weissmüller schreibt zum Tod des US-Künstlers Kenneth Noland. Jonathan Fischer hat einen kurzen Nachruf auf den Soul-Produzenten Willie Mitchell verfasst.

Besprochen werden eine Kunstinstallation zum Warschauer Ghetto im Zentrum der polnischen Hauptstadt, die Ausstellung "Elger Esser: Eigenzeit" im Kunstmuseum Stuttgart, Caroline Bottaros Film "Die Schachspielerin" und Bücher, darunter Leon de Winters Roman "Das Recht auf Rückkehr" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 08.01.2010

Edge.org fragt, wie das Internet unser Denken verändert. Frank Schirrmacher seinerseits führt in die Problemstellung ein, übersetzt wird eine kleine Auswahl der sehr, sehr vielen Originalantworten von edge.org. Geoffrey Miller etwa hat einzusehen gelernt, dass andere besser wissen, welche Filme ihm gefallen werden, als er selbst es einschätzen kann: "Um zu entscheiden, welchen Film aus dem Netflix-Angebot ich mir anschaue, werfe ich einen Blick auf die Durchschnittsbewertungen der Filme in Netflix, der International Movie Database sowie Metacritic. In ihnen spiegelt sich die wachsende Kompetenz der Nutzer, die Bewertungen abgeben, wider - bei Netflix sind es die Kunden, die Filme ausleihen, in der IMDB Filmfans und auf Metacritic Filmkritiker. Jeder Film, der in allen drei Diensten eine hohe Bewertung erzielt, ist praktisch immer aufregend, schön und durchdacht." Wired-Redakteur Kevin Kelly hält es mit Sokrates: "Ich bin mir zunehmend über gar nichts mehr sicher. Im Großen und Ganzen gehe ich immer stärker davon aus, dass das, was ich weiß, gar nicht stimmt. Mein Denken scheint mir flüssiger geworden."

Weitere Artikel: Eduard Beaucamp findet in seiner Kolumne "Kunststücke", dass endlich eine klare - und damit das Gegenteil einer postmodernen - Haltung zur Moderne gefunden werden muss. In der Glosse geht es darum, wie man den Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder beim Bäcker hätte anreden können. Eine Mängelliste für die Kulturhauptstadt Ruhr hat Andreas Rossmann. Aus dem Ungarischen Pendant Pecs berichtet Dirk Schümer, aus Istanbul Karen Krüger. Rüdiger Klein begutachtet die neugestaltete Kirche St. Klara in Nürnberg. "F.P." schreibt kurz zum Tod des Popkomponisten Franz Bartzsch.

Auf der Medienseite kommentiert Jürg Altwegg die noch etwas vagen französischen Pläne für eine "Google-Steuer": "Lobenswert ist der französische Wille, die Netz-Ökonomie seiner bedrohten Kulturindustrie zu organisieren und nicht der herrschenden Anarchie zu überlassen."

Besprochen werden ein Auftritt des Bejart Ballet Lausanne an der Pariser Oper, die Ausstellung "Louis XIV - L'homme et le roi" im Schloss von Versailles, Frieder Wittichs Komödie "13 Semester" (mehr) und Bücher, darunter der neue Alexander-Kluge-Band "Das Labyrinth der zärtlichen Kraft" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).