Heute in den Feuilletons

Eigentlich sind wir die Urheber

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.07.2009. Daniel Kehlmanns Salzburger Eröffnungsrede gegen das Regietheater sorgt für Debatten: Die FR ist entsetzt, die SZ findet sie unangenehm, die FAZ druckt sie ab. Die taz geißelt das von Antisemitismus gekittete Bündnis zwischen Linken wie Hugo Chavez und Islamisten wie Achmadinedschad. Außerdem lässt sich Gabriele Goettle von einem Bankbeamten erzählen, wie es früher in Banken zuging. Die Welt weiß, dass die Rassenunruhen zwischen Henry Louis Gates und einem Polizisten nun durch ein Versöhnungsbier im Weißen Haus geschlichtet werden.

TAZ, 27.07.2009

Gabriele Goettle lässt sich für ihre monatliche Reportage von ihrem ehemaligen Bankbeamten Manfred Zauter erzählen, wie es früher in Banken zuging: "Die Volksbank ist ja eine mittelständische Bank. Die Firmen sind zur Bank gegangen, haben vorher angerufen und den Gesamtlohn für ihre Firma geholt. Die Geschäftsleute gingen meist freitagmorgens zur Bank und haben das Geld für die Löhne der Angestellten und Arbeiter abgeholt, passend zur Aufteilung in die Lohntüten."

Für die Tagesthemenseite erzählt Wolf Schmidt die Geschichte eines von den in Deutschland sehr aktiven Salafiten geworbenen jungen Konvertiten zum Islam in Berlin und erläutert die Methoden der Missionierung: "Im Internet werben die Salafiten massiv um Nachwuchs. Hunderte Missionierungsvideos und Aufnahmen von Konvertierungen haben sie ins Netz gestellt, auf Seiten wie islamvoice.de, einladungzumparadies.de (hier) oder diewahrereligion.de (hier). Sie werden zehntausendfach angeklickt, nicht zuletzt, weil sie auf Deutsch sind."

Auf der Meinungsseite konstatiert Wolf-Dieter Vogel, dass Hugo Chavez fest zu Achmadinedschad hält. Verbindende Leidenschaft ist neben dem Antiamerikanismus der Antisemitismus: "Die Anti-Defamation-League (ADL) wies darauf hin, dass im Fahrwasser der Rhetorik des Regierungschefs während des Libanon-Krieges chavistische Gruppen offen antisemitische Propaganda verbreiteten: Karikaturen, die den Davidstern mit dem Hakenkreuz verbanden, 'Juden raus'-Schmierereien etc. 'Die jüdische Rasse', so zitierte ADL die regierungsnahe Tageszeitung El Diario de Caracas, sei 'zum Verschwinden verdammt'."

Außerdem im Feuilleton: Andreas Schnell freut sich über die Wiedervereinigung der Band Dinosaur Jr. Jutta Lietsch berichtet, dass die Chinesen einen Auftritt der Uigurin Rebiya Kadeer bei einem australischen Festival verhindern wollen. Andreas Fanizadeh trägt Korrekturen zu einem Artikel über Hans Fallada, seine Erben und den Aufbau-Verlag nach.

Und Tom.

FAZ, 27.07.2009

Eine eher resignierte als flammende Rede hat der Schriftsteller Daniel Kehlmann zur Eröffnung der Salzburger Festspiele gehalten - und zwar wider die Eingriffs- und Einfallswut des Regiethaters, im Gedenken an seinen Vater, den sich als Diener des Autors verstehenden Theaterregisseur Michael Kehlmann. Die Argumente sind alt, aber was soll's, seitenübergreifend wird es abgedruckt: "Ein teuflischer Kreis: Wo Regisseure die Stars sind, dort halten sich die Autoren zurück. Wo sich die Autoren zurückhalten, beanspruchen die Regisseure wiederum den Status eines Stars, dem kein Autor, lebend oder tot, dreinzureden habe: 'Eigentlich sind wir die Urheber!', rufen sie, und in der Tat muss man es sich wohl recht angenehm vorstellen, ein genialischer Schöpfer zu sein, ohne dafür eigens Stücke ..." und so weiter. (Nachlesen kann man den Text in der Kleinen Zeitung.)

Weitere Artikel: In der Glosse staunt Oliver Jungen über den schwer kranken Schriftsteller Raymond Federman, der im eigenen Blog seinen Nachruf zu Lebzeiten besorgt hat. Julia Spinola berichtet von der Eröffnung der diesjährigen Wagner-Festspiele, wo unter anderem erstmals eine Kinderoper-Version des "Fliegenden Holländers" zu sehen war. So richtig viel versprechend findet Andreas Rossmann die neu gegründete Akademie der Künste in Nordrhein-Westfalen angesichts der eher willkürlich scheinenden Auswahl der in die Akademie Berufenen eher nicht. "Mustergültig restauriert" - befindet Arnold Bartetzky nach Besichtigung des neuen Innenraums der Leipziger Versöhnungskirche. Martin Kämpchen meldet, dass auch in Indien Homosexualität nunmehr straffrei ist. Geburtstagsglückwünsche gehen an den Lyriker Bei Dao (60), den Horror-Regisseur Wes Craven (70), den Regisseur Peter Bogdanovich (70) und den Dirigenten Steuart Bedford (70).

Besprochen werden Christof Loys Inszenierung von Händels Oratorium "Theodora" zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, ein Wynton-Marsalis-Konzert in der Völkinger Hütte, die Ausstellung "Leonardo da Vinci und Frankreich" in Amboise und Bücher, darunter Neues von und zu Hilde Domin (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 27.07.2009

Mit blankem Entsetzen hat Peter Michalzik verfolgt, wie mit Daniel Kehlmanns Polemik gegen das Regietheater die "Reaktion" nach Salzburg zurückkehrte. "Niemand murrte, niemand buhte, alles applaudierte, manche frenetisch. Diese Rede ist ein Musterbild dumpf-reaktionären Denkens, ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich", schreibt Michalzik. "Kehlmann phantasiert sich, in zielvoller Selbstverniedlichung, in die Rolle des Kleinbürgers als Kunstrichter. Er amalgamiert Mitleid mit dem Vater, dumpfe Ressentiments, den Vorwurf der Existenzvernichtung, die Unterstellung einer gefährlichen linken Gesinnungsmafia und macht daraus, kühner Gedankensprung, einen Vorwurf gegen das Regietheater. Und das Ganze im harmlosesten Mäntelchen. Er infantilisiert sich, er trägt nicht das Gewand des Demagogen, sondern den Schlafanzug des Kindes."

Zum hundersten Geburtstag Hilde Domins druckt die FR ein Interview ab, das Jutta Beiner mit der Dichterin zwei Monate vor deren Tod geführt hat ("Ohne Schwere geht es womöglich nicht"). In Times mager erinnert Christian Thomas an den Zauberer Alexander Heimbürger, der in den USA seine Karriere hinwarf, um nach Münster zurückzukehren. Ein wenig lustlos hat Hans-Klaus Jungheinrich der Eröffnung von Bayreuth mit einer vier Jahr alten "Tristan"-Inszenierung beigewohnt. Joachim Lang sah in Salzburg Händels "Theodora"-Oratorium. Sebastian Moll widmet sich der Causa Henry Louis Gates.
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Aus den Blogs, 27.07.2009

Marcel Weiss von Netzwertig hat auf Google News recherchiert: Die Zeitungen haben demnach ausführlich über die "Hamburger Erklärung" (PDF) berichtet, in der Verleger die Politiker um Leistungschutzrechte anflehen. Aber sie haben kaum über die Antwort von Google geschrieben: "Man achte abschließend auch auf die Tatsache, dass Google News die Nachrichten verbreitet und nicht wertend eingreift und etwa unangenehme Dinge auslässt. Man wird auf Google News immer auch die Artikel finden, die gegen Google News und dessen Betreiber argumentieren, sofern sie in den indizierten Medien veröffentlicht werden. Wo fühle ich mich als Konsument wohl besser informiert?"

Im Cargo-Blog greift Ekkehard Knörer zwei aktuelle Meldungen zu Filmproduktionen angesehener Arthouse- und Festivalregisseure auf. Es geht dabei um "zwei Projekte, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemeinsam haben. Auf den zweiten aber sieht man, dass es um zwei Filmemacher geht, die unter den Bedingungen lupenreiner Volks- und anderer Demokratie Großes leisten wollen". Der eine Film: Der russische Regisseur Alexander Sokurov (zuletzt mit "Aleksandra" im Wettbewerb von Cannes) dreht einen "Faust" - und zwar ausdrücklich mit dem 11 Millionen Dollar werten Segen von Vladimir Putin. Und Jia Zhang-ke, der bedeutendste chinesische Arthouse-Regisseur, plant einen Blockbuster mit dem Tite "In the Qing Dynasty". Der von Johnnie To produzierte Kung-Fu-Film steht nicht zuletzt für die panchinesischen Produktionsformen, die sich in China aktuell rasant entwickeln.

Welt, 27.07.2009

Mächtig gelangweilt hat sich Ulrich Weinzierl in Salzburg: sowohl beim Händel-Oratorium als auch bei Daniel Kehlmanns Rede ("Pauschalurteile sind immer falsch"). Eine echte Emotion entlockt ihm nur die Nachricht, dass ein Auflösungsvertrag es Festivalchef Jürgen Flimm erlaubt, bereits 2010 von Salzburg an die Berliner Lindenoper zu wechseln: "Zyniker meinen sogar: Flimm in Berlin - das sei Österreichs späte Rache an Preußen für Königgrätz anno 1866."

Alles lila in Bayreuth, beschreibt Eckhard Fuhr das neue Corporate Design der Festspiele. Premieren gibt's dieses Jahr keine, ausgenommen der "vorbildliche" Kinder-"Holländer", den Katharina Wagner auf die Beine gestellt hat. Eva Wagner-Pasquier, bei der man sich immer fragt, was genau sie eigentlich in Bayreuth macht, empfing laut Fuhr die internationale Presse mit den Worten: "'Ich gelte ja immer als Phantom und wollte mich kurz vorstellen. Bisher sind wir selten gemeinsam aufgetreten. Das wird sich ab heute ändern.' Im Fernsehen hatte sie vernehmen lassen, sie habe einen Sohn im Alter ihrer Schwester Katharina und wisse diese Generation schon zu nehmen."

Weitere Artikel: Peter Dittmar skizziert die Pleiten und Verzögerungen bei der Renovierung des Museumsplein in Amsterdam. Ulrich Khuon, künftiger Intendant des Deutschen Theaters, fordert mehr Geld fürs Theater. Viel origineller dagegen der Filmregisseur Konstantin Costa-Gavras, der in einem Kurzfilm erzählt hat, wie Barbaren, Muslime und orthodoxe Priester die Akropolis zerstörten, berichtet Berthold Seewald, und damit den Metropoliten Hieronymus II. derart in Wut versetzte, dass Kulturministerium und Museum die Szene herausschneiden ließen. Jörn Florian Fuchs hörte eine Lesung von Offenbachs/Sardous Stück "La Haine" mit Fanny Ardant und Gerard Depardieu. "Wer" schreibt zum 100. Geburtstag der Dichterin Hilde Domin.

Tagesspiegel, 27.07.2009

Kulturpiraten sind nicht der Feind, stellt Kolja Reichert klar, das Internet hat das Machtgefüge zwischen Künstlern und Konzernen verschoben: "Das Internet ist nämlich nicht der Feind der Musik. Es ist nur der Feind der Tonträgerindustrie. Nach Wachswalze, Schallplatte, Magnetband und CD hat sich Musik vom physischen Träger gelöst und lässt sich mit geringem Aufwand beliebig oft kopieren. Legale Musikdownloads machen zwar in Deutschland noch nicht 39 Prozent des Marktes aus wie in den USA; doch sind die Erlöse im ersten Quartal dieses Jahres wieder um 16 Prozent gestiegen. Bei allen Debatten um illegale Downloads geht es nicht um einen Konflikt zwischen Künstlern und Publikum, wie die Industrie ihn seit Jahren lautstark inszeniert. Deren Interessen lassen sich im Netz wunderbar vereinen."
Stichwörter: Deutschland, Internet, Musik

NZZ, 27.07.2009

Der Japanologe Florian Coulmas betrachtet die Politik der historischen Entschuldigung in Japan und Deutschland unter dem Gesichtspunkt diplomatischer Opportunität: " Wenn jedoch der politische Gewinn einer Entschuldigung weniger offensichtlich ist, wird sie von der Bevölkerung meist nicht ohne Protest hingenommen, sei sie in moralischer Hinsicht auch noch so berechtigt."

Weiteres: Ronald D. Gerste kann in seinem Text zur verhaftung von Henry Louis Gates melden, dass sich dieser mit dem Polizisten James Crowley zum Versöhnungsbier im Weißen Haus treffen wird. Linda Schädler berichtet von der Athen-Biennale. Georg-Friedrich Kühn schreibt zum Tod des Komponisten und Dirigenten Friedrich Goldmann. Und Berlin-Korrespondent Ulrich Schmid widmet sich auf einer ganzen Seite der Frage, wie sich linke Gruppen zu Brandanschlägen auf teure Autos stellen.

SZ, 27.07.2009

Christine Dössel fand Daniel Kehlmanns Salzburger Eröffnungsrede gegen das Regietheater auf "unangenehme Weise von Ranküne statt von Sachverstand und eigener Erfahrung getragen". Die Rede, die heute auch in der FAZ nachzulesen ist, wurde im Wiener Kurier veröffentlicht.

Weitere Artikel: Gustav Seibt fragt warum Karl-Theodor zu Guttenberg inzwischen nach Umfragen der beliebteste deutsche Politiker ist ("Guttenberg .. ist der Star, den die FDP seit Jahrzehnten nicht mehr hat"). Wolfgang Schreiber notiert erste Eindrücke aus dem premierenfreien, aber erstmals schwesterngeleiteten Bayreuth ("Christoph Marthalers 'Tristan' ... wird immer besser, weil die stilistische und gedankliche Konsequenz dieser ungemein starken, bizarren Lesart dem Betrachter immer einsichtiger und vertrauter wird"). Reinhard J. Brembeck schwärmt von Christine Schäfer in der Titelrolle von Händels Oratorium "Theodora" bei den Salzburger Festspielen. Antje Weber erzählt, wie die Lateinamerikaner den 200. Jahrestag ihrer Lösung von Spanien begehen. Willy Hochkeppel schreibt zum Tod des Philosophen Werner Becker, Reinhard J. Brembeck würdigt den früh verstorbenen Musikkritiker Reinhard Schulz. Marc Deckert erinnert an das Erscheinen von Princes Album "Purple Rain" vor 25 Jahren. Johan Schloemann verfolgte einen "Weltzukunftskongress" zu Ehren des Soziologen Ulrich Beck in München. In den "Nachrichten aus dem Netz kommt Niklas Hofmann nochmal auf den Orwell-Vorgang bei Amazon zurück und warnt die (in Deutschland ja gar nicht vorhandene Leserschaft) des Kindle: "Ein Kindle-Buch wird man nach dem momentanen Geschäftsmodell nie in gleicher Weise besitzen wie ein papierenes. Amazon überlässt nur ein Nutzungsrecht, das Weiterverkauf und Verleih ausschließt."

Besprochen werden die Ausstellung "Die Kunst der Kelten" in Bern, einige neue DVDs und erste Bände einer neuen kritischen Robert-Walser-Ausgabe.