Heute in den Feuilletons

Erschreckende Neunmalklugheit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.04.2009. In der NZZ fragt Necla Kelek: Wann wird die Türkei erwachsen? In der FR spricht die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach über Körperkult und Körperhass. Die SZ zieht ein enttäuschtes Resümee der Bloggerkonferenz re:publica. Stefan Herheims Berliner "Lohengrin"-Inszenierung wird mal gefeiert, mal verrissen.

NZZ, 06.04.2009

Die Türken sind ein Volk ohne Wurzeln, aufgerieben zwischen dem Westen und Orient, meint die Soziologin Necla Kelek und fragt sich, wann endlich die Türkei auf den einzelnen Bürger statt auf das Kollektiv setzt. "Es herrscht eine Blockade, sich notwendigen Diskursen zu stellen. Am offensichtlichsten ist das in der Frage des Genozids an den Armeniern, aber auch Kritik an der Regierung wird verfolgt, wie die Auseinandersetzung Erdogans mit der Dogan-Mediengruppe zeigt. Eine Gesellschaft, die es nötig findet, sich gegen das freie Wort mit staatlicher Macht abzusichern, kann mit sich selbst nicht im Reinen sein. Sie bleibt lernunfähig, infantil, in einer Art Bewusstseinsgefängnis stecken, sie löst die Probleme nicht, sondern regelt sie über die Macht und bezichtigt Kritiker nötigenfalls des Verrats."

Weiteres: In San Francisco, das die erste große US-Stadt ohne seriöse Tageszeitung zu werden droht, stellen arbeitslos gewordene Journalisten ein eigenes Projekt auf die Beine, berichtet Andrea Köhler: das Online-Portal "The Public Press" unter Chefredakteur Michael Stoll, das auf jegliche Werbung verzichten will.

Besprochen werden Wagners "Siegfried" bei den Osterfestspielen in Salzburg (von Peter Hagmann verrissen: Braunschweigs Arbeit sei keine Regie, sondern "Bebilderung", meint er, das Orchester unter Simon Rattle allerdings "kernig" und mit einer "Klangpracht sondergleichen"), Ewald Palmetshofers Uraufführung seiner "Faust"-Variante in Wien (seine Kritik an der "voyeuristischen Verkommenkeit" findet Barbara Villiger Heilig "reichlich abgestanden, aber gewieft verpackt") und Konzerte beim Lucerne Festival unter dem Dirigat von Harnoncourt, Haitink und Jansons.

Welt, 06.04.2009

Ganz und gar nicht zufrieden ist Manuel Brug mit Stefan Herheims anderweitig gefeierter "Lohengrin"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper: "Er verliert sich in Videospielen und Wiederholungen, die nur von den eigentlichen Leerstellen seines überambitionierten Konzepts ablenken." Und auch Daniel Barenboim lässt es "unsauber dröhnen".

Weitere Artikel: Sven Felix Kellerhoff zeichnet die in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte veröffentlichten Forschungsergebnisse des Historikers Gerhard Wettig zur Manipulation der Friedensbewegung der achtziger Jahre durch die Ostblockstaaten nach. Uta Baier kommentiert Norman Rosenthals Plädoyer gegen die Rückgabe von Raubkunst im Spiegel. Burkhard Spinnen erklärt in einem launigen kleinen Text, warum es für Schriftsteller besonders schwierig ist, Worte für den Frühling zu finden - aber zum Glück hat er jetzt einen Hund, der ihm einen direkteren Zugang zum Naturgeschehen vermittelt. Auf der DVD-Seite unterhält sich Siegfried Tesche mit der Bond-Produzentin Barbara Broccoli.

TAZ, 06.04.2009

Wiebke Porombka erzählt vom Werkstattgespräche in Berlin, wo unter anderen Lutz Seiler, Katja Lange-Müller, Jan Böttcher und Elke Erb aus ihren Manuskripten lasen. Anders als früher, so Porombka, ging es bei den anschließenden Diskussionen nicht um die politischen Dimensionen der Texte, sondern um die ästhetischen. Gelegentlich landete man dabei auch in Abgründen von "erschreckender Neunmalklugheit": "Das Gespräch über Seilers groteske Erzählung um das einsame Sterben eines Schriftstellers verstieg sich hernach in eine nicht enden wollende Schleife, in der mit pseudomedizinischem Sachverstand über die letalen Dosierungen von Kopfverletzungen debattiert wurde. Vermutlich war es einfach so, dass die Autoren ganz gern ignorieren wollten, wovon Seiler ausgerechnet in der letzten Lesung erzählte: die Hybris eines Schriftstellers, der schließlich an seiner Spießbürgerlichkeit zugrunde geht."

Außerdem: Elisabeth Raether wünschte sich, Michelle Obama würde die Mutterrolle neu definieren (so ganz haben wir das nicht verstanden), besprochen wird Corinna Harfouchs Soloabend "Das Jagdgewehr" in Stuttgart.

Und Tom.
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FR, 06.04.2009

Julia Kospach unterhält sich mit der britischen Psychoanalytikerin Susie Orbach über Schlankheitswahn, Schönheitsnorm und Essstörung: "Die Tatsache, dass Probleme wie Körperhass, Körperkult, Essstörungen und Diätwahn so explodiert sind, lässt mich aber glauben, dass wir derzeit keine Körper heranziehen, die sich sicher fühlen."

Weiteres: In Times mager berichtet Peter Michalzik von polnischer Aufregung um einen toten Hummer. Hans-Jürgen Linke schreibt zum Achtzigsten von Andre Previn. Besprochen werden Stefan Herheims und Daniel Barenboims Inszenierung des "Lohengrin", die Performance "Hadesfraktur" des Duos Signa in Köln und die neue Koch-Show mit Sarah Wiener auf arte.

SZ, 06.04.2009

Durchaus etwas enttäuscht resümiert Niklas Hofmann in den "Nachrichten aus dem Netz" die Berliner Bloggerkonferenz re:publica: "Wie erstaunlich orientierungslos in Berlin nicht nur die geladenen Macher alter Medien, sondern auch die deutsche Blogger-Elite vor der Aufgabe stand, den beschworenen Wandel zu einem Ende zu denken, bemerkte Don Dahlmann in seinem Blog: 'Niemand negiert, dass der Wandel da ist, aber keiner weiß, was man mit ihm anfangen soll.'"

Weitere Artikel: Reinhard J. Brembeck ist sich nicht ganz sicher, ob er es bei Stefan Herheims "Lohengrin"-Inszenierung in der Berliner Staatsoper mit einem allzu spielerischen Ansatz oder mit einer "ganz neuen, vielleicht äußerst relevanten Spielart von Regietheater" zu tun hat. Im Aufmacher rät der Politologe Herfried Münkler den in Afghanistan tätigen westlichen Truppen zur Berücksichtigung seiner Forschungsergebnisse über die "neuen Kriege". Thomas Steinfeld liest eine Broschüre des Auswärtigen Amtes, die unter großzügiger lllustration mit Steinmeier-Porträts die Erfolge der auswärtigen Kulturpolitik in der letzten Zeit feiert - welche allerdings mit immer stärkerer Einflussnahme der Politik erkauft sind. Cornelia Bolesch verfolgte ein Streitgespräch mit dem irischen Populisten Declan Ganley, dem Finanzier des irischen "No", und Daniel Cohn-Bendit in Brüssel. Auf der Literaturseite berichtet Hans-Peter Kunisch vom "Tunnel über der Spree", einem Berliner Autorentreffen. Und Florian Welle verfolgte ein Münchner Gespräch mit Georg Klein über die "Freiheit des Erzählens".

Besprochen werden eine Ausstellung zum 90. Geburtstag des Bauhauses in Weimar und Bob Dylans Konzert in München.

FAZ, 06.04.2009

Sehr, sehr beeindruckt ist Andreas Kilb von Carlos Reygadas' Film "Stellet Licht" (mehr), der auf professionelle Schauspieler verzichtet: "Auch wenn man schon viele mit Laiendarstellern besetzte Filme gesehen hat, kann man das, was Reygadas mit der Kanadierin Miriam Toews vor der Kamera gelungen ist, nur als Wunder bezeichnen. Dabei zuzusehen, wie sich ihr ruhiges und gütiges Gesicht in eine Maske der Verzweiflung verwandelt, als Esther begreift, dass sie ihren Mann verlieren wird, und wie sie am Rand der Landstraße schluchzend vor einem Baum zusammenbricht, gehört zu den großen Kinoerlebnissen dieses Frühjahrs."

Weitere Artikel: Alexander Armbruster findet es sehr überzeugend, wie der Hedge-Fonds-Manager George Cooper die Finanzkrise mit dem Begriff des Anti-Gelds erklärt. In der Glosse spießt Julia Voss die Widersprüche auf, in die sich der restitutionsfeindliche Kunsthistoriker und Kurator Sir Norman Rosenthal verwickelt. In französischen Zeitschriften liest Jürg Altwegg viel, und gewiss nicht nur Freundliches über den Papst. Im montäglichen Wochengeburtstagsparcours gibts diesmal gleich sieben Gratulationen - übrigens nur für Männer - auf einen Streich, nämlich für den Filmproduzenten Bernd Eichinger (60), den Bildhauer Tony Cragg (60), den Physiker Horst L. Störmer (60) den Autor und Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney (70), den Edelboulevarddramatiker Alan Ayckbourn (70), den als Nixon-Interviewer zu Ruhm gelangte Moderator David Frost (70) und den Historiker Raymond Carr (90).Wiebke Hüster schreibt zum Tod der Primaballerina Eva Evdokimova: "Selbst Außerirdische aus tanzfreien Galaxien hätten Evdokimova auf der Straße als Ballerina erkannt."

In der gestrigen FAS findet sich ein Interview mit dem großen Skandal-Genie Helmut Berger, der die Dinge längst nimmt, wie sie kommen: "Mit meinem Bauch kann man mich bald nur noch im Schatten filmen wie Marlon Brando in 'Apocalypse now'. Aber das ist mir wurscht. Ich steh' zu meinem Alter. Mir war immer nur wichtig, dass ich mit mir selbst glücklich bin."

Besprochen werden der von Stefan Herheim inszenierte "Lohengrin" an der Berliner Staatsoper (weniger von der musikalischen Interpretation als von der "Dichte und Stimmigkeit der Regie" ist Christian Wildhagen regelrecht begeistert), eine Stuttgarter Theaterversion von Yasushi Inoues Novelle "Das Jagdgewehr" mit Corinna Harfouch, die Ausstellung "My, Berlinczycy! Wir Berliner!" und Bücher, darunter von Franz-Josef Czernin der Band "staub.gefässe - gesammelte gedichte" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).