Heute in den Feuilletons

Und ohne deren Wissen denken

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.11.2008. Im Guardian erklärt Shashi Tharoor zu dem Terroranschlag in Mumbai: Dieser Horror ist nicht hausgemacht. Auch Entsetzen lässt sich recyclen, beweisen Faz.net und Welt online. Die NZZ fragt: Gibt es eine Alternative zu Google? Überall wird Roland Suso Richters Film "Mogadischu" über die Entführung der "Landshut" als Gegengift zu Bernd Eichingers RAF-Film empfohlen. Die taz feiert das" beste Musikmagazin der Welt", The Wire. Die FAZ erlebte Sonny Rollins als Demosthenes des Saxofons. Und, ja, Levi-Strauss ist jetzt wirklich hundert.

NZZ, 28.11.2008

Markus Ackeret berichtet, wie Russlands Regierung auf die Finanzkrise reagiert - mit verschärfter Propaganda: "Je mehr die vorgebliche Stabilität beschworen, die Abwertung des Rubels ausgeschlossen und Amerika als Verursacher der Finanzkrise an den Pranger gestellt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich alles ganz anders verhält... Dass Russland für die Gestalt der Auswirkungen durchaus selbst verantwortlich ist, geht in der Rhetorik der Führung unter. Die staatlichen Fernsehkanäle berichten denn auch ausführlich über britische Lehrerinnen, die mit einem Minimaleinkommen über die Runden kommen müssen, und über Kursverluste an den ausländischen Märkten. Die Abstürze an der Moskauer Börse bleiben weitgehend unbeachtet. Und als das Gespenst der Rubelabwertung erstmals zirkulierte, wurden georgische Internet-Berichte als Quellen dieser Falschmeldungen identifiziert."

Weiteres: Als "Sternstunde des musikalischen Theaters" preist Peter Hagmann die Pariser "Fidelio"-Inszenierung. Susanne Schanda erzählt von einer Schiffsfahrt über den Bosporus. Auf der Seite Pop und Jazz erkundet Olaf Karnik neue Entwicklungen in der globalen Reggae-Kultur. Hanspeter Künzler hört das neue Album "Day and Age" der Killers.

Auf der Medienseite sucht Claude Settele nach Alternativen zu den gängigen Suchmaschinen, die mittlerweise immer nutzlosere Link-Kolonnaden ausspuckten: "Google indexiert gemäß Schätzungen 30-50 Milliarden Webseiten, den Titel der größten Suchmaschine beansprucht mit 120 Milliarden Seiten allerdings eine neue Mitstreiterin namens Cuil, die unter anderem von ehemaligen Google-Mitarbeitern gegründet wurde. Selbst dieser immense Index deckt nur einen Bruchteil des Internet-Planeten ab. Im Juli haben zwei Ingenieure in Googles Firmen-Blog gemeldet, sie hätten auf der Suche nach der Größe des Internets über eine Billion Seiten mit eigener Adresse gefunden, das Netz sei aber noch größer. Die ernüchternde Erkenntnis: Ein riesiger Anteil des Online-Wissens versauert also unbeachtet im sogenannten Deep Web - dem unsichtbaren Internet."

Weitere Medien, 28.11.2008

Der indische Schriftsteller und Uno-Mitarbeiter Shashi Tharoor zeigt sich im Guardian überzeugt davon, dass die Drahtzieher für den Terroranschlag auf Mumbai aus Pakistan kommen. "Die Inder haben gelernt, den unaussprechlichen Horror terroristischer Gewalt auszuhalten, seit bösartige Männer in Pakistan zu dem Schluss gekommen sind, es sei billiger und effektiver, Indien auf den Tod auszubluten als zu versuchen, es in einem konventionellen Krieg zu besiegen. Angriff nach Angriff war erwiesenermaßen von der anderen Seite der Grenze aus finanziert, ausgerüstet und angeleitet worden. Das jüngste Ereignis war das Selbstmordattentat auf die indische Boschaft in Kabul, eine Aktion, die vom amerikanischen Geheimdienst öffentlich bis zu Islamabads gefürchteter militärischer Spezialeinsatztruppe ISI zurückverfolgt wurde. Der lachhafte Versuch, die Morde in Mumbai den 'Deccan Mujahideen' zuzuschreiben, bestätigt lediglich, dass, wo immer die Mörder herkommen, es nicht Dekkan ist. Dekkan liegt landeinwärts von Bombay, es gibt keinen Grund, über die Arabische See zu fahren, um von dort die Stadt zu erreichen. Der peinlich genau geplante und mit militärischer Präzision ausgeführte Anschlag auf Bombay zeigt keine Spur von dem, was seine Promoter zu suggestieren versuchen - dass er eine spontane Eruption zorniger junger Muslime sei. Dieser Horror ist nicht hausgemacht."

Aus den Blogs, 28.11.2008

Nicht zu fassen, meint Stefan Niggemeier. Faz.net (und übrigens auch Welt online, mehr hier) illustrieren das Entsetzen in Bombay mit einem Foto, das bei stürzenden Aktienkursen vor einer Woche aufgenommen wurde.


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Perlentaucher, 28.11.2008

In ihrer Rede zum Erhalt des "Preises Frauen Europas", die der Perlentaucher dokumentiert, fordert Necla Kelek einen emphatischern Begriff der Freiheit in der islamischen Welt, denn bisher ist "'Frei sein' schutzlos, verlassen sein. Die Frau ist im Zweifelsfall der Gewalt der Männer ausgeliefert, denn die Männer der Familie schützen die Frauen vor der Gewalt fremder Männer. Ist der eigene Mann gewalttätig, so ist das kismet., Schicksal. Männer, das sind in der Lebenswelt immer noch vieler muslimischen Frauen, Beschützer und Bewacher. Die Männer sind die Öffentlichkeit und die Frauen ihre Privatheit."
Stichwörter: Der die Mann, Necla Kelek

TAZ, 28.11.2008

Julian Weber stellt "das beste Musikmagazin der Welt" vor, das sich allem widmet, was experimenell ist, von Klassik bis Pop. "'Adventures in Modern Music' verspricht The Wire im Untertitel, und meistens hält es diese Abenteuerlust auch. Coverstar der aktuellen Ausgabe ist der New Yorker Transvestit Anthony Heggarty. Vor zwei Monaten bekam diese Aufmerksamkeit das linke Elektronik-Kollektiv Ultra Red eingeräumt, das mit symbolischen Aktionen im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam macht und seine Musik nur virtuell in Form von MP3-Dateien veröffentlicht. Eigentlich verbieten zeitgemäße Marketingstrategien Bescheidenheiten wie diese. The Wire kann sich überhaupt kein Marketing leisten. Trotzdem erwerben rund 20.000 Leser regelmäßig die Zeitschrift."

Außerdem: Katharina Granzin war dabei, als Carlos Ruiz Zafon in Berlin seinen neuen Roman "Das Spiel des Engels" vorstellte. Bsprochen werden die letzte CD des Rappers Kanye West und Julio Medems Film "Caotica Ana".

Auf der Medienseite unterhält sich David Denk mit dem Regisseur Christian Petzold über Qualität im Fernsehen: "Was mir nicht gefällt, ist, dass in der Diskussion um Qualität im Fernsehen immer auf die Kulturmagazine verwiesen wird. Dieses Feigenblatt braucht doch kein Mensch. Kultur muss doch nicht im Magazin stattfinden, sondern sollte tagtägliche Arbeit im Fernsehen sein. Für mich müssen die Serien gut sein, die Reportagen und Politmagazine - dass man denen Sendezeit weggenommen hat, ist skandalös."

Tom.

Welt, 28.11.2008

Am Sonntag läuft im Ersten Roland Suso Richters Film "Mogadischu" über die Entführung der "Landshut", einmal kein Abenteuerfilm aus der Perspektive der bösen Buben, schreibt Eckhard Fuhr: "Hier wird dem Zuschauer das Geschehen aus der Sicht der Opfer gezeigt mit einem Realismus, der das Zuschauen oft schwer erträglich macht. Regisseur Richter drehte die 'Landshut'-Szenen nicht im Studio, sondern in einem Flugzeug gleichen Typs auf einem marokkanischen Flughafen. Stundenlang waren Schauspieler und Statisten darin eingeschlossen, oft bei Temperaturen um 40 Grad. Ein solcher Selbstversuch, dem sich die Mitwirkenden aussetzten, überschreitet eigentlich die Grenzen des fiktionalen Erzählens. In diesem Falle bringt das einen beträchtlichen Gewinn an Authentizität."

Weitere Artikel: Manuel Brug kommentiert Gerard Mortiers neues Engagement an der Oper von Madrid, nachdem ihm die New York City Opera nicht genug Geld bieten konnte. Johannes Wetzel gratuliert Claude Levi-Strauss zum Hundertsten und unterhält sich mit Frederic Keck, Herausgeber Levi-Strauss' in der Pleiade, der prächtigen franzöischen Klassikeredition. Jörg Taszmann stellt die neueste patriotische Schmonzette aus Russland vor, einen Film über denn "weißen" Admiral A.W. Koltschak.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die Rückkehr der Götter - Berlins verborgener Olymp" im Pergamon-Museum und eine CD der DJs von der Thiervery Corporation.

Auf der Magazinseite verfolgt Chefredakteur Thomas Schmid persönlich das Verschwinden der allerletzten baulichen Überreste des Palastes der Republik. Und Sven Felix Kellerhoff erzählt die Geschichte dieses historischen Bauplatzes.

FR, 28.11.2008

Im Aufmacher würdigt der Ethnologe Thomas Reinhardt seinen großen Kollegen Claude Levi-Strauss, der heute hundert Jahre alt wird, zeigt aber auch die Probleme seines Denkens auf: "Der Rolle des Menschen als handelndes Subjekt mag Levi-Strauss dabei allerdings - anders als sein großer Gegenspieler Sartre - keine besondere Bedeutung zumessen. Nicht ganz zu Unrecht hat man ihm deshalb gelegentlich einen erkenntnistheoretischen Antihumanismus unterstellt. So dient sein wissenschaftliches Hauptwerk, die Mythenanalyse, nicht zuletzt dem Ziel zu zeigen, 'wie sich die Mythen in den Menschen und ohne deren Wissen denken'. Der Mensch ist Levi-Strauss also letztlich wenig mehr als ein Ort, an dem sich Dinge zutragen, ohne dass er allzu großen Einfluss auf sie zu nehmen vermöchte."

In Times mager schreibt Arno Widmann über seine wunderlich werdende Mutter. Besprochen werden Johan Simons' Pariser "Fidelio"-Inszenierung (und zwar sehr gut), Sonny Rollins' Konzert in Frankfurt, Ben Hopkins' "tieftraurige" Komödie "Pazar - Der Markt", eine Ausstellung von Cildo Meireles in der Londoner Tate Modern, Magnus Mills' Roman "Die Entdecker des Jahrhundert" und Ulrike Ackermanns Essay "Eros der Freiheit" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

SZ, 28.11.2008

Der Ethnologe Thomas Hauschild gratuliert seinem großen Kollegen, dem Mythenkundler, Strukturalisten, Denker und Surrealisten Claude Levi-Strauss zum hundertsten Geburtstag: "Bald wird Levi-Strauss nach Paris berufen und steigt dort zum Wissenschaftsstar und professoralen Baron der Forschung auf. Aus dem 'Mann der nicht spricht' (Simone de Beauvoir), aber stets brav zu den Existenzialistentreffen trottete, ist ein Meisterdenker des College de France und der Akademie geworden. Doch der in New York ge- und erfundene große Kompromiss zwischen neurologischem Universalismus und der Analyse landschaftsspezifischer Ökologien des Geistes bleibt zentral für sein Werk. Und darin birgt sich immer der surrealistische Ansatz: das von den bürgerlichen Intellektuellen verachtete ethnographische Material zur Dignität hoher Kultur zu erheben."

Weitere Artikel: Petra Steinberger unterhält sich mit dem Schriftsteller und diesjährigen Geschwister-Scholl-Preisträger David Grossman über die Aussichten auf Frieden für Israel. Grossman erklärt: "Ich schaue uns Israelis an und sehe, wie sehr uns die elementare Fähigkeit fehlt, den Harnisch fallen zu lassen." Jens-Christian Rabe beschreibt das Mainstream-Camp-Phänomen Britney Spears und findet an ihrer neuen Platte "Circus" durchaus Gefallen. Stephan Speicher beschwert sich, dass das Ehrenmal der Bundeswehr nicht in der Nähe des Reichstags errichtet wird. Den von Albert Speer jun. erarbeiteten Masterplan für die Kölner Innenstadt stellt Klaus Englert vor. Jörg Häntzschel berichtet von der Ankündigung des US-Verlags Houghton Mifflin Harcourt (Heimat von Philip Roth, Günter Grass, Jonathan Safran Foer und vielen anderen), nach den bereits kontraktierten Neuerscheinungen das Publizieren von Literatur erst einmal einzustellen. Gerard Mortier geht als Leiter ans Teatro Real in Madrid - Reinhard J. Brembeck erkennt darin einen mutigen Schritt. Dirk Lüddecke gratuliert dem Philosophen Rainer Marten zum Achtzigsten.

Besprochen werden Georg Mischs Film "Der Weg nach Mekka" und der große Bildband "Le Corbusier Le Grand" (mit Nacktfotos des Architekten!) (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der Medienseite gratuliert Kristina Maidt-Zinke ihrer Kollegin Felicitas von Lovenberg zu ihrem Nebenjob als Moderatorin des SWR-Literaturmagazins: "Bei der FAZ darf erstmals eine Frau das Literaturressort leiten - sie hat ein umwerfendes Lächeln und schreibt in ihrem Nebenberuf als 'Liebesforscherin' rosafarbene Ratgeber."

FAZ, 28.11.2008

Wolfgang Sandner feiert zum Auftakt von dessen Europa-Tournee den Jazz-"Giganten" Sonny Rollins: "Wer die fünfzig kreativsten, originellsten und wichtigsten Musiker in hundert Jahren Jazz nennen will, muss ihn auf die Liste setzen. Zwei Töne spielt er zu Beginn aus einem kurzen Riff. Immer wieder diese zwei Repetitionstöne, herausgeschleudert aus seinem Tenorsaxophon, als stünde er auf der Brooklyn Bridge, um gegen den Wind anzuspielen, seinen Ton zu stärken, seine Rhetorik zu schärfen: ein Demosthenes auf dem Instrument. Was da aber aus einem Akkord und einem rhythmisch-melodischen Motiv in zehn Minuten herauswächst, ist vor allem eines: große Überredungskunst."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg gelangt nach der Lektüre eines Enthüllungsbuchs über das legendäre französische Satire-Blatt Le canard enchaine zur Ansicht, dass manche Machenschaften des Blattes wirklich einen etwas seltsamen Eindruck machen. Irene Bazinger unterhält sich mit der Biologin Barbara Stanzeit, die seit fünfzig Jahren auf Island arbeitet, darüber, wie man auf der Insel über seine Verhältnisse lebt. Leo Wieland hat das Buch von Carmen Franco gelesen, das den schön eindeutigen Titel "Franco - Mein Vater" trägt, und in dem sie unter anderem berichtet, dass Franco Angst hatte, von Hitler entführt zu werden. Warum eine Bundesratsinitiative die kirchliche Eheschließung wieder an die standesamtliche rückbinden und damit die beschlossene Neuregelung aufheben will, erklärt der Theologe Winfried Aymans, der hinzufügt, dass das ein Fehler wäre. Gerhard Rohde hat die Kasseler Musiktage besucht, bei denen in diesem Jahr Beethoven im Mittelpunkt stand. Frank Pergande fragt nach der Zukunft der Rostocker Kunsthalle, die schon eine eher traurige Gegenwart hat.

In der Glosse teilt Gina Thomas mit, dass der Erzbischof von Westminster die National Gallery nicht wenig verblüfft mit seiner Forderung, das in ihr mit Fug und mit Recht befindliche Gemälde "Taufe Christi" von Piero della Francesca gehöre aus Glaubensgründen gefälligst in eine katholische Kirche, also zum Beispiel die Kathedrale von Westminster. Julia Voss erläutert, warum das Darwin-Jahr 2009 auch das Jahr des Regenwurms wird. Die Fürstenbergische Sammlung zieht, erfahren wir von Timo John, von Donaueschingen nach Schwäbisch Hall. Kurz gemeldet wird, dass Gerard Mortier, nachdem aus Bayreuth und New York nichts wurde, als Leiter des Teatro Real nach Madrid geht. Auf der Medienseite schreibt Hubert Spiegel über den sehr gelungenen Dokumentarfilm über Claude Levi-Strauss, den Arte gestern im Fernsehen zeigte und noch bis 5. Dezember im Internet zeigt.

Besprochen werden ein Ben-Folds-Konzert in Frankfurt, die Ausstellung "Die Rückkehr der Götter" im Berliner Pergamon-Museum, die Ausstellung "Street and Studio" im Essener Museum Folkwang, Julio Medems Film "Caotica Ana" und Bücher, darunter Ralf Husmanns Roman "Nicht mein Tag" und Ludwig Honnefelders Studie Ludger Honnefelder: "Woher kommen wir?" über die Ursprünge der Moderne im Denken des Mittelalters (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der heute erscheinenden FAZ-Literaturbeilage bespricht Felicitas von Levenberg die neuen Romane von Margaret Atwood und Wallace Stegner.