Heute in den Feuilletons

Intelligente Literaturvermittlung

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.11.2008. Die FR berichtet über das Stockholmer Treffen zwischen Salman Rushdie und Roberto Saviano. In der Welt spricht sich der Drummer von Polarkreis 18 für das Schleierhafte an der Musik seiner Band aus. Die SZ erklärt, warum die Berliner Volksbühne tot ist, aber als Untote weitermacht. In der taz singt Dmitri Muratow ein Loblied auf den Mut der Geschworenen im Politkowskaja-Prozess. In der Zeit rät Erwin Wurm: Bevorzugen Sie Robbenfellschuhe.

FR, 27.11.2008

Hannes Gamillscheg berichtet von dem Treffen zwischen den beiden verfolgten Autoren Roberto Saviano und Salman Rushdie, das die Schwedische Akademie nach langem Zögern in Stockholm organisiert hatte. Zunächst Saviano: "Die Beschuldigungen, dass er nur Ruhm und Scheinwerferlicht gesucht habe und das eigene Land beschmutze, haben ihn getroffen: 'Ich halte den Gestank von Korruption und Verderben nicht aus, aber ich ehre den gesunden Teil meines Landes.' Einen Schriftsteller könne man mundtot machen, aber er habe seine Alliierten, die Leser. Wenn diese lesen und verstehen, könne die Wirklichkeit nicht unterdrückt werden. 'Nicht ich mache der Mafia Angst, sondern die Leser.' Auch Rushdie fühlte sich verletzt durch die Stimmen aus der westlichen Welt, dass er selbst schuld sei an seinem Schicksal, weil er 'absichtlich' die Gefühle Gläubiger verletzt habe. 'Nicht gut" stehe es um das freie Wort, sagte der 61-jährige Autor und spannte den Bogen von ermordeten Journalisten in Mexiko über die Zensur in China zu den ins Exil gezwungenen größten Dichtern der arabischen Welt.'"

Weiteres: Anlässlich der anstehenden Jury-Entscheidung zur Berliner Schlossattrappe blickt Christian Thomas auf fünfzehn endlose Jahre Diskussion zurück. Für Harry Nutt war die Idee eines Humboldt-Forums eine "kulturelle Offenbarung", der mittlerweise allerdings ein ausgearbeitetes Konzept fehlt. In Times mager sucht Sylvia Staude einen neuen Hofpoeten für die Queen, Andrew Motion möchte wegen einer Schreibblockade und vielleicht steigender Sherry-Unverträglichkeit zurücktreten.

Besprochen werden Alfred Brendels letztes Konzert in Frankfurt, Ken Loachs Film "It's a free world", Julio Medems Männerfantasie "Caotica Ana" und Miroslaw Nahacz' Roman "Bombel".

Welt, 27.11.2008

Michael Pilz porträtiert die Band Polarkreis 18, die mit "Allein, Allein" einen großen und sehr deutschen Hit landete und sich nunmehr auf Tour begibt: "Christian Grochau spielt zwar Schlagzeug, spricht sich aber für 'das Schleierhafte' bei Polarkreis 18 aus. In sanftmütigstem Sächsisch."

Weitere Artikel: Ulli Kulke freut sich, dass das Deutsche Museum in München nach Spenden in Höhe von 35 Millionen Euro mit der Renovierung beginnen kann. Katja Engler kommentiert die Kostenexplosion bei der Hamburger Elbphilharmonie, an der man trotzdem tapfer festhält. Rainer Haubrich besucht das von I. M. Pei entworfene Museum für Islamische Kunst im Emirat Katar (vorbildlich und selten die letzten Zeilen des Artikels: "Der Autor war auf Einladung des Museums in Doha.") Manuel Brug schreibt zum Tod des britischen Dirigenten Richard Hickox, der im Alter von sechzig Jahren einem Herzinfarkt erlag. Hannes Stein ergeht sich in Montauk auf Max Frischs Spuren. Sven Felix Kellerhoff erinnert an das Chruschtschow-Ultimatum vor fünfzig Jahren.

Auf der Filmseite spricht Matthias Heine dem Regisseur Ken Loach, dessen Film "It's a Free World" anläuft, das höchste denkbare Lob aus: "Zwar verstehen alle Loach als politischen Filmemacher (er selbst sieht sich ja auch so), aber niemand auf der Welt kann so wunderbare Liebesszenen drehen wie er." Besprochen werden außerdem Christoph Barratiers Film "Paris, Paris" und "Caotica Ana" von Julio Medem.

Auf der Magazinseite schildert Jenniffer Wilton das Treiben auf der größten Autografen-Versteigerung der Welt in Berlin.

NZZ, 27.11.2008

Roman Hollenstein nimmt das neue Museum für islamische Kunst (MIA) in Augenschein, das Ieoh Ming Pei in der Bucht vor Katars Hauptstadt Dauha gebaut hat und das ihm wesentlich sympathischer ist als die gekauften Dependancen westlicher Museen in Dubai. "Für den Neubau von Dauha studierte Pei die traditionelle islamische Architektur. Als deren Essenz erkannte er jenes Zusammenspiel von geometrischen Körpern, wie es sich im 800-jährigen Sabil, dem Brunnengebäude der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo, zeigt. Pei abstrahierte dessen Form hin zu einer ornamentlos minimalistischen Bauskulptur, die im Wechsel von Licht und Schatten immer wieder anders wirkt. Zwar beeinträchtigen Details wie die grauen Granitarkaden oder die stelenartigen Riesenleuchter an der dem Emir vorbehaltenen Landestelle auf der Westseite des Museums das kompakte Erscheinungsbild etwas. Dennoch ist Pei ein höchst bildhaftes Werk gelungen, das sich einem geradezu ins Gedächtnis einbrennt."

Besprochen werden Barry Lopez' Erzählband "Wie ich aus der Welt verschwand", Alexander von Schönburgs Traktat "Alles, was Sie schon immer über Könige wissen wollten, aber nie zu fragen wagten" und Robert Hasz' Roman "Der Herrscher der Seelen" (Bücherschau des Tages).

Auf der Filmseite schreibt Christoph Eggert über Andrei Swiaginzews Film "Die Verbannung". Susanne Ostwald sieht sich Pedro Almodovars Hauptwerk auf DVD an.
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Stichwörter: Dubai, Licht, Museen, Minimalistisch

Spiegel Online, 27.11.2008

Das Gute am Internet ist, dass man tagesaktuelle Werbung schalten kann. Zum Beispiel bei Spiegel Online, heute. Schlagzeile: "Sondereinheiten stürmen Luxushotels". Werbung: "12 Prozent Sofort-Rabatt auf alle Reiseschnäppchen". Außer Tiernahrung!


Stichwörter: Internet

TAZ, 27.11.2008

Klaus-Helge Donath unterhält sich mit Dmitri Muratow, Chefredakteur der Zeitung Nowaja Gaseta, bei der die ermordete Anna Politkowskaja arbeitete. Der gerade laufende Mordprozess folgt nicht gerade allen Kriterien des Rechtsstaats, aber Muratow singt eine Hymne auf den ungewöhnlichen Mut der Geschworenen: "Eine Justizangestellte legte den Geschworenen ein Papier vor. Sie sollten unterschreiben, dass der Prozess auf ihren ausdrücklichen Wunsch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfände, da sie Repressionen fürchteten. 19 der 20 Geschworenen weigerten sich. Trotzdem erklärte der Richter, die Geschworenen hätten die Entscheidung durchgesetzt. Nur hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Einer der Geschworenen wandte sich im Namen der 19 an die Radiostation Echo Moskwy und legte die Manipulation offen."

Auf den Kulturseiten gratuliert Dominik Busch dem Ethnologen Claude Levi-Strauss zum morgigen 100. Geburtstag, weist in seiner Würdigung aber auch auf das inwischen durchaus Umstrittene etlicher seiner Thesen hin: "Gerade was seinen radikalen Kulturrelativismus betrifft, stellt sich die Frage, ob eine moralische Verantwortung uns nicht davon abhalten sollte, gegenüber sämtlichen Bräuchen und Sitten eine neutrale Haltung einzunehmen."

Bernd Bieberitz informiert über die kubanische Kulturszene, in der die Enkel der Revolution, von denen etliche aus dem Ausland zurückkehrten, statt auf Konfrontation nun auf Dialog und kulturellen Wandel setzen. "Ich habe mehr Fragen als Antworten", erklärt der argentinische Low-Budget-Regisseur Lisandro Alonso im Gespräch, der nur in Europa so gut wie unbekannt ist; sein jüngster Film "Liverpool? läuft jetzt beim Festival Around the World in 14 Films. Reinhard Wolff berichtet über die restlos ausverkaufte Veranstaltung der Schwedischen Akademie "Das freie Wort und die gesetzlose Gewalt" in Stockholm, wo Roberto Saviano ("Gomorrha") und Salman Rushdie als Betroffene erzählten, wie sich ein Alltag unter ständiger Bedrohung anfühlt. In tazzwei werden anlässlich der heutigen Bambi-Verleihung sämtliche deutschen Medienpreise einmal darauf abgeklopft, was Form, Material und Ästhetik über den Inhalt der Auszeichnung verraten.

Besprochen werden Georg Mischs Dokumentarfilm "Der Weg nach Mekka" über den aus Lemberg stammenden jüdischen Islam-Konvertiten Muhammad Asad und das Actionspektakel "Death Race" von Paul W. S. Anderson, Remake eines Films von Roger Corman von 1975.

Hier Tom.

FAZ, 27.11.2008

Vorsichtig optimistisch äußert sich Jordan Mejias über die gar nicht revolutionäre Personalauswahl des gewählten Präsidenten Barack Obama, der auch sonst nicht über die Stränge schlägt: "Wie er zurzeit vor die Kameras tritt, eher lakonisch, reserviert, geradezu trocken in seinem Gebaren, könnte den Verdacht nahelegen, er versuche, seinen angeborenen Glamour abzustreifen oder wenigstens fürs Nächste vergessen zu machen. Harvard kommt jedenfalls stärker zum Zuge als Hollywood."

Weitere Artikel: Andreas Kilb hat am zu dezentralen Ort des von Andreas Meck entworfenen Ehrenmals der Bundeswehr (Bild) etwas auszusetzen, an der Form des Werks aber nicht: "Mecks Entwurf lässt keine Wünsche offen. Die Frage, wie ein Kriegerdenkmal in einer Zivilgesellschaft auszusehen habe, beantwortet er ebenso einfach wie schlagend, indem er den Krieger aus dem Bild nimmt." Katja Gelinski war dabei, als in der deutschen Hautpstadt Forschungsergebnisse zum fast vergessenen Besuch und Auftritt Martin Luther Kings in Berlin im September 1964 vorgestellt wurden. Mechthild Küpper stellt Berliner "Community Organizer" vor. Wiebke Hüster porträtiert den Tänzer und Choreografen Alexander Grant. In der Glosse findet Kerstin Holm das Schauspiel, das das russische Recht im Prozess um den Mord an Anna Politkowskaja bietet, alles andere als erhebend. Peter Kropmanns verfolgt in einem Beitrag zur Provenienzforschung die gewundenen Wege eines Matisse-Gemäldes. Hannes Hintermeier war dabei, als die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität die Ehrendoktorwürde an Herzog Franz von Bayern verlieh. Swantje Karich gratuliert der Künstlerin Isa Genzken zum Sechzigsten.

Morgen feiert der Ethnologe Claude Levi-Strauss seinen 100. Geburtstag. Die Forschung-und-Lehre-Seite würdigt das mit zwei großen Artikel. Levi-Strauss' Kollege Karl-Heinz Kohl fragt, was bleiben wird vom strukturalistischen Denker. Der Soziologe Ferdinand Zehentreiter schreibt über Levi-Strauss und die Musik.

Besprochen werden ein Clueso-Konzert in Mannheim, Ken Loachs Film "It's a free world" und Bücher, darunter Philipp Moogs Roman "Lebenslänglich" und der große, bei Taschen erschienene Bildband "The Ingmar Bergman Archives" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Ach, und Gorbatschow ist zurück in der Geschichte. Zumindest in der Geschichte von Frank Schirrmacher über Obama als "Gorbatschow des Westens". Mehr dazu hier. Und hier, in der Achse des Guten.

SZ, 27.11.2008

Christopher Schmidt erklärt, warum die Berliner Volksbühne tot ist, aber als Untote weitermacht, während sich die ganze deutsche Theaterlandschaft wandelt: "Transgression lautete über lange Jahre das Stichwort; dahinter verbarg sich die Überschreitung der Bühne, die Störung des nur Ästhetischen. Doch die fade Selbstbestätigung, die billige Rechthaberei, die damit einherging, bannte das Theater in einen Wiederholungszwang, der die Inszenierungen Frank Castorfs so vorhersehbar hat werden lassen. Das Theater befindet sich gerade in einer Phase der Selbstbesinnung, was nicht bedeutet, dass die Uhren zurückgedreht werden, sondern nur, dass es wieder Gefallen findet an einer lange vernachlässigten Aufgabe: der intelligenten Literaturvermittlung."

Weitere Artikel: Der Literaturwissenschaftler Peter-Andre Alt geht der Frage nach, was das Schloss bei Franz Kafka und das in F.W. Murnaus "Nosferatur" miteinander zu tun haben. Gunnar Herrmann hat die mit Morddrohungen lebenden Schriftsteller Roberto Saviano ("Gomorrha") und Salman Rushdie bei ihrem Auftritt im Nobel-Kreis in Stockholm gehört. Warum die Johannes-a-Lasco-Bibliothek in Emden geschlossen werden muss, erklärt Till Briegleb. Jens Bisky erklärt, was gegen den Neubau der Berliner Rathausbrücke (früher: Kurfürstenbrück, direkt am Schlossplatz) nach dem 1998 ausgewählten Entwurf Walter A. Noebels spricht. Wolfgang Schreiber stellt die Dirigentin und Komponistin Konstantia Gourzi vor. Willi Winkler hat in Hamburg den filmhistorischen Kongress "Alles in Scherben!...?" über Filmproduktion und Propaganda in den vierziger Jahren besucht. Anke Sterneborg porträtiert den britischen Filmkomiker Simon Pegg, der jetzt in "New York für Anfänger" zu sehen ist. Susan Vahabzadeh fragt sich, was es mit den Riesenerfolgen von Hollywoodfilmen für Mädchen auf sich hat.

Auf der Medienseite beschreibt Thomas Urban, wie Polen mit Kritik an ausländischen Medien Politik macht, wenn ein Konzentrationslager - wie jüngst bei der Welt - aus Versehen als "polnisches" bezeichnet wird: "Die polnischen Botschaften in der ganzen Welt haben den Auftrag, jeden Tag die Medien des jeweiligen Landes nach der Formulierung durchzugoogeln und entsprechende Protestschreiben zu verschicken. Die nationalkonservative Tageszeitung Rzeczpospolita, an der die Regierung 49 Prozent der Anteile hält, hat eine Kampagne 'Wider die Lüge' ins Leben gerufen, bei der internationale Blätter als 'Holocaust-Leugner' angeprangert werden, wenn sie die Formulierung 'polnische Lager' gebrauchen."

Besprochen werden Johan Simons' Pariser Inszenierung des "Fidelio" nach von Martin Mosebach revidierter Textfassung, Julio Medems Film "Caotica Ana" und Bücher, darunter Art Spiegelmans unter dem Titel "Breakdowns" gesammelte frühe Comics und Alice Munros Erzählungsband "Wozu wollen Sie das wissen?" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 27.11.2008

Wie gewohnt ist auch in dieser Woche das Zeit-Feuilleton ein Gesamtkunstwerk, aber diesmal ganz besonders: Der Österreicher Erwin Wurm (mehrt hier oder hier) macht 44 Vorschläge zum unverträglichen Zusammenleben, die sich zu einer sozialen Skulptur fügen: Sie reichen von "Grundsätzlich kein Vorspiel" und "Bevorzugen Sie Robbenfellschuhe" über "Verkaufen Sie die Nieren eines befreundeten Paares an die serbische Organmafia und schenken Sie den beiden zum Geburtstag ein Flugticket nach Dubrovnik" oder "Zeigen Sie sich bei einem türkischen Ehepaar empört darüber, dass oft Juden, Neger, Schwule und Mullahs in einen Topf geworfen werden." bis zu "Gott schütze die Gemeinen." Unterbrochen wird diese Auflistung nur durch einige nicht eingeplante Anzeige - aber in heutigen Zeiten ist das ja besser als umgekehrt.

Außerdem erscheint heute das zweite Literatur-Magazin mit Besprechungen zu John Le Carre, Uwe Tellkamp und Julia Franck. In einem Extra-Musikteil erinnert Claus Spahn an Olivier Messiaen, der vor hundert Jahren geboren wurde. Das Dossier fragt, wo eigentlich das viele Geld geblieben ist.

Im Politikteil beschreibt der Autor Mykola Rjabtschuk die Lage in der Ukraine unter dem zögerlichen Präsidenten Juschtschenko: "Er unterließ es, die verkrusteten Institutionen eines 'Erpresserstaates' durch neue Strukturen einer liberalen Demokratie zu ersetzen. Aus der institutionellen Leerstelle entwickelte sich ein Gebilde, das politische Experten als 'hilflose Demokratie' bezeichnen. Oder auch als 'Pluralismus durch Unterlassung' - eine Ausprägung des Pluralismus, der nicht durch starke Institutionen und klare Spielregeln gestützt wird, sondern eher durch die Schwäche der wichtigsten Gegenspieler, die sich nicht gegenseitig niederringen können und deshalb hoffnungslos im Clinch liegen."