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Heute in den Feuilletons

Streber haben keinen Soundtrack

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.07.2008. In der FR protestiert Herta Müller gegen die Einladung von Securitate-Mitarbeitern ins rumänische Kulturinstitut in Berlin, im Tagesspiegel schließt sich Richard Wagner an. Die taz wendet sich gegen weibliches Weißweinschorlegejammer über Männer, die starke Frauen fürchten. Die SZ findet die deutsche Medienpolitik nicht satisfaktionsfähig. In Spiegel Online schlägt Robert Kagan einen Demokratienbund als Gegengewicht zu den Autokratien China und Russland vor.

FR, 17.07.2008

Die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller protestiert in einem Offenen Brief an den Leiter des rumänischen Kulturinstituts, Horia Patapievici, der zur Berliner Sommerakademie auch zwei ehemalige Securitate-Mitarbeiter eingeladen hat: "Wenn das ICR sich in Deutschland mit diesen Personen präsentiert, wird es sich selbst irreparabel beschädigen, und die deutschen Teilnehmer werden zum Aufpolieren der Denunzianten benutzt. Wie werden die Angestellten des ICR in Berlin den Gästen der Sommerakademie die rumänischen Gesprächspartner vorstellen: Corbea Hoisie - Professor und langjähriger Securitate-Agent, und Sorin Antohi - jahrelang mit gefälschtem Doktortitel und fiktiven Publikationen bei europäischen Universitäten zu Gast, aber wirklicher Denunziant seit seinem 19. Lebensjahr? Und was werden sie der deutschen Presse erzählen? Besser gesagt: Was werden sie alles nicht erzählen?"

Weitere Artikel: Sehr Zwiespältiges entnimmt Peter Michalzik dem Video und den Verhörprotokollen des 16-jährigen Guantanamo-Gefangenen aus Kanada, Omar Ahmad Khadr: "Ein paar Tage vor dem Video wurde das Protokoll bekannt, das kanadische Geheimdienstbeamte von ihrer achtsündigen Befragung Khadrs in Guantanamo 2003 (und 2004) veröffentlichten. Dieser Bericht löste keinerlei Reaktion aus, schon gar keinen Skandal, ist aber aufschlussreich, weil er ein differenzierteres Bild zeichnet. Als er sich unbeobachtet fühlte, habe Khadr Bodybuilder-Posen ausprobiert, wird beispielsweise berichtet, gegenüber Fotos seiner Familie verhielt er sich äußerst zwiespältig, er urinierte auf sie und legte sich später neben sie. Er habe erst kooperiert und dann 'aus Spaß', wie er sagte, gelogen."

Hans-Jürgen Linke unterhält sich mit Andreas Mölich-Zebhaus, der als Intendant das Festspielhaus Baden-Baden vor dem Ruin bewahrt hat. In Times mager verabschiedet Sylvia Staude das Privileg des Menschen, grundlos schlecht gelaunt zu sein.

Besprochen werden Cedric Klapischs Film "So ist Paris" und Gus Van Sants wiederentdeckter Erstlingsfilm "Mala Noche".

Tagesspiegel, 17.07.2008

Dezidiert erzählt der Schriftsteller Richard Wagner die Geschichte der beiden ehemaligen Securitate-Spitzel, Sorin Antohi und Andrei Corbea-Hoisie, die beide im postkommunistischen Rumänien eine Bilderbuch-Karriere machen konnten und nun auch vom Rumänischen Kulturinstitut in Berlin zu seiner Sommerakademie geladen wurden. Und worüber wird man sprechen? "Man wird wohl, wie in den alten Zeiten des Dialogs zwischen Ost und West, zwischen nützlichen Idioten und Geheimdienstzuträgern, vom Kulturaustausch sprechen, von den Einflüssen und nicht zuletzt von den Forschungsmethoden. So, als sei nichts geschehen. Als käme es zumindest nicht darauf an. Es kommt aber darauf an, in Deutschland wie in Rumänien. Kaum hat man dort mit der Aufarbeitung der Vergangenheit begonnen, schon fällt man zurück in die kollektive Amnesie. Wenn aber die Enttarnung nur eine folgenlose Pflichtübung ist, so ist es eine gute Zeit für Leute wie Antohi und Corbea-Hoisie. Die Demokratie aber bleibt, ohne verbindliche Werte, wehrlos."

Welt, 17.07.2008

Opernkritiker Manuel Brug freut sich gar nicht über die Entscheidung, den unzulänglichen Paulick-Saal der Berliner Staatsoper zu erhalten, und beklagt in einer Gegenrede Klaus Wowereits "schlaffes Einlenken". Nebenbei stellt er eine reichlich absurde Situation in Aussicht: "Keiner weiß bisher, ob der so schützenswerte Paulick-Innenraum nicht völlig abgetragen werden muss, um Bühnen und Versorgungstechnik sowie die maroden Fundamente zu erneuern. Das heißt, auch seine Liebhaber säßen womöglich bald in einer Rekonstruktion von gut gemeintem Historismus - also in einer doppelten Fiktion."

Weitere Artikel: Kurz vor Nelson Mandelas 90. Geburtstag erinnert Popredakteur Michael Pilz an dessen Bedeutung für Popmusiker und an das Engagement der Popmusiker für seine Befreiung. Eckhard Fuhr mokiert sich über reichlich platte Interviewäußerungen des Autors Clemens Meyer im überraschender Weise noch existierenden Playboy. Sven Felix Kellerhoff wirft einem ZDF-Beitrag, der dem Verschwörer des 20. Juli Henning von Tresckow Mitwisserschaft am Holocaust vorwarf, eine sträfliche Oberflächlichkeit vor. Gernot Facius gratuliert dem Fernsehmann Franz Alt zum Siebzigsten. Thomas Lindemann stellt die Jazzsängerin Sabine Kühlich (Website, die Krach macht) vor, die beim Festival von Montreux reüssierte. Kristen Benning berichtet über den Fund von Entwurfszeichnngen für Kultgeräte der Kirche aus dem 16. Jahrhundert in Münster.

Zwei Artikel befassen sich mit kulturellen Angeboten im Internet: Alexander Kluy begeht ein virtuelles Museum über Fahrradbücher. Uta Baier empfiehlt ein hübsches, wenn auch ein wenig zum Kitsch tendierendes Morphing-Video aus berühmten Frauenporträts, das der Computerkünstler Philip Scott Johnson bei Youtube einstellte.



Auf der Filmseite geht's unter anderem um Cedric Klapischs Episodenfilm "So ist Paris" (mehr hier).
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NZZ, 17.07.2008

Sehr stimulierend fand Manfred Schwarz die Ausstellung "Zerbrechliche Schönheit" über das Glas im Blick der Kunst im Düsseldorfer Museum Kunst Palast: "Das ebenso kostbare wie flüchtige Glas, jene so immateriell wirkende Materie, bot sich für diese Weltsicht als treffliches Medium wie als Metapher natürlich an. Deshalb sind gläserne Objekte in den meisten Stillleben des 17. Jahrhunderts die alles entscheidenden Akteure: In ihnen vermag sich das Licht, und mithin also: die Welt, zu spiegeln. Denn die Welt ist ja immer nur ein Abglanz. Und mittendrin: der Mensch, als eine flüchtige, vorübergehende Erscheinung - Homo Bulla."

Weiteres: Joachim Güntner stellt Nachbetrachtungen zu den Auseinandersetzungen in und um das Literaturarchiv Marbach an. Besprochen werden Oliver Sacks' Buch über Musik und Gehirn "Der einarmige Pianist", Viktorija Tokarjewas Erzählungen "Liebesterror" und Christine Gräns Roman "Heldensterben" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Auf der Kinoseite lässt Susanne Ostwald den Abba-Film "Mamma Mia" als "knallbuntes Sommervergnügen" durchgehen, Till Brockmann empfiehlt das Diptychon "A Thousand Years of Good Prayers" und "The Princess of Nebraska" des US-Chinesen Wayne Wang.

Spiegel Online, 17.07.2008

Im Gespräch mit Evelyn Runge über sein Buch "Die Demokratie und ihre Feinde" schlägt Robert Kagan einen internationalen Bund der Demokratien als Ergänzung zur UNO und Gegengewicht zu den verbündeten Autokratien China und Russland vor: "Wir brauchen Institutionen, die die neuen Realitäten des internationalen Systems spiegeln. In gewisser Weise gibt es schon zwei Bünde der Demokratien: die Nato und die Europäische Union. Beide existieren aber nur im transatlantischen Raum. Doch es gibt Demokratien überall auf der Welt - warum sollten sie nicht in so einer Organisation sein?"

Aus den Blogs, 17.07.2008

Anlässlich des Films "Mamma Mia" stellt Gawker (mithilfe des Klatschblogs Defamer) eine Liste mit den "zehn unwahrscheinlichsten Videos singender Schauspieler" aus Hollywood zusammen.

Die deutschen Verleger sind zwar gewitzt genug, eine Erklärung gegen die Öffentlich-Rechtlichen im Netz zu veröffentlichen, aber offensichtlich nicht gewitzt genug (jedenfalls bis heute morgen um neun Uhr), sie auch im Netz zu veröffentlichen. turi2 zitiert, dass die Virtuosen des Klickdopings die freie und unabhängige Presse "in Bestand und Entwicklung durch die ständige Expansion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedroht" bedroht sehen.

TAZ, 17.07.2008

Alle berichten über die Berliner Zeitung, nur die Berliner Zeitung nicht. Das war mal anders, erinnert sich Steffen Grimberg auf der Medienseite: "Noch im Mai 2006, als Chefredakteur Josef Depenbrock eingesetzt wurde, konnte die Redaktion 'In eigener Sache' auf der Titelseite den 'Verlust journalistischer Qualität' befürchten. Und Depenbrock hatte sich in der gleichen Ausgabe an die Leser gewandt und warme Worte gefunden, die heute eher wie Hohn klingen: 'Seit gestern stehe ich der Redaktion vor - und will es gleich zu Anfang unmissverständlich und klar sagen: Die Berliner Zeitung bleibt die führende Qualitätzeitung der Hauptstadt. (?) Wir wollen mit Qualität überzeugen, mit fundiertem, hintergründigem und erstklassigem Journalismus.' Heute wird darüber lieber geschwiegen."

Alexander Cammann grübelt im Kulturteil über die Beziehungsprobleme von Madonna und empfiehlt nebenbei erfolgreichen Frauen, mit dem Gejammer über erfolgreiche Männer aufzuhören, die Angst vor ihnen haben: "... dieses weibliche Weißweinschorlegejammer ist enervierend ubiquitär geworden. Noch genährt von den Empfehlungen der modernen Soziologie, dass sich Juniorprofessorinnen und Ressortleiterinnen ohnehin endlich andere Jagdreviere suchen sollten: Trainer, Taxifahrer und Kneipenbesitzer. Kein Rechtsanwalt fände bekanntlich eine Agenturschnalle oder Modetussi inadäquat."

Weiteres: Ekkehard Knörer empfiehlt in der Reihe dvdesk Serge Bozons Kriegs-Musical-Film "La France" mit der großartigen Sylvie Testud. Bert Rebhandl beschreibt die schwierige Rolle des Filmregisseurs Zhang Yimou, der die Eröffnungsfeierlichkeiten der Olympischen Spiele in Peking inszeniert. Besprochen werden Andrea Arnolds Regiedebüt, der Überwachungsfilm "Red Road", die Tobias-Rehberger-Retrospektive im Museum Ludwig in Köln, Cedric Klapischs Ensemblefilm "So ist Paris" und der Abba-Musicalfilm "Mamma Mia!"

Schließlich Tom.

SZ, 17.07.2008

Auf der Medienseite sind Thesen zu einer neuen Medienpolitik abgedruckt, die das Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik im Auftrag der SZ verfasst hat (hier die lange Version). Besonders bekümmert die Forscher die völlig veralteten Grundannahmen und Begriffe, die die deutsche Medienpolitik immer noch prägen. "Medienpolitik in Deutschland ist ein Beispiel für 'nicht satisfaktionsfähige' Politik, die sich technokratisch und formaljuristisch weit von ihrem lebendigen Bezugsfeld entfernt hat. Es gibt keine Instanzen, von denen man klare Ansagen erhält, kaum Politiker oder Unternehmer, die für spannende intellektuell-strategische Entwürfe stehen. Dabei ist Medienpolitik nicht ein Politikfeld unter mehreren, sondern eine Art Meta-Politik: durch Handeln oder Unterlassen wird in diesem Feld entschieden, wie über das Politische insgesamt gedacht und geredet wird."

Tapfer wehren sich Zeitungsverleger weiter gegen die bisher ja kaum zu belegende Horrorvorstellung, dass die Öffentlich-Rechtlichen Qualitätsinhalte ins Netz stellen könnten. Nun haben die Großen von Springer, Gruner und Jahr und Burda eine "Münchner Erklärung" verfasst, um "elekronische Presse" zu verhindern, berichtet Hans-Jürgen Jakobs auf sueddeutsche.de.

Im Feuilleton beobachtet Navid Kermani eine Truppe von Schauspielern, die vor dem Parlament in Rom ein Stück über Flüchtlinge aufführen. Andrian Kreye erinnert sich an seinen Besuch im Sudan 1994, als in Khartoum eine Konferenz fundamentalistischer Religionen stattfand. Der offenbar doch recht gesetzestreue Kinderzimmerschreck Bushido hat erfolgreich ein Rentnerpaar verklagt, über dessen offenbar ungesicherte Internetverbindung Musik heruntergeladen worden war, meldet Lars Weisbrod. Paul Katzenberger berichtet vom 43. Filmfestival Karlsbad. Willi Winkler würdigt das journalistische Engagement Christopher Hitchens, der sich "waterborden" ließ, um den Vorgang in der amerikanischen Vanity Fair beschreiben zu können. Egbert Tholl war bei der Eröffnung der Herrenchiemsee-Festspiele. Stefan Kornelius berichtet über das Treffen von Horst Köhler mit Fachleuten aus aller Welt, um zu klären, was Moderne ist. (Auch die FR hatte darüber berichtet.)

Besprochen werden Ute Wielands Jugendfilm "Freche Mädchen", Peter Segals Agentenfilm "Get Smart", die Superhelden-Parodie "Der große Japaner - Dainipponjin" von und mit Hitoshi Matsumoto (Tobias Kniebe hat "wieder einmal das Gefühl, dass die Japaner dem hysterischen Westen um Jahre voraus sind - gerade im psychologischen Verhältnis zu ihren Superhelden"), Cedric Klapischs Film "So ist Paris" (bleibt im Anekdotischen, aber zum Finale legt Juliette Binoche einen "fulminanten Striptease hin", verspricht Rainer Gansera), Tanztheater in Avignon von Sidi Larbi Cherkaoui, Jan Fabre und Olivier Dubois und Bücher, darunter Nathan Englanders köstliche Erzählungen "Zur Linderung unerträglichen Verlangens" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 17.07.2008

Der Literaturwissenschaftler Peter Demetz macht Urlaub in Sosua in der Dominikanischen Republik - und erinnert sich, wie der Ort in den dreißiger Jahren zum Zufluchtsort jüdischer Exilanten wurde: "Ich hätte ja vor siebzig Jahren das Gesuch um das dominikanische Einreisevisum einreichen können, und wenn ich meine Mutter hätte überzeugen können mitzufahren, wäre sie nicht auf einem Dachboden in Theresienstadt gestorben. Aber sie wollte keine Abenteuer, mir wieder waren Ackerbau und Viehzucht nicht abenteuerlich genug, und so streife ich heute in meinen Urlaubstagen am neuen Siedlermuseum von Sosua vorbei und wundere mich nicht, dass auf dem Platz vor der kleinen Synagoge ein Wagen mit einem Nummernschild aus Füssen geparkt hat. Was wissen die neuen Touristen oder die neuen deutschen Geschäftsleute, die sich hier vor zehn Jahren niedergelassen haben, von den jüdischen Ansiedlern, die den Ort gründeten? Eigentlich sollte ich gar nicht über Sosua schreiben, denn ich kam viel zu spät, aber lieber zu spät, als überhaupt nicht. An diesem Ort darf man vieles lernen."

Weitere Artikel: Hin und her von Hirn zu Hirn geht's im abgedruckten Briefwechsel zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem Philosophen Peter Janich recht heftig nicht zuletzt ad personam zur Sache. In der Glosse findet Paul Ingendaay es recht nationaltypisch, wie Spanien sehenden Auges in die nun eingetretene Immobilienkrise geraten ist. Der Kirchenrechtler Winfried Aymans erklärt, warum die kirchliche Trauung auch zivilrechtlich anerkannt werden sollte. In der Reihe zur Zukunft Bayreuths wünscht sich der Musikhistoriker Martin Geck weniger Regietheater und mehr Anerkenntnis von Richard Wagners Kompositionsgenie. Swantje Karich porträtiert Sabrina van der Ley, die die Leitung der Hamburger Galerie der Gegenwart übernimmt. Die Pläne für Anbbauten zur Münchner Pinakothek der Moderne stellt Julia Voss vor. Auf eine jetzt online abrufbare Datenbank zur bayerischen Literatur weist Hannes Hintermeier hin. Gerhard Stadelmaier gratuliert dem Theaterregisseur Luc Bondy zum Sechzigsten, Wolfgang Sandner dem Schlagzeuger Joe Morello zum Achtzigsten. Gemeldet wird, dass der Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour den diesjährigen Siegfried-Unseld-Preis und damit 50.000 Euro erhält. Auf der Forschung-und-Lehre-Seite berichtet Philipp Felsch von einer Tagung bedeutender Medienwissenschaftler in Basel.

Für die Kino-Seite hat sich Rüdiger Suchsland mit dem französischen Regisseur Cedric Klapisch über seinen neuen Film "So ist Paris", die alt gewordene Nouvelle Vague und allerlei Weltkinodinge unterhalten. Bert Rebhandl schreibt über die große Reihe zu 1968 im Film, die noch bis Ende Juli im Berliner Arsenal zu sehen ist. Michael Althen schreibt zum Tod des Schauspielers Jean Desailly.

Auf der Medienseite informiert Rainer Hermann, dass drei wichtige türkische Journalisten beschuldigt werden, Mitglied der Untergrundbande "Ergenekon" zu sein, die einen Staatststreich geplant haben soll. Nur online staunt Michael Hanfeld über die sich in der "Münchner Erklärung" artikulierende Sorge der Qualitätsverleger: "Eine illustre Runde sonst hart miteinander konkurrierender Medienhäuser findet sich da zusammen."

Besprochen werden ein Frankfurter Konzert der Pretty Things, Andrea Arnolds Film "Red Road", die Ausstellung "Fragile. Die Tafel der Zaren und das Porzellan der Revolutionäre" im Frankfurter MAK und Bad Homburg und Bücher, darunter Peter-Andre Alts Studie "Klassische Endspiele", die sich mit Goethe, Schiller und auch Adorno auseinandersetzt (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 17.07.2008

Wie wird man Komponist? Wie lernt man, nach 800 Jahren abendländischer Musikgeschichte, einen eigenen Ton "zum Glimmen" zu bringen? Claus Spahn hat sich in den Musikhochschulen des Landes umgesehen, wie ein Zukunftslabor sah es an der Berliner Hanns-Eisler-Schule nicht aus: "Der Fußboden ist mit grauem Linoleum ausgelegt, die Tische sind in Zweierreihen mit Blickrichtung auf das Lehrerpult ausgerichtet, rechts steht ein Flügel, und an der Wand hängt eine Tafel. Etwas rührend Altmodisches hat der Raum. Mikrotonalität, Geräusche und Algorithmen mögen zum selbstverständlichen Material der Gegenwartsmusik gehören, Klänge können spektral vermessen, synthetisiert oder live-elektronisch in den Raum projiziert werden. Aber die Kompositionsstudenten nehmen jede Woche in einer Häschenschule Platz."

Etwas mehr Punk könnte den neuen Feministinnen von heute schon gut tun, befindet Autorin Kerstin Grether: "Den neuen Feminismus eint eine Verachtung gegenüber allem, was schnodderig oder rockig daherkommt und es nicht nötig hat, mit dem Einser-Abitur zu protzen. Ob Alphamädchen oder Thea Dorns neue F-Klasse - sie alle definieren sich über weibliches Strebertum, weil Mädchen die besseren Schul- und Universitätsabschlüsse machen. Und Streber haben bekanntlich keine Soundtracks."

Weitere Artikel: Petra Reski erklärt allen, die Italien immer noch nicht verstanden haben, warum sie das Land so liebt: "Hinter der Opera buffa verbirgt sich ein ängstliches und erstarrtes Land. Ein Land, an dem jeder kulturelle und wirtschaftliche Fortschritt vorbeigezogen ist." Der New Yorker Regisseur und Leiter des Jewish Theaters,, Tuvia Tenenbom, mokiert sich über die Heuchelei des weißen Kulturestablishments, das Barack Obama zu Füßen liegt und doch für sich bleibt.

Besprochen werden eine Lovis-Corinth-Ausstellung im Leipziger Museum der bildenden Künste und Abbas Kiarostamis Inszenierung von "Cosi fan tutte" in Aix-en-Provence.

Im Literaturteil feiert Dieter Hildebrandt eine Neuausgabe von Ray Bradburys Romanen. Im Politikteil wirbt Altbundeskanzler Gerhard Schröder für eine Gutwetter-Politik gegenüber China, das er nach eigenen Worten mehrmals im Jahr bereist: "Wir sollten dem Land Respekt zollen." Die Meinungsseite druckt Barack Obama Plan für den Irak aus der New York Times nach.