Heute in den Feuilletons

Und Ignoranz daneben steht wie ein Elefant

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.04.2008. Machtgier wird zur Pest, schreibt Chenjerai Hove in der NZZ über Robert Mugabe. In der FR bezweifelt Sherko Fatah den Sinn der Forderung, dass Immigrantenkinder zuerst Deutsch lernen sollen. Im Tagesspiegel bekennt Goethe-Institutschef Klaus-Dieter Lehmann seine Sensibilität für Tibet. In der SZ klagt Najem Wali über das miserable Kulturleben im Irak. In der FAZ erklärt Florian Henckel von Donnersmarck, warum er zwar Wagner in Baden-Baden nicht macht, es aber trotzdem besser gemacht hätte als die ungepflegten Chaos-Regisseure, die das in Bayreuth machen.

NZZ, 10.04.2008

"Machtgier kann zur Pest werden", schreibt der im amerikanischen Exil lebende Schriftsteller Chenjerai Hove zu den Wahlen in Simbabwe, die Präsident Mugabe bisher nicht anzuerkennen gedenkt. "Im Rausch von Reichtum und Allmacht hat Robert Mugabe beschlossen, seinem Volk eine Wahlfarce zu gönnen, an die er nicht einmal selber glaubt. Die Menschen haben ihrem Verlangen nach einer neuen Vision Ausdruck gegeben; aber Präsident Mugabe zieht weiterhin den Weg des politischen und wirtschaftlichen Niedergangs vor. Nach 28 Jahren an der - zusehends zerbröckelnden - Macht will Mugabe offensichtlich noch mehr Tote auf unseren Straßen sehen. Seine Jugendmilizen wetzen schon die Macheten, wie Geier, die auf frisches Aas lauern. Man erinnert sich an Zeilen des verstorbenen ugandischen Dichters Okot p'Bitek: Und während die Würgeschlange der Krankheit / Die Kinder verschlingt / Während die Büffel des Elends / Das Volk niedertrampeln / Und Ignoranz daneben steht wie ein Elefant..."

Weiteres Sieglinde Geisel berichtet, dass Europas größter Probekeller für Rockbands in Marzahn steht: Im Orwo-Haus. "Vor einiger Zeit wurde die 13. Straße in Frank-Zappa-Straße umbenannt, so dass das Orwohaus nun doch eine standesgemäße Adresse hat."

Besprochen werden eine Ausstellung zu George Tabori am Berliner Ensemble, Margrit Schribers historischer Roman "Die falsche Herrin", Rainer Hoffmanns Buch über die Putten von Venedig, "Im Himmel wie auf Erden, John Carneys "gefühlvoller" irischer Musikfilm "Once" und Michel Gondrys Feelgood-Movie "Be Kind Rewind".

FR, 10.04.2008

In Frankreich sprechen die Kinder der Immigranten französisch, aber es nützt ihnen überhaupt nichts. Vielleicht ist nicht das Erlernen der Sprache des Einwanderungslandes der erste Schritt zur Integration, überlegt der Schriftsteller Sherko Fatah, sondern Bildung - egal in welcher Sprache. "Warum nicht zulassen, dass die Kinder etwa der türkischen Migranten erst auf Türkisch unterrichtet werden, um sie dann ebenso gründlich das Deutsche erlernen zu lassen? Kein Zweifel, sie werden es in dieser Gesellschaft brauchen. Es aber von allem Anfang an zu fordern von Elternhäusern, in denen es nicht oder nur rudimentär gesprochen wird, ist zwecklos und wird die Lehrer, wie es in Neukölln, Kreuzberg und andernorts längst der Fall ist, überfordern und zudem dafür sorgen, dass die Mehrheitsgesellschaft ihre Kinder dort nicht mehr hinschickt."

Weitere Artikel: Der Frankfurter Konzertveranstalter Gerd Reul erklärt im Interview, wie sich das klassische Konzertleben verändert hat: "Die Beschäftigung mit Kultur ist eine Flucht ins Amüsement geworden, sie ist Teil der Freizeit und nicht mehr, wie es früher einmal war, Teil einer als wichtig und richtig erkannten Beschäftigung mit Dingen, die einem den Horizont erweitert haben." Die Fackellauferei für die Olympischen Spiele, erinnert Elke Buhr in Times Mager, wurde erstmals 1936 von Josef Goebbels auf den Weg gebracht, "und bei ihrem Transport von Griechenland nach Deutschland versuchten in mehreren europäischen Staaten Gegner des faschistischen Regimes, das Feuer zu löschen, so wie jetzt die Tibet-Demonstranten."

Besprochen werden ein Konzert von James Taylor in Frankfurt, Sidney Lumets Melodram "Tödliche Entscheidung" ("eine Auferstehung", freut sich Michael Kohler), Wayne Wangs Film "Mr. Shi und der Gesang der Zikaden" (bester Film seit langem, meint Heike Kühn) und Bücher, nämlich Pascal Bruckners Buch "Der Schuldkomplex", Volker Weidermanns "Buch der verbrannten Bücher" und Jiro Taniguchis "großartige" Comicerzählung "Die Sicht der Dinge" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 10.04.2008

Rüdiger Schaper und Bernhard Schulz unterhalten sich mit dem neuen Präsidenten des Goethe-Instituts, der sich zum Verhältnis zu China sehr diplomatisch äußert: "Wir machen keine sprunghafte Tagespolitik, sondern arbeiten langfristig. Aber Tibet sensibilisiert uns natürlich. Doch bei jeder Konfliktsituation Verbindungen zu einem Land abzubrechen, würde dem kulturellen Dialog einen Bärendienst erweisen. Solange wir in unserer Arbeit frei sind und nicht zensiert werden, bleiben wir in China. Da nutze ich Tibet mehr als auf andere Weise."
Anzeige
Stichwörter: China, Tibet

TAZ, 10.04.2008

Als "Privatmythologie" bezeichnet Cristina Nord den Versuch von Regisseur Nikolai Muellerschoen, den Kampfflieger aus dem Ersten Weltkrieg Manfred von Richthofen in seinem Film "Der rote Baron" in einen Pazifisten umzudeuten. "Man weiß nicht, was haarsträubender ist: das Begehren, den Kriegshelden von einst zu einem Helden für heute zu machen und ihn zu diesem Zweck so weichzuspülen, dass nichts mehr von ihm übrig bleibt? Oder doch die Unbeholfenheit, mit der der Regisseur ans Werk geht? Wäre Film eine Fremdsprache, Muellerschoen besuchte gerade mal den Grundkurs."

Weitere Artikel: Andreas Fanizadeh resümiert eine Präsentation des Buchs "68 oder neues Biedermeier" von Albrecht von Lucke im Berliner Brecht-Haus, in dessen Verlauf sein Gesprächspartner Tilman Fichter von einer Frau im Publikum, der Schwester des 1971 als mutmaßliches RAF-Mitglied von der Polizei in Augsburg erschossenen Bruder Tommy Weisbecker, beschuldigt wurde, Lügen über ihre Familie zu verbreiten. Nicole Hess wirft einen kritischen Blick auf die aktuelle britische Filmindustrie und stellt das Festival Britspotting vor, das mit innovativen Filmen durch deutsche Städte tourt. Jörg Sundermeier fragt aus Anlass der Entstehung eines weiteren Grass-Hauses in Göttingen, wie viele davon es eigentlich noch geben muss.

Besprochen werden die mutmaßlich erste Inszenierung von Taboris "Mein Kampf" durch einen israelischen Regisseur - Avishai Milstein - im Freiburger Off-Theater E-Werk und eine Doppel-DVD mit Stop-Motion-Animationsfilmen der Brüder Quay.

In tazzwei macht Matthias Bröckers gegen die Witwe von Frank Zappa mobil, die die Zappanale, das mittlerweile weltgrößte Festival zappaesker Musik, im August in Bad Doberan juristisch verhindern will.

Schließlich Tom.

Welt, 10.04.2008

Mal brennt sie, mal brennt sie nicht: die olympische Fackel. Matthias Heine nimmt die aktuelle Diskussion zum Anlass für eine kleine Kulturgeschichte der Fackel von Karl Kraus über die Neuerfindung des Fackellaufs für die Nazi-Spiele 1936 bis zum Marvel-Superhelden "The Human Torch". Zur olympischen Vorgeschichte nur so viel: "Es gab bei den Griechen zwar Fackelläufe, aber das waren Volksvergnügungen in den Stadtstaaten, verlgeichbar dem heutigen Eierlaufen: Verschiedene Läufer wetteiferten miteinander darum, möglichst schnell ins Ziel zu kommen und trotzdem das Feuer am Brennen zu halten."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek hat sich mit dem sino-amerikanischen Filmregisseur Wayne Wang über die chinesische Geschichte, Chinesen in den USA und seinen - weiter hinten auch besprochenen - neuen Film "Mr. Shi" unterhalten. Peter Zander hat den "roter Baron"-Darsteller Matthias Schweighöfer befragt. An Axel Springers Amerika-Besuch im Jahr 1968 erinnert Ernst Cramer. Ulrich Weinzierl informiert über heftigen Streit um eine Alfred-Hrdlicka-Jubiläumsausstellung im Wiener Dommuseum. Eckhard Fuhr kommentiert den Streit um den Marktwert des Karl Mayschen Nachlasses.

Auf der Forums-Seite wird in Auszügen eine Rede des Soziologen Wolf Lepenies abgedruckt, die er zur Präsentation von Band II des deutsch-französischen Geschichtsbuchs gehalten hat. Bei aller Zustimmung gibt es auch kritische Anmerkungen wie die, dass der deutsch-französische Antiamerikanismus als Ausdruck von "Modernisierungsängsten" und "Demokratieskepsis" zu kurz komme.

Auf den politischen Seiten berichtet Richard Herzinger, dass die Bundeszentrale für politische Bildung wegen der drastisch antiisraelischen Äußerungen ihres Mitarbeiters Ludwig Watzal unter Druck gerät: "'Wir sind sehr unglücklich mit den publizistischen Aktivitäten von Watzal zu Israel und Palästina', sagte ein Sprecher der Bundeszentrale der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine. Zu einer Entlassung Watzals sah sich die bpb aber aus arbeitsrechtlichen Gründen bisher nicht imstande."

Besprochen werden die große Hamburger F.C. Gundlach-Retrospektive, die Schönberg-Kurzopern-Trilogie in Leipzig und Filme, darunter Sidney Lumets Thriller "Tödliche Entscheidung".

SZ, 10.04.2008

Als besonderes Highlight auf den Kulturseiten der SZ-Online empfehlen wir heute die Bilderstrecke "Der Hasenkönig und die Playmates von nebenan", in der das kulturelle Wirken Hugh Hefners gewürdigt wird.

Im Papier zieht der irakische Schriftsteller Najem Wali eine recht deprimierte Bilanz des Kulturlebens im Irak fünf Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins: "Der derzeitige irakische Staat scheint an einer Förderung der Künste und Literatur nicht interessiert zu sein. Vielmehr ist er mit der Förderung religiöser Feiern beschäftigt sowie damit, sich selbst zu loben. Es spricht Bände, dass das Amt des Kulturministers seit über einem Jahr unbesetzt ist und der unter Mordverdacht stehende Ex-Kulturminister auf der Flucht ist."

Weitere Artikel: Gerhard Matzig beichtet über Proteste von Architekten und Ingenieuren gegen die Novellierung der "Honorarordnung für Architekten und Ingenieure" (HOAI). Günter Kowa resümiert einen Streit um die Frage, was mit dem monumentalen Marx-Relief der Uni Leipzig geschehen soll. Stephan Opitz macht sich Gedanken über die Bedingungen privater Kulturförderung in Europa.

Besprochen werden Puccinis "La Boheme" an der Komischen Oper Berlin, neue Theaterproduktion in Köln und Bonn, Robert Luketics Film "21", Sidney Lumets Thriller "Tödliche Entscheidung" und Bücher, darunter Uzodinma Iwealas Roman "Du sollst Bestie sein" und Santiago Roncagliolos Roman "Roter April" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Medienseite unterhält sich Tobias Moorstedt mit Lee Brenner von MySpace über die Auswirkungen des US-Wahlkampfs auf soziale Netzwerke. Constanze von Bullion berichtet über den Stasi-Ausschuss bei der Berliner Zeitung. Gemeldet wird, dass Mitarbeiter der Hamburger Morgenpost, die wie die Berliner Zeitung zum Konzern von David Montgomery gehört, gegen geplante Entlassungen protestiert wird. Online empfiehlt Christian Kortmann eine Parodie auf "Couragebambi" Tom Cruise bei Youtube.

FAZ, 10.04.2008

Julia Spinola hat, aufmacherseitenfüllend, den deutschen Filmemacher Florian Henckel von Donnersmarck zu der Angelegenheit mit der kurz mal möglich scheinenden "Ring"-Inszenierung in Baden-Baden und zu seinem Verhältnis zu Wagner befragt. Zu erfahren ist, dass Donnersmarck absagen musste, weil er einfach Größeres, ja, Großes, wenn nicht sogar Riesengroßes vorhat: "Ich habe Herrn Mölich-Zebhauser unter Vorbehalt getroffen und ihm dann kurz nach dem Treffen geschrieben und abgesagt, mit der Erklärung, dass ich glaubte, sogar Wagner selber würde mir raten, besser meinen eigenen 'Ring' zu schreiben und zu inszenieren, als seinen neu zu interpretieren." Was natürlich nicht heißt, dass er es nicht besser gemacht hätte als all die "ungebildeten, ungepflegten Chaos-Regisseure, die man zurzeit so oft sogar auf Wagner loslässt, selbst an den großen Häusern". (Hier eine gepflegte Zusammenfassung des Gesprächs.)

Auf der letzten Feuilleton-Seite geht Jürgen Kaube in mancher Einzelheit auf den im Perlentaucher dokumentierten Streit zwischen Jochen Hörisch und Burkhard Müller ein und befindet in der Hauptsache, es gehe um nicht mehr als eine "öffentliche Rauferei unter Literaturdozenten unterschiedlicher Besoldungsstufe". (Hier Hörischs offener Brief an Müller, hier Müllers Antwort. Und hier der Einwurf des Schriftstellers Georg Klein.)

Weitere Artikel: Kerstin Holm berichtet vom russisch-ukrainischen Streit um den "Holodomor", den Völkermord an (nicht nur) ukrainischen Landwirten durch Hungertod im Jahr 1932/3, der nach Ansicht Alexander Solschenizyns keiner gewesen sein soll. Christian Pricelius informiert über den aktuellen Stand in Sachen Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses. In der Glosse geht es darum, wie leicht Ralf Dahrendorf (Foto) mit Walter Kempowski (Foto) und Andrea Nahles (Foto) mit Ingo Schulze (Foto) zu verwechseln ist. Joachim Müller-Jung schildert den Fall einer Berliner Familie, die in China Heilung ihrer das Gehirn zerstörenden Erbkrankheit sucht. Gerwin Zohlen porträtiert den Architekten Markus Braun, der, entnervt vom Berliner Hickhack um einen Großauftrag, sein Büro geschlossen hat. Auf der Medienseite meldet Michael Hanfeld ganz kurz eine interessante Gesetzesinitiative des Europäischen Parlaments: Es fordert die EU-Kommission dazu auf, die Ausstrahlung synchronisierter Programme in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern zu verbieten. Matthias Rüb hat das neu eröffnete Washingtoner Nachrichtenmuseum "Newseum" besucht.

Auf der Kinoseite stellt Michael Althen "Scenario 2", das neue Jahrbuch der Drehbuchschreiber vor. Dieter Bartetzko gratuliert dem Schauspieler Hardy Krüger zum Achtzigsten.

Besprochen werden Sidney Lumets Film "Tödliche Entscheidung", das Darmstädter Tourneeauftaktkonzert von Manfred Krug und dem Berlin Jazz Orchestra vor halb leerem Saal und Bücher, darunter Margriet de Moors Novelle "Der Jongleur" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 10.04.2008

Katja Nicodemus hat Sidney Lumet (dessen neuen Film "Tödliche Entscheidung" sie als "Fahrt zur Hölle, ins geldversessene Herz der amerikanischen Mittelklasse und in den Abgrund einer Familie" rühmt) in New York besucht. Durch die halbe Stadt hat der 83-Jährige sie gejagt - "als gebe es kein morgen": "Irgendwann steuert Lumet eine Bank am nördlichen Ende des Central Park an. Er spricht von der Kriminalität und von der Armut in seiner Stadt, die sich für die Touristen zurzeit vor allem als Shopping-Paradies der Fifth Avenue präsentierte. Er erzählt von den Gegensätzen auf engstem Raum, der Paranoia und der Aggression. Und vom Gegensatz zu Hollywood, das für ihn immer ein künstlicher geblieben ist. 'Hollywood-Filme', sagt er, 'lieben die Moral. In New York hingegen ist es schwerer, eindeutige oder moralische Filme zu drehen. Moralisten sind Menschen, die andere Menschen verurteilen."

Weiteres: Martin Klingst begibt sich nach Chicago, wo Barack Obama einst als Sozialarbeiter in den schwarzen Communities arbeitete. Hanno Rauterberg preist Oslos spektakuläre neue Oper: "Keine schrillen Gesten, nichts, was Stolz und Bedeutung abstrahlen würde." Georg Seeßlen schreibt zum Tod von Charlton Heston. Tobias Rapp stellt Gnarls Barkley als seltsamstes Paar der Popgeschichte vor. Besprochen werden die beiden Hamburger Inszenierungen, Peter Zadeks "Nackt" und Michael Thalheimers "Hamlet" und Claudio Abbados "Fidelio" in Reggio Emilia.

Im Aufmacher des etwas schwindssüchtigen Literaturteils bespricht Gunter Hofmann neue Bücher zur Lage der Demokratie in der Welt.

Im Politikteil schildert Götz Hamann, wie sich die Redaktion der Berliner Zeitung gegen zwei Bedrohungen zu behaupten versucht, "den maßlosen Renditeplan von oben und der Lüge von innen".