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Essay

Sehr geehrter Herr Hörisch

Von Burkhard Müller
08.04.2008. Es ist nicht pöbelhaft, das Buch eines Würdenträgers unverblümt ein schlechtes Buch zu nennen. Eine Erwiderung auf Jochen Hörisch
Sehr geehrter Herr Hörisch,

von einer längeren Reise zurückgekehrt, habe ich feststellen müssen, dass Sie an zahlreiche Personen und Institutionen des Literaturbetriebs einen "offenen Brief" verschickt haben, in dem sie sich mit einer von mir geschriebenen Rezension Ihres jüngsten Buchs befassen. Eine vorläufige Erwiderung darauf hat bereits Georg Klein im Perlentaucher gegeben; doch möchte ich Ihnen auch meine persönliche Antwort nicht vorenthalten.

Ich möchte mit dem beginnen, was Sie in meiner Rezension für sachlich unberechtigte Kritik halten. Das lateinische Alphabet hat keineswegs, wie Sie behaupten, 24 Buchstaben, sondern 20. Das K wird später ausgemustert, dafür zwischen C und G differenziert. Für griechische Fremdwörter sind auch Y und Z im Gebrauch, das macht 22 für die ganze Antike. I und J werden nicht geschieden, ebenso wenig U und V - das geschieht erst im Lauf des Mittelalters. An sinnentstellenden lateinischen Druckfehlern finde ich zum Beispiel das Folgende: S. 28, letzte Zeile des lateinischen Zitats: "admisse" statt "admissi"; S. 29, 11. Zeile von unten: "illorium" statt "illorum"; S. 29, 10. Zeile von unten: "trum" statt "tum"; S. 29, 10. Zeile von unten: "hoc" statt "huc"; S. 30, 1. Zeile des lateinischen Zitats: "dedut" statt "dedit". Das ist die Ausbeute von knapp drei Seiten, es soll genügen; es gibt aber noch viel mehr dieser Art. Ihre Äußerung von der "unmaßgeblichen altphilologischen Kompetenz des neuphilologischen Verfassers" erachte ich nicht als Bescheidenheit, sondern als kleine Koketterie, wofür jedenfalls die große Menge der ja doch nicht wirklich im Original erforderlichen Zitate spricht.

Insgesamt stelle ich fest, dass Sie die Zielrichtung meiner Kritik nicht verstanden haben. Es hat mir nicht daran gelegen, Ihnen sachliche Fehler nachzuweisen (dann wäre die Liste noch viel länger geworden), sondern gewisse Unarten zu dokumentieren, etwa Ihren Gebrauch des Wortes "bekanntlich". Diese Unart wird von vielen Autoren geteilt, und es schien mir eine günstige Gelegenheit, anhand eines besonders schlagenden Falls die Sache mal grundsätzlich anzugehen. Wenn Sie voller Trotz auf einer unangemessen weiten Definition des Wortes "Paradox" beharren, dann umgehen Sie den wesentlichen Punkt, nämlich dass Sie hier den vorgeblichen Zweck einer Begriffserläuterung weit hinter sich lassen, um einer gänzlich überflüssigen Assoziationskette zu folgen. Um den Geist des bürgerlichen Rechts und seinen Unterschied zum Geist des Strafrechts mit Ihnen zu streiten, halte ich für ein aussichtsloses Unterfangen. Sie wissen ganz gut, dass es diesen Unterschied gibt, würden es bestimmt auch jederzeit in neutraler Umgebung zugeben, aber um keinen Preis der Welt mir gegenüber. Und die Tatsache, dass im "Stopfkuchen" viele Faust-Anspielungen vorkommen, trägt wenig dazu bei, Ihre eigenen Fortführungen in dieser Richtung zu begründen.

Nach diesen leider erforderlichen Detail-Anmerkungen komme ich zum Kern. Sie schreiben, dass Sie von mir eine "Entschuldigung" erwarten. Denken Sie wirklich, dass ein Rezensent, der seine Aufgabe so ernst nimmt wie er sollte und wie wenigstens ich es getan habe, seine wohlverantwortete Kritik so ohne weiteres zurückziehen wird, bloß weil sich jemand beleidigt fühlt? Es gibt für eine solche Entschuldigung keinerlei sachlichen Grund.

Und Sie meinen ja auch etwas ganz Anderes. Was Sie wirklich im Sinne haben, ist eine Demonstration der Macht von Ihrer Seite, auf die gefälligst eine Geste der Unterwerfung meinerseits zu erfolgen habe. Sie leben in einer Welt, wo der Ober den Unter sticht und wo Studenten und Assistenten beim Herrn Professor gut Wetter machen müssen, weil sie total von ihm abhängen. Und so, glauben Sie, sollte es auf der Welt überhaupt zugehen. Nichts hat so sehr die Wut in Ihrem langen konfusen Schreiben angefacht, wie dass jemand, den Sie als einen Unterling wahrnehmen, sich gegenüber einem Würdenträger wie Ihnen die Frechheit herausnimmt, Ihr Buch unverblümt ein schlechtes Buch zu nennen. Das ist es, was Sie "pöbelhaft" finden - um diese Vokabel, die Stil, Ton und Absicht meines Texts in einer für einen Philologen erstaunlichen Weise verkennt, kreist Ihr ganzer Brief, das ist seine Obsession. Mit einer bezeichnenden Wendung sprechen Sie davon, Ihre Äußerungen seien "zustimmungspflichtig". Der wolkig drohende Ton Ihrer ersten Epistel, die ich gleichfalls erst bei meiner Rückkehr vorgefunden habe und in der Sie mir in Aussicht stellen, was Sie schon getan hatten, als ich zurückkam, hat mir, lieber Herr Hörisch, aufs Äußerste missfallen. Sie haben zuvor einen Brief an Thomas Steinfeld geschrieben, worin Sie die Sache von Chef zu Chef abmachen wollten. Das hat nicht funktioniert, Sie haben postwendend die verdiente Abfuhr gekriegt. Nun wollen Sie das Schlachtfeld erweitern und durch Ihren "offenen Brief", dessen Adressenliste Sie im Briefkopf wie zu einer Heerschau aufbieten, die Macht Ihrer persönlichen Beziehungen spielen lassen. Auf insinuierende Weise (denn zur Offenheit fehlt Ihnen dann doch der Mumm) schlagen Sie vor, dass gegen mich ein allgemeiner Boykott verhängt wird. Nicht Erörterung verlangen Sie, sondern Kaltstellung des Ihnen Missliebigen.

Ich habe es sehr ernst gemeint, als ich Ihnen einen ernsten Freund gewünscht habe, der Ihnen mahnend zur Seite steht und es durch beharrliches Nachfragen zu verhindern weiß, dass Sie zu schnell mit sich selbst zufrieden sind. Ihnen hat zu lange keiner widersprochen; das war nicht gut für Sie. Ihr Brief verrät viel mehr über Sie selbst als über den Gegenstand Ihres Zorns; er spricht von einem Menschen, den die Umstände selbstherrlich und geistig bequem gemacht haben, vor allem aber, was in der Republik der Geister niemandem verziehen wird, autoritär. Im Gegensatz zu Ihnen verlange ich keine "Entschuldigung"; ich fände es genug, wenn Sie darüber mal in der Stille nachdenken.

Mit freundlichen Grüßen
Burkhard Müller

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