Heute in den Feuilletons

Primat des schönen Klangs

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.04.2008. In der taz erklärt Ralf Dahrendorf: 1968 war ein Schlusspunkt. Was ist schweizerisch, fragt die NZZ: Und Sibylle Berg antwortet: die "größtmögliche Abwesenheit von Angst". Der Tagesspiegel kritsiert Alexander Solschenizyn, der den Holodomor nicht als Genozid anerkennen will. Die FAZ sucht nach verschwundenen Akten zur RAF. Alle gedenken Herbert von Karajans, aber nicht allen fällt viel ein.

TAZ, 05.04.2008

Fürs taz mag haben sich Susanne Lang und Jan Feddersen mit Lord Ralf Dahrendorf unterhalten. Über die FDP und die Grünen, die sich zu nahe sind, um sich zu verstehen. Und über 1968: "Ich bin fest davon überzeugt, dass die eigentlichen Reformen vor 1968 mit dem Beginn der Brandt-Scheel-Regierung geschehen sind, '68 war im Grunde ein Schlusspunkt, nicht der Anfang. Nehmen Sie die große Bildungsdiskussion - die Reform des Bildungsbürgerrechts wurde 1963/64 umgesetzt. Und Brandts Regierungserklärung, ja, die war unglaublich, toll. Aber wenn man sie sich genauer ansieht, beinhaltet sie keine Vorschläge für Veränderungen mehr."

Nicht gerade begeistert ist Brigitte Werneburg von dem, was sie auf der fünften Berlin Biennale (Website) zu sehen bekam: "'Wenn die Dinge keine Schatten werfen', trägt sich die 5. Berlin Biennale mit ihrem Titel hochpoetisch dem Publikum an. Was immer das meint, am Ende des Ausstellungsparcours macht man sich seinen eigenen Reim darauf, der lautet, dann waren Streber am Werk."

Weitere Artikel: Dirk Knipphals sieht das hessische Wahlergebnis im Licht der deutschen Politromane der Saison - oder vielleicht auch umgekehrt. Kathrin Bettina Müller stellt das ambitionierte Theaterhaus Jena vor, bei dem für untertarifliche Löhne Überdurchschnittliches geleistet wird. Besprochen werden das Debüt "Antidotes" der Oxforder Band "Foals" und Bücher, darunter Andreas Neumeisters neuer rhythmisierter Reise-Prosaband "Könnte Köln sein" und Margot Friedlanders mit Malin Schwerdtfeger verfasste Erinnerungen "'Versuche, dein Leben zu machen.' Als Jüdin versteckt in Berlin" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf den vorderen Seiten porträtiert Alexander Cammann den Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer, der in diesem Jahr den Heinrich-Mann-Preis für Essayistik erhält. Heike Holdinghausen kommentiert den Umgang der Berliner Zeitung mit ihren Stasi-Fällen: "Die Redaktion der Berliner Zeitung hat daher in der vergangenen Woche alles richtig gemacht."

In der zweiten taz entwirft Martin Reichert eine Berliner Rauchverbotsumgehungstypologie. Barbara Dribbusch denkt über Generationenkonflikte im Zeitalter der Rentenpromilldebatten nach. Jörn Kabisch fragt, ob italienischen Nahrungsmitteln noch zu trauen ist.

Und Tom

Welt, 05.04.2008

Die Literarische Welt diskutiert die Frage, ob Vladimir Nabokovs letztes Romanmanuskript verbrannt werden sollte, wie es Nabokovs Sohn ab und zu androht. Hannes Stein sammelt Stimmen. John Banville ist gegen das Autodafe: "Ich persönlich würde sehr gern lesen, woran Nabokov am Ende gearbeitet hat, auch wenn meine Erwartungen nicht übermäßig hoch wären." Tom Stoppard plädiert für die Verbrennung: "Bei allem Respekt, wir müssen das einzige Faktum respektieren: nämlich, dass er gesagt hat 'Verbrennt es'."

Außerdem in der Literarischen Welt: Elmar Krekeler plädiert gegen die auch posthum so populären Denker Carl Schmitt und Martin Heidegger für historische Gerechtigkeit gegenüber denkenden Demokraten wie Richard Löwenthal und Ernst Fraenkel. Der Philosoph Otfried Höffe denkt über das Desiderat eines "Weltbürgerrechts" nach. Besprochen werden unter anderem Wilfried Nippels Biografie über Johann Gustav Droysen und Dan Diners neues Buch "Gegenläufige Gedächtnisse - Über Geltung und Wirkung des Holocaust".

Im Feuilleton schreibt Manuel Brug über Herbert von Karajan, der mit Bette Davis zumindest den Geburtstag vor genau hundert Jahren gemeinsam hat - hier entledigt sich Clauda Lenssen der Gedenkpflicht. Passend dazu Hanns-Georg Rodeks Kommentar über den Gedenkwahn vieler Medien, die am liebsten Jahrestage erfinden würden, um sich nicht mehr auf die Aktualität einlassen zu müssen. Michael Pilz feiert das Comeback der Gruppe Portishead, die eine neue CD herausgebracht hat und auf Tournee geht. Und Gabriele Walde unternimmt einen Rundgang durch die Berliner Biennale.

FR, 05.04.2008

Zwei Große ihres Fachs wären hundert geworden heute. Bette Davis, an deren subtile Kunst Gerhard Midding erinnert: Ihre große Kunst ist nicht die Verstellung, sondern das Vermögen, ihr Publikum darin einzuweihen... "

Und Herbert von Karajan, dem Hans-Jürgen Linke dergleichen Subtilitäten nicht nachsagt: "Eine Dirigentenpose, die viele Klischees gezeugt hat und wohl selbst von Anfang an eines war - vielleicht ist es vor allem das, was von Herbert von Karajan blieb." (Naja, meine Herren, und vielleicht noch seine Aufnahme von "Cosi fan tutte" aus den Fünfzigern, oder?)

Weitere Artikel: Elke Buhr bedauert die deutlich vorherrschende "allgemeine Ernsthaftigkeit", von der die Kunst der fünften Berlin Biennale geprägt ist. Hans-Hermann Kotte verabschiedet die Dachantenne. In ihrer USA-Kolumne diagnostiziert Marcia Pally vorsichtig das Erwachen der "politischen Vernunft" in Amerika. Arno Widmann widmet der vor 190 Jahren patentierten Draisine eine Times Mager unter der Überschrift "Fortschritt". Christoph Schröder war dabei, als Alexander Pechmann in Frankfurt sein Buch "Die Bibliothek der verlorenen Bücher" vorstellte.

Besprochen werden ein Konzert des Ensemble Modern mit Musik von Peter Eötvös und anderen in der Frankfurter Alten Oper und Lukas Bärfuss' Ruanda-Roman "Hundert Tage" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Berliner Zeitung, 05.04.2008

Ganz so einfach war das mit Karajans viel beklagter Glätte-Ästhetik dann doch nicht, weiß Peter Uehling: "Karajan sprach gern vom Genuss, die Leute sollten nicht verstehen, sondern genießen, hat er einmal gesagt. Das klingt nach der Lizenz zum Weghören, aber als Unterhaltungskünstler hat sich Karajan gewiss nicht verstanden. Geradezu anachronistisch strebte er nach Schönheit in einem körperlichen Sinn, nicht umsonst waren seine Hauptarbeitsgebiete Rhythmus und Klang, die unmittelbar wirkenden Größen musikalischer Wirkung. Form wurde in große Rhythmen transformiert, Melodien in Klangflüsse. Das geschah jedoch nicht um des schieren Wohlbehagens willen, sondern im Streben nach einer buchstäblich körperlichen Verinnerlichung der Musik."
Stichwörter: Peter Uehling

NZZ, 05.04.2008

Was ist schweizerisch? fragt das Feuilleton. Für die Schriftstellerin Sibylle Berg bedeutet schweizerisch "die größtmögliche Abwesenheit von Angst". Hoo Nam Seelmann beschreibt den Zugvogel - ein Politiker, der die Partei wechselt - als einen gängigen Typus unter den koreanischen Parlamentariern. Jürg Zbinden schreibt zum Hundertsten von Bette Davis.

Besprochen werden eine Retrospektive des venezianischen Renaissancemalers Sebastiano del Piombo im Palazzo Venezia in Rom, die Uraufführung von Monique Schwitters Stück "Himmels-W" am Luzerner Theater und Bücher, darunter Uzodinma Iweala Roman "Du sollst Bestie sein!" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Karajan auch in Bilder und Zeiten. Andres Briner kann sich dem Phänomen nur nähern, indem er sich in Florestan und Eusebius aufteilt. Für Daniel Ender ist der Dirigent Karajan nicht erste Wahl: "Durch den Primat des schönen Klangs fehlt in Karajans Wiedergaben jede Spur des Abgründigen." Und der Musikwissenschaftler Jürg Stenzl erklärt mit dem Metronom in der Hand, warum Karajan "den neusachlichen Interpretationsmodus verkörperte".

Außerdem in Bilder und Zeiten: Friedhelm Rathjen beschreibt die Krise der irischen Literatur seit den neunziger Jahren. Markus Jakob stellt den katalanischen Prosaisten Josep Pla vor.

Tagesspiegel, 05.04.2008

Elke Windisch berichtet, dass Alexander Solschenizyn den "Holodomor" an den ukrainischen Bauern unter Stalin nicht als Genozid anerkannen will: "Der auch zu Hause wegen seiner Wandlung zum großrussischen Chauvinisten umstrittene Literat steht mit seinen Pöbeleien gegen den ostslawischen Bruder nicht allein: Auch die Duma verabschiedete dieser Tage eine Erklärung zum Thema."

SZ, 05.04.2008

Holger Liebs hat sich auf der fünften Berlin Biennale umgesehen - es war ein Blick eher in die Vergangenheit als in die Zukunft, meint er: "Der künstlerische Blick geht also zurück, melancholisch, aber nicht trauerumflort, vielmehr im Sinne einer Revision - zurück auf eine Zeit, als die Zukunft noch sichtbare Formen hatte, als es noch Visionen gab." Aus der New York Review of Books wird Nicholson Bakers Liebeserklärung an die Wikipedia übersetzt und, wenn auch in gekürzter Form, auf einer ganzen Seite nachgedruckt. Stefan Koldehoff bedauert den Sündenfall der Bremer Kunsthalle, die den Konsens durchbrach, dass man mit einem Beutekunstwerk nicht handelt. Nicht ganz einverstanden ist Martin Urban mit einer "Orientierungshilfe" (hier als pdf) der Evangelischen Kirche, die zwar gegen den "Kreationismus" argumentiert, es sich aber in ihrer Abgrenzung von den Naturwissenschaften zu leicht mache. Cord Riechelmann gratuliert dem Humangenetiker James Watson zum Achtzigsten. Neuerdings steht Giordano Bruno kopfüber am Potsdamer Platz: Auf der Literaturseite nimmt der Dichter Durs Grünbein die - von ihm erstaunlicherweise nicht als scheußlich empfundene - Giordano-Bruno-Skulptur von Alexander Polzin zum Anlass, über die Aktualität des atheistischen Philosophen nachzudenken.

Besprochen werden die Hamburger Uraufführung von Anja Hillings Stück "Nostalgie 2175", eine Münchner Aufführung einer neuen Sappho-Vertonung von Wilhelm Killmayer, das Bollywood-Historienepos "Jodhaa Akbar" und Ilija Trojanows Reportagen "Der entfesselte Globus" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erklimmt Willi Winkler die heute möglichen Höhen moderner Essayistik in qualitätsjournalistischen Samstagsbeilagen und spottet über die "windelweiche Religion" des Dalai Lama. Der Schriftsteller Georg M. Oswald hat den Testpiloten Dieter Thomas besucht, der 1969 als erste die senkrechtstartende Do 31 (Bild) flog. Auf der Historienseite geht es um das Treffen von Napoleon III. und Camillo Cavour in Plombieres im Jahr 1858. Im Interview spricht Rebecca Casati mit Max Raabe über "Schlager" und seine jüngsten Erfolge in den USA: "Auf die Amerikaner wirken wir einfach sehr deutsch. Und sehr eigentümlich."

FAZ, 05.04.2008

Der Justizjournalist Ulf G. Stuberger versucht seit Jahren, einen Einblick in die Akte 3 ARP 74/75 zu erhalten, die dreißig Jahre gesperrt und jetzt ganz verschwunden ist. Und darum geht's: 1975 war Ulrike Meinhof in Hannover festgenommen worden. Ebenfalls inhaftiert wurde ihr Begleiter Gerhard Müller. "Müller erklärte sich dazu bereit, als Zeuge der Anklage gegen seine RAF-Komplizen auszusagen. Obwohl es damals kein Kronzeugengesetz in Deutschland gab, wurde ihm möglicherweise als Gegenleistung für seine Aussagen zugesagt, ihn nicht wegen Mordes anzuklagen. Müller ist höchst verdächtig, 1971 einen Polizeibeamten bei einer Kontrolle erschossen zu haben. Es ist bekannt, dass es über die Aussagen Müllers gegenüber der Polizei eine sehr umfangreiche Akte gab, in der mit größter Wahrscheinlichkeit nachzulesen sein würde, dass Müller den Polizistenmord zugegeben hat. (...) Müller selbst ist nach einer sehr milden Verurteilung unter Aussparung des Mordvorwurfs und seiner vorzeitigen Freilassung angeblich spurlos verschwunden."

Weitere Artikel: Niklas Maak führt durch die heute beginnende Berlin Biennale. Benno Müller-Hill schreibt zum Achtzigsten des Genforschers James Watson. Jürgen Dollase blättert durch französische Gourmetzeitschriften und stellt fest: Hier zählt nur die französische Küche. Marcus Jauer porträtiert Rüdiger Ettingshausen, den Geschäftsführer der Linkspartei in Sachsen-Anhalt.

Besprochen werden ein Konzert von Curtis Stigers in Frankfurt und Bücher, darunter John Burnsides Roman "Die Spur des Teufels" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr). Auf der Schallplatten- und Phono-Seite empfiehlt Eleonore Büning einige Karajan-CDs. Besprochen werden außerdem CDs von Gnarls Barkley und Duffy.

Sicher, es gab ihn, den "sterilen, unbeweglichen Allerweltssound", für den Karajan heute gern kritisiert wird, schreibt Julia Spinola in Bilder und Zeiten. "Er tönt einem zum Beispiel aus der letzten seiner drei Gesamteinspielungen der Beethoven-Symphonien vielerorts entgegen: leer, anonym, belanglos. Viel häufiger aber, das lässt sich anhand der Fülle an Aufnahmen heute gut nachvollziehen, klangen seine Interpretationen auch ganz anders: feurig, klar, explosiv und gar nicht so, wie es das Karajan-Klischee will."

Außerdem: Tobias Rüther stellt sich ein Leben ohne die Rolling Stones vor. Felicitas von Lovenberg spricht mit Hanif Kureishi über dessen neuen Roman "Das sag ich dir". Der Mediziner Remo H. Largo erklärt im Interview, wie wichtig feste Bezugspersonen für Kinder sind.

In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius ein Gedicht von Else Lasker-Schüler vor:

"Georg Trakl

Seine Augen standen ganz fern.
Er war als Knabe einmal schon im Himmel.
Darum kamen seine Worte hervor
Auf blauen und auf weißen Wolken.
Wir stritten über Religion,
..."