Heute in den Feuilletons

Schön, dass er wieder da ist

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.04.2008. Die FR dokumentiert einen Text der chinesischen Menschenrechtler Hu Jia und Teng Biao über Menschenrechtsverletzungen in Vorbereitung der kommenden Olympiade. Die FAZ resümiert den Bloggerkongress re:publika und bezweifelt, dass Blogger je die Zeit für einen Essay finden werden. Und dann Theater: Die FAZ fand Zadek gut und Thalheimer schlecht, Welt und SZ sehen's umgekehrt. Die NZZ fand beide schlecht.

FR, 07.04.2008

Zwangsumsiedlungen, inhaftierte Journalisten, ausgeschlossene Sportler: Die FR dokumentiert einen Text der chinesischen Menschenrechtler Hu Jia (der gerade ins Gefängnis gesteckt wurde) und Teng Biao über Menschenrechtsverletzungen in Zusammenhang mit Olympia. Eine davon: "Fang Zheng, ein herausragender Sportler, der zwei nationale Rekorde im Diskuswerfen hält, darf an den Paralympischen Spielen 2008 nicht teilnehmen, weil er ein lebender Beweis für das Massaker vom 4. Juni 1989 ist. An jenem Tag überrollte ihn auf dem Platz des Himmlischen Friedens ein Panzer, als er versuchte, einem befreundeten Studenten zur Hilfe zu kommen, und zerquetschte ihm beide Beine."

Arno Widmann berichtet, wie bei den Aschaffenburger Gesprächen über 1968 Götz Aly (mehr hier) den CDU-Politiker Jörg Schönbohm niederschrie: "Schönbohm lächelt ganz ruhig, zeigt mit dem Finger auf Aly, und als der Luft holt, sagt er, nahe ans Mikrofon heranrückend, aber ohne die Stimme zu heben: 'Da haben sie einen leibhaftigen Achtundsechziger. So waren sie. So sind sie.' Brausender Beifall."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte schreibt den Nachruf auf Charlton Heston. Hans-Jürgen Linke kommentiert den Umstand, dass bei der Münchner Reihe "Musica Viva" Dror Feilers Komposition "Halat Hisar" wegen unzumutbarer Lautstärke abgesetzt wurde.

Besprochen wird Michael Thalheimers "Hamlet"-Inszenierung am Hamburger Thalia Theater.

Welt, 07.04.2008

Zwei Premieren in Hamburg auf der Feuilleton-Startseite. Zum einen Peter Zadeks Rückkehr nach schwerer Krankheit mit Pirandellos "Nackt" - Matthias Heine ist bei allem Respekt nicht ganz überzeugt: "Es ist schön, dass er wieder da ist. Aber dieses Comeback hielt doch nicht, was sich in Wahrheit ohnehin keiner versprochen hatte. Es ist eine ordentliche, realistische Inszenierung, aber wenn ein junger Regisseur damit debütiert hätte, würde man sich kaum vor seinem Genie in den Staub werfen."

Ganz anders Stefan Grund über Michael Thalheimers "Hamlet" am Thalia Theater: Thalheimer setzt "in seinem klaren, psychologisch ausgefeilten Stil einen wahrlich ausgewachsenen, gewaltigen 'Hamlet' auf ... die Spielfläche eines quadratischen Schachbrett-Parketts."

Weitere Artikel: Im Kommentar zeigt sich Hannes Stein von Germaine Greers feministischen Thesen zu Shakespeares Ehefrau Anne Hathaway nicht überzeugt. Michael Loesl hat die Sängerin Katie Melua interviewt. Sven Felix Kellerhoff erzählt anlässlich des Filmstarts von "Der rote Baron" die wahre Geschichte des Manfred von Richthofen. Gerhard Midding schreibt zum Tod des Hollywood-Stars Charlton Heston. Auf der DVD-Seite erklärt Thomas Lindemann die Eigenheiten des neuen, hochauflösenden "Blu-ray"-Video-Formats und meint: "Cineasten alten Schlags werden keine Freude daran haben", da das Bild zu sauber und zu flach wirkt. Auf der Forum-Seite informiert Hannes Stein über Artikel im New Yorker und der New Republic über Urlaubsfotos aus Auschwitz und das Oineg-Schabbes-Projekt, das die Zustände im Warschauer Getto dokumentierte.

Besprochen werden neue DVDs, darunter eine Edition von Krysztof Kieslowskis gesamtem "Dekalog" und der ZDF-Film "Stürmische Zeiten".

Tagesspiegel, 07.04.2008

Unter dem Titel "Sterben für Tiflis?" plädiert Alexander Gauland gegen eine Aufnahme der Ukraine und Georgiens in die Nato (und scheint sich nicht darüber im klaren zu sein, dass er mit seinem Titel den französischen Faschisten Marcel Deat zitiert, der unter dem Titel "Mourir pour Dantzig?" einen Kriegseintritt Frankreichs gegen die Nazis ablehnte).
Anzeige

Twitterfeed der Verlage

TAZ, 07.04.2008

Es bewegt sich was in Essen, stellt Christian Rakow fest und deshalb das rührige Grillo-Theater vor, dass sich in kurzer Zeit zu einer der ersten Spielstätten für den Nachwuchs gemausert hat. "Seit Intendant Anselm Weber das Essener Schauspiel 2005 nach 13 eher behaglich provinziellen Jahren unter Jürgen Bosse übernahm, überschlägt sich die regionale Presse. Mehrfach wurde das Grillo zum Theater des Jahres in NRW gekürt. Zentrale Arbeiten wie Nuran Calis' 'Homestories' (2006) oder David Böschs 'Woyzeck' (2007) reicht man als Vorschläge zum Berliner Theatertreffen weiter. Dass der Aufstieg in Essen mit Anlaufschwierigkeiten der neuen Intendanten in den benachbarten Renommierhäusern Bochum (Elmar Goerden) und Düsseldorf (Amelie Niermeyer) zusammenfiel, soll das Bild nicht trüben."

Weitereres: Bert Rebhandls schreibt einen Nachruf auf Schauspieler und Wafffenlobbyist Charlton Heston. In der zweiten taz fallen Eva-Maria Simon neue christliche Freikirchen auf, die die kirchenskeptische Gruppe der 20- bis 30-Jährigen mit lockeren Event-Gottesdiensten ansprechen. Eine Besprechung widmet sich der Berlin-Autobiografie "Das schöne Leben" von Christiane Rösinger.

Und Tom.

NZZ, 07.04.2008

Barbara Villiger Heilig kehrt unglücklich von den beiden Hamburger Großpremieren zurück: Peter Zadeks Inszenierung von Pirandellos Rührstück "Nackt" verbreitete so viel Italianita, dass es ein "theatralischer Graus" ist, stöhnt sie, und Michael Thalheimers "Hamlet" sei übertrieben gestylt: "Lebendig ist hier in der Tat gar nichts, alles künstlich."

Maike Albath trifft den Autor Andrea Camilleri, dessen neuester Krimi "Il campo del vasaio" gerade wieder auf Platz eins der Bestsellerliste steht. "Er ist bester Dinge, obwohl ihn die sittliche Verwahrlosung Italiens zur Weißglut treibt." Abgedruckt wird Joachim Güntners Vortrag über sinkende Geburtenraten und apokalyptische Zukunftsszenarien. Jürg Zbinden schreibt zum Tod von Charlton Heston. Thomas Sträter weist auf Dichter-Jubiläen in Brasilien hin.

Besprochen wird der Ballettabend "Darting Dance" im Theater Basel.

Spiegel Online, 07.04.2008

Gunther Latsch hat sich die ziemlich gut besuchte Website Muslim-Markt angesehen, die von zwei "bekennenden Fundamentalisten", den Delmenhorstern Yavuz und Gürhan Özoguz, betrieben wird und nicht viel von Integration hält: "Da trifft es sich gut, dass die Delmenhorster Muslim-Brüder in ihrem Markt auch einen 'Mustertext' für einen 'Brief an Klassenlehrer und Schulleitung' anbieten. Mit dem können muslimische Eltern beantragen, ihre Töchter vom koedukativen Schwimmunterricht freizustellen. Denn 'gemäß den religiösen Geboten des Islam erreicht ein Mädchen spätestens mit neun Mondjahren die religiöse Reife', erläutern die Brüder Özoguz, und deshalb müsse schon ein Grundschulkind 'seinen Körper (bis auf Gesicht und Hände) vor fremden Männern und Jugendlichen' verhüllen. Damit die Befreiung vom Schwimmunterricht auch wirklich klappt, enthält der Briefentwurf Verweise auf Urteile deutscher Verwaltungsgerichte, die Ausnahmegenehmigungen für den Schwimmunterricht befürwortet hatten."

SZ, 07.04.2008

Auch Till Briegleb war in den Hamburger Thalheimer- und Zadek-Inszenierungen. In Thalheimers "Hamlet" war es vor allem das Paar "Felix Knopp als König Claudius und Norman Hacker als sein politisches Werkzeug Polonius ein Duo Infernale der Spiegelfechterei, das den Ton den Abends prägt". Warum diese beiden Hamlet in einen Gewissenskonflikt stürzen sollten, blieb allerdings unklar. Tief enttäuscht war Briegleb dann von Zadek, der Pirandellos "Nackt" als "klappernde Klamotte" inszeniert habe: "Dass Zadek einen zeitgenössischen Zugriff wagen oder gegenwärtige Schicksale aus dem Stoff befreien würde, war nicht zu erwarten. Aber dass er die psychologischen Qualitäten seines etwas unzeitgemäßen 'Menschentheaters' und die Akkuratesse des Geschichtenerzählens dermaßen ignoriert, grenzt an Selbstdemontage."

Geert Wilders Film "Fitna" ist zwar von der Meinungsfreiheit gedeckt, meint Stephan Speicher. Doch sollten die Bürger "nach Kräften ihren Abscheu vor der Rohigkeit ausdrücken, also auch vor einem Machwerk wie dem von Wilders. Justiz- und Innenminister aber bleiben selbstverständlich verantwortlich für die Freiheit und Sicherheit des Pamphletisten."

Weitere Artikel: Niklas Hofmann erzählt in seinen Nachrichten aus dem Netz, wie sich Veltroni (hier und hier), Berlusconi (hier) und De Michelis (hier) mit Wahlkampfsongs bekämpfen. Susan Vahabzadeh resümiert die Film-Diagonale in Graz. Der Science-Fiction-Autor William Gibson spricht im Interview nicht über seinen neuen Roman "Spook Country", aber über das Ende des Cyberpunk und der Boheme. Karl Lippegaus gratuliert dem Jazztrompeter Freddie Hubbard zum Siebzigsten. Frank Fischer erinnert an den vor 250 Jahren mit 20 gestorbenen Dramatiker Joachim Wilhelm von Brawe. Fritz Göttler schreibt den Nachruf auf den Schauspieler Charlton Heston.

Besprochen werden eine Trilogie von Schönberg-Einaktern - "Moderne Menschen" - an der Oper Leipzig, die Ausstellung "Thomas Demand. Camera" in der Hamburger KunsthalleDeborah Hays Choreografie "If I sing to You" im Festspielhaus Hellerau und Bücher, darunter die Erinnerungen eines Stralsunder Pfarrers aus dem 18. Jahrhundert, "Meines Lebens Vorfälle und Neben-Umstände" von Johann Christian Müller und Bernd Mattheus' Biografie des Philosophen E. M. Cioran (hier eine Leseprobe; mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 07.04.2008

Auf der Medienseite resümiert Thomas Thiel sehr kritisch die Berliner Bloggerkonferenz "re:publica": "Sollte die Berichterstattung binnen fünf bis zehn Jahren tatsächlich von alternativen Medien, etwa dem Bloggen und dem Onlinejournalismus, getragen werden müssen, wäre viel Arbeit zu leisten. Die Podiumsdiskussion reduzierte den Begriff des Journalismus auf den der Informations- und Nachrichtenübermittlung. Analyse, Reportage oder Essay sind Fremdgattungen in einem Diskurskosmos, der seinen Kurs ständig mit den neuesten technischen Fortentwicklungen abzugleichen hat und daher keine Zeit zu inhaltlicher Beschäftigung findet."

Weitere Artikel: In der Glosse erzählt "amue", warum die Online-Konzert-Übertragung bei Monteverdi.tv mitnichten so funktioniert, wie sie sollte. Von der Gegenwart der Bernauer Straße, durch die einst die Grenze zwischen West und Ost verlief, berichtet Regina Mönch. Arno Orzessek hat eine Berliner Tagung zum Thema "Kulturstaat und Bürgergesellschaft" besucht. Gina Thomas porträtiert die von den Massen, weniger von den Gourmets geliebte britische Fernsehköchin Delia Smith. Wolfgang Sandner gratuliert dem Jazztrompeter Freddie Hubbard zum Siebzigsten. Verena Lueken schreibt zum Tod des Schauspielers Charlton Heston.

Besprochen werden in einer kontrastiven Kritik Peter Zadeks Inszenierung von Pirandellos "Nackt" und Michael Thalheimers "Hamlet", beide in Hamburg, (Gerhard Stadelmaier präferiert Zadek: "Wo man bei Zadek immer noch wartet, was kommt, da hat man bei Thalheimer gleich gesehen, was immer war. Der alte Regisseur ist offen, der junge zu"), Alvis Hermanis' szenische Untersuchung "Kölner Affäre", die große Wolfgang-Tillmans-Ausstellung im Berliner Hamburger Bahnhof, ein Kölner Konzert von Kelly Clarkson und Bücher, darunter Reiner Kunzes Gedichtband "lindennacht" und Robert Fossiers "Meisterwerk" der Geschichtsschreibung "Das Leben im Mittelalter" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).