Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.09.2005. In der FAZ träumt Julian Barnes von einem anarchischen, lärmenden und freundlichen Europa. Dagegen sieht Hans Ulrich Gumbrecht in der FAZ in Deutschland einen neuen Cäsarismus aufziehen. Die FR wandelt durch die estnische Literaturlandschaft. Die SZ erklärt mit Aristoteles, warum Paul Kirchhofs Einheitssteuer ungerecht ist. In der taz trauert Claus Offe den verheißungsvollen Zeiten der deutschen Linken nach. In der Welt erinnert sich Heinz Bude an die netten Mädels von den Maoisten.

FAZ, 13.09.2005

Der Schriftsteller Julian Barnes entwirft in seiner Dankesrede zum Österreichischen Staatspreis die Vision eines "anarchischen, lärmenden und freundlichen Europas", das sich vor allem durch seine regionale Besonderheiten auszeichne: "Man kann kein europäischer Maler oder Schriftsteller sein, ohne zunächst ein britischer, österreichischer, holländischer oder portugiesischer Maler oder Schriftsteller zu sein. Wer sich bewusst vornehmen würde, einen 'europäischen Roman' zu schreiben, hätte am Ende so etwas wie ein literarisches Pendant zu den Mahlzeiten, die Fluggästen aufgetischt werden - durchaus nahrhaft, nicht eigentlich giftig, aber nichts, was man je freiwillig zu sich nehmen würde."

Der Romanist Hans-Ulrich Gumbrecht sieht Gerhard Schröder als einen "Kanzler, der den sozialen Protest gegen seine eigene Politik vertritt, und als einen Machthaber, der sich entmachtet, um die Macht zurückzuerobern" - und hält diese Form paradoxer Politik für eine Vorform des Cäsarismus.

Weitere Artikel: Von einer Tagung, die die Frage stellte - und positiv beantwortete -, ob die Türkei als "Modell für eine säkulare Republik in einer muslimischen Gesellschaft" taugt, berichtet Iris Hanika. Christian Geyer rechnet mit der Zeitschrift Merkur ab, die sich in ihrem jüngsten Heft der "Wirklichkeit!" widmen will - das haben diese Irak-Kriegstreiber, schimpft er, gerade nötig. In der Verschlankungsserie wird weiter entrümpelt, diesmal, man höre und staune, die "Zweite Juristische Staatsprüfung". Über den Wunsch von Wehrmachtskindern nach Aufklärung berichtet Ebba D. Drolshagen.

Alexandra Kemmerer stellt den amerikanischen Rechtswissenschaftler Bruce Ackerman vor, der für einen wahlbegleitenden "Deliberation Day" plädiert, an dem die Bürger, die Dinge, die sie angehen, alle mal miteinander diskutieren. Von einer britischen Gen-Entscheidung, die nun erlaubt, dass Embryonen zwei Mütter haben, berichtet Joachim Müller-Jung. Ingeborg Harms hat einen Streifzug durch deutsche Zeitschriften unternommen und ist dabei unter anderem auf Neues von Elias Canetti und "mesmerisierende Fotostrecken" gestoßen. Andreas Rosenfelder berichtet von einem Auftritt Westbams mit Band. Rüdiger Klein stellt eine mustergültige Senioren-Wohnanlage im mittelfränkischen Hilpoltstein vor.

Auf der Medienseite finden sich Berichte über die Formatumstellung der von Auflageneinbrüchen verfolgten britischen Tageszeitung The Guardian und über die Aufkäufe kleinerer Blätter in der Deutschschweiz durch NZZ und Tages-Anzeiger. Den Nachruf auf den Publizisten Erich Kuby hat Henning Ritter verfasst.

Besprochen werden die Ausstellung mit Wolf Erlbruchs Bildern im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum, CDs mit von Gerhard Oppitz eingespielten Bach-Transkriptionen und Strauss-Originalen, eine Baseler Ausstellung, die einem die Kunst der Antike als polychrom vor Augen führt, Moritz Eggerts bei der Ruhrtriennale aufgeführtes, nicht sehr gelungenes Fußballoratorium, erste Konzerte beim Berliner Musikfest, eine Ausstellung in Königs Wusterhausen zu Friedrich Wilhelm I. und seinen "Langen Kerls". Die einzige Literatur-Rezension gilt Sarah Kirschs neuem Prosaband "Kommt der Schnee im Sturm geflogen" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 13.09.2005

Im Literaturteil berichtet Matthias Biskupek aus der offensichtlich sorgfältig gehegten estnischen Literaturlandschaft. "Dieses Volk hat die Jahrhunderte sanfter oder rigider Okkupation mit seiner Sprache überstanden. Wundert es da, dass ein Dichter mit ganzseitigen Fotos geehrt wird? Dass man elf Berufstheater im Lande zählt - für eine Million Esten und eine knappe halbe Million Anderssprachiger? Das 'Kulturkapital', aus Tabak- und Glücksspielsteuern gespeist, sorgt dafür, dass die vier Literaturzeitschriften erscheinen können, dass Übersetzungen nicht allein von Verlegerlust und -frust abhängen. Der Schriftstellerverband - es gibt nur diesen einen, Kirjanikeliit, seit 1923 - zählt 300 Mitglieder und kann sich immerhin sieben bezahlte Mitarbeiter in den Städten Tallinn und Tartu leisten und ein romantisches Ferienhaus dort, wo früher ein sowjetischer Militärstützpunkt den Zugang zur Ostsee versperrte."

Christian Thomas resümiert unter Zuhilfenahme einer etwas irritierenden Nachbarin die rot-grüne Kulturpolitik, um dann über die Pläne der CDU zu rätseln. "Was kommt dann? Nicht etwa wegen der Dürftigkeit ihres Parteiprogramms: Überhaupt dürfte es der Union schwer fallen, die Gedächtnispolitik Helmut Kohls fortzuschreiben. Dessen erinnerungspolitische Offensiven investierten in das Deutsche Historische Museum oder in die Neue Wache. Mancher Kommentar mochte darin so etwas wie den Ausdruck einer konservativen 'Staatsästhetik' erkennen - obwohl sich hinter der modischen Wortschöpfung eine enorme Leere auftat."

Weiteres: Rolf C. Hemke vergleicht das Theaterwesen in Toronto und Montreal und merkt, dass die Förderung Frankokanadas Quebec ein üppiges Kulturleben beschert, "das den Vergleich etwa mit den Benelux-Staaten nicht zu scheuen braucht. Montreal mit dem Theatre du Nouveau Monde und die Provinzhauptstadt Quebec Ville mit dem Theatre du Trident verfügen über auf respektablem Niveau produzierende Schauspielhäuser." Elke Buhr hätte Kim Dotty Hachmanns Babypartei wohl gewählt, gesteht sie in Times mager, wäre das ganze nicht eine Berliner Kunstaktion. Auf der Medienseite rechtfertigt der Fernsehdirektor des Hessischen Rundfunks Manfred Krupp die Existenz seines Regionalsenders.

Besprechungen widmen sich den beiden Eröffnungsausstellungen des Max Ernst-Museums in Brühl, Guy Montavons "gediegener" Inszenierung der Uraufführung von Philip Glass' Oper "Waiting for the Barbarians", einer "beeindruckenden" Ausstellung zum Werk von Carlfriedrich Claus und mit Arbeiten von 110 weiterer Künstler in den Kunstsammlungen Chemnitz, und Bücher, Christa Wolfs Erzählband "Mit anderem Blick" und Sabri Mussas "ungelenke" Erzählungen "Affäre halber Meter" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

NZZ, 13.09.2005

Martin Zehnder trifft den Schriftsteller Neil Bissoondath, der - selbst Einwanderer aus Trinidad - den kanadischen Multikulturalismus für einen schweren Fehler hält: "Statt Gemeinsamkeiten zu fördern, würden kulturelle Minderheiten durch ihre Verschiedenheit definiert und die Unterschiede hervorgehoben. Ein Immigrant bleibe so in seiner Gemeinschaft gefangen und werde marginalisiert."

Roman Bucheli zeigt sich überzeugt von Matthias N. Lorenz Dissertation über Martin Walser "Auschwitz drängt uns auf einen Fleck", mit der er bewiesen sieht, dass Walser seinen "literarischen Antisemitismus" in ein "ästhetisch-operatives Programm" eingebunden habe: "Deprimierend ist die Fülle der Belege, die Lorenz zutage fördert, und erschütternd ist die Dynamik, die sichtbar wird: Die zunehmende Kritik an seiner Position wirkte nicht etwa mäßigend auf Martin Walser, vielmehr radikalisierte sie ihn bis zur Verbitterung und Borniertheit. Allerdings darf man Lorenz den Vorwurf nicht ersparen, dass er mit seiner Philologie des Verdachts alle alternativen Lesarten ausblendet."

Weiteres: Joachim Güntner berichtet von einem Kongress zum "Schönen Neuen Menschen" in Hannover. Gabriele Detterer bewundert Leichtigkeit und Schwung des neues Mailänder Messezentrums Rho-Pero. Besprochen werden Bücher, darunter Lojze Kovacics fortgesetzte slowenische Erinnerungen "Die Zugereisten", Gudrun Seidenauers Romandebüt "Der Kunstmann" und Kerstin Hensels Roman "Falscher Hase" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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Welt, 13.09.2005

Im Interview mit Stephan Schlak und Alexander Cammann erinnert sich der Soziologe Heinz Bude an seine Zeit bei den K-Gruppen: Nicht auszudenken, wenn diese Truppe Erfolg gehabt hätte! "Ich habe in Berlin dieses ganze Kapital-Kurs-Wesen mitgemacht. In Tübingen war ich der Gruppe internationaler Trotzkisten beigetreten. Und die Trotzkisten waren ja immer schon die FDP der Linken, von wo aus sich das Spektrum gut sortieren ließ. DKPisten rieche ich bis heute auf zehn Meter - wovon es gerade in der publizistischen Welt Westdeutschlands verdammt viele gibt. Die waren schon damals indiskutabel: Leute, die mit glühenden Augen Pablo Neruda lasen oder Peter Weiss' 'Ästhetik des Widerstandes'. Um Himmels Willen! Wenn Weiss, dann das Auschwitz-Stück oder die frühen Sachen, aber doch nicht die Ästhetik des Widerstandes und diese linke Erbauungsliteratur. Bei den Maoisten waren die Mädchen zwar immer sehr nett - aber insgesamt waren die mir wegen ihres pietistischen Eifers ebenfalls suspekt."

TAZ, 13.09.2005

Da am Sonntag vielleicht alles aufhört, wirft die taz einen Blick auf die Anfänge. Der Sozialwissenschaftler Claus Offe plaudert im Gespräch aus den Zeiten, als die Linke in Deutschland noch eine Verheißung war. "Das Attribut Liberalität würde mir zum CDU-Staat der 50er-Jahre nicht einfallen. Ein wichtiges Politisierungserlebnis hatte ich 1959 in der Kölner Mensa. Dort lag die Zeitschrift Konkret aus, die zu jener Zeit von Ulrike Meinhof und Klaus-Rainer Röhl geleitet wurde. Man las hier Dinge, die man im Nachkriegs-Adenauer-Milieu nicht für möglich gehalten hatte, politisch wie auch literarisch. Das war eine Zeit, in der es von Marx nichts gab; von Freud ganz wenig, richtige Studien der Psychoanalyse überhaupt nicht. So erklärt sich auch die außerordentliche Bedeutung von Adorno und der Frankfurter Schule. Sie machen sich heute kein Bild davon, in welchem Maße wir gleichgeschaltet waren unter den Bedingungen des Kalten Krieges. Thomas Mann zu lesen, das war schon an der Grenze; Brecht war praktisch jenseits des Erlaubten."

Weiteres: Lukas Bärfuss ist von den Lesern von Theater heute zum Dramatiker des Jahres gewählt worden, was Simone Kaempf zu einem kleinen Porträt des Autodidakten mit dem "ehrlichen Arbeitsethos" anregt. Daniel Bax resümiert eine Tagung im Berliner Haus der Kulturen, wo über die Türkei als Modell für eine Vereinbarung von Islam und säkularen Werten diskutiert wurde. In der zweiten taz adelt Christian Schneider die Gruppe der Unentschlossenen als wahre, "emphatische Demokraten". Ein wenig resigniert wohnt Stefan Kuzmany den Wahlkampfauftritten der CSU-Politikerin Gerda Hasselfeldt in Eichenau und Germering bei, die zwar schlecht besucht, trotzdem aber eine todsichere Sache sind.

Auf den Tagesthemenseiten schreibt Heinrich Senfft zum Tod des Journalisten Erich Kuby, der "Emile Zola der deutschen Wirtschaftswunderjahre". Besprochen wird einzig und allein Catherine Hardwickes Skaterfilm "Dogtown Boys".

Und TOM.

SZ, 13.09.2005

Der Philosophie-Professor Lutz Wingert rechnet unter Zuhilfenahme der "Nikomachischen Ethik" des Aristoteles vor, warum Paul Kirchhofs Einheitssteuer ungerecht ist (wegen des Grenznutzens). Noch mehr stört Wingert aber, dass bei Kirchhof der Bürger steuerpolitisch nur als Marktteilnehmer vorkommt: "Das mag zwar eine Vision sein, aber keine für das 21. Jahrhundert. Es ist die schlichte, wirtschaftsliberale Gesellschaftsauffassung des 18. und 19. Jahrhunderts, in der das Soziale und soziale Pflichten vorpolitisch bleiben. Da taucht der Einkommensbezieher als politischer Bürger, als Citoyen, der an der Ausrichtung der sozialen Verhältnisse im Gemeinwesen mitwirkt, nicht auf. Anders als für den Marktteilnehmer sind für den Citoyen gerechte Steuern nicht einfach Gebühren, die für privat genutzte, staatliche Leistungen gezahlt werden müssen. Für den Citoyen sind gerechte Steuern auch Beiträge zu erstrebenswerten Zielen, die von fair, also demokratisch zustande gekommenen Gesetzen verwirklicht werden sollen."

Weiteres: Angesichts der brennenden Synagogen im Gaza-Streifen geht Petra Steinberger der Entweihung heiliger Orte nach. Holger Liebs nutzt eine Retrospektive des Fotografen Gregory Crewdson im Kunstverein Hannover, um dessen Inszenierungen amerikanischer Urängste gebührend zu feiern. In der "Zwischenzeit" berichtet Evelyn Roll von vergnügten Sitzungen über dem Wahlomat der Bundeszentrale für politische Bildung. Am lustigsten sind die Ergebnisse, verspricht Roll, bei den "entschiedenen Wählern, die sich für politisch fundiert gebildet halten".

"Haben Kelten im fünften Jahrhundert vor Christus schon in Städten gelebt?", fragt Matthias Hennies aufgeregt angesichts der Grabungen auf der Heuneburg an der Donau. Dort haben Archäologen ein Tor aus "sorgsam behauenen Kalksteinen" entdeckt, das sie auf 500 vor Christus datieren. Anne Tilkorn war auf einer Philosophentagung zu Kant in Sao Paulo. Auf der Medienseite zeigt sich Wolfgang Koydl angetan vom neuen Guardian, der seit gestern im Berliner Format erscheint. Gemeldet wird der Tod des legendären Journalisten Erich Kuby. Jonathan Fischer schreibt einen Nachruf auf den Blues-Musiker Clarence "Gatemouth" Brown.

Auf der Literaturseite spürt Sabine Manteuffel-Doering den langanhaltenden Tiefenwirkungen der kulturpessimistischen Alpenliteratur nach. Besprochen werden Fred Wanders zum ersten Mal 1970 in der DDR erschienener Roman "Der siebente Brunnen" und eine Dokumentation zu den Fenstern der Marienkirche in Frankfurt an der Oder.

Außerdem besprochen werden eine Ausstellung zum Werk des "rationalen und unironischen" Architekten der Post-Moderne Rob Krier im DAM Frankfurt, Moritz Eggerts Fußball-Oratorium "Die Tiefe des Raums" (das Michael Struck-Schloen bei aller Fantasie und Vielschichtigkeit "unbarmherzig" in die "Verklärungsfalle" tappen sieht: "Fußball ist menschlich, Fußball ist Religion, Fußball ist unser Leben") zwei gewagte Aufführungen von Offenbach und Händel in Wien, Fernando Perez' Film "Suite Havanna" sowie eine Schau mit Werken von Yoko Ono im Passauer Museum Moderner Kunst.