Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2005. In der Zeit veröffentlicht Amitav Ghosh eine Reportage über die Nikobaren-Inseln nach dem Tsunami. Die FAZ bringt einen seherischen Text über das demografische Problem, den der schwedische Autor Carl-Henning Wijkmark schon in den Siebzigern schrieb. Die SZ findet die NZZ zwar schrullig, aber auch schweizermesserscharf. In der NZZ fordert der Schriftsteller Abdelkader Benali die Marokkaner in den Niederlanden auf, ihr Gesicht zu zeigen. Die Berliner Zeitung stellt junge deutsche Literaturverlage vor. 

Zeit, 13.01.2005

Der Schriftsteller Amitav Ghosh hat die Überlebenden des Tsunami auf den Nikobaren-Inseln besucht. Dort leben nicht nur die Ureinwohner, sondern auch viele Siedler, die sich hier in die Mittelschicht Indiens hochgearbeitet haben. Gosh erzählt von einem Naik (Unteroffizier) des 10. madrassischen Regiments der indischen Armee, dessen Familie ihr Geschäft verloren hat und vor allem - die Papiere. "Als Obed Tara ans Ende seiner Geschichte kam, versagte ihm die Stimme. Er musste heftig schlucken, um nicht in Tränen auszubrechen. Ich fragte ihn: 'Warum melden Sie sich nicht bei einer Armeedienststelle und sagen, wer Sie sind? Ich bin sicher, man wird für Sie tun, was man kann.' Er schüttelte den Kopf, wie um anzudeuten, dass er diesen Gedanken bereits gründlich erwogen und verworfen habe. 'Das Meer hat meine Uniform mitgenommen, meine Lebensmittelkarte, meinen Dienstausweis, meinen Pass; es hat alles mitgenommen', sagte er. 'Ich kann nicht beweisen, wer ich bin. Warum sollten sie mir glauben?'"

Christoph Bartmann erzählt von dem reichen Kaufmann Arnold Maersk Mc-Kinney Moller, der den Dänen ein Opernhaus geschenkt hat: "Mollers Oper, das ist die Wiedergeburt eines absoluten Mäzenatentums, das mit den bürgerlichen Revolutionen abgedankt zu haben schien." Sie ist aber auch ein Danaergeschenk, meint Bartmann, denn der Mäzen bestimmt in jeder Weise, wie das Haus aussehen wird, und bezahlen tut er es nur scheinbar: "Schon heute spart der Fonds, der das Geld gab, 125 Prozent seiner Investition an Steuern. Zutreffend stellen Kritiker des Opernprojekts (die man im Parlament allerdings kaum findet) fest, dass das neue Haus zu guter Letzt vom dänischen Steuerzahler, wenn auch zur höheren Ehre eines Wirtschaftsunternehmens, finanziert wurde. Und wenn schon der Bau vom Steuerzahler finanziert wurde, dann gilt das erst recht für die Betriebskosten, die sich auf mindestens 20 Millionen Euro im Jahr belaufen werden."

Weitere Artikel: Thomas Groß stellt den neuen Visionär im Pop vor: Adam Green. Volker Hagedorn wünscht sich, das aufgetauchte Mozart-Porträt möge wirklich Mozart darstellen.

Besprochen werden Taylor Hackfords Film "Ray", Claude Chabrols Verfilmung des Ruth-Rendell-Romans "Die Brautjungfer", die Ausstellung "-tainment" in der Berliner NBGK, Mike Nichols Film über eine Menage a quatre "Hautnah" mit Natalie Portman ("eine weibliche Ware, die flüstert: 'Komm näher.'"), die Ausstellung "Tauchfahrten" im Kunstverein Hannover und Wong Kar-wais Filmgedicht "2046", über das Katja Nicodemus schreibt: "Dies ist die Geschichte eines Scheiterns. Eines Scheiterns, das so mutig und maßlos ist, so stolz und selbstvergessen, dass es eines der verrücktesten Kinoprojekte der letzten Jahre hervorgebracht hat."

Im Aufmacher des Literaturteils stellt Mathias Greffrath drei Bücher vor, die den Umbau des Sozialstaats analysieren (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Politikteil fordert der Aachener Politikwissenschaftler Emanuel Richter einen aufgeklärteren Umgang mit der Multikulturalität. "Aus der Einbettung der Kultur in den öffentlichen Diskurs erklärt sich die schillernde Kategorie der 'Multikulturalität'. Sie scheint so etwas anzudeuten wie eine bislang ungeahnte Vielfalt an Kulturtraditionen, die aufeinander treffen und friedlich und produktiv miteinander koexistieren. Das funktioniert aber erst, wenn sie als ein veränderlicher Aggregatzustand der öffentlichen Debatte über kulturelle Regeln der Koexistenz begriffen wird. Dann bedeutet 'Multikulturalität' auch etwas anderes als ein beziehungsloses Nebeneinander von Kulturen." Im Dossier untersuchen fünf Autoren die Motive und Hintergründe für die Hilfewelle nach dem Tsunami.

NZZ, 13.01.2005

Der Schriftsteller Abdelkader Benali, als Kind marokkanischer Gastarbeiter in den Niederlanden aufgewachsen, schreibt in der Serie zum Islam in Europa: "Marokkaner haben es sich angewöhnt, der niederländischen Gesellschaft den Rücken zu kehren, wenn es ihnen passt, und die Niederländer fanden das auch in Ordnung und hatten sogar Verständnis dafür. Jahrelanges friedliches Nebeneinanderherleben kann ein Ausdruck von Zivilisation sein. Die Niederländer versäumten Couscous und die Marokkaner das Concertgebouw, doch beide bekamen im Tausch sehr viel Ruhe. Doch wo stille Segregation herrscht, wächst die Pflanze des Fundamentalismus kräftig in die Höhe, und nun ist es Zeit, dass sich die Marokkaner nicht mehr abwenden, wenn es ihnen passt. Sie müssen manchmal auch ihr Gesicht zeigen, wenn der andere das wünscht. Diese Verhaltensänderung hätte auch etwas von einer Befreiung."

Hartwig Vens führt uns in die Feinheiten von Muzak ein, jener funktionellen Musik an der Grenze der Wahrnehmung, mit der Kaufhäuser, Fahrstühle und Hotellobbys berieselt werden: Der in Weimar lehrende kanadische Klangkünstler Robin Minard ist angetreten, deren Niveau deutlich anzuheben.

Besprochen werden Mike Nichols bissige Anti-Romanze "Hautnah" und Bücher, darunter Najem Walis Roman "Die Reise nach Tell al-Lahm" und Dieter Fortes Roman "Auf der anderen Seite der Welt" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

SZ, 13.01.2005

Anlässlich ihrer Gründung vor 225 Jahren ("9 Jahre vor der Französischen Revolution, 68 Jahre vor Gründung des Bundesstaats Schweiz") halten Viola Schenz und Hans-Jürgen Jacobs auf der Medienseite eine halbseitige Laudatio auf die Neue Zürcher Zeitung: "Die BBC und die Zeit werden auch 'alte Tante' genannt, aber niemand ist so alt und tantig und schön schrullig wie die NZZ. Stolz trägt sie das Kostüm vergangener Tage, und von den aufdringlichen Parfums der Neuzeit lässt sie die Finger. Ihr Schmuck lässt den modernen Zeitungsdesigner lächeln. Die mit Kürzel gezeichneten Artikel fangen irgendwo an und hören irgendwo auf, und wenn man sie ausschneidet, hält man ein Papier in der Form eines platt gewalzten Krokodils in Händen. Breit ziehen sich Beiträge über die Seiten, die mitunter ganz ohne Foto sind. In dieser Wüste sollen nur Gedanken Nahrung sein. Manchmal muss man lachen, bei Überschriften wie: 'Velo-Fahrer verunfallt'. Manchmal ist man verblüfft, wenn auf einer Dreiviertelseite das winzige Norfolk-Island im Südpazifik vorgestellt wird oder im Wirtschaftsteil eine lange Reportage über haustier-verrückte Japaner steht. Manchmal ist man einfach nur froh, dass es sie gibt, etwa wenn sie Ereignisse im Kongo, in der Ukraine oder in Berlin schweizermesserscharf analysiert."

Weitere Themen: Dirk Peitz informiert uns anhand neuer Musik von "Tocotronic" und "Trail Of Dead" über Glanz und Elend der intellektuellen Rockmusik. Manfred Schwarz sieht bei der Schau "Marokko" in der Nieuwe Kerk in Amsterdam, mit der die bösen Geister in der niederländischen Gesellschaft nach der Ermordung Theo van Goghs durch einen marokkanischen Extremisten vertrieben werden sollten, allzu hohle multikulturelle Beschwörungsformeln wie Seifenblasen durch das Kirchenschiff wehen. Henning Klüver diskutiert aktuelle italienische Debatten über den Antisemitismus von Papst Pius XII.. Gottfried Knapp kündigt die Eröffnung des ersten privat gestifteten Opernhauses in Kopenhagen an. Holger Liebs stellt das geplante Berliner Denkmal für Rosa Luxemburg von Hanns Haacke vor. Bernd Graf macht uns mit einem neuen Produkt des Hauses Apple Macintosh bekannt, dem Mac Mini, welchen man Graf zufolge leicht auch mit einem interessant gestylten Netzteil verwechseln kann. Susan Vahabzadeh glossiert Neuigkeiten aus der Filmwelt.

Besprochen werden Dennis Gansels Film "Napola" ("Warum werden solche Projekte realisiert, wenn sie statt Analysen Anekdoten liefern und das Publikum lieber zum Weinen als zum Denken bringen wollen?" fragt Rezensent H.G. Pflaum), Oliver Stones Film "Comandante", Brett Ratners Film "After The Sunset", Mike Nichols' Film "Hautnah", Heiner Müllers Stück "Philoktet" an der Berliner Volksbühne, und Bücher, darunter Klaus Bergdolts Studie zur ärztlichen Moral "Das Gewissen der Medizin" und Matt Ruffs Roman "Ich und die anderen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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TAZ, 13.01.2005

Tom Holert fühlt in Sachen Flutkatastrophe durchaus Diskursbedarf. "Es ist blanker Hochmut, in den Redaktionen der westlichen Medien zu dekretieren, das reale Leiden und Mitleiden mache die Beschäftigung mit jener kulturellen Realität der globalen Bilderindustrie überflüssig, die durch das Leid hervorgebracht wird, in der es sich aber auch ereignet." Die "Bilder der Flut" erzwingen geradezu eine Kritik der "Flut der Bilder". Denn gerade in den Bildern, so Holert, "wird die Klassenarchitektur der Weltverhältnisse sichtbar, die in der Katastrophe stabil bleibt".

Wong Kar-Wai erzählt in einem Interview von der Produktion seines neuen Films "2046": "Während der fünf Jahre, die wir drehten, erhielten wir alle - die Schauspieler, der Director of Photography, der Produktionsdesigner - andere Aufträge. Das hieß: Alle waren eine Zeit lang weg und kamen wieder, und das ging hin und her. Es war ein bisschen wie auf Kuba: Wir kämpfen, aber nach einer gewissen Zeit müssen wir uns ums Geldverdienen kümmern, und anschließend kehren wir zurück."

Besprochen werden Dennis Gansels Film "Napola" und das Design-Punk-Show-Konzert von Green Day in der Arena in Berlin-Treptow.

Schließlich Tom.
Stichwörter: Dennis Gansel, Tom Holert, Kuba

Berliner Zeitung, 13.01.2005

Das Verlegen von Debüts ist bei den großen Verlagen ziemlich aus der Mode gekommen. Dafür kümmert sich der Nachwuchs jetzt um sich selbst. "In einer bestimmten Szene hält der Boom der Neunziger an und setzt sich als Verlags-Gründungswelle fort", schreibt Brigitte Preissler, die in einem Artikel die neuen Verlage und Onlineforen vorstellt. "Patrick Hutsch (29), Chefredakteur der Edit, kommentiert die Entwicklung: 'Es scheint, als würden sich nun, da die Jahre, in denen die jüngere deutsche Literatur von Verlagen und Publikum über die Maßen geschätzt und gelesen wurde, wohl vorbei sind, zunehmend junge Verleger (Kookbooks, Tisch 7, Tropen Verlag und andere mehr) finden, die erkennen, dass es gilt, nach dem wilden Drucken und Schreiben der vergangenen Jahre das Vertrauen in die Möglichkeiten der jungen deutschsprachigen Literatur nicht zu verlieren.'"
Stichwörter: Deutsche Literatur

FR, 13.01.2005

Einen paradoxen Befund in Sachen Popmusik gibt Klaus Walter angesichts der Erfolge von Musikern wie Juli, Silbermond, Die Söhne Mannheims und Annett Louisan zu Protokoll: "Je globaler die Ökonomie, je grenzenloser und schneller der Transfer von Waren und Daten, desto nationaler, regionaler, ja provinzieller die Musik. Wie lässt sich das erklären? Suchen unter dem komplizierten Regime von Flexibilität und Mobilität immer mehr Leute Zuflucht auf der Scholle? Sind lange tabuisierte weil kontaminierte Begriffe wie Heimat und Muttersprache plötzlich wieder in Ordnung, weil sie den Deklassierten ein kulturelles Gnadenbrot versprechen?" (Gilt das auch für Journalisten, die auf Deutsch in der FR schreiben?)

Weiteres: Sebastian Moll unterhält sich mit Christo und Jeanne Claude über ihr neues Kunstprojekt "The Gates". Thomas Medicus glossiert etwas bissig die Präsentation des Entwurfs für ein neues Rosa-Luxemburg-Denkmal im Büro des Berliner Kultursenators Thomas Flierl.

Besprochen werden Dennis Gansels Nazi-Internatsdrama "Napola" (hier ein Interview mit dem Regisseur), Oliver Stones kumpeliger Castro-Film "Comandante" und Bücher, darunter Sven Kramers Studie über "Die Folter in der Literatur (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 13.01.2005

Hans Magnus Enzensberger höchstselbst schreibt den Vorspann zu dem Text, der heute die erste Seite des FAZ-Feuilletons ziert. Es handelt sich um einen Auszug aus dem Roman "Der moderne Tod", den der schwedische Autor Carl-Henning Wijkmark bereits Ende der siebziger Jahre veröffentlichte und dessen deutsche Übersetzung 2001 auf herzliche Gleichgültigkeit (auch dieser Zeitung) stieß. Der Roman zeigt, dass man sich schon Ende der Siebziger des demografischen Problems bewusst war, und erzählt, wie Politiker ein massenhaftes Euthanasieprogramm für die Alten als sozialpolitische Maßnahme lancieren wollen. In den Worten eines Ministerialdirektors, den Wijkmark erfindet, klingt das so: "Wir brauchen schnell mehr Tote, um es ganz brutal zu sagen. Aber wie sollen wir das erreichen? (...) Wir brauchen eine neue Haltung zum Tod und zum Altern, nicht nur bei den Alten selbst. Es muss wieder natürlich werden, zu sterben, wenn die aktive Zeit vorbei ist. Wir müssen die Probleme mit den Alten lösen, nicht gegen sie."

Weitere Artikel: In der Leitglosse erzählt Jürg Altwegg, dass sich der französische Philosoph und ehemalige Erziehungsminister Luc Ferry in einem Buch über sein politisches Scheitern als schlechter Verlierer erweist. Gemeldet wird, dass der Künstler Hans Haacke das in Berlin geplante Rosa-Luxemburg-Denkmal bauen darf. Dirk Schümer kommentiert das drakonische Nichtrauchergesetz in Italien und sagt sogar voraus, dass sich die Italiener daran halten werden. Und Michael Jeismann kommentiert die Abschaffung der Raucherecken - eine der letzten Errungenschaften der 68-er Zeit - in Hessen. Florian Borchmeyer schreibt eine kleine Reportage über die erste Love Parade in Chile ("die größte öffentliche Veranstaltung in der Geschichte Chiles der vergangenen Jahrzehnte"). Gerhard Stadelmaier lobt in einem als Kurzmeldung getarnten Kommentar das gerichtliche Verbot der Dresdner Inszenierung der "Weber" als vernünftig. Wolfgang Sandner spekuliert in der Kritik eines Konzerts mit Hilary Hahn über die Frage, warum es in ihrer Generation so viele erfolgreiche und hervorragende Geigerinnen gibt.

Auf der Filmseite unterhalten sich Andreas Kilb und Peter Körte mit dem genialen Wong Kar-wai über "2046". Der Regisseur macht eine großartige Ankündigung: "Ich werde demnächst einen Film mit Nicole Kidman drehen. Ich habe sie bereits getroffen, sie weiß, wie ich arbeite, und sie hat Lust dazu."Außerdem stellt Eva-Maria Magel den ersten irakischen Film nach dem Sturz Saddams vor, Amer Alwans "Zaman, der Schilfrohrmann".

Auf der Medienseite erzählt Joachim Hentschel die erstaunliche Geschichte einer "Urban legend" über Roboter, die Autos vor Unfällen retten, welche von der Werbeagentur Crispin Porter & Bogusky für eine Autofirma erfunden wurde und dann durchs Netz geisterte. Nina Rehfeld stellt die neue HBO-Serie "Unscripted" vor, in der junge Schauspielschüler, die reüssieren wollen, junge Schauspielschüler, die reüssieren wollen, spielen. Josef Oerhlein meldet, dass der bekannte kolumbianische Radiojournalist Julio Hernando Palacios ermordet wurde. Und Michel Hanfeld fragt "Nach der Katastrophe - worüber berichten wir jetzt?"

Auf der letzten Seite schreibt Frank Pergande über Ausgrabungen in Rügen, die den alten Slawen auf die Spur kommen wollen. Martin Kämpchen resümiert ein Kolloquium über Geschichtsbilder und -mythen in Indien und Europa im Max-Müller-Institut Kalkutta. Und Patrick Bahners hat einem Vortrag Ralf Dahrendorfs über die Zukunft Europas in Berlin zugehört.

Besprochen werden Mike Nichols' Film "Hautnah" und neue Bücher von Marlene Streeruwitz.