Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.01.2005. Die FAZ genießt mit Wong Kar-wai das Glück des zweiten Mals, als wäre es das erste Mal. Die FR meint dagegen: Die Figuren Wong Kar-wais essen aus Konservenbüchsen. In der taz spricht der kubanische Dissident Raul Rivero über seine Hoffnung auf Demokratisierung. Die SZ reist nach Baku, das sich eine Kuwaitisierung erhofft. Und in der NZZ schreibt der srilankesische Autor Romesh Gunesekera über seine Heimat nach dem Krieg und der Katastrophe.

FR, 12.01.2005

Im Gespräch mit Inge Günther äußert sich der bekannte palästinensische Lyriker Mahmud Darwisch (mehr hier) skeptisch zu neuen Friedenshoffnungen nach dem Tod Arafats: "Ich sehe eine Produktion internationaler Illusionen, die glaubt, dass mit Arafat das Haupthindernis für Frieden verschwunden ist. Ich glaube, dem ist nicht so. Keiner kann die Konzessionen eingehen, zu denen er in der Lage gewesen wäre. Ein Hindernis war Arafat eher auf dem Weg zu Reformen, bei der Bekämpfung von Korruption." Arabische Stimmen zu den Friedenschancen nach Arafat und zu den Wahlen im Irak sammelt Michael Lüders auf der Standpunkte-Seite.

Daniel Kothenschulte bespricht "2046" (mehr hier): "Wong Kar-wais Figuren lebten immer aus zweiter Hand. Sie aßen Konservenbüchsen und drückten auf die immer gleichen Knöpfe der Juke Boxes. Das ist das Tröstliche, aber auch das Einsame am Pop: die Abrufbarkeit hochgradig emotionalisierter drei Minuten bis in alle Ewigkeit."

Weitere Artikel: Zum 200. Todestag Schillers unternimmt Ursula Homann einen Streifzug durch vier maßgebliche Schiller-Gesamtausgaben. In seiner Kolumne blickt der Historiker Ernst Piper auf die sowjetische Großoffensive zurück, die auf den Tag genau vor sechzig Jahren begann.

Besprochen werden lokale und regionale Kulturereignisse.

TAZ, 12.01.2005

Knut Henkel unterhält sich auf den Schwerpunkt-Seiten mit Raul Rivero, einem Journalisten, Mitglied der "Gruppe der 75" und einer der Dissidenten, die zum Teil für Jahrzehnte ins Gefängnis gesteckt wurden, weil sie das Regime kritisierten. Er ist nach 20 Monaten Haft auf internationalen Druck entlassen worden und hofft auf eine Demokratisierung Kubas nach europäischem Modell. Und er schildert seine Haftbedingungen: "Während der ersten elf Monate sehr schlecht: Ich war total isoliert und in einer sechs Quadratmeter großen, verdreckten und dunklen Einzelzelle eingesperrt. Ein Loch im Boden diente als Toilette, und 15 Minuten am Tag gab es Wasser aus dem Hahn. Nur eine halbe Stunde am Tag wurden wir in den Hof geführt. Im Winter war es bitterkalt und im Sommer brütend heiß. Auch das Ungeziefer, Ratten, Frösche, Moskitos und Spinnen, machte uns zu schaffen. Ich bekam gesundheitliche Probleme. Diese Monate waren die schlimmsten der Haftzeit. Mithäftlinge bekam ich nur durch Zufall zu sehen."

Im Kulturteil berichtet Jörg Sundermeier, dass Klaus Wagenbach den Namen des einst aus einer Abspaltung seines Verlags hervorgegangenen Rotbuch-Verlags zurückfordert, der inzwischen in der kleinen Groenewold-Verlagsgruppe aufgegangen ist. Barbara Dribbusch schildert die Probleme der Künstlersozialkasse, die am Anstieg der Versichertenzahl zu scheitern droht. Und Cristina Nord bespricht Wong Kar-wais neuen Film "2046".

In tazzwei kommentiert Mareke Aden die gerichtliche Untersagung der Dresdner Inszenierung der "Weber" von Gerhart Hauptmann als "bitteren Sieg für die Rechteinhaber".

Und hier Toms Höllenvision.

NZZ, 12.01.2005

Der srilankesische Autor Romesh Gunesekera (mehr hier) schreibt über eine Reise in seine Heimat, die er kurz vor dem Tsunami zusammen mit seiner Mutter unternommen hat - und über die Verwüstung des Landes nach Krieg und Naturkatastrophe: "Im Jahr 1983, vor dem Pogrom, das den beinahe zwei Dekaden dauernden Konflikt einleitete, schrieb ich eine einfache Geschichte. Sie handelte von einem Mann, der in London lebt und davon träumt, nach Sri Lanka heimzukehren und am Meer zu leben. Ein gutes Meer, dachte er damals, und das dachte ich auch. Ein gutes, warmes Meer."

Besprochen werden Zürcher Konzerte zum hundertsten Geburtstag des Komponisten Giacinto Scelsi, eine Ausstellung über den Untergang Pompejis in Mannheim und Bücher, darunter Oliver Hilmes' Biografie über Alma Mahler-Werfel (mehr hier) und drei Publikationen zur Geschichte des Ausweises (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).
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SZ, 12.01.2005

"Öl, Staub, Smog": Ingo Petz erzählt von einer Reise nach Baku, das sich von der neuen Ölpipeline eine Kuwaitisierung erträumt. Derzeit pflegt die Stadt noch mit einer 80-prozentigen Arbeitslosigkeit eine bescheidene Existenz, "irgendwo zwischen Marzahn und Kabul": "Die von Ruß und Smog zerfressenen Fassaden der neogotischen Paläste und Jugendstil-Villen, die einst die Ölbarone bauten, verfallen. Zwar wurde gerade ein neo-orientalisches Konzerthaus eröffnet, zwar werden hier und da Häuser renoviert, aber all das ist nur ein Tropfen auf einem sehr heißen Stein. Hochhäuser und Baukräne schießen an unzähligen Stellen aus dem Boden. Lieblos, planlos, so scheint es, baut man sie, wo es gerade passt, und zwar demjenigen, der das Geld gibt. In Aserbaidschan zählt der Wille der Starken und Reichen. Die Starken und Reichen, das sind Familienclans und Monopolisten, die ihre zweifelhaften Rechte verteidigen wie eine Bulldogge ihr Revier. Die Nähe zu diesen Wenigen entscheidet über der Rang und das Recht des Einzelnen. Aserbaidschan ist keine Demokratie, und es gibt viele, die bezweifeln, dass es je eine sein wird."

Weiteres: Der Politologe Claus Leggewie sieht in der "globalen Adoptionsgesellschaft" - der Fernstenliebe - ein erstes Hoffnungszeichen für dieses katastrophale Jahrhundert. Christopher Schmidt berichtet, dass das Berliner Landgericht das Verbot der Dresdner "Weber" bestätigt hat. Weitere Aufführungen sind untersagt! Karl Bruckmaier versucht abzuschätzen, welche Folgen es haben wird, dass demnächst das Copyright von 50 Jahre alten Popsongs erlischt. Sehr schön, aber fast ein wenig zurückhaltend bespricht Fritz Göttler Wong Kar-wais neuen Film "2046".

Harald Eggebrecht geht vor Hillary Hahn, der "Königin apollinischer Klarheit und bezwingender Konzentration", auf die Knie, die in München Paganini spielte: "Schon die violinistische Perfektion schmetterte nieder: die gefürchteten Doppelflageoletts im Rondo - reiner, tragender können sie nicht klingen; die Stakkati kamen wie gemeißelt; die Spitzentöne schossen wie Pfeile in den Raum; die Passagen auf der G-Saite hatten bis in höchste Lagen sonore Fülle." Henning Klüver bilanziert das Kulturjahr von Genua, das der Stadt immerhin einen Imagegewinn und eine modern umgestaltete Museumslandschaft eingebracht hat. Jürgen Claus hält es für höchste Zeit, dass sich die Bosse der Windkraftenergie Gedanken über die Gestaltung ihrer monotonen und einfallslosen Anlagen machen. Una Pfau beobachtet eine Renaissance mechanischer Instrumente. Rene Hofmann fährt Formel 1 im Kopf und vor dem Computerbildschirm.

Auf der Literaturseite vermisst Roger Willemsen den Kabarettisten Matthias Beltz, den er für den "seltenen Typus eines Linken" hielt, "der sich von der Geschichte belehren" ließ. Besprochen werden Borwin Bandelows "Angstbuch" und Sandor Marais Roman "Das Wunder des San Gennaro" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Welt, 12.01.2005

Kai Luehrs-Kaiser sammelt Reaktionen zum angeblichen Mozart-Porträt des Malers Johann Georg Edlinger (das allseits unbeachtet in der Berliner Gemäldegalerie hing). Er selbst meint: "Es ist höchste Zeit, ein authentisches Mozart-Bild zu gewinnen. Die Aufführungszahlen seiner sinfonischen und kammermusikalischen Werke gehen konstant zurück. Für Solisten und Dirigenten ist bei ihm wenig zu holen. Dagegen stehen Bach und Beethoven noch immer wie eine Eins."

Im Forum schreibt Hellmuth Karasek zu 25 Jahre Grüne das Erwartbare: "Die Grünen, damals vor allem eine Partei als Antipartei, eine Bewegung als alternative Gegenmacht, sind seitdem eine so scharfe Kurve in das Establishment der Macht gefahren, dass es einem (und ihnen selbst) den Atem nehmen müsste." (Und in der Berliner Zeitung schreibt Jürgen Busche aus dem gleichen Anlass: "Am Anfang war der Protest und die Jugend war bei dem Protest und der Protest war bei der Jugend.")

FAZ, 12.01.2005

Andreas Kilb rühmt Wong Kar-wais Film "2046", weil er dabei nach "In the Mood for Love" das Glück des zweiten Mals genossen hat, als wäre es das erste. "Der Moment, in dem Chow (seine Geliebte) nach ihrer letzten gemeinsamen Liebesnacht verlässt, gehört zu den schönsten Kino-Augenblicken der vergangenen Jahre: wie Zhang Ziyi mit dem zerknüllten Geldschein in der Hand dasteht und wartet, bis sich die Tür hinter ihrem Nachbarn schließt, bevor sie in Tränen ausbricht; und wie Tony Leung sich im Hotelzimmer nebenan ungerührt umzieht, als wäre die Liebe austauschbar wie ein Hemd. 'Man erkennt die verwandte Seele nicht, heißt es in "2046", 'wenn man ihr zu früh oder zu spät begegnet.'"

1998 hat sich der querschnittgelähmte Ramon Sampedro mit Zyankali umgebracht. Alejandro Amenabar hat den Fall mit Javier Bardem in der Hauptrolle verfilmt. Jetzt gestand Sampedros Freundin Ramona Maneiro öffentlich, dass sie ihrem Freund das Zyankali beschafft und gereicht hatte, berichtet Paul Ingendaay. "Sie war, sagt sie, 'die Hand', die dem Freund zum Tod verhalf, das ausführende, nicht das planende Organ. Sampedro hatte an alles gedacht. Auch daran, dass seine Freundin ihn nach Einnahme des Zynkali nicht mehr küssen durfte. Während Ramona Maneiro hinter der Kamera die Bilder kontrollierte, die später im Lokalfernsehen gezeigt werden würden, gab sie dem Sterbenden Zuspruch und munterte ihn mit Koseworten auf. Die letzten Minuten sollen schlimm gewesen sein. Die Frau ertrug sie nicht und flüchtete sich ins Badezimmer."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube mokiert sich über einen erweiterten Kulturbegriff, der jetzt von Unternehmen wie der Dresdner Bank oder Bertelsmann benutzt wird, um die Bezahlung von Abgeordneten für nicht näher beschriebene Tätigkeiten zu rechtfertigen. Heinz Berggruen erzählt, wie er 1977 das zweibändige Werkverzeichnis von Juan Gris verlegte und stellt uns dabei den launischen Bilderhändler Douglas Cooper vor, der sich mit allen, selbst mit Picasso überwarf. Der Philosophieprofessor Otfried Höffe sucht nach einer Definition für Armut. Timo John stellt das Städtebauprojekt Stuttgart 21 vor. Hussain Al-Mozany erklärt die Lehren des Klerikers und Philosophen Baqir al-Sadr (1935-1980), der im Irak einen Gottesstaat schiitischer Prägung errichten wollte und dafür mit seiner Schwester hingerichtet wurde. Stephanie Warnke erzählt, wie im Kalten Krieg um die Neugestaltung der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gerungen wurde. Und Kerstin Holm berichtet über einen städtebaulichen Konkurrenzkampf zwischen Petersburg und Moskau, der mit neuen Prunkbauten ausgetragen wird.

Auf der letzten Seite erinnert Jordan Mejias daran, dass das Scrabble vor fünfzig Jahren nach Deutschland kam. Klaus Lüdersen betrachtet Caravaggios "Verleugnung Petri", das zur Zeit in Neapel ausgestellt ist und lernt dabei mehr über das Wesen der Denunziation als durch alle empirische Sozialforschung. Und Christian Schwägerl hat mehreren Studien entnommen, dass sich deutsche Kinderlose durchaus Kinder wünschen, allerdings erst, wenn die Gesellschaft - also sie selbst - kinderfreundlicher wird.

Besprochen wird eine Ausstellung mit Skulpturen alter Meister aus dem Amsterdamer Rijksmuseums im Museum Kurhaus Kleve.