Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2004. In der Berliner Zeitung fragt Georg Seeßlen: "Welcher Hitler spukt durch unsere Filme?" Die FAZ erzählt die Geschichte der ethnischen Säuberungen in Tschetschenien. Der SZ graut vorm allgemein grassierenden "Notationswahn". Die taz befährt den Palast der Republik per Bötchen.

Berliner Zeitung, 07.09.2004

Regelmäßig kommen filmische Hitler-Fantasien über uns, doch "... muss nicht jedes Hitlerbild auf der Leinwand die Opfer kränken, die Fantasien der neuen Nazis beflügeln oder uns versöhnen mit einem, mit dem man sich unter keinen Umständen versöhnen darf", fragt sich Georg Seeßlen angesichts der kommenden Film über das Dritte Reich.
Seeßlen lässt die Filme Revue passieren, in denen Hitler eine Hauptrolle spielte und schließt: "Die Fragen sind vermutlich falsch gestellt. Ein Tabu zu errichten ist, kulturgeschichtlich, weder richtig noch falsch. Es ist nur notwendig, und ebenso notwendig ist sein Durchbrechung, weil es nichts verhindern, sondern nur etwas verbergen kann. Die Frage ist brisant genug: Welcher Hitler spukt auf der Leinwand durch unsere Köpfe? 'Der Untergang', der das Monster als Mensch sterben lässt, ohne ihm seine Monstrosität zu nehmen, verspricht in seiner symbolischen Repräsentation eine Art von endgültigem Abschiednehmen. Hitler ist tot, sagt er, wir können ihn, gerade weil wir ihn so weit wie möglich als Mensch sterben ließen, nun wirklich als Geschichte begreifen. Aber als Medienereignis (und Beginn einer neuen Welle von Nazi-Filmen, die ihre Medien-Schatten vorauswerfen) sagt er gerade das Gegenteil. Das Gespenst ist wieder da."

TAZ, 07.09.2004

Als "kollektiv gefeierten Abschied von der DDR" bezeichnet Martin Reichert in tazzwei die Inszenierung, mit der Ost- und Westberliner derzeit den vom Abriss bedrohten ehemaligen Palast der Republik in Berlin in so genannter "Zwischennutzung" (mehr) bespielen. Das Haus ist derzeit ausschließlich per Bötchen zu befahren, die Wartezeiten für den Erwerb von Eintrittskarten liegen bei bis zu drei Stunden. "Von der Bar aus sieht man das entleerte Emblem, in dem einst Ähre und Zirkel für die DDR renommierten. Man hat sie entfernt, obwohl sie ganz sicher nicht mit Asbest kontaminiert gewesen sind, eher mit Ideologie. Montagsdemonstrationen?" Ein Besucher wundere sich, "dass die nicht schon früher auf die Straße gegangen" seien. "Die anderen meint er, nicht sich selbst. Und was die anderen so umtreibt, weiß er auch nicht so genau, vielleicht eine diffuse Unzufriedenheit. Er fragt sich, ob man die Montagsdemos nicht mit dem Volkspalast-Projekt verbinden könnte. Warum nicht, McKinsey war ja auch schon da."

In der neu eingerichteten Kolumne "Theorie und Technik" schreibt Robert Misik über die Flüchtigkeit der Dissidenz und fragt danach, was heute eigentlich "subversiv" bedeutet ("Wirklich 'sauber' bleibt nur der Subversive, dessen Subversion keiner bemerkt"), und Christina Nord befindet sich noch immer im Lidokino und berichtet heute über Spike Lees neuen Film "She hate me" (ja, ohne s).

Besprochen werden das neue Album "Radikal Connector" des Köln-Düsseldorfer Elektronik-Duos Mouse On Mars, das sich damit "neu erfunden" habe, eine Ausstellung über die Mühsal der Amerikaauswanderung in der Alten Schranne Nördlingen und Sophie Dannenbergs "spätpubertäre Abrechnung", der Roman "Das bleiche Herz der Revolution" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier Tom.

FR, 07.09.2004

In einem umfangreichen Essay feiert der Schriftsteller Arnold Stadler (mehr) den 200. Geburtstag von Eduard Möricke. "Mörike ist die reine Gegenwart dessen, was war, wie es hätte sein können. Er ist ein Virtuose des Festhaltens von dem, was hätte sein können, und auch von dem, was nicht festzuhalten ist. Schöner hat die Vergänglichkeit (der Liebe, diesen ihren zentralen Aspekt) und auch die Illusion keiner zur Sprache gebracht. Und unheimlicher auch nicht. Er gilt auch als Idylliker. Ist aber doch eigentlich ein Dämoniker."

Eine Reportage von Stephanie Prochnow zeigt die noch immer etwas verschnarchten Bedingungen, unter denen moderne Kunst in Russland gelehrt wird ( "Wir haben hier einige sehr gute Künstler und viele schlechte, weil sie an den Instituten nur lernen, Stillleben und Landschaften zu malen"). Adam Olschewski bringt uns die "agilste Szene des polnischen Hip-Hop" in Jezyce näher ("Polen und Hip-Hop, das ist das Lob des Urzustands, denn der polnische Hip-Hop verwahrt das Erbe von Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa"). Daniel Kothenschulte hat auf den Filmfestspielen in Venedig einen ersten Höhepunkt jenseits des allfällig herrschenden "Besinnungsrealismus" ausgemacht: "Howls Moving Castle" des japanischen Trickfilmkünstlers Hayao Miyazaki. Roland Mischke beklagt im Zusammenhang mit dem Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar vorangegangene Versäumnisse. Und in Times mager denkt Gunnar Lützow über die Bewältigung der Folgen liebesbedingt verursachter Zeitverschiebungen nach.

Besprochen werden die Ausstellung "Nine Points of the Law" in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst Berlin, in der zehn Künstlerinnen, Künstler und Künstlergruppen "von allem ein bisschen" zeigten und Sven Regeners Roman "Neue Vahr Süd", in dem sein bewährter Held Herr Lehmann seine Jugend und die achtziger Jahre bereist (siehe dazu unsere Bücherschau ab 14 Uhr).
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SZ, 07.09.2004

Schaudernd registriert Bernd Graff in einem Essay den gegenwärtigen elektronischen "Notationswahn vollvernetzter Mitbürger", dem so genannte Trend-Scouts den Namen "Life Caching" gegeben haben. "Die eigentlich Furcht einflößende Vision, dem eigenen Leben bei seinem Vergehen zuzuschauen und noch den flüchtigsten, um nicht zu sagen: belanglosesten Augenblick zu dokumentieren, ist Wirklichkeit geworden: Mini-Kameras in Handhelds und Telefonen, Speicher-Stifte in Streichholzformat mit dem Fassungsvermögen von Festplatten... gehören fast schon zur Grundausstattung eines jeden Fußgängers."

Weitere Artikel: Laura Weissmüller porträtiert die neue Generation von Künstlern der "Leipziger Schule", die ab heute ihre Werke unter dem Titel "Clara Park" als Gemeinschaftsausstellung in der New Yorker Marianne Boesky Gallery präsentieren. Alexander Kissler staunt über den Erfolg der bei den Wahlen im Saarland angetretenen "Familienpartei", die immerhin 13.103 Wähler fand. Thomas Steinfeld fürchtet in einem Kommentar zur Krise bei Saab und Opel, dass wir bald "alle, von England bis nach Polen und weit darüber hinaus, auf demselben untersten Niveau der Fertigungskosten angekommen sind." Tobias Lehmkuhl zeichnet anlässlich des 50.Geburtstags der Deutschen Grammophon die Entwicklung von der Sprechplatte zum Hörbuch nach. Stefan Koldehoff gratuliert Mary Bauermeister, der "Mutter der Fluxus-Bewegung", zum 70. Geburtstag. Aus Venedig berichtet Susan Vahabzadeh über die Beiträge von Spike Lee ("She Hate Me"), Mike Leigh ("Vera Drake") und Jia Zhange ("Shijie"). In der Zwischenzeit bricht Wolfgang Schreiber eine Lanze für die Berliner Orchester und ihr Publikum. Für die SZ verbindet "lmue" eine Schadensbilanz des Brandes in der Anna-Amalia-Bibliothek mit einem Spendenaufruf zur Wiedererrichtung des Weimarer Kulturdenkmals. Und schließlich beklagt "lyn" die abnehmende Glaubwürdigkeit von Fernsehwerbung und trauert Ariel-Clementine ("Nicht nur sauber, sondern rein") nach.

Besprochen werden eine Ausstellung der Schätze der Londoner Royal Geographical Society, die seit kurzem in einem neu angebauten Annex dort selbst zu sehen sind, der Zeichentrickfilm "Home on the Range" und Bücher, darunter ein Band zur Klärung der Frage "Was sind Kulturwissenschaften?", Doron Rabinovicis Roman "Ohnehin" sowie Stefan Zweigs vergessenes Revolutionsdrama "Adam Lux" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 07.09.2004

"Die CDU, so hört man jetzt öfter, 'proletarisiert' sich an ihrer Basis, weil die einfachen Leute in schweren Zeiten der Hartz-IV-SPD davonlaufen und mit ihren sozialen Ängsten bei der CDU einen Wetterschutz suchen", schreibt der Historiker Paul Nolte und korrigiert sich selbst: "So einfach verlaufen die neuen Konfliktlinien nicht mehr. Die 'Arbeiterklasse' von einst ist mit den neuen Unterschichten der Dauerarbeitslosigkeit und Transferabhängigkeit keineswegs identisch. Es gehört zu den größten Verlogenheiten der gegenwärtigen Gerechtigkeitsdebatte, wenn sich gut verdienende schwäbische Daimler-Familien, die um einen Teil ihrer 'Spät'schichtzulagen fürchten, in die Phalanx von Sozialhilfemüttern, marginalisierten Migranten und Jugendlichen ohne Schulabschluss einreihen. Die neuen Unterschichten, die Transferschichten des klassischen Wohlfahrtsstaates, sind zu keinem Zeitpunkt der CDU zugelaufen und auch der SPD immer nur diffus verbunden gewesen. Irgendein 'Swing' zwischen den Volksparteien ist hier gar nicht das Thema; problematisch ist vielmehr die frustrierte Entpolitisierung dieser Milieus."

NZZ, 07.09.2004

Arne Rautenberg war bei der basisdemokratischen Ausstellung "SEE-History" in der Kieler Kunsthalle, bei der sich die Museumsmitarbeiter - vom Hausmeister bis zur Sekretärin - die Exponate aussuchen durften: "Der Tischler und Werkstattmeister Bernhard Seifert steht in einem grossen, von Oberlicht durchfluteten Raum der Kieler Kunsthalle. 'Mit neuerer Kunst kann ich nichts anfangen', sagt er und weist auf die opulent mit Ölschinken voll gehängte Wand hinter sich, 'auf diesen Bildern kann man immerhin etwas erkennen.' Auf den Bildern erkennt man das, was im Jargon moderner Museumsdirektoren als 'echtes Magazinobjekt' verschrien ist: Rüben hacken, auf dem Rücken eines Pferdes sitzen, Kutsche fahren, eine Kuh melken, spazieren gehen in wunderbarer Landschaft, kurz: Bilder, die gut tun."

Weiteres: Marli Feldvoss zieht Halbzeit-Bilanz bei der Biennale in Venedig: "Zu den Höhepunkten gehört Mira Nairs Thackeray-Verfilmung 'Vanity Fair', die mit Hilfe ihres satten und warmen 'indischen' Kolorits sogar der barocken Selbstinszenierung der Mostra Paroli bietet." Marta Kijowska berichtet von der Beisetzung des Dichters Czeslaw Milosz. Joachim Güntner sichtet die Schäden nach dem Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek.

Besprochen werden die Aufführung von Viktor Ullmanns Oper "Der Kaiser von Atlantis" beim Lucerne Festival, eine Aufführung Mahlers dritter Sinfonie im Opernhaus Zürich, die Inszenierung von Shakespeares "Sturm" im Stadttheater Bern und Bücher, darunter Michael Ignatieffs Studie "Politische Ethik im Zeitalter des Terrors" und Peter Esterhazys Roman "Die Hilfsverben des Herzens" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 07.09.2004

Der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski liefert einen nützlichen und kundigen Artikel über die ethnischen Säuberungen in Tschetschenien vor sechzig Jahren, der die Massaker von Beslan zwar nicht begreiflicher macht, aber in historisches Licht stellt. Die Tschetschenen wurden vor sechzig Jahren von Stalin deportiert, weil sie sich der Zwangskollektivierung verweigerten und lieber aus der Sowjetunion flüchteten. "Mehr als 3.000 Menschen starben während der Deportationen, ungefähr 10.000 kamen während des Transports nach Zentralasien ums Leben, starben an Hunger, Kälte und Typhus. Die Türen der Waggons wurden nur geöffnet, um Tote herauszuwerfen.... Die eigentliche Katastrophe begann, als die Verbannten an ihren Bestimmungsorten ankamen, wo sie in Sondersiedlungen und in Kolchosen untergebracht werden sollten. Zehntausende starben bereits in den ersten Monaten, weil die Behörden weder für Unterkünfte noch für Nahrung aufkamen..." Insgesamt wurde ein Viertel der 500.000 Tschetschenen umgebracht. Baberowski hat eine monumentale Studie zum Thema verfasst.

Im Aufmacher wendet sich Jürgen Kaube gegen die Argumente der Montagsdemonstranten: "Warum eigentlich wird in vielen Äußerungen rund um den Furor gegen Hartz IV so getan, als gehe es um Arbeit, wo es doch den vielen Gerechtigkeitsforderern und auch den Demonstranten um zwei ganz andere Dinge geht: um die Umstände einer Existenz als Dauerarbeitsloser und um das Recht, gegenüber dem Rest der Republik Ansprüche geltend machen zu können."

Weitere Artikel: Hubert Spiegel plädiert in der Leitglosse für eine Rückkehr zur ehemaligen Rechtschreibung. Dieter Bartetzko besucht Dresdens "zauberisches Neues Grünes Gewölbe", das ab heute der Öffentlichkeit zugänglich ist. Thomas Wagner wendet sich in erstaunlich frechen Worten gegen den Vorschlag des Bundespräsidenten Horst Köhler eine "Best of Berlin"-Ausstellung zu organisieren, um zu zeigen, dass nicht nur die Amerikaner eine Moma-Ausstellung hinkriegen ("Seltsam, dass Politiker glauben, sie könnten den Job kompetenter Fachleute mal so nebenbei mit übernehmen. Heraus kommt dabei nur ein teigiger Populismus"). Der Schriftsteller Hussain Al-Mozany (mehr hier) erzählt die deprimierende Geschichte des "schwierigen Verhältnisses der Araber zum Buch ("Für die Muslime ist es eine Ablenkung von der Anbetung Gottes, wenn sie sich mit einem anderen Buch als dem Koran beschäftigen"). Wiebke Hüster hebt in ihrem Resümee des Berliner Festivals "Tanz im August" Sarah Michelsons Stück "Shadowmann" aus dem "sonstigen Konzeptkrampf" heraus. Dirk Schümer hat sich beim Festival von Venedig historische Filme angesehen.

Auf der Medienseite zitiert Michael Hanfeld ausgiebig aus einem Interview, das der Medienmogul Haim Saban der New York Times gab und in dem er recht frei über die Umstände seines Kaufs der Sender Pro 7 und Sat 1 spricht. Auf der letzten Seite schreibt Christian Geyer über eine neue Leonardo-Büste im Deutschen Museum von München und polemisiert gegen allerlei Experten, die nicht seine Bioethik haben. Und Christian Schwägerl stellt die neue MIT-Präsidentin Susan Hockfield vor, eine Neurobiologin, die die zugleich ehrwürdige und avantgardistische Uni in "stärker biologisch-medizinisch ausrichten" soll.

Besprochen wird Mariss Jansons' Antrittskonzert beim Concertgebouw-Orchester.