Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.09.2004. Die taz besucht Sven Regener, dessen neuer Roman - natürlich eine Fortsetzung von "Herr Lehmann" - morgen erscheint. Die NZZ beobachtet mit Grausen die demokratiefeindlichen Äußerungen ostdeutscher Demonstranten: " Ich häng se mit uff, die Politiker, die!" SZ und FAZ analysieren die Massaker von Beslan als Niederlage der russischen Politik.

TAZ, 06.09.2004

Gerrit Bartels trifft den etwas hyperaktiven Autor Sven Regener, dessen aktueller Roman "Neue Vahr Süd", der zweite Teil der Herr-Lehmann-Trilogie, morgen erscheinen soll. "Möglichen Einschätzungen, er tauche die Bundeswehr in ein zu mildes Licht oder mache sich über den Niedergang der K-Gruppen über Gebühr lustig, ja er reinstalliere überhaupt ein leidlich erträgliches deutsches Biedermeier, entgegnet Regener: 'Da muss ich echt sagen: Dafür ist es ja auch Kunst, keine Reportage."

Weiteres: Cristina Nord resümiert das Lidokino vom Wochenende und sinniert über Quentin Tarantinos Einfluss, und Filme von Jia Zhangke und Arnaud Desplechin. In der zweiten taz begründet Peter Unfried, warum sich der 40-Jährige von heute von Woody Allen verabschieden muss. Steffen Grimberg beleuchtet das "Meinungskartell" aus Spiegel und Springer-Presse. Ralph Bollmann grübelt über Sinn und Unsinn einer vollständigen Restauierung der Anna-Amalia-Bibliothek. Besprochen wird einzig und allein das türkische Kulturfestival "Simdi now".

Schließlich Tom.

NZZ, 06.09.2004

Joachim Güntner hat sich bei den Montagsdemos umgehört, unter anderem einen schimpfenden Rentner erlebt. Ziemlich erschüttert macht er nun Gedanken über Anspruchsdenken und "Sklavenmoral": "Es sind irrwitzige Worte, aber der Montagsdemonstrant, aus dessen Mund wir sie hören, frönt seinem grimmigen Gefasel mit wilder Lust. 'Jede Revolution fordert Tote', belehrt er seinen Nachbarn, 'und bei dieser hier kommt's auch noch. Ich häng se mit uff, die Politiker, die!' Er macht eine Handbewegung über den Magdeburger Domplatz hin, Richtung Regierungsviertel. 'Zecken sind das. Honecker war doch humaner wie diese Brut.' Der Mann, ein kräftiger, gut im Saft stehender Grauhaariger mit Bürstenschnitt und Brille, in Jeans und weißem Polohemd, glaubt in absurder Überbewertung der Proteste tatsächlich, in revolutionären Zeiten zu leben."

Alexadra Stäheli hat Eindrücke gesammelt bei den Filmfestivals in Jerusalem und Ramallah. Unter anderem hat sie den Film den Dokumentarfilm "Le mur" über die Mauer um Jerusalem gesehen: "Der Film beginnt mit einem langen Travelling der 'chomah' entlang, die wie ein fahler Vorwurf in der Landschaft steht. Aus dem Off hört man die Filmemacherin mit israelischen Kindern sprechen, übers Jüdischsein, jüdische Gesichter und die arabische Sprache. Was ihnen zur Mauer einfalle, fragt Bitton, und eine helle Mädchenstimme sagt angestrengt nachdenklich: 'Dies ist ein Ort, von dem aus wir auf die Araber schießen. Und sie auf uns.'" Michael Braun nimmt einige Versuche, die deutsche Gegenwartsliteratur zu inventarisieren, unter die Lupe.

Besprochen werden zwei Konzerte der Berliner Philharmoniker beim Lucerne Festival, die Aufführung des Tanzstücks "Smoke" von Lin Hwai-min durch das Zürcher Ballett sowie eine Ausstellung mit Glasmalerei in der Burg Zug.

FR, 06.09.2004

In den Berliner Kunstwerken erlebte Marcus Woeller das weltweite Phänomen der "Schrumpfenden Städte" und spürte in der Ausstellung vor allem eines: Angst. "Gegen die Angst hilft scheinbar nur der Rückzug ins Private. In der wirtschaftlichen Misere des postsozialistischen Ivanovo führt das zum Wiederaufleben der Datschenkultur und präökonomischer Lebensformen - es wird wieder gejagt und gesammelt. Auf die sich in Russland täglich stellende Frage, wie man ohne reguläres Einkommen in Städten existieren kann, gibt das Überlebenshandbuch der Bürger von Yuzha Antworten. Improvisiertes Werkzeug und innovatives Recycling präsentiert Vladimir Archipov als aktuelles Gebrauchsdesign, mit dem sich leichter durch den Alltag kämpfen lässt."

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen plädiert angesichts des Anna-Amalia-Brands für eine vollständige Digitalisierung unseres geistigen Erbes. "Alte Bibliotheken sind etwas Wunderbares; aber sichere digitale Archive sind etwas Lebenswichtiges."

Weitere Artikel: Ulrich Clewing hat auf der "albernen, kindischen und dabei größtenteils sehr amüsanten Inszenierung", als der Palast der Republik zur Lagunenstadt wurde, kurz die Zukunft Berlins aufblitzen sehen: In Form einer Schlange. Stefan Koch besucht das Städtchen Cavendish im amerikanischen Vermont, wo Alexander Solscheniyzn fast zwanzig Jahre lebte, bevor er nach Russland zurückkehrte. Hilal Szegin verrät in Times mager, warum eine Bekannte nur mit langem Rock ins fundamentalistische Seattle reist. Auf der Medienseite beäugt Rudolf Walther die überarbeitete Basler Zeitung. Die "behauptet jetzt, wie ihre Stadt zu sein".

Besprechungen widmen sich der 25. Ars Electronica in Linz (Ein "Miniaturuniversum", schreibt Stephan Hilpold, "eines das weit verzweigt, aber auch sehr implosionsgefährdet ist".) und politischen Büchern, darunter Bettina Gaus' "Frontberichte", eine kritische Untersuchung der Kriegsberichtserstattung, Elena Jolys memoirenähnliche Interviews mit Michail Kalaschnikow, sowie ein Sammelband über den Umgang sowjetischer Militärtribunale mit Zivilisten, herausgegeben vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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SZ, 06.09.2004

Die Toten von Beslan beschäftigen das Feuilleton in zwei Artikeln auf der ersten Seite. "Putins Politik der Härte gegen alle Landesfeinde ist jetzt international anerkannt", meint Franziska Augstein, um im Anschluss Befürworter der "gelenkten Demokratie" in Russland zu zitieren und schließlich zu erkennen. "Es kommt nicht so sehr darauf an, dass die Demokratie nach ihrer ursprünglichen Idee funktioniert, sondern dass sie von der Bevölkerung als funktionierend empfunden wird." Sonja Zekri konstatiert dagegen die fortgeschrittene "Auslöschung des Zivilen" im Kaukasus und sieht einen totalen Krieg heraufziehen. "Längst hat der Tschetschenienkonflikt die territorialen und ethnischen Grenzen der winzigen Republik Itschkerija überschritten, droht den Kaukasus in Brand zu setzen und Russland - Putins jüngste Ankündigungen lassen wenig Gutes ahnen - über Jahrzehnte in einem Strudel von Gewalt und Gegengewalt versinken zu lassen."

Weitere Artikel: Rainer Gansera berichtet vom Wochenende auf dem Filmfestival in Venedig mit Filmen von Gregg Araki, Oskar Roehler und Mira Nair. Wie Festivalchef Marco Müller versucht, Venedig wieder an die Spitze zu bringen, erzählt Susan Vahabzadeh zudem auf der Dritten Seite. Christine Dössel schaut auf die kommende Theatersaison und sieht einen Hang zu Romanvorlagen und Filmstoffen, der ihr ein wenig gefährlich vorkommt. Denn "meist hinken die Adaptionen doch nur der Literatur, dem Film hinterher". Volker Breidecker berichtet, dass die estnische Regierung nun mit Polizeigewalt ein gerade erst aufgestelltes SS-Denkmal entfernen ließ. Ijoma Mangold informiert über eine Website, auf der man sich seinen persönlichen Demonstranten mieten kann. "Warum ist Provinz keine Chance, keine Party, kein Aufbruch?", klagt Till Briegleb, der von einer Inszenierung der "Emilia Galotti" in Lübeck zurückkehrt. Alexander Kissler hat auf einer Tagung in Fresing gelernt, dass die Jugend Osteuropas "rastlos, mobil und ehrgeizig" ist.

Auf der Medienseite verrät Helen Endres, wer hinter Detlev Bucks mehr oder weniger interaktivem Werbespot steckt. Und Johannes Nitschmann erklärt, warum die Bonner Grünen ihre Anti-Korruptionsplakate nun doch abhängen müssen. 

Besprochen werden eine Ausstellung in Zürich, auf der geklärt werden soll, was echten und falschen Glamour ausmacht, die 25. Ars Electronica in Zürich (Uwe Mattheis hat die Zukunft der Kunst gesehen, als "Risikokapitalfonds für subversive Eingriffe in den virtuellen Alltag"), Christophe Barratiers "Überraschungsfilm" "Die Kinder des Monsieur Mathieu", und Bücher, darunter "Beschriebener Stein und andere Gedichte", ein Band mit gesammelten Stücken des franzöischen Surrealisten Yves Bonnefoy, Wilhelm Schmids Gedanken über die Lebensklugheit "Mit sich selbst befreundet sein" sowie Nell Freudenbergers Roman "Lucky Girls" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 06.09.2004

Kerstin Holm analysiert das Massaker von Beslan als Niederlage der russischen Politik. Und nach der Gleichschaltung der Medien glaubt niemand mehr den Verlautbarungen der Politiker: "Von der ersten bis zur letzten Minute des Dramas nahmen Russen die mediale Berichterstattung mit der geradezu reflexhaften Überzeugung zur Kenntnis, sie würden belogen. So ist man es gewohnt. Als es am Freitag hieß, die Sondereingreiftruppen seien durch feuernde Terroristen gezwungen worden, die Schule zu erstürmen, gab sich ein angesehener Schriftsteller mit intimer Kaukasus-Erfahrung zweihundertprozentig überzeugt, dass im Gegenteil die Russen angefangen hätten. Normalbürger wie Intellektuelle stimmten ihm zu."

Weitere Artikel: "hue" spottet in der Leitglosse über das Gebaren der Kuratoren, die sich allzu gern an die Stelle der Kunst setzen. Werner Spies gratuliert dem französischen Künstler Christian Boltanski zum Sechzigsten. Regina Mönch schickt eine Reportage aus Weimar, wo die Aufräum- und Rettungsarbeiten nach dem Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek weitergehen. Marcel Reich-Ranicki gratuliert dem Germanisten Walter Hinderer zum Siebzigsten. Michael Althen hat in Venedig Filme von Alejandro Amenabar und Arnaud Desplechin gesehen. Christian Welzbacher besucht das neue, von Schmidt, Hammer und Lassen entworfene Gebäude des Kunstmuseums in Arhus. Und auf der Sachbuchseite weist Lorenz Jäger darauf hin, dass der ehemalige Zeitungsverleger Conrad Black, der seinen Hollinger-Konzern um 400 Millionen Dollar erleichterte, nebenbei Zeit fand für eine 1.300-seitige und offensichtlich hochinteressante Roosevelt-Biografie ("Franklin D. Roosevelt - Champion of Freedom", mehr hier).

Auf der Medienseite hatte Michael Hanfeld ganz alleine Sonntagsdienst. Er schrieb ein Riesenporträt über Stefan Aust ("Ich bin nicht Rudolf Augstein"), einen Kasten über den Kampf von Augsteins Kindern um ihre Stimme bei Entscheidungen im Spiegel, sowie einen Artikel über die Medien in Beslan vor, in dem er dem Radio bescheinigt schneller gewesen zu sein als das Fernsehen.

Für die letzte Seite besucht Hannes Hintermeier den bayerischen Multimusiker Hans-Jürgen Buchner alias Haindling. Irene Bazinger war dabei, als dem Schauspieler Dieter Mann die Ehrenmitgliedschaft am Deutschen Theater verliehen wurde, womit er in einer Reihe mit Albert Bassermann und Max Reinhardt steht. Und Paul Ingendaay schreibt ein bewunderndes Porträt des baskischen Politikers Jose Ramon Recalde, der ein Attentat der der ETA überlebte und nun ein Erinnerungsbuch vorlegt.

Besprochen werden Enno Poppes Operndebüt "Interzone" nach William Burroughs in Berlin, ein Auftritt der Rockveteranen von The Fall in Berlin, eine Ausstellung mit Rembrandt-Zeichnungen in Dresden und Sachbücher, darunter das Buch "Signal" des Künstlers Christian Boltanski.