Arnold Stadler

Sehnsucht

Versuch über das erste Mal. Roman.
Cover: Sehnsucht
DuMont Verlag, Köln 2002
ISBN 9783832154134
Gebunden, 328 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Von Berlin kommend, ist der Erzähler des Sehnsuchtsexistenzialisten Arnold Stadler unterwegs in die Lüneburger Heide. Bei Schnackenburg an der Elbe entdeckt er zwei bei der Liebe und wird zum Voyeur, in Bleckede "(langes E wie in 'Leben' und 'eben')" hält er einen Vortrag und bei Fallingbostel trifft er in der Wellness-Landschaft einer Dreisterne-Anlage Angelika wieder, seine erste Liebe. Der Sehnsuchtssog führt ans Meer - und damit zurück in die Erinnerung an den letzten Sommer der Jugend. In "Sehnsucht. Versuch über das erste Mal" vergegenwärtigt sich einer aufs Neue die Welt und seine Heimatlosigkeit darin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2002

Wie auch in anderen Romanen des Büchnerpreisträgers Arnold Stadler, der einst in Rom Theologie studiert hatte, danach im Fach Germanistik promovierte, aber jeglichen "Bildungsdünkel" meide "wie der Teufel das Weihwasser", dreht sich auch in diesem Roman alles um einen Mann, der "nicht mit sich im Reinen" ist und sich stattdessen in "Assoziationsströmen" seiner Vergangenheit und Gegenwart zuwendet, erzählt Ina Hartwig. Der Leser müsse sich zwar auf eine "mäandernde" und "oft von einem läppischen bis obszönen Wortschatz durchsetzte Ich-Prosa" einstellen, werde aber letztlich mit einer "epischen Feinmechanik", mit "elegischen" und "poetischen" Qualitäten entlohnt, verspricht die Rezensentin. Recht amüsiert hat Hartwig auch manch "köstliche Bissigkeiten" über die Wahlheimat des Protagonisten, Berlin, zur Kenntnis genommen. Sehr gut gefällt ihr auch der Stil dieser Prosa, die Hartwig zwischen "Pathos, Trash und Slapstick" verortet. Ohne Zweifel sei dieser Heimatroman über das erste Mal - beim Sex oder beim Reisen - "avantgardistisch". Und gleichermaßen eindeutig findet die Rezensentin die geistige Verwandtschaft Stadlers mit Hubert Fichte. Wie bei Fichte sei Stadlers Protagonist bisexuell. Doch wenn Fichte ein "glückliches Modell" dieser sexuellen Orientierung präsentierte, so liefert Stadler dazu die "triebhafte, verzweifelte und komische" Variante, denkt Hartwig.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002

Das Kennzeichen der Romane von Arnold Stadler ist gemäß Lothar Müller der "Pakt mit dem literarischen Ich", ohne dass darin ein Bekenntniston anklingen würde. Für Müller changieren Stadlers Texte zwischen Autobiografie und Anekdote, zwischen Provinzchronik und eigenem Erleben; in jedem Fall seien sie bislang der katholisch-alemannischen Herkunftswelt des Autors verbunden gewesen. Insofern haben Stadlers Roman etwas "Sentimentalisches", meint Müller, da sie mit etwas unwiederbringlich Verlorenem, mit Heimat und Heimatlosigkeit zu tun haben. Der neue Roman "Sehnsucht" behandelt in vier Abschnitten rückblickend die erotische und sonstige Reifung eines Vierzigjährigen, wobei Müller den Abschnitt über die Kindheit am besten findet. Dem sentimentalischen Ich hat Stadler diesmal allerdings einen polemischen Zwillingsbruder zur Seite gestellt, der aber anders als das sentimentalische Ich mit seiner Dorfchronik kein echtes Gegenüber sei und so ins Schwadronieren über die bunten Formeln der Schöner-Wohnen- und Fitness-Welt gerate, tadelt Müller sachte. Was hat ein Stadler-Geschöpf in einem Swinger-Club zu suchen, fragt der Rezensent enttäuscht. Ihm schimmert diesmal zuviel Moralpredigt durch.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2002

Rezensent Roman Bucheli ist von Arnold Stadlers Roman sowohl ergriffen als auch beeindruckt. Stadler lasse seinen Protagonisten "im toten Winkel des Daseins" stehen, zeichne ihn zugleich "lustvoll" und virtuos" als "Erinnerungskünstler", der sich "Schmerz und Kummer zur Profession" gemacht habe und dessen Zerrissenheit in der doppelten Not einer nichtigen Vergangenheit und einer genauso nichtigen Gegenwart liege. Für Bucheli bringt vor allem ein Satz dieses "Lebensdrama" auf den Punkt: "Die Zukunft war damals meine Sehnsucht, so wie heute die Vergangenheit mein Heimweh ist." Stadler scheine seine Figur geradezu bloßstellen zu wollen, so wenig "literarische Überhöhung" lasse er ihr zuteil werden. Er scheine ihre Geschichte nur "widerwillig" zu erzählen und sie mit seiner "sprachlichen Nachlässigkeit" strafen zu wollen. Doch so sehr Stadler auch "in der Wunde Erinnerung stochert", für Bucheli wird in der Schlüsselszene des 'ersten Mals' klar, wie sehr die "unbeholfene" und "unverstellte Trauer" auch dem Autor nahe geht - was den Rezensenten zu beruhigen scheint.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Ach nee, so war das mit der Form, die dem Inhalt entsprechen sollte, doch wohl nicht gedacht, meint Ursula März. Diese Verzögerung, dieses Warten, dieses Nichts-passiert und alles drängt daraufhin, wie das in der Pubertät nun mal ist, auch als Leser erleben zu sollen... März hat hierin "Selbstgefälligkeit" gefunden und, schlimmer noch, eine aggressive Zwanghaftigkeit, die sich hinter Witzigkeit und sarkastischen Kommentaren gegen "Wellness-Erotik" vor ihr umsonst zu verstecken sucht. Die "Folter des Frühlingserwachens" nimmt sie dem Stadler schon irgendwie ab, aber seinen "Ausbreitungsstil" dennoch übel.
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