Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.06.2004. Die Franzosen fürchten wegen deutscher Gifte um ihr Überleben, setzen sich dann aber doch wieder an die Spitze der Zivilisation, meldet die FAZ. Die Welt ist erleichtert: über Horst Köhlers Satz "Ich liebe dieses Land". Endlich traut sich einer! Die NZZ fragt sich, wie man neun Jahre brauchen kann um festzustellen, dass ein Gebäude nicht realisierbar ist. Die FR bekämpft einen kulturellen Neoliberalismus, der zu Wochenendarbeit führt. Die taz ist böse: Guido Knopp relativiert die Schuldfrage.

FAZ, 02.06.2004

Auch die sonst so zukunftsfrohen Franzosen entwickeln auf einmal umweltpolitische Bedenken, meldet Jürg Altwegg. Sie richten sich gegen die von deutschen Firmen hergestellten Pflanzenschutzmittel Gaucho und Regent, die angeblich zu einem Bienensterben führen. Am 7. Mai unterschrieben französische Intellektuelle eine ihrer berühmten Petitionen. Und "zwei Wochen später präsentierte der Justizminister im Parlament die von Chirac gewollte 'Umwelt-Charta'. Sie wird als Fortsetzung und Ergänzung der Menschenrechtserklärungen von 1789 und 1947 propagiert und postuliert ein Recht auf ein Leben in einer 'gesundheitsgerechten' Umwelt: Freiheit, Gleichheit, Gesundheit. Ein solches Recht gebe es bislang erst in Ecuador - höchste Zeit also, dass sich Frankreich wieder an die Spitze der Zivilisation setze."

Weitere Artikel: In der Leitglosse liest Mark Siemons eher ungnädig das erste Exemplar der geretteten Zeitschrift neue deutsche literatur. Niklas Maak resümiert eine Diskussion der Kunsthistoriker und Kuratoren Benjamin Buchloh und T. J. Clark über den Moderne-Begriff der Moma-Ausstellung in Berlin. Der ehemalige FAZ-Redakteur Jürgen Busche liest eine kleine Monographie über den ehemaligen FAZ-Redakteur Marcel Reich-Ranicki des ehemaligen FAZ-Redakteurs Thomas Anz. Heinrich Wefing freut sich, dass das Berliner Kunstgewerbemuseum zumindest einen Teil der Sammlung nun im renovierten Schloss Köpenick präsentiert. Joseph Hanimann stellt ein in Luxemburg eingeweihtes europäisches Kulturforum vor. Rainer Hermann stellt Projekte des Deutschen Archäologischen Instituts in Istanbul vor. Erna Lackner lässt einige Inszenierungen und Ereignisse der von Luc Bondy repolitisierten Wiener Festwochen Revue passieren.

Auf der Medienseite erzählt Jürg Altwegg die traurige Geschichte des Figaro, der jetzt zu hundert Prozent dem Rüstungsindustriellen Serge Dassault gehört, welcher in dem Institut nun von seiner höchstpersönlichen Pressefreiheit Gebrauch macht, etwa "wenn die Polen nicht seine, sondern amerikanische Flugzeuge kaufen". Altwegg berichtet auch, dass die französischen Zeitungen anders als die deutschen Zeitungen ihre Auflagen nicht mit beigelegten Büchern, sondern mit beigelegten DVDs steigern.

Auf der letzten Seite wird der Vorabdruck aus Richard A. Clarkes Buch "Against all Enemies" fortgesetzt. Regina Mönch kritisiert die Vorsitzender der Fach-Jury des Berliner Hauptstadtkulturfonds Adrienne Goehler, die für ihre Tätigkeit Geld sehen möchte. Und Robert von Lucius porträtiert die neue lettische Kulturministerin Helena Demakova.

Besprochen werden Andreas Veiels neuer Dokumentarfilm "Die Spielwütigen", Wayne McGregors "Ataxia" im Choreographischen Zentrum Essen, ein Münchner Konzert des südafrikanischen Sänger Mzekezeke, eine Ausstellung von Werken James Lee Byars' in der Frankfurter Schirn.

NZZ, 02.06.2004

Claudia Schwartz kommentiert den Beschluss, das Gebäude für die Berliner Stiftung Topographie des Terrors ohne den Schwiezer Architekten Peter Zumthor zu bauen als "Bankrotterklärung für alle Beteiligten": "Es bleibt zudem die Frage, wie es dazu kommen kann, dass erst neun Jahre nach Grundsteinlegung eines Baus und der Vollendung von drei Treppenhäusern ein Gebäude als zu risikoreich nicht nur in seiner Realisierung, sondern auch hinsichtlich seiner späteren Betriebskosten eingeschätzt wird."

Weitere Artikel: Joachim Güntner wirft einen Blick auf die Rechtschreibreform vor dem Ende der Übergangszeit - in dieser Woche wird die Kulturministerkonferenz wohl endgültig die neue Rechtschreibung absegnen. Klaus Bartels erkundet den Ursprung des Wortes "Papst". Birgit Sonna besucht die durch einen Bildertausch zwischen den Museen Ludiwg und dem Lenbachhaus zustandegekommenen "Picasso"- beziehungsweise "Blaue Reiter"-Ausstellungn in Köln und München (mehr hier).

Besprochen werden die Ausstellung "Wien, Stadt der Juden" im Wiener Jüdischen Museum und einige interessante Bücher, darunter Peter Reichels Studie "Erfundene Erinnerung - Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater" (mehr hier) und Bücher von Susan Neiman und Karl Heinz Bohrer über das Böse.

Welt, 02.06.2004

In der Welt ist Michael Stürmer immer noch ganz gerührt über Horst Köhlers schlichten Satz "Ich liebe unser Land": "Dieser Satz wird Deutschland verändern, den Deutschen Mut machen zu sich selbst und den Nachbarn andeuten, dass wir nach Schock und Trauma in europäischer Normalität angekommen sind."
Anzeige
Stichwörter: Deutschland, Normalität

FR, 02.06.2004

Martin Hartmann beobachtet, dass durch die zunehmend entgrenzte (das heißt weder ort- noch zeitgebundene) Arbeit auch die Konturen des Privaten verwischen, und dass sich sogar das Prioritätsverhältnis von Arbeit und Privatleben umkehren kann, gerade weil in vielen Arbeitsbereichen kommunikative und emotionale Kompetenzen eine wichtige Rolle spielen: "Wie ein Parasit bedient sich der neue Kapitalismus dieser Fähigkeiten und schafft damit eine 'intimisierte' Arbeitssphäre. Die Bereitschaft zu einer Sonderschicht am Samstag, so Kratzer, ähnelt der Bereitschaft, 'einem Bekannten beim Hausbau zu helfen'. Hinzu kommt der Siegeszug des 'kulturellen Neoliberalismus': Externe Zwänge werden gerne als Ergebnis eigener Entscheidungen ausgelegt, für die man Verantwortung zu tragen hat."

Weitere Artikel: Auf der Medienseite erklärt Hans-Jürgen Krug, wie das Springer-Blatt Fakt in die polnische Zeitungslandschaft eingefallen ist, und Harald Keller empfiehlt die Filmbiografie des Kriegsfotografen Robert Capa. Und während in Funk und Fernsehen noch für die Europawahl geworben wird, darf man im Internet schon abstimmen, hat Joachim Herbert herausgefunden. In Times mager sinniert Frank Keil über die angedachte Hamburger "Architekturverfassung", die dem Aussterben des roten Klinkersteins Einhalt gebieten soll.

Besprochen werden Werner Sobeks Architekturschau "Show me the future" in der Münchner Pinakothek der Moderne, Ibsens "Hedda Gabler" in der Freiburger Inszenierung von Stephan Rottkamp, die "ein bisschen alberne" Ausstellung neuer russischer Kunst in Baden Baden und Friedrich Schenkers Vertonung des Hanns-Eisler-Librettos "Doktor Faustus" in Kassel.

TAZ, 02.06.2004

Bald ist D-Day, und nicht nur auf den Bildschrimen, auch zwischen den Sendern tobt die Invasion der Wohnzimmer. Christian Buss besieht, vergleicht und kann seinen Ärger auf ZDF-Hohepriester Guido Knopp schlecht verbergen, gerade wenn dieser Allierten- und Nazi-Soldatenschicksale parallelschneidet. "In solchen Spiegelungen offenbart sich das, was üblicherweise 'der Wahnsinn des Krieges' genannt wird - da schießen zwei nette Typen aufeinander, die hinterher gar nicht wissen, weshalb sie das getan haben. Gleichzeitig kann dadurch aber der Blick auf historische, ethische und juristische Dimensionen versperrt werden. Denn der 'Wahnsinn' folgte durchaus einer Methode: der des Krieges. Durch die Gegenüberstellung von Einzelschicksalen kommt es häufig unweigerlich zu einer Relativierung der Schuldfrage. In den gefürchteten martialischen Off-Kommentaren der Knopp-Produktionen klingt das dann so: 'Was Hitler begonnen hatte, schlägt nun gnadenlos zurück: Leid! Rache!' Auf diese Weise nimmt sich ein völkerrechtlich legitimer Befreiungsschlag dann doch aus wie ein Rachefeldzug."

Weitere Artikel: Vor 50 Jahren wurde in den USA die Rassentrennung in Schulen abgeschafft, doch jetzt, so Sebastian Moll, ist eine Debatte entfacht, ob dies der schwarzen Unabhängigkeit wirklich gedient hat. Philipp Mausshardt berichtet von den jüngsten Todesfällen unter Journalisten im Montenegro, wo Kritik an der Regierung noch immer lebensgefährlich ist. Arno Frank amüsiert sich über Saddam Husseins Pistole, die George Bush als Trophäe in seine Amtsstube gehängt hat. Und Jan Feddersen porträtiert Cher.

Besprochen werden zweimal Jean Amery - Irene Heidelberger-Leonards Amery-Biografie sowie der Band 6 seines Gesamtwerks - und die Kasseler Uraufführung von Hanns Eislers Oper "Doktor Faustus".

Und schließlich TOM.

SZ, 02.06.2004

Glas oder Stein, wie soll man Hamburg bauen? Till Briegleb nimmt die öffentliche Debatte zum Anlass zu grundsätzlichen Überlegungen in Sachen Stadtplanung und Architektur. "Ist die ganze Ästhetik- und Material-Diskussion (wie sie Berlin vor 15 Jahren ja bereits im großen Stil hatte) also nur eine Deckdebatte für ein ganz anderes Unbehagen? Nämlich über die Unfähigkeit der Stadtplanung, die Regeln einer lebendigen Stadt durchzusetzen. Seit Jane Jacobs berühmtem Buch 'Tod und Leben großer amerikanischer Städte' von 1961 haben sich die Erkenntnisse dazu kaum verändert. Zonen der Ruhe müssen nahe bei Zonen der Geschäftigkeit liegen, städtische Dichte befruchtet das öffentliche Leben, und der öffentliche Raum braucht Attraktionen, aber keine hermetischen Megastrukturen. Das ist die Stadt der belebten Bürgersteige. Die Stadt der Investoren aber neigt zu isolierter Angeberei und dafür werden dann die Architekten geprügelt."

Weitere Artikel: Lothar Müller zeigt auf, was es wirklich bedeutet, wenn Amazon keine Bücher mehr von Diogenes verkauft. Ulrich Holbein nähert sich dem Titanen Karl Kraus. Aus Mailand berichtet Henning Klüver über die Kritik an der Scala-Restaurierung. Und begeistert gratuliert Kristina Maidt-Zinke den Regensburger Tagen für Alte Musik zum 20. Geburtstag.

Auf der Medienseite stellt Claudia Tieschky Herlinde Koelbls TV-Porträt von Benjamin von Stuckrad-Barre vor, und Viola Schenz berichtet über die Auswahlkriterien für Kandidaten bei Schönheits-OP-Shows.

Besprochen werden Alfonso Cuarans Harry-Potter-Verfilmung "Harry Potter und der Gefangene von Askaban", Jochen Hicks Film "Ich kenn keinen - Allein unter Heteros", die Werkausstellung des Comic-Zeichners Robert Crumb im Kölner Museum Ludwig, und Bücher - Jacob Burckhardts "Kleine Schriften" über das Mittelalter, Günter Franks und Friedrich Niewöhners Studie "Reformer als Ketzer" und ein Tarzan-Buch.