Peter Reichel

Erfundene Erinnerung

Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater
Cover: Erfundene Erinnerung
Carl Hanser Verlag, München 2004
ISBN 9783446204812
Gebunden, 374 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Film und Theater spielten in der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit immer eine zentrale Rolle. Der Hamburger Politikwissenschaftler Peter Reichel stellt zum ersten Mal in einem Überblick die Bedeutung von Theater und Film in der Konfrontation mit dem nationalsozialistischen Verbrechen dar. Und er geht der Frage nach, welche Bilder von Auschwitz und vom Krieg Film und Theater hervorgebracht haben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.02.2005

Dem Rezensenten Hanno Loewy ist diese Abhandlung über den Holocaust im Kino und auf der Theaterbühne eine harsche Kritik wert - wohl auch, weil er das Buch mit "großen Erwartungen in die Hand" genommen hat. Schließlich ist es die erste deutschsprachige Abhandlung dieser Art. Doch schon der Anfang stößt Loewy wegen des "vereinnahmenden Tons", der da angeschlagen wird, unangenehm auf: "Das klingt irgendwie generalistisch und jovial, kritisch und patriotisch zugleich". Zudem findet der Rezensent, dass der Autor Peter Reichel zu lückenhaft an das Thema herangegangen ist. Seine Fixierung auf deutsche Produktionen lässt viel Interessantes außen vor, Querverbindungen können nur begrenzt geknüpft werden. Auch ist seine Herangehensweise zu politologisch, eine filmanalytische oder theatertheoretische Auseinandersetzung findet nicht statt. Dass Loewy mit Reichels inhaltlicher Schwerpunktsetzung nicht einverstanden ist, ist eine Sache - gravierender ist aber wohl, dass der Rezensent dem Autor schlampige Oberflächlichkeit und unnötige Fehler vorwirft und etliche seiner Aussagen im "salbungsvollen Wortnebel" versinken sieht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2004

Michael Jeismann zeigt sich in seiner ausführlichen Besprechung dieses Buches über die filmische Rezeption des Zweiten Weltkriegs und der Judenvernichtung sehr angetan. Der Band ist der dritte Teil einer Trilogie, die in ihren ersten beiden Bänden Filme im Nationalsozialismus untersucht, und zusammen sind sie ein "imponierendes Panorama deutschen Vergangenheitsbewusstseins", so der Rezensent beeindruckt. Jeismann findet es besonders lobenswert, dass der Autor in seinen Ausführungen überzeugend deutlich macht, dass die filmische Erinnerung als "neue Erfindung der Vergangenheit" keineswegs zufällig oder "beliebig" ist. Als ein augenfälliges Beispiel für diese "erfundene Erinnerung" erscheinen dem Rezensenten die Filme über das gescheiterte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, die gleichzeitig in Ost- und Westdeutschland entstanden und die gleichermaßen "politisch-propagandistisch genutzt" wurden. Dieses Buch bietet "reiche Entdeckungen" und erscheint zum richtigen Zeitpunkt, nämlich zum Jahrestag des 20. Juli, der in Film und Fernsehen ausgiebig thematisiert wurde, lobt Jeismann. Peter Reichel zeigt darin, dass die "öffentliche historische Erinnerung eine Funktion der Gegenwart" ist, die nicht zuletzt auch politische Intentionen verfolgt, so der Rezensent eingenommen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.06.2004

Trotz des Titels (heutzutage sei ja "nichts mehr vor seiner nachträglichen Erfindung geschützt"), ist Cord Aschenbrenner begeistert: kein modischer Schnickschnack, sondern eine fundierte, exzellent informierte und kluge Studie darüber, wie die "amnestischen Defekte eines ganzen Volkes" von Filmen und Theaterstücken nach und nach aufgehoben wurden und wie dabei eine - in diesem Fall trifft es eben ganz genau zu - "erfundene Erinnerung" an den Krieg und an den Judenmord entstand. Zuerst, in den 40er und 50er Jahren, stand der Krieg im Mittelpunkt: der Mythos der "sauberen Wehrmacht" ermöglichte Identifikation und ein tragisches Selbstbild als Opfer, außerdem war es politisch nützlich - "auch für die Siegermächte", wie Reichel schreibt. Dann dominierte, vom "Stellvertreter" über "Holocaust" bis zu "Schindlers Liste", der Mord an den europäischen Juden. So sei ein Geschichtsbild entstanden, "das ohne die Bilder des Films, ohne Szenen des Theaters gar nicht mehr denkbar ist". Reichel, so der Rezensent, verfüge uber eine "beeindruckende Kenntnis von Stücken und Filmen und vermag sie klug in die politische Geschichte der Bundesrepublik einzuordnen." Eine Empfehlung ohne Wenn und Aber.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.03.2004

Sehr beeindruckt zeigt sich Rezensent Florian Coulmas von Peter Reichels Theater- und Filmgeschichte, die sich mit der politische Dimension der Vergangenheitsbewältigung, der Erinnerung und des Geschichtsbildes in Film und Theater befasst. Wie Coulmas berichtet, beschäftigt sich Reichel im ersten Teil des Buches mit Kriegsbildern aus der Nachkriegszeit, die vor allem eine deutsche Angelegenheit waren. So zeige Reichel etwa am Beispiel von Borcherts Kriegsheimkehrerdrama "Draußen vor der Tür", dass sein großer Erfolg zum Teil auf dem "selbstmitleidigen Blick auf die Opfer des Krieges" (Reichel) beruht habe, der nur auf die eigenen, die deutschen Kriegstoten gerichtet gewesen sei. Der zweite Teil des Buches geht um dem Judenmord: Reichel zeige, wie Theater und Film nicht nur geistigen Strömungen Ausdruck gaben, sondern in vielen Fällen, wie bei Rolf Hochhuths "Stellvertreter" und Peter Weiss' "Ermittlung", selbst starke politische Wirkung entfalteten. Besonders angetan zeigt sich Coulmas dabei von Reichels "feinen Detailanalysen", "die dieses Buch so lesenswert machen", etwa zu Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod". Coulmas hebt hervor, dass sich Reichel bei seinen Betrachtungen von Filmen wie Steven Spielbergs "Schindlers Liste" oder Roberto Benignis "Das Leben ist schön" nicht auf die politische Dimension beschränkt, sondern auch die ästhetischen Probleme reflektiert, die mit der visuellen Darstellung des Holocaust verbunden sind. Das Resümee des Rezensenten: ein "beeindruckender Nachweis" der großen Bedeutung von Film und Theater für unser Geschichtsbild.
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