Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.04.2003. In der NZZ fragt sich der Soziologe Mark Lilla, ob die Amerikaner mit der Umerziehung der Deutschen nicht ein kleines Bisschen zu weit gegangen sind. In der taz prophezeit Navid Kermani den USA nach dem Krieg noch viel mehr Feinde. Die FR interviewt die israelische Krimiautorin Batya Gur. Die SZ empfiehlt den Gewerkschaften den Kampf für einen leistungsfördernden Sozialstaat. Die FAZ fürchtet ein Übergewicht von Random House im deutschen Verlagswesen.

NZZ, 05.04.2003

Mark Lilla, Professor im Committee on Social Thought an der University of Chicago fragt sich angesichts der bedingungslosen deutschen Friedensliebe, ob die Amerikaner mit der Umerziehung der Deutschen nicht zu weit gegangen sind: "Es wäre an der Zeit, zu bedenken, mit welchen Folgekosten man eine ganze Nation davon überzeugt hat, dass die erste Aspiration einer Demokratie die Vermeidung des Krieges sein müsse. Man braucht kein Befürworter des gegenwärtigen Krieges im Irak zu sein (ich selbst bin Kriegsgegner), um die Gefahren einer solchen Einstellung zu erkennen; und wenn sie weiterhin beibehalten wird, mag die Tragödie auf dem Balkan nicht die schlimmste Erfahrung der jüngeren Geschichte gewesen sein. Irgendwann könnte es sich als nötig erweisen, den Prozess der Umerziehung noch einmal aufzunehmen und die Ideale, welche die Amerikaner 1945 nach Europa brachten, zu ergänzen durch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Wert freier Gesellschaftsformen - und mit der Notwendigkeit, diese manchmal auch mit Waffengewalt zu verteidigen."

In Literatur und Kunst erinnert der Philosoph Odo Marquard (mehr hier) an seinen vor hundert Jahren geborenen Kollegen Joachim Ritter und dessen "Philosophie der Bürgerlichkeit". Hugo Loetscher erfreut sich an der "anarchischen Poesie" des Dichter und Malers Jacques Chessex (mehr hier) und besonders an seinen Minotaurus-Bildern. Otfried Höffe zeichnet in einem Versuch über Anthropologie und Ökologie die sieben Gesichter der Natur.

Besprochen werden die Ausstellung zum hundertsten Geburtstag des Architekten Ernst Plischke in der Wiener Akademie der bildenden Künste, eine Ausstellung zu Adolf Wölfli im American Folk Art Museum in New York, Luigi Nonos Spätwerk in Neuenburg sowie Tom Kühnels Inszenierung der "Szenen einer Ehe" in Basel.

Und Bücher, darunter Tschechows frühe Prosastücke in neuer Übersetzung, Thomas Hauschilds Band über "Macht und Magie in Italien", Peter Bichsels Kolumnen "Doktor Schleyers isabellenfarbige Winterschule", Gerhard Schulze Gedanken über "Die beste aller Welten", Alexander Koseninas Untersuchung "Der gelehrte Narr", und neue Romane aus Spanien (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 05.04.2003

In einem langen und aufschlussreichen Gespräch auf der Nachrichtenseite prophezeit Islamwissenschaftler und Autor Navid Kermani (Bücher) den USA nach dem Krieg mehr Feinde, nicht weniger. "Amerika wird zunehmend mit einer proisraelischen, jüdischen Politik identifiziert. Wenn sich die amerikanische Politik in so starkem Maße über Israel definiert, wie es bei den neokonservativen Denkern zu beobachten ist, dann wird der Boden zerstört, auf dem Verständigung und Kooperation zwischen Israel und den Arabern wachsen könnten. Die gegenwärtige amerikanische und die israelische Politik erscheinen mir wie ein konzertiertes Programm zur jahrzehntelangen Aufrechterhaltung des Nahostkonflikts sowie zur Förderung und Ausweitung des Terrorismus."

Unter der voluminösen Irak-Berichterstattung der taz finden sich heute auch einige Artikel, die sich mit den Trittbrettfahrern der Antikriegsproteste beschäftigen. Matthias Braun berichtet, wer mit dem Protest Geld verdient. Michael Streck porträtiert eine einsame Kriegsgegnerin in Alabama, mitten im amerikanischen Bible Belt (ein passendes Wunder gibt's hier). Außerdem lesen wir eine kurze Geschichte der Friedenssymbole, von der weißen Taube bis zum Victory-Zeichen.

Der Historiker Benjamin Stora (zur Person) sieht im Interview ebenfalls schwarz, was die Folgen des Kriegs angeht. "Dieser Krieg wird die Demokratisierung verzögern und komplizieren. Das ist schon jetzt deutlich. In den arabischen Ländern gab es Anfänge von Zivilgesellschaften. Anfänge von Demokratisierung. Anfänge von Frauenrechten. Und einen gewissen Freiraum für Journalisten. Dieser Prozess ist in Gefahr. Daraus kann identitäre Rückbesinnung werden - zu Nationalismus und Islamismus."

Außerdem: Jan Engelmann erteilt den Hoffnungen auf die Verwirklichung der planetarischen Zivilgesellschaft durch weltweites Protestieren eine Abfuhr. Selim Nassib glaubt in seinem al-Dschasira-Tagebuch, dass sich die irakischen Verantwortlichen "vor Wut in den Hintern beißen", weil sie die korrespondenten des Senders ausgewiesen haben. "Ohne die Reportagen und Kommentare über die Stimmung in den bombardierten Städten, den Widerstand dort und das erlittene Unglück, setzt sich die Sichtweise des amerikanisch-britischen 'Feindes' viel leichter durch."

Auf der Medienseite eröffnet uns Clemes Niedenthal, warum RTL2 ab Sonntag unfreiwillig zum "subversivsten Sender Deutschlands" wird.

Im tazmag schreibt Anja Fass über das deutsche Görlitz und das polnische Zgorzelec (Geschichte), die zwar eine gemeinsame Vergangenheit, aber wohl keine Zukunft haben. Waltraud Schwab trauert um Monique Wittig (Leben und Werk), eine Schlüsselfigur des Feminismus und der Lesbenbewegung. Von Anett Keller lesen wir eine Reportage vom Sarajevo-Lehrgang in Berlin, wo zukünftige Wahlhelfer oder Berater einen zweiwöchigen Crashkurs im Überleben auf dem Balkan bekommen (ähnliche Programme). Thomas Thiel untersucht die wachsende Rolle der Wissenschaftler beim Kriegführen.

Und natürlich Tom.

FR, 05.04.2003

Die israelische Kriminalautorin Batya Gur (Bücher) sagt im Interview, warum in ihrem neuen Roman auch der Aufstand der Palästinenser vorkommt. "Ich war in der Mitte des Buches, als die Intifada ausbrach. So ging ich zum Anfang zurück und schrieb einiges um. Es wäre irrsinnig gewesen, die Intifada mitzuerleben, ohne mich darauf zu beziehen. Das Schreiben ist für Gur eine "wunderbare Flucht. Doch wenn die Armee auf Bethlehem schießt, hören wir das hier in Baka, im Süden Jerusalems, selbst in unserem Schlafzimmer."

In Zeit und Bild erinnert Florence Herve in einem schönen Porträt an die Feministin Flora Tristan, die vor 200 Jahren geboren und vom Enkel Paul Gauguin folgendermaßen charakterisiert wurde: "Meine Großmutter war eine merkwürdige Frau. Sie nannte sich Flora Tristan und erfand eine Vielzahl sozialistischer Geschichten, unter anderem die Arbeiterunion. Ein sozialistischer Blaustrumpf eben, eine Anarchistin. Was ich hingegen mit Gewissheit sagen kann ist, dass Flora Tristan eine außergewöhnliche, hübsche und noble Dame war."

Außerdem: Ulrich Holbein vertraut arabischen Sprichwörtern mehr als CNN, wenn es um den Irak-Krieg geht. "Wird es Flächenbrand geben? Ein arabisches Sprichwort sagt: 'Flieh vor dem Löchlein und fall in den Brunnen!'" Ah ja. Daniel Kothenschulte verrät uns Michael Moores Wallraff-Methode und seinen Ärger, wenn man die Authentizität seiner Aussagen anzweifelt. Ina Hartwig läutet eine neue Runde im Messepoker ein und berichtet von dem Plädoyer zwölf großer Verlage aus Süddeutschland für München als neuen Standort der Frankfurter Buchmesse. Renee Zucker ärgert sich, dass wir von den an einem Kontrollpunkt der Amerikaner getöteten irakischen Frauen und Kinder wohl nie mehr etwas hören werden. Gemeldet wird, dass die RuhrTriennale-Koproduktion Phedre in sieben Kategorien für den bedeutenden französischen Theaterpreis "Moliere 2003" nominiert worden ist.

Auf der Medienseite sichtet Eva Schweitzer die nur vermeintlich verstummten linksliberalen Medien in den USA. Oppositionelle Blätter wie The Nation und Village Voice, Mother Jones und The Onion gedeihen nämlich prächtig in der Opposition zu Bush&Co. Kurz gemeldet wird, dass der geschasste NBC-Reporter Peter Arnett jetzt in Europa arbeitet und dass Reporter ohne Grenzen dem Irak, Großbritannien und den USA Zensur vorwerfen.

Besprochen werden Emanuele Crialeses außergewöhnlicher Film "Lampedusa", Sebastian Nüblings Version von Simon Stephens Jugendtheater "Die Reiher" in Stuttgart, und natürlich Bücher, etwa der exzellente Bildband "Leonardo da Vinci. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen" vom Taschen Verlag, Patrick Modianos Roman "Die kleine Bijou" in der kongenialen Übersetzung von Peter Handke sowie Tim Parks enttäuschende Erzählung "Doppelleben" (mehr in unserer Bücherschau sonntags ab 11 Uhr).

Im Magazin redet Starverteidiger Rolf Bossi über Verbrechen, fehlende Alpträume, Jakob von Metzler und die Lücken des Gesetzes. "Unsere Justiz hat ganz bestimmt ihre Schwachstellen. Wenn sie von der richtigen Seite mit den richtigen Worten angesprochen wird, dann ist die deutsche Justiz mehr als anfällig." Richtig wütend wird Bossi beim Thema Helmut Kohl. "Er hat Geld und schwarze Kassen als Machtmittel benutzt. Und er hat dafür gesorgt, dass Anstand und Redlichkeit in Deutschland in dieser Zeit verloren gegangen sind. Oder denken Sie nur an den früheren Innenminister Kanther. Der hat jüdische Testamente gefälscht, um seine schwarzen Kassen zu erklären. Haben Sie mal gehört, dass der verurteilt worden ist?"

Weiteres: Peter Linden schreibt über den Plan einer jungen Architektin, in Beirut ein Museum zu errichten und schildert nebenbei die derzeitige Verfassung der Stadt mit der mondänen Vergangenheit. Stephan Hilpold beschreibt die Politisierung der Mode: erst Military, jetzt Peace-Zeichen. Detlef Franke schwärmt von starken Frauen und alten Bauern auf Eselsrücken im griechischen Urlaubsparadies Lesbos.
Anzeige

SZ, 05.04.2003

Die Gewerkschaften haben ein Imageproblem, und das nicht ohne Grund. Robert Jacobi gibt den strauchelnden, noch im Frühkapitalismus verhafteten Kämpfern Tipps, wie sie vom Jobvernichter wieder zum Arbeitsplatzerhalter werden können. "Nur wenn sie zu einer schrittweisen Anpassung an den Paradigmenwechsel vom fürsorgenden zum leistungsfördernden Sozialstaat fähig sind, kehren sie in den Gestaltungskern der Gesellschaft zurück. Andernfalls degenerieren sie zu Rentnerverbänden, die klassenkämpferisch auftreten, aber dahinsiechen und aussterben. Hochgerechnet werden sie in vierzig Jahren das letzte Mitglied verabschieden."

Weitere Artikel: Die britischen Künstler Jake und Dinos Chapman (mehr) verraten im Gespräch, warum sie Francisco de Goyas Radierungs-Zyklus "Desastres de la guerra" mit Fratzen übermalt haben, wie jetzt in Düsseldorf zu sehen. "Sie funktionieren jetzt besser, wenn das nicht zu unbescheiden klingt." Die SZ druckt in Auszügen die Rede, die Bundespräsident Johannes Rau an diesem Wochende auf dem ersten Konvent der Baukultur halten wird, wo die lang angekündigte "Bundesstiftung Baukultur" auf den Weg gebracht werden soll. Reinhard Brand, seines Zeichens Philosophieprofessor in Marburg, rekapituliert in seiner Rede vor Studenten noch einmal die ganze verzwickte Situation mit dem Irak, Amerika und Europa. Sehr anschaulich zwar, doch fühlt man sich bei seinen Ausführungen ein wenig in die Schule zurückversetzt. Eva Marz zeigt uns, wie die Asiaten den notwendigen Mundschutz gegen SARS und Smog als modisches Accesoire interpretieren. Der Sprachwissenschaftler Nikolaus Henkel hegt ernste Zweifel, ob die kürzlich entdeckten Pergamentschnipsel wirklich bisher unentdeckte Passagen des Nibelungenlieds darstellen. Ulrich Raulff gratuliert dem Althistoriker Karl Christ zum Achtzigsten, Gerhard Persche beglückwunscht den Komponisten HK Gruber zum Erhalt des Österreichischen Staatspreises. Heinz Brüggemann hat sich in der Reihe Briefe aus dem 20. Jahrhundert diesmal ein Schreiben von Kurt Schwitters an Carola und Sigfried Giedion aus dem Jahr 1929 vorgenommen. "ukü" meldet, dass der französische Altmeister der Mathematik Jean-Pierre Serre als Erster den Abel-Preis erhalten wird, garniert mit immerhin 770000 Euro. Gemeldet wird außerdem, dass die Bauarbeiten am Berliner Holocaust denkmal begonnen haben.

Auf der Medienseite erinnert sich ein melancholischer Günter Gaus im Interview an seine mittlerweile legendären Fernseh-Gespräche und zählt sich mit Habermas und Enzensberger zu den Dinosauriern der deutschen Gesellschaft. "Ich glaube nicht, dass das meine Gesellschaft ist. Ich denke doch, dass der eine oder andere von uns - auch wenn er noch unter den Lebenden weilt - der Welt abhanden gekommen ist." In seinem Tagebuch aus Bagdad schreibt Christoph Maria Fröhder über Kinderfinger, abgetrennt durch amerikanische Splitterbomben und weggeschnitten für den deutschen Fernsehzuschauer.

Besprochen werden eine Ausstellung mit ausgewählten Kriegsfotografen von James Nachtwey im Münchner Literaturhaus (der Dokumentarfilm über Nachtwey läuft am Sonntag auf Phoenix), Shawn Levys ordentliche Filmkomödie "Voll verheiratet", Rudolf Lochs spröde Kleist-Biografie und Thomas Hürlimanns Sammlung von Essays, Reden, Reportagen: "Himmelsöhi, hilf! Über die Schweiz und andere Nester".

Die SZ am Wochende birgt ein lohnendes Gespräch mit dem französischen Schauspieler Christian Clavier, der uns das Komische am Krieg, an Diktatoren und an George W. Bush erklärt. "Als Bush den Krieg im Fernsehen angekündigt hat, hatte er zwei Fotos hinter sich stehen, so in der Art, wie Politiker seiner Klasse sie nun einmal da stehen haben. Auf dem einen Foto waren seine lieben Kinder, auf dem anderen war seine liebe Frau, und seine liebe Frau hatte seinen lieben Hund auf dem Arm. Vor diesem zauberhaften Hintergrund kündigte der Mann einen Religionskrieg an, dessen Auswirkungen langfristig alles übertreffen werden, was wir seit 1945 erlebt haben. Übrigens hat er auch noch gelächelt bei seiner Kriegsankündigung. Er hat sich gefreut! Er hat sich gefreut, dass es endlich losgeht! Was für ein Auftritt! Vollkommen wahnsinnig, in der Konsequenz furchtbar, aber als Auftritt natürlich: sehr komisch!"

Orhan Pamuk (Buch), türkischer Schriftsteller, erinnert sich in einem kurzen Text an seinen verstorbenen Vater, im Taxi vor dem Friedhof. "Wie alle bestätigten, ähnelten wir uns sehr, aber er sah sehr viel besser und attraktiver aus. Genau wie der von seinem Vater, meinem Großvater, auf ihn übergegangene Reichtum, den er auch mit mehreren Konkursen nicht vernichten konnte, so machte auch sein gutes Aussehen sein Leben zu einer einfachen und amüsanten Angelegenheit."

Außerdem: Christoph Amend (Buch) rätselt, ob die jungen Antikriegsdemonstranten die Hippies des 21. Jahrhunderts sind. Helmut Schödel trägt tränenreich das politisch-moralische Kabarett zu Grabe, wie es einst die Münchner Lach-und Schießgesellschaft in Deutschland etabliert hatte. Schön anzusehen, aber nicht zu gebrauchen: Wieland Elfferding klagt über klebende Klebelaschen an Tempopäckchen, oder besser gesagt über den Verfall von Gebrauchswerten im Zeichen des Produktdesigns.

FAZ, 05.04.2003

In einer bleiernen Zeit sieht Hannes Hintermeier derzeit die Verlagswelt, die einer Entscheidung des Kartellamts zur Fusion von Random House und Ullstein Heyne List entgegenbangt. "Stimmt das Kartellamt zu, wird zunächst viel Konkurrenz aus dem Markt genommen, droht das mittelständisch strukturierte Gewerbe insgesamt in Schieflage zu geraten. Auch wenn (Random-House-Chef) Pfuhl als Demutsgeste den kleinen Verlagen Mut macht: Sie hätten es derzeit auf dem Markt möglicherweise leichter als die Großen - der Größenunterschied zu den anderen Publikumsverlagen wird enorm sein; inhaltlich droht die Unterhaltungswalze die besseren Bücher wenn nicht ganz platt, so doch schwerer durchsetzbar zu machen. Auch der Preisbindung könnte dann endgültig das Totenglöcklein läuten. Für die seit Jahr und Tag prophezeiten amerikanischen Verhältnisse auf dem deutschen Buchmarkt aber ist dann niemand besser gerüstet als Bertelsmann, mit seiner multimedialen Vermarktungskette von Dieter Bohlen, Jürgen Möllemann bis zu Daniel Küblböck."

Rainer Hermann befasst sich mit dem Phänomen türkischer Kolumnisten, die sich als so genannte Eckenbrüller Tag für Tag beherzt in die Meinungsschlacht werfen. "Noch steht die Antwort aus, weshalb in der Türkei einige Dutzend Kolumnisten die politische Diskussion stärker bestimmen als die Politiker und die Intellektuellen, die sich nicht täglich von einer medialen Plattform aus zu Wort melden können. Das Ansehen ihrer Kolumnisten bestimmt den Wert einer Zeitung. Wer sich - als Professor, Schriftsteller oder Intellektueller - in einer angesehenen Zeitung eine begehrte 'Ecke' erschrieben hat, der hat es geschafft: Er gehört zum Kreis der Meinungsmacher. Ihre Ablösesummen konkurrieren mit denen der Fußballspieler."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus widmet dem französischen Künstlerduo Dupuy & Berberian eine Hommage, deren Comics moderne Menschen in ein imaginäres Frankreich der 50er Jahre versetzen, "eines, in dem Paris wie in einem Hollywood-Film aussieht, ohne an Realitätsgefühl zu verlieren". Der Schriftsteller Cees Nooteboom (mehr hier) schreibt eine Geschichte über das L, das manchmal lieber ein X wäre.

Die Griechen werden wieder bunt, weiß Michael Siebler, im Herbst wird die Münchner Glyptothek eine Ausstellung zur Vielfarbigkeit in der Antike zeigen. "Dann wird der Besucher sich eine Vorstellung davon machen können, wie farbenprächtig die antike Skulptur in Wirklichkeit war, wie anders als das Weiß der Werke eines Michelangelo, eines Thorvaldsen oder eines Canova, die unser Verständnis von griechisch-römischer Skulptur bestimmt haben." Georg Imdahl empfiehlt die Projektreihe "Chilufim" in NRW, in junge israelische Kunst vorgstellt wird. Uwe Walter gratuliert dem Althistoriker Karl Christ (mehr hier) zum achtzigsten Geburtstag und in der Frankfurter Anthologie stellt Gerhard Kaiser Stefan Georges "Seelied" vor.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg, dass Le Monde Verlag und Autoren des Buches "La face cachee du Monde" auf eine Million Euro Schadensersatz verklagt: "Dass das Buch von Philippe Cohen und Pierre Pean ein tatsächlich existierendes Unbehagen manifestiert, beweist der anhaltende Erfolg: Die in ihrer Detailversessenheit eigentlich nur für Insider des Medien- und Literaturbetriebs interessante, zumindest einigermaßen verständliche Anklageschrift ist der absolute Bestseller dieser Wochen und wird in Kürze die Auflage des 'Monde' erreichen." Heike Hupertz beobachtet, dass CNN wieder auf Qualität statt Quote setzt, um sich von Fox News abzuheben.

Besprochen werden Tom Kühnels Inszenierung der "Szenen einer Ehe" in Basel, die Komödie "Suche impotenten Mann fürs Leben", das neue Album der Cardigans, die "große Platte" der White Stripes sowie Aufnahmen des Tenors Juan Diego Florez (mehr hier).

Und Bücher, darunter Wilhelm Genazinos "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman", Charles Bukowskis "439 Gedichte", Jakob Arjounis Miniaturen "Idioten", Erzählungen von Patricia Highsmith und Gespräche mit Marion Gräfin Dönhoff (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).