Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.04.2003. In der SZ warnt Ulrich Beck vorm Auseinanderdriften von Legalität und Legitimität. Die FAZ will eine Taskforce der Gauck-Behörde in den Irak entsenden. Die taz berichtet, was Al Dschasira berichtet, wenn es nicht berichten darf. Die NZZ analysiert den deutschen Antiamerikanismus. In der FR erklärt der Politiker Joseph S. Nye das "Paradox der amerikanischen Macht". In der Welt polemisiert Viktor Jerofejew unter Zuhilfenahme fragwürdiger Vergleiche gegen seinen Onkel aus Amerika.

SZ, 04.04.2003

Dem Soziologen Ulrich Beck (mehr hier) flößt das Auseinanderdriften von Legalität und Legitimität gewaltige Furcht ein: "Ähnlich wie Atomkraftgegner sich auf den 'höheren Notstand' berufen, um Gesetze zu brechen, beruft sich die US-Regierung auf den 'höheren Notstand', die Menschheit vor der Gefahr des ABC-Waffen-Terrorismus zu bewahren, um den Sicherheitsrat zu unterlaufen und das Völkerrecht zu brechen. Beide - die antistaatliche Anti-Atomkraftbewegung und die hegemonialstaatliche Anti- Terrorismusbewegung - lehren: Es gibt eine neuartige soziologische Legitimitätsquelle, und diese ist alarmierend nicht-legal, a-demokratisch und transnational. Sie entsteht aus dem Versprechen, die Menschheit von zivilisatorisch erzeugten Zivilisationsgefahren zu befreien. In den Augen von Greenpeace, Amnesty International etc., aber eben auch der Bush-Regierung, rechtfertigt diese Legitimation den Bruch internationalen und nationalen Rechts. Das ist beängstigend. Wer befreit uns vor dem Glitzern in den Augen dieser amerikanischen Welterlöser?"

Sonja Zekri beunruhigen dagegen die Aktivitäten des American Council on Cultural Policy. "Ziel, so berichtet das Wissenschaftsmagazin Science, ist die Lockerung der irakischen Antiquitätengesetze unter einer amerikanisch kontrollierten Nachkriegsregierung, die Erleichterung des Antiken- Exports aus dem Irak, kurz: die legalisierte Plünderung der Kultur Mesopotamiens durch die Amerikaner." Und der Unesco-Experte Mounir Bouchenaki fürchtet im Interview bereits durch die Kampfhandlungen schwere Schäden an den historischen Stätten (mehr hier).

Weitere Artikel: Kai Strittmatter berichtet, dass die Schweizer Architekten Herzog und de Meuron das neue Olympiastadion in Peking bauen werden, was sie allen Ernstes von einer "Freiheit" in China schwärmen lässt, "die in Amerika unvorstellbar" wäre. Annette Eckerle frohlockt über das neue Theaterhaus in Stuttgart, von dem Kulturschaffende in anderen, weniger "provinziellen" Städten nur träumen könnten. Henning Klüver stimmt uns auf ein Feuerwerk von Festivals ein, das rund um die Kunstbiennale in Venedig stattfinden wird.

Florian Goser entdeckt neue Briefe und Porträts von Thomas Mann. "göt" liefert einen kurzen Nachruf auf den Hollywood-Autoren und Agenten Philip Yordan. Derselbe Autor verzeichnet aber dank "Good Bye, Lenin!" ein Stimmungshoch in der deutschen Kinobranche, während "midt" Unstimmigkeiten zwischen den Kritikern von Hamgurs Kultursenatorin Dana Horakova meldet. Und schließlich wird noch Monika Marons Laudatio auf den Berliner Schriftsteller Hartmut Lange ("Irrtum als Erkenntnis") abgedruckt, der während der Leipziger Buchmesse den diesjährigen Italo-Svevo-Preis erhielt.

Auf der Medienseite findet sich wahres Glanzstück deutschen Aufklärungsjournalismus: Im Bericht "US-Militärs diskriminieren europäische Korrespondenten" erzählt Bernd Dörries ausschließlich von abgezogenen US-Journalisten, mit denen die Kriegsbegeisterung durchgegangen ist, von Al-Dschasiras Rauswurf aus dem Irak oder von ARD-Korrespondent Arnim Stauth, der von Briten gegängelt wird.

Besprochen werden Carsten Fiebelers tödliches Kino-Kammerspiel "Die Datsche", Jenny Erpenbecks Stück "Leibesübungen für eine Sünderin" am Deutschen Theater Berlin, die Inszenierung von Simon Stephens' "Reiher" am Stuttgarter Staatsschauspiel, die "Ritter"-Schau in Speyer, eine Ausstellung des Historienmalers Carl Theodor von Piloty in der Neuen Pinakothek in München, und Bücher, darunter Fridolin Schleys Erzählungen "Schwimmbadsommer" sowie Rudi Klein Bibliothek der "reich bebilderten Verzweiflung" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 04.04.2003

Al-Dschasiras Rauswurf aus dem Irak trägt Selim Nassib in seinem TV-Tagebuch relativ gefasst: "Die Subjektivität der irakischen Bevölkerung ist aus dem Sender verschwunden. Um dieses Loch zu füllen, zeigt er stumme Abfolgen, Bilder von Soldaten in Aktion, verwüstete Straßen, Verletzte, brennende Fackeln auf Ölquellen. Ein amerikanischer Militär steht aufrecht auf seinem Panzer. Er singt und wiegt sich hin und her und fordert eine Gruppe irakischer Kinder auf mitzumachen. Die Kinder lachen und gehen auf das Spiel ein. Das Ganze endet damit, dass sie immer wieder hinter ihm schreien: 'Shake, shake your body, baby.' Die irakischen Zensoren müssten vor Wut in ihre Käppchen beißen."

Weitere Artkel: Michael Tschernek unterhält sich mit dem Rock-Duo The White Stripes über Konzepte der Coolness und ihre Verweigerung vor dem musikalischen Fortschritt. Thomas Winkler sieht in der Kolumne "Zwischen den Rillen" die "Denker des deutschen HipHop", ASD und Curse, "vorzeitig gealtert". Außerdem gibt es zwei Nachrufe: einen auf den Soulsänger Edwin Starr und einen auf den Hongkong-Schauspieler Leslie Cheung (mehr hier).

Besprochen wird Mariam Laus Harald-Schmidt-Biografie, in der Lau bekennt: "Ich musste ihn einfach verehren. Und begann, ihm nachzustellen" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 04.04.2003

Joachim Güntner resümiert über den Antiamerikanismus der Deutschen, obwohl diese doch eigentlich mit den USA in einer "gleichermaßen geteilten 'westlichen Überzeugungsgemeinschaft'" leben: "George W. Bush hat ein Glaubwürdigkeitsproblem in Deutschland, und wer jetzt einwendet, dies habe der Präsident doch auch mit liberalen Intellektuellen in Amerika, vergisst die besondere Verschärfung des Problems durch deutsche Denkungsart. Anders als unter Angelsachsen gilt unter Deutschen, dass jede Beimischung von Eigeninteresse die moralischen Gründe umfassend diskreditiert." In Deutschland halte man es immer noch mit dem Moralphilosophen Leonard Nelson, der 1924 eine Ehrlichkeitsprobe für Interventionen aus "Gerechtigkeitsliebe" erfand: "Man braucht sich nur zu fragen, ob der intervenierende Staat auch da zu intervenieren bereit ist, wo er sich keinen Privatvorteil davon versprechen kann."

Weitere Artikel: Florian Harms stellt eines der "interessantesten Kulturprojekte in Europa" vor: das neue Theaterhaus auf dem Stuttgarter Pragsattel.

Besprochen werden: "7000 Jahre persische Kunst" im Baseler Antikenmuseum (mehr hier), eine Ausstellung des dem japanischen Rationalismus verschriebenen Architektenteams Sanaa in der Essener Zeche Zollverein, Brittens Kammeroper "The Turn of the Screw" in Genf als ein "Opernabend von außergewöhnlicher Geschlossenheit und Dichte" und eine liebevoll unbarmherzige Aufführung Rameaus "Les Boreades" im Pariser Palais Garnier.

Auf der Medien- und Informatikseite greift Stefan Heuer zum neokonservativen Weekly Standard, die Zeitung "für ein starkes Amerika" und erklärt, warum die Abonnentenzahlen ansteigen (die Zeitung ist auch online). Set berichtet über E-Paper, eine neue, aus der Synthese von Online und Print hervorgegangene Gattung, die "zwei entwickelte Mediengattungen in der Art der Aufbereitung der Inhalte und Rezeptionsgewohnheiten" miteinander verschmelzen lassen soll. Ras warnt eindringlich vor einer neuen Epidemiewelle in Zeiten der Konsumgesellschaft: Boykottitis. Detlef Borchers schreibt einen Nachruf auf den Erfinder des "portablen Computers" Adam Osborne (mehr hier).

Auf der Filmseite schreibt Alex Bänninger "zum Hinschied von Stephan Portmann". Marcy Goldberg fragt im Resümee des Grazer Festivals Diagonale: "Wohin mit dem österreichischen Film?" Besprochen wird Ken Loachs neuer Film "Sweet Sixteen".
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FR, 04.04.2003

Joseph S. Nye (mehr hier), stellvertretender Verteidigungsminister unter Bill Clinton, erklärt in einem Interview das "Paradox der amerikanischen Macht": "Die USA sind die stärkste Militärmacht seit dem Alten Rom, und unglücklicherweise denken einige Amerikaner, wir können im Grunde tun, was wir wollen, ohne zu kooperieren. Aber in Wirklichkeit gibt es so viele transnationale Belange, die niemand einzeln kontrollieren kann. Sie können sie nur kooperativ lösen. Zum Beispiel den internationalen Terrorismus... Man kann das Problem des transnationalen Terrorismus nur lösen durch enge internationale Zusammenarbeit. Die einzige Supermacht der Welt kann seine eigenen Bürger nicht im Alleingang verteidigen."

Weitere Artikel: Für Aufregung sorgt in Frankreich die anstehende Versteigerung von Andre Bretons Nachlass, schreibt Thomas Girst, Kritiker wähnen darin einen "Ausverkauf des Surrealismus". Andreas Gelhard berichtet von einer Tagung zu Maurice Blanchot in Paris. Thomas Kling verfasst eine Hommage auf den Dichter Oskar Pastior (mehr hier) in der Hoffnung, dass seine "Sprachhalden immer weiter glühen mögen". In einer ihrer Gerichtsreportagen befasst sich Verena Mayer heute mit einem Berliner Arzt, der in Berlin angeklagt ist, sein Baby getötet zu haben.

Besprochen werden Brad Silberlings Film "Moonlight Mile", Jon Amiels Katastrophen-Produktion "The Core" und Bücher, darunter Norbert Mappes-Niedieck Untersuchung zur "Balkan-Mafia", Bill Emmotts Vision 20/21 für die "Die Weltordnung des 21. Jahrhunderts" und zwei Bände zum Thema "Wasser" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 04.04.2003

Na bitte, auch die Deutschen werden im Irak gebraucht - nach dem Krieg. Heinrich Wefing beschreibt amerikanische Pläne für den Wiederaufbau des Landes, an dem sich die Deutschen als ausgewiesene Experten in Sachen "Ent-Totalisierung" federführend beteiligen sollen. Immerhin habe "kein anderer Staat derart viel Erfahrung mit der Abwicklung von Diktaturen wie Deutschland, das diesen Prozess gleich zweimal durchgemacht habe", wie der amerikanische Publizist Paul Berman in der New York Times erklärt hat. Wefing ist überzeugt, dass dieser Vorschlag hier gut ankommen wird: "Was entspräche dem pazifistisch bewegten Selbstbild der Bundesrepublik derzeit besser als ein deutsches Friedenskorps, das nicht nur beim technischen Wiederaufbau des Irak helfen könnte, sondern auch bei dessen moralischer Wiederaufrichtung? Eine durch und durch zivile Brigade deutscher Liberalisierungsberater, Juristen und Hochschullehrer, die dem Irak den Weg zu mehr Demokratie weisen; eine task force der Gauck-Behörde, die in Bagdad die Archive der Baath-Partei sichert und öffnet; eine Abordnung aus Karlsruhe mit erprobten Ratschlägen für den Aufbau einer irakischen Verfassungsgerichtsbarkeit..." Irgendjemand muss dann noch ein richtig gutes Feuilleton aufbauen!

Weitere Artikel: Mark Siemons denkt ausführlich über Moral und Unmoral der Börsianer in Kriegszeiten nach. Jordan Mejias berichtet von einem Rechtsstreit in den USA um die Affirmative action, der jetzt vor dem Supreme Court gelandet ist. Charlotte Ziegler, Leiterin der Stiftsbibliothek des Zisterzienserklosters Zwettl, erklärt uns die frühesten Fragmente der Nibelungentexte. Andreas Kilb macht uns mit dem neuen Filmförderungsgesetz bekannt: "Die fetten Hühnchen werden also wie bisher die jungen Adler mit durchfüttern und öfter als bisher wird auch ein Greif aus dem nahen Ausland herniederstoßen, um sich an deutschen Fördertöpfen zu laben." Auf der letzten Seite stellt Andreas Rossmann das neue Westfälische Museum für Archäologie vor, das in Herne eröffnet wurde. Jürgen Kaube zeichnet die Odyssee des Schmetterlings "Parnassius przewalskii" nach (wir haben im Netz nur einen Parnassius apollo gefunden). Und Mark Siemons war dabei, als sich der Bundestag im Ostberliner Kino "International" den Film "Good bye, Lenin" angesehen hat.

Auf der Medienseite kritisiert Souad Mekhennet, dass die Bilder von verstümmelten Zivilisten, die bei al-Dschasira zu sehen sind, ohne Quellenangabe gezeigt werden. Außerdem berichtet Mekhennet, dass die Korrespondenten von al-Dschasira soeben ohne Begründung vom irakischen Informationsministerium aus dem Land gewiesen wurden.

Besprochen werden die Ausstellung der Werke Luc Tuymans' im Kunstverein Hannover, Brad Silberlings Film "Moonlight Mile", eine Aufführung von Cherubinis "Lodoiska" im Theater in Nordhausen und die Aufführung von Alexa Henning von Langes "Ich habe einfach Glück" im Schauspiel Hannover.

Weitere Medien, 04.04.2003

In der Welt polemisiert der Schriftsteller Viktor Jerofejew gegen die "Geschenke vom Onkel aus Amerika" für den Irak. "Meinen lieben Onkel Amerika hat man am 11. September vergewaltigt. Das tat ihm weh im Hintern. Der Onkel ist gekränkt, erniedrigt, beleidigt. Jetzt hat er freie Bahn. Er fuchtelt mit seinem Knüppel herum. Seine Backen sind voller Blut. Aber für mich ist er nicht mehr der gute Onkel." Auf der Forumsseite kritisiert CNN-Chef Chris Cramer arabische Fernsehsender, die Bilder von getöteten Soldaten zeigen, bevor "die betroffenen Familien" informiert werden konnten.