Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2001.

NZZ, 07.05.2001

Seit genau 1700 Jahren ist Armenien christlich. Die Rolle der Kirche und ihre konfessionelle Besonderheit gegenüber Katholiken und Orthodoxen schildert Ekkehard Kraft: "Selbst Atheisten gilt die zumindest formale Zugehörigkeit zur Armenischen Apostolischen Kirche als ein wesentliches Kriterium für die Zugehörigkeit zur armenischen Nation, was sich auch in der von der Verfassung privilegierten Stellung als Quasistaatskirche widerspiegelt. Ihr Ansehen, das sie als nationale Institution genießt, steht in umgekehrtem Verhältnis zu dem eher bescheidenen Gottesdienstbesuch; zudem sieht sie sich zunehmend mit der religiösen Konkurrenz durch andere Glaubensgemeinschaften konfrontiert."

Susanne Ostwald berichtet über Reaktionen auf das gerichtliche Verbot eines Roman, der "Vom Winde verweht" aus Sklavenperspektive neu erzählen wollte: "Die Entscheidung hat unter amerikanischen Intellektuellen - unter ihnen die Schriftstellerin Harper Lee und die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison - für Empörung gesorgt und eine Debatte um die Frage ausgelöst, wie weit die kritische Neuinterpretation eines Werkes gehen darf, ohne dabei die Urheberrechte anderer zu verletzen. Experten argumentieren, die Nacherzählung der Geschichte von 'Vom Winde verweht' aus der Perspektive einer Sklavin erfülle ein legitimes öffentliches Interesse." Der Roman sollte "The Wind Done Gone" heißen, Autorin ist Alice Randall.

Weitere Artikel: Joachim Güntner resümiert die Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die in Freiburg stattfand und von Sprache und Musik handelte. Christian Scholz unterhält sich mit dem Schriftsteller Wilhelm Genazino über sein Verhältnis zur Fotografie. Peter W. Jansen schreibt zum hundertsten Geburtstag von Gary Cooper. Und Heinz Horat schreibt zur heutigen Verleihung des Pritzker-Preises an die Basler Architekten Herzog & de Meuron.

Besprochen werden Peymanns "Maß für Maß"-Inszenierung ("Das ganze Personal, vom Herzog über den Stellvertreter bis zu den Huren, Zuhältern, Abenteurern des seltsamen Regierungsbezirks, lebt in einer musikalisch vibrierenden Unruhe. Heftige Gemütsbewegungen durchlaufen die Glieder wie in elektrischen Wellen, formen die Gesichter schamlos um", schreibt Christoph Funke), und Jean-Claude Gallottas Ballett "Nosferatu" an der Pariser Oper.

SZ, 07.05.2001

Willi Winkler hat Christopher Hitchens Buch "The Trial of Henry Kissinger" gelesen, in dem der britische Journalist Kissinger als Kriegsverbrecher anprangert (er will ihn vor ein Menschenrechtstribunal stellen). Grundlage sind freigegebene CIA-Akten. Sie beweisen nach Winkler unter anderem: "Wie die USA über den CIA und die freundschaftlich verbundene Firma ITT Waffen und Geld nach Chile brachten; wie sie eine Belohnung für den Sturz des obersten und leider Allende-loyalen Militärchefs aussetzten; wie sie den potentiellen Attentätern sogar eine Lebensversicherung spendierten, und wie Kissinger noch 1976 dem Bundesgenossen Pinochet treuherzig versicherte, er werde die Menschenrechte bei der bevorstehenden Konferenz der amerikanischen Staaten bloß pro forma ansprechen. Dass die USA die Menschenrechte dennoch immer sehr ernst genommen haben, bewiesen sie erneut, als der CIA jener Gruppe, die 1970 den widerständigen Armeechef Rene Schneider entführt und umgebracht hatte, nach vollbrachter Tat 'aus humanitären Gründen' eine weitere Abschlagszahlung von 35 000 Dollar spendierte." Auf deutsch wird Hitchens' Buch übrigens in der nächsten Lettre International im Juni erscheinen. Weitere Informationen geben wir in unserer Magazinrundschau - denn auch der Nouvel Observateur hat über das Buch berichtet.

Susan Vahabzadeh denkt über die demografischen Debatten der letzten Wochen nach: "Wenn man die Debatten der letzten Wochen verfolgt hat, kann es einem schon mal so vorkommen, als ob die Frauen für die sinkenden Geburtenraten allein verantwortlich seien; von zeugungsverweigernden Männern ist selten die Rede. Soll es aber geben. Es bleibt aber einstweilen trotzdem dabei: Für Frauen ist die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, nun mal dramatischer - die Karriere ist oft genug vorüber, mit der Belastung müssen Frauen in weiten Teilen auch heute noch alleine fertig werden, und das Rollenbild, das ihnen die Gesellschaft zuweist, gilt lebenslänglich: Sie sind fortan vor allem anderen Mütter." Das Seltsame ist aber: In Ländern wie Frankreich ist sowohl der Anteil arbeitender Frauen als auch die Geburtenrate höher, was vor allem am staatlichen Versorgungssystem für die Kinder liegt (dessen Fehlen in Deutschland auch Vahabzadeh kritisiert).

Christine Dössel hat sich dreieinhalb Stunden lang gefragt, was Claus Peymann denn nun an Shakespeares "Maß für Maß" interessiert haben mag. "Für die Burleske, die er daraus macht, dieses alberne Kasperltheater, hätte es als Vorlage auch ein Puppenspiel von Graf Pocci getan." Am Schluss sitzen die Schauspieler auf den Stufen "und schauen uns an, als wollten sie sagen: Glotzt nicht so blöde! Was aber kann man anderes tun?"

Weitere Artikel: Johannes Willms kommentiert Chiracs Verurteilung der französischen Kriegsverbrechen in Algerien. Klaus Harpprecht macht sich Gedanken zum Abschied von Bernhard Pivot aus der bekanntesten Literatursendung des französischen Fernsehens.
 
Besprochen werden die Oper "Wallenberg" in Dortmund und der Film "Under Suspicion" mit Gene Hackman und Morgan Freeman.

FR, 07.05.2001

Eine "leichte" und "frohgemute" Aufführung von Shakespeares "Maß für Maß" hat Claus Peymann im BE hingelegt, freut sich Peter Iden. Besonders die Schauspieler haben es ihm angetan: "Hans-Michael Rehberg gibt den Herzog als gewitzten Arrangeur der gewagten dramatischen Konstellation, die er sich ausgedacht hat als ein Spiel, und in die er sich manchmal hineinziehen lässt, als wäre es keines. Der Stellvertreter ist Michael Maertens, der sich hier von Richard II., den er am gleichen Haus darstellt, in einen Rigoristen von scharf geschnittenem Umriss verwandelt, in einer engen schwarzen Jacke, später in der roten Robe des Richters, einer der letzten Gerechten. Das ist sehenswert: Wie dieser Mensch aus der Fassung gerät, wenn Isabella bei ihm erscheint." Das ist kein Wunder, denn Isabella, gespielt von Sylvie Rohrer, ist "in der weißen Kutte der Novizin die einnehmendste Nonne, die einem auf einer Bühne je untergekommen ist. Peymann hat derart nachdrücklich auch das (in die Nähe zum Wiener Volkstheater gerückte) Personal der eingeschobenen Straßenszenen sich zur Geltung bringen lassen, vor allem Ulrich Matthes, der in dem Lucio eine vielschichtige Figur entdeckt, zugleich Bürger, Provokateur, Phantast und verkappter Wüstling."

Weitere Artikel: Ein Glückwunsch für Gary Cooper zum 100. Geburtstag, und Elke Buhr erklärt sich ganz damit einverstanden, dass die Kurzfilmtage in Oberhausen Musikvideos in ihr Programm aufgenommen haben: "Die Integration von Musikvideos ist für das Festival ein offensiver Schritt in Richtung Jugend und Pop und mit der entsprechenden Aufbruchsrhetorik verbunden. Vielleicht ist das Musikvideo ja auch nur die zeitgemäße Form des Kurzfilmes: Es funktioniert am Markt, hat ein potentiell sogar sehr breites Publikum und ist trotzdem zu ästhetischer Innovation fähig."
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TAZ, 07.05.2001

Die Zeiten, als Paris die erste Adresse für moderne Kunst war, sind längst vorbei. Ab Januar 2002 soll es nun eine neue Heimstätte für die Avantgarde geben, berichtet Elena Sorokin: das Palais Tokyo. "Eine Hyper-Factory ist geplant, ein transparentes Kunstlabor, wo an jeder Ecke experimentiert wird. Der Betrachter kann von Videoinstallationen zu Modeschauen schlendern, an Web-Art-Werken persönlich teilnehmen und manchmal im Restaurant vorbeischauen, um sich vor einer prächtigen Glaswand auf eine Diskussionsrunde vorzubereiten. Transdisziplinär soll es sein, sagt Nicolas Bourriaud, einer der beiden zuständigen Chefkuratoren, und besteht auf diesem Wort. 'Nicht multidisziplinär wie im Centre Pompidou', betont er, wo Bilder schön säuberlich von Design oder Film getrennt sind: 'Wir wollen Installationen, Videos, Filme, Modeschöpfer der neuen Generation im Kontakt und Austausch zeigen.'"

Im Scheibengericht bespricht Martin Pesch unter anderen neue Platten von Albrecht Kunze, Was Wa Wa (eine Band aus dem Ruhrgebiet), Heimelectro Ulm.

Und schließlich Tom.

FAZ, 07.05.2001

Edward Luttwak, Senior Fellow am Center for Strategic und International Studies in Washington, betreibt in seiner Freizeit eine Farm in Bolivien, die er nur mit einem kleinen Flugzeug erreichen kann. Scheint gefährlich zu sein: "Der sogenannte 'Krieg gegen die Drogen' ist in den Vereinigten Staaten eine Metapher. In den Andenstaaten Lateinamerikas ist er eine militärische Realität. Wie in echten Kriegszeiten überwachen amerikanische Radarflugzeuge und von Amerikanern bereitgestellte Radarbodenstationen den Flugverkehr der kleinen Privatmaschinen; sie lenken den Einsatz von Jagdflugzeugen, die sich den Privatmaschinen nähern, eine visuelle Identifizierung verlangen und sie unter Umständen sogar abschießen." Was baut Luttwak auf seiner Farm denn an?

Der Liberalismus, so schreibt Jürgen Kaube im heutigen Aufmacher, sei von John Stuart Mill als eine Minderheitenposition gegen die Machtansprüche der jeweiligen Mehrheiten definiert worden. Das ist seit dem jüngst absolvierten FDP-Parteitag anders: "Möllemann statt Mill, das hieß in Düsseldorf hingegen: die Liberalen können sich inzwischen vorstellen, dass das Volk als Ganzes überhaupt nur aus Liberalen besteht."

Der britische Schriftsteller David Flusfeder beschreibt ländliche Szenen aus seiner Heimat. "Trotz der törichten Parole der Regierung 'Auf dem Land sind wir wieder im Geschäft' ist es klar, dass das noch lange nicht stimmt. Das häufigste (über kreuz und quer gespannten Plastikbändern hängende) Schild ist immer noch der Hinweis: 'Dieser Weg ist bis auf weiteres wegen Maul- und Klauenseuche gesperrt' oder, weniger höflich, die handgeschriebene Warnung auf Pappdeckeln an wackligen Gattertoren: 'DRAUSSEN BLEIBEN - MAFF'. MAFF ist das Ministery of Agriculture and Fisheries."

"Niederschmetternd harmlos" fand Lothar Müller die "Maß für Maß"-Inszenierung Claus Peymanns am BE. Es hätte das "Spiel eines Herrschers" sein können, "der seinen Staat mit den Mitteln des Theaters testet. Es wäre ein gefährliches Spiel. Aber es ist in Berlin schon aus, ehe es recht begonnen hat. Den Zeitungsblättern, die über die Treppe wehen, folgen lustig hüpfende Bälle nach. Bald haben die Vertreter der Halbwelt die Bühne fest im Griff."

Weitere Artikel: Die tägliche Seite zur Bioethik schreibt heute Ulrike Riedel voll. Sie war unter Andrea Fischer für Biomedizin zuständig, bis sie unter der neuen Ministerin geschasst wurde. Titel ihres Essays: "Wer die Ethik nicht fühlen will, muss das Recht hören." Richard Kämmerlings resümiert die Kurzfilmtage von Oberhausen. Lars-Olav Beier schreibt zum 100. Geburtstag von Gary Cooper. Ulrich Spies berichtet von einer internationalen Tagung der öffentlichen Fernsehsender, die in Kapstadt abgehalten wurde. Patrick Bahners gratuliert Asa Briggs zum Achtzigsten. Eleonore Büning stellt das letzte Programm der Berliner Philharmoniker unter Abbado vor. Andreas Rossmann durfte miterleben, wie Peter Sloterdijk bei den 25. Duisburger Akzenten auftrat.

Besprochen werden die Oper "Wallenberg" von Lutz Hübner und Erkki-Sven Tüür, eine Ausstellung der Malerin Ida Kerkovius, deren Beitrag zur klassischen Moderne in Regensburg wiederentdeckt wird, Qu Xiao-songs Oper "Die letzte Saite", die an der Zeitgenössischen Oper Berlin aufgeführt wurde, Arbeiten von Stan Douglas in der Kunsthalle Basel, eine Ausstellung über die Feiningers in der Städtischen Galerie Karlsruhe und der Film "Wedding Planner" mit Jennifer Lopez.