Magazinrundschau

Sichtbar und ohne Reue

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
06.01.2026. Vor fünf Jahren versuchten Trump-Anhänger das Kapitol zu stürmen. Donald Trump wurde für seine Aufstachelung nie belangt, was die New York Times über die Konsequenzen von Straflosigkeit nachdenken lässt. Der New Statesman dokumentiert den Niedergang des Rechtsstaat in Hongkong. New Lines erinnert an die Millionen von Emigranten, vor gut hundert Jahren vor der Armut auf Sizilien nach Tunesien flüchteten. Im Dlf wirft der Philosoph Ralf Konersmann einen kritischen Blick auf die heutige Geschichtsschreibung. Der New Yorker fragt sich, warum die USA Venezuela überfallen haben und findet keine Antwort.

New York Times (USA), 31.12.2025

Es lohnt sich den Text der New York Times zum fünften Jahrestag des 6. Januar 2021 zu lesen. Er ist vom ganzen "editorial board" gezeichnet und schafft es in geradezu erhabener Einfachheit die Konsequenzen der Stürmung des Kapitols herauszuarbeiten, mit der Trump 1.0 endete und mit der die Grundlagen für sein heute noch viel schlimmeres Regime gelegt wurden: "Es mag inzwischen fast vergessen sein, doch schien der Senat damals kurz davor, ihn zu verurteilen und ihm das Amt zu entziehen", erinnern die Autoren des Textes. Es gab sowohl politische, als auch juristische Initiativen, eine zweite Amtszeit Trumps unmöglich zu machen, aber sie zerfielen. Und die Erfahrung der Straflosigkeit bot Trump eine kostbare Munition: "Er und seine Berater kamen zu dem Schluss, dass Einschüchterung und Gesetzlosigkeit selbst unter scheinbar aussichtslosen und manchmal illegalen Umständen zum Erfolg führen können." Sofort nach seinem Amtsantritt begnadigte Trump die übelsten Extremisten und lieferte damit eine Botschaft, die bis heute wirkt: "Wenn du das Gesetz brichst, um mich zu schützen, wirst du unterstützt. Wenn du das Gesetz gegen mich aufrechterhältst, wirst du bestraft." Die Autoren benennen am Schluss ihres Textes als einzigen Hoffnungsfaktor, dass Trumps Popularität sinkt und er demnächst Wahlen verlieren könnte.

In einer sehr ausführlichen und höchst kenntnisreichen Reportage erzählt  C.J. Chivers, wie Drohnen im Ukrainekrieg den Krieg an sich revolutionieren - als neue Technologie seien sie nur mit dem Maschinengewehr vergleichbar, das Ende des 19. Jahrhunderts alle Kriegführung auf den Kopf stellte. Aber wie alle Revolutionen enthält auch diese wie eine russische Puppe mehrere Umwälzungen in einem. Denn die Entwicklung ist äußerst dynamisch und jetzt bei Drohnen angelangt, die keinen Funkkontakt mit dem Schützen mehr brauchen, weil sie ihr Ziel mit künstlicher Intelligenz verfolgen, und zwar, wie Chivers es ausdrückt, "mit der Zähigkeit eines besessenen Vogels" - der Abschuss erfolgt, moralisch bedenklich, ohne Zutun des Schützen, der allerdings den Vorgang noch stoppen kann. Chivers beschreibt, wie die Drohne "Bumblebee" (an der übrigens der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt mit einem Startup beteiligt ist) in einem Versuch ein fahrendes Auto verfolgt, aus sechzig Meter Höhe oder auch aus 150 Meter Höhe, und dann zu ihm herabsinkt. Noch gibt es viele Schwierigkeiten zu überwinden. "Aber mit mehr Training und Rechenleistung könnte die Software verbessert werden, um militärische Ziele anhand ihrer Wiederbeschaffungskosten oder ihrer Gefährlichkeit zu erkennen und zu priorisieren, oder so optimiert werden, dass sie gepanzerte Fahrzeuge an verwundbaren Stellen trifft, beispielsweise an Auspuffgittern oder an den Verbindungsstellen zwischen Turm und Rumpf. Sie könnte darauf trainiert werden, fast alles zu jagen - einen Bus, ein geparktes Flugzeug, ein Rednerpult, an dem ein Redner vor Publikum spricht, einen Transformator, der Strom an ein Netz verteilt." Kriege schaffen solche Umwälzungen, sagt der Techniker Yurii, mit dem Chivers gesprochen hat. "Wer weiß, wohin das führen wird. Aber wenn es der internationalen Gemeinschaft Sorgen bereitet, dann hätte sie den Krieg längst stoppen müssen."
Archiv: New York Times

HVG (Ungarn), 01.01.2026

Im Interview mit Márton Gergely zieht der ehemalige Ministerpräsident Ungarns (2009-2010), der Ökonom Gordon Bajnai, vor den kommenden Wahlen (voraussichtlich im April 2026) eine Bilanz der Orban-Regierung: "16 Jahre sind mehr als genug Zeit, um eine Regierungsarbeit zu bewerten. Nach so vielen Jahren kann und muss man diese Regierung für die Bildung, das Gesundheitswesen, die wirtschaftlichen Aussichten, den Lebensstandard oder auch die Abwanderung zur Rechenschaft ziehen. Ebenso dafür, wie wir die einmaligen Chancen genutzt haben, die uns der EU-Beitritt geboten hat. Nach objektiven Kriterien schneidet Ungarn gemessen an seinen Möglichkeiten viel schlechter ab, als die Länder, die zusammen mit uns der EU beigetreten sind, und sogar die später hinzugekommenen Länder, die uns fast alle eingeholt und überholt haben. Dabei sehe ich nicht, dass diese weniger Souveränität oder größere Migrationsprobleme hätten als Ungarn. Und doch schneiden sie bei den Korruptionsindikatoren besser ab, sie holen sich die ihnen zustehenden EU-Gelder, bei ihnen hat sich die Abwanderung umgekehrt, ihre Wirtschaft wächst schneller. Während dort Regierungen von rechts und von links kamen und gingen, haben sie unsere seit 16 Jahren stabile Regierung in ihren Leistungen übertroffen."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn, Bajnai, Gordon

Guardian (UK), 06.01.2026

Susanna Rustin erinnert an die Feministinnen der Zweiten Welle, die in Großbritannien in den 1960er und 1970er Jahren gegen Benachteiligung von Frauen vor allem am Arbeitsplatz kämpften - und maßgeblich dafür verantwortlich waren, dass 1975 der Sex Discrimination Act in Kraft trat, ein Meilenstein in Sachen Gleichberechtigung. Doch obwohl kaum jemand die immense Bedeutung dieses Gesetzes infrage stellt, haben diejenigen, die es erkämpften, heutzutage nicht den besten Ruf. "Feministinnen der 1970er Jahre wurden später für ihren zu engen thematischen Fokus und die privilegierte soziale Stellung ihrer Vertreterinnen kritisiert, wobei 'Women in Media' als ein exemplarisches Beispiel gelten könnte. Mary Kenny erinnert sich, dass sie die Treffen 'ein bisschen bürgerlich' fand. Shirley Conran dachte sicher an den langjährigen Comicstrip 'The Four Marys' im Mädchencomic Bunty, als sie sich daran erinnerte, dass an der Kampagne für das Gesetz drei Shirleys beteiligt waren, die alle die St Paul's School besucht hatten - sie selbst, Shirley Williams und Shirley Summerskill (die Abenteuer der Four Marys spielten an der fiktiven St Elmo's School). Doch es ist unfair, die Bewegung in dieser Art zu karikieren. Viele derjenigen, die sich für das Gesetz einsetzten, waren auch in anderen Kampagnen aktiv, darunter eine gegen die Abschiebung einer Gruppe irischer Frauen, die beim Diebstahl ertappt worden waren. Zu ihren Vorschlägen gehörte eine Klausel zur Aktualisierung des Staatsangehörigkeitsrechts, damit Frauen - ebenso wie Männer - das Recht erhalten sollten, ausländische Ehepartner nach Großbritannien zu holen; ein hochaktuelles Thema im Zusammenhang mit Idi Amins Ausweisung ugandischer Asiaten. Immer wieder wurde die Sorge geäußert, ob Arbeiterinnen in schlecht bezahlten Jobs es sich überhaupt leisten könnten, Arbeitgeber vor ein Tribunal zu bringen. Zudem gab es Bemühungen, die Kategorie sexuelle Orientierung in das Gesetz aufzunehmen, sodass auch schwule Männer und Lesben Schutz erhalten würden. Eine Frauengruppe schlug außerdem vor, anstelle von Arbeitsgerichten ein Berufungsgremium für Bürgerrechte einzurichten, das in Fällen zu entscheiden hätte, die sowohl Rasse als auch Geschlecht betrafen."
Archiv: Guardian

New Statesman (UK), 08.01.2026

Wie steht es um den Rechtsstaat in Hongkong knapp dreißig Jahre nach Übergabe der ehemaligen britischen Kronkolonie an China? Schlecht, berichtet Jonathan Sumption mit Blick auf die Verurteilung des Jorunalisten Jimmy Lai wegen Verschwörung - der Prozess war offensichtlich, lesen wir, von Anfang an ein abgekartetes Spiel, die Urteilsbegründung aus juristische Perspektive lachhaft. Um nachvollziehen zu können, wie es zu solchen ideologisch geprägten Prozessen kommt, ist es "notwendig, das unterdrückerische Klima zu verstehen, das seit 2020 in Hongkong vorherrscht. Es geht dabei nicht nur um die Inhaftierung von Andersdenkenden. Bibliotheken sind gesäubert worden. Lehrpläne an Schulen wurden verändert. Menschenrechtsaktivisten von der Polizei aggressiv verhört. Gewerkschaften und politische Organisationen wurden gezwungen, ihre Arbeit einzustellen. Rundfunksender wurden zensiert oder gestört. Die seltenen Freisprüche oder Gewährungen von Kaution in politisch sensiblen Verfahren wurden von wütenden Tiraden pekingnaher Abgeordneter und Leitartikler begleitet. Von jedem Staatsbediensteten, einschließlich der Richter, wird 'Patriotismus' nach Chinas Definition verlangt." Zu einfach wäre es, meint Sumption, einseitig die lokalen Richter für diese Entwicklung verantworlich zu machen: "Bei einem meiner letzten Besuche in Hongkong sprach ich bei einem gemeinsamen Essen über diese Fragen mit einem hochrangigen Richter des Berufungsgerichts, dessen Urteilskraft ich stets geschätzt habe. 'Wir können keinen Guerillakrieg gegen den chinesischen Staat führen', sagte er. 'Wir sind Teil Chinas. Es ist die dominierende Regionalmacht. Unsere Wurzeln liegen in China und in Hongkong. Wir haben keinen Ausweg, wie ihr ihn habt. Der Westen drängt uns, westliche Werte aufrechtzuerhalten, als wären wir eine Demokratie - aber was kann der Westen Hongkong schon bieten außer moralischen Belehrungen und Zweitpässen?' Das ist eine berechtigte Frage."

Gerry Brakus zieht, eher unerwartet in einem linken britischen Magazin, den Hut vor dem Unabhängigkeitssinn der Bardot: "Ihre körperliche und emotionale Lockerheit, ihre offensichtliche Langeweile gegenüber Anerkennung, ihre Weigerung, sich kultiviert zu geben, deuteten allesamt auf eine Form der Autonomie hin, die man spürte, bevor sie artikuliert wurde. Sie kämpfte nicht für Freiheit. Sie verhielt sich, als gehöre sie ihr bereits. ... Ein Teil von Bardots Autorität kam von ihrer Weigerung, sich zu ändern. Sie versuchte nicht, ihr Gesicht zu verbessern, ihren Körper zu korrigieren oder mit der Zeit zu verhandeln. Sie milderte auch nicht ihre Ansichten, um sympathisch zu bleiben. Sie stand sichtbar und ohne Reue zu sich selbst, als wäre Selbstakzeptanz kein Projekt, sondern eine Tatsache." Das gilt auch für ihre islamfeindlichen Äußerungen: "Ich hatte mit diesen Ansichten zu kämpfen, und das tue ich immer noch. Sie machten es schwierig, sie zu verteidigen. Dennoch übte etwas an ihrer unapologetischen Beharrlichkeit, sie selbst zu sein, weiterhin eine Anziehungskraft aus. Nicht die Meinungen, sondern die Haltung. Die Weigerung, sich von Erwartungen umformen zu lassen."
Archiv: New Statesman
Stichwörter: Hongkong, China, Bardot, Brigitte

Eurozine (Österreich), 05.01.2026

Im Interview mit Mirjana Tomić gibt der bulgarische Politiologe Ivan Krastev einen Ausblick darauf, was 2026 politisch wichtig werden könnte. So viele konkrete Vorhersagen möchte er gar nicht machen, es sind vor allem drei wichtige Ereignisse, die das politische Klima bestimmen werden, glaubt er: Die Aussicht auf eine Art Waffenstillstand, von Frieden möchte er nicht sprechen, in der Ukraine, die Mid-Term-Wahlen in den USA, aber auch die Wahlen in Ungarn im April. "Diese werden aus vielen Gründen für Europa von entscheidender Bedeutung sein. Die ungarische Regierung spielt in der neuen politischen Konstellation Europas eine sehr wichtige Rolle, in der Präsident Trump sehr deutlich gemacht hat, dass er bestimmte politische Präferenzen und politische Freunde hat. Herr Orbán ist nicht nur Trumps ältester Freund in Europa, sondern meiner Meinung nach auch der strategisch wichtigste Verbündete. Ein Großteil der intellektuellen, finanziellen und institutionellen Infrastruktur der europäischen extremen Rechten hat ihren Sitz in Ungarn. Ihre wichtigsten Beziehungen zur amerikanischen MAGA-Bewegung laufen über ungarische Kanäle. Wenn Orbán die Wahl gewinnt, wird dies die Trump-freundliche Rechte in Europa konsolidieren und Auswirkungen auf andere Länder haben. Wenn Orbán verliert - und das wäre natürlich eine der Ironien der Geschichte -, würde dies in der 'Orbán-Ära der extremen Rechten' in Europa geschehen. Aber die Geschichte ist bekannt für ihren Sinn für Humor. Wir sollten diese Möglichkeit also nicht unterschätzen. Es könnte in beide Richtungen gehen."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Krastev, Ivan

New Lines Magazine (USA), 05.01.2026

Die italienische Regierung unter Giorgia Meloni weist jedes Jahr Tausende von Visumsanträgen aus Tunesien ab, darunter viele von Studenten, die an italienischen Universitäten zugelassen sind - diese Haltung "übersieht einen unbequemen, unerwähnten Teil der Geschichte", erinnert Stefania D'Ignoti: "Vor etwas mehr als einem Jahrhundert waren es Sizilianer, die dieselben Migrationsrouten nutzten - nur in umgekehrter Richtung." So wanderten "Ende des 19. Jahrhunderts Italiener, insbesondere Sizilianer, in Scharen nach Tunesien aus. Ihr Einfluss sollte über Generationen hinweg in der Küche, der Architektur und sogar der Sprache des Landes, das sie aufnahm, spürbar sein. Die meisten waren Handwerker, Bauern und Mechaniker, die nach der italienischen Einigung aus Sizilien flohen, um der zunehmenden Armut und der Herrschaft der Mafia zu entkommen (...) Die Konsolidierung hinterließ ein politisches Vakuum im Süden, was zu Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Landraub durch die Regierung und extrem hohen Steuern führte. Dies löste eine Massenauswanderung an die damals reichere und aufstrebende Südküste des Mittelmeers aus. Bis 1925 waren fast 80.000 der rund 130.000 Italiener in Tunesien Sizilianer, die hauptsächlich aus den westlichen Provinzen Trapani und Palermo stammten." Aber auch in Tunesien interessiert man sich kaum für diese Geschichte, erzählt Ben Ahmed, Gründer des tunesischen Vereins "La Piccola Sicilia". "Dabei wäre es wichtig zu zeigen, dass einst wir diejenigen waren, die Einwanderer, die vor der Armut flohen, willkommen hießen und ihnen ein Zuhause und Arbeitsmöglichkeiten boten, während wir heute nicht dieselbe Behandlung erfahren." Eine der berühmtesten italienischen Auswandererfamilien waren übrigens die Cardinales, deren Tochter Claudia im tunesischen La Goulette geboren wurde.

In Schweden werden Migranten inzwischen für fast jeden Missstand verantwortlich gemacht, klagt Nora Adin Fares. Zwar ist die Gewalt infolge der Bandenrivalitäten in der stark von Einwanderern dominierten organisierten Kriminalität in den letzten Jahren regelrecht explodiert, aber vielleicht würde eine fairere Sozial- und vor allem Steuerpolitik besser dagegen helfen als die pauschale Diskriminierung von Einwanderern, die Fares insbesondere den Schwedendemokraten (SD) vorwirft: "Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts schaffte die Regierung die Erbschaftssteuer, die Vermögenssteuer und schließlich auch die Grundsteuer ab. Heute ist es in Schweden einfacher als in jedem anderen europäischen Land, Vermögen anzuhäufen und zu vererben. Die Auswirkungen sind enorm. 1996 gab es in Schweden lediglich 28 Kronen-Milliardäre (Personen mit einem Vermögen von rund 91 Millionen US-Dollar), die meisten davon Erben. Bis 2019 stieg ihre Zahl auf 206. Zwei Jahre später waren es bereits 542. Ihr Anteil am schwedischen Gesamtvermögen ist ebenso rasant gestiegen: von umgerechnet 6 Prozent des BIP im Jahr 1996 auf 34 Prozent im Jahr 2019 und bemerkenswerte 68 Prozent im Jahr 2021. Schweden, mit seinen mittlerweile 10 Millionen Einwohnern, hat weltweit die höchste Dichte an Dollar-Milliardären pro Kopf. Im Jahr 2024 führte das Forbes Magazine 43 Schweden mit einem Vermögen von einer Milliarde US-Dollar oder mehr in seiner jährlichen Liste der Reichsten auf. Dieser fiskalische Wohlstand ist im umgekehrten Verhältnis zur sozialen Gerechtigkeit des Landes gestiegen. In den letzten zwei Jahrzehnten verzeichnete Schweden einen der größten Anstiege der Einkommensungleichheit innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)."

Dlf - Essay und Diskurs (Deutschland), 04.01.2026

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Ralf Konersmann wirft einen kritischen Blick auf die Gegenwart der Geschichtsschreibung: Zum Druck, durch KI ersetzt zu werden, gesellt sich die Auseinandersetzung um die Methode. Konersmann plädiert für die genealogische Methode, die unausgesprochene Selbstverständlichkeiten der Gegenwart in ihrer historischen Genese offenlegt. Deutliche Kritik hat er am klassischen Umgang mit Geschichte - der die Gegenwart nur als Telos der Vergangenheit deutet - und noch mehr am präsentischen Umgang damit, in dem der Fundus der Vergangenheit nurmehr als Fülle beliebig hervorziehbarer Belegstellen fungiert, um gegenwärtigen Auffassungen zugunsten von "Narrativen" Nachdruck zu verleihen. Letzteres zeige sich insbesondere im akademisch-antikolonialen Diskurs: Dessen "Dramaturgie, die aus der Arbeit an der Geschichte eine Bußübung macht, hat eine Kehrseite. Einmal zum Narrativ geronnen, stellt die Kritik am Kolonialismus einmal mehr das Interesse der vormaligen Kolonisatoren nach vorn und weist den übrigen Beteiligten ihre Rolle zu. Angesichts der Wucht und des moralischen Einsatzes der westlichen Selbstanklage bleibt es den seinerzeit Geschädigten auch diesmal verwehrt, mit eigener Stimme zu sprechen. ... Als unmittelbar Betroffener hat der algerische Schriftsteller Kamel Daoud erst kürzlich die beiläufig entstandene Bevormundungspraxis des postkolonialen Diskurses beschrieben, die ihm eine bestimmte Haltung zudiktiert. ... Gänzlich arglos und, wie zu befürchten ist, schlicht aus alter Gewohnheit drängt die vorgegebene Ordnung des Diskurses ihm eine Rolle auf, die auf den Wunsch des Westens zugeschnitten ist, wie Daoud sagt, vor den Augen der Welt 'an seiner Sühne zu feilen'. Diese Ausrichtung des Diskurses ist zwingend, so dass Verweigerung keine Option ist. ... Viel lieber würde er über den Islamismus schreiben, der seine Heimat ebenso verwüste wie einst die Kolonialisierung, oder über die Schönheit der Welt, wenn er die richtigen Worte dafür fände. Die von sich selbst, von ihrer Moralität und Sühnebereitschaft eingenommenen Vertreter des Westens, die es doch nur gut meinen, stehen ratlos vor solchen Sätzen. Sie sind außerstande, das Netz der präsentistischen, strikt auf Selbstbestätigung bedachten Narrative, in das sie sich verstrickt haben, zu zerreißen."

New Yorker (USA), 05.01.2026

In zwei eher kurzen Artikeln setzen sich Jon Lee Anderson und John Cassidy mit dem Überfall der USA auf Venezuela auseinander. Anderson weist darauf hin, wie schwachsinnig Trumps Begründung für den Militärcoup ist: "Trump betonte in der Pressekonferenz am Samstag, dass er mit der Absetzung Maduros den 'Drahtzieher eines riesigen kriminellen Netzwerks' entfernt habe, das große Mengen Kokain in die USA geschmuggelt habe. Ironischerweise hatte er nur wenige Wochen zuvor dem ehemaligen honduranischen Präsidenten Juan Orlando Hernández, der 2024 im südlichen Bezirk von New York wegen Kokainhandels zu 45 Jahren Haft verurteilt worden war, eine vollständige Begnadigung gewährt. Trumps Begründung war, dass Hernández wie er selbst von politischen Gegnern 'sehr hart und unfair behandelt' worden sei."

Aber auch die Ölindustrie in den USA hatte vorab kaum Interesse an einem Militäreinsatz signalisiert: "Politico berichtete, dass einige Antworten auf die Sondierungen der Regierung negativ ausgefallen seien. 'Offen gesagt ist das Interesse der Branche angesichts der niedrigeren Ölpreise und attraktiverer Felder weltweit nicht sehr groß', erklärte eine Quelle gegenüber der Nachrichtenseite. Die Absetzung Maduros könnte die Kalkulationen der Ölkonzerne ändern, aber die Lehre aus dem Irak ist, dass sie eine Garantie für langfristige politische Stabilität brauchen, bevor sie größere Investitionen tätigen. ... Mehr als ein Jahrzehnt Bürgerkrieg und gewalttätige Aufstände hielten ausländische Unternehmen davon ab, in nennenswertem Umfang in den Irak zurückzukehren. Erst in den letzten Jahren, mehr als zwei Jahrzehnte nach der Invasion, haben Unternehmen wie Exxon und Chevron dies getan. Derzeit ist die Zukunft Venezuelas ungewiss..." Egal in welche Richtung man guckt, scheint dieser Militäreinsatz keinen rationalen Sinn zu ergeben. Ist er vielleicht einfach die Folge eines Geltungsbedürfnisses alter Männer, das in der Trump-Regierung bis ins Absurde ausgeprägt ist? Liest man Ian Parkers leider ziemlich wirres Porträt des Ökonomen und Trump-Gefolgsmanns Peter Navarro, kommt einem das nicht so unglaubhaft vor.

Kleid von Kei Ninomiya aus seiner Kollektion Herbst/Winter 2023-24
Psychoanalyse und Mode gehen für die Autorin Leslie Jamison Hand in Hand, nicht nur, weil Sigmund Freud großen Wert auf maßgeschneiderte Anzüge legte, sondern weil unsere Kleidung uns Dinge über uns verrät, die wir selbst noch nicht erahnen können. Das lässt sich auch in Valerie Steeles Buch "Dress, Dreams, and Desire" nachlesen, Jamison fügt noch eigene Gedanken an: "Um das Buch zu begleiten, hat Steele eine Ausstellung im Museum des Fashion Institute of Technology kuratiert, an dem sie seit fast dreißig Jahren leitende Kuratorin ist. Viele der Kleidungsstücke, die sie diskutiert, werden gezeigt, und im selben Raum mit ihnen zu stehen, nachdem man sie zuvor nur auf dem Blatt gesehen hat, bedeutet, zu realisieren, wie irreduzibel materialgetrieben die Kraft der Kleidung ist. Man kann die langen, knochigen Appendizes sehen, wie sie aus den Schultern von Anouk Wipprechts 'Spider Dress 2.0' hervorstechen, sie sind darauf programmiert, sich auszustrecken, wenn ihnen jemand zu nahe kommt, und ein Kleid von Kei Ninomiya, das aus weißen Haarextension und dünnen Stahlstangen besteht und aussieht wie eine Löwenzahnblüte, die im Wind auseinanderfällt. Solche Begegnungen erinnern daran, dass die Wirkung von Mode oft eine viszerale ist: Sie trifft uns, bevor wir verstehen, warum. ... Steeles Projekt adressiert diese Lücke nie so direkt und ich hätte mir gewünscht, dass sie direkter Position bezieht zu den Fragen, die ihr Buch motivieren: Wie kann uns die Psychoanalyse helfen, die Arten und Weisen zu verstehen, wie Mode auf uns wirkt - wie sie uns anzieht und abstößt? Wie kann Kleidung über das sprechen, was wir selbst noch nicht sagen können?"
Archiv: New Yorker