Magazinrundschau

Technokrat Nr. 10450-1

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
08.04.2025. Elon Musks Politik ist eigentlich die seines Großvaters Joshua Halderman, erklärt die New York Times. Ceska Televize lernt aus einem neuen Buch, dass der tschechische Kultautor Egon Bondy ein Stasispitzel war. Der Merkur rekonstruiert die jüngere Geschichte der politischen Rechten Dänemarks. Der New Yorker erzählt, wie in Brasilien ein Richter die sozialen Medien in ihre Schranken weist. Osteuropa erklärt, welche Kritiker Putin willkommen sind. New Lines erzählt, wie Polen in Uganda die rassistischen Hierarchien der Briten durcheinander brachten.

New York Times (USA), 08.04.2025

Elon Musk versucht an die Kreuzung zurückzukehren, an der FDR Roosevelt mit seinem New Deal abbog, und Amerika in die entgegengesetzte Richtung zu führen, meint die Historikerin Jill Lepore. Und diese Richtung hat ihrer Meinung nach viel Ähnlichkeit mit der, die Musks Großvater Joshua Haldeman vertrat, "ein Cowboy, Chiropraktiker, Verschwörungstheoretiker und Amateurflieger, der als 'Flying Haldeman' bekannt war. Musks Großvater war ebenfalls ein aufsehenerregender Anführer der politischen Bewegung, die als Technokratie bekannt ist. Führende Technokraten schlugen vor, demokratisch gewählte Beamte und Staatsbedienstete - ja, die gesamte Regierung - durch eine Armee von Wissenschaftlern und Ingenieuren unter einem so genannten Technat zu ersetzen. Einige wollten auch Kanada und Mexiko annektieren. Auf dem Höhepunkt der Technokratie hatte ein Zweig der Bewegung mehr als eine Viertelmillion Mitglieder. Unter dem Technat würden die Menschen keine Namen mehr haben, sondern Nummern. Ein Technokrat nannte sich 1x1809x56. (Herr Musk hat einen Sohn namens X Æ A-12.) Herr Haldeman, der seine Farm in Saskatchewan während der Depression verloren hatte, wurde der Anführer der Bewegung in Kanada. Er war der Technokrat Nr. 10450-1. Die Technokratie erlangte 1932 erstmals weltweite Aufmerksamkeit, zersplitterte aber bald in rivalisierende Fraktionen. Technocracy Incorporated wurde von einem ehemaligen New Yorker namens Howard Scott gegründet und geleitet. Überall auf dem Kontinent gaben rivalisierende Gruppen von Technokraten eine Flut von Traktaten, Zeitschriften und Pamphleten heraus, in denen sie zum Beispiel erklärten, wie sich das 'Leben in einer Technokratie' völlig vom Leben in einer Demokratie unterscheiden würde: 'Auf Volksabstimmungen kann weitgehend verzichtet werden.' Die Technokraten argumentierten, dass die liberale Demokratie gescheitert sei. In einem Pamphlet der Technocracy Incorporated wurde erklärt, dass die Bewegung 'den Grundgedanken des demokratischen Ideals nicht teilt, nämlich dass alle Menschen frei und gleich geschaffen sind'. In der modernen Welt haben nur Wissenschaftler und Ingenieure die Intelligenz und die Ausbildung, um die industriellen Abläufe zu verstehen, die das Herzstück der Wirtschaft bilden. Herrn Scotts Armee von Technokraten würde die meisten staatlichen Dienstleistungen abschaffen: 'Selbst unser Postsystem, unsere Autobahnen und unsere Küstenwache könnten viel effizienter gestaltet werden'. Überlappende Behörden könnten geschlossen werden, und '90 Prozent der Gerichte könnten abgeschafft werden'."
Archiv: New York Times

Ceska Televize (Tschechien), 03.04.2025

Miroslav Vodrážka, ehemaliger Dissident und Underground-Musiker, und der Historiker Petr Blažek haben zusammen ein Buch über den tschechischen Kultautor Egon Bondy und die Staatssicherheit veröffentlicht, das anhand vieler Dokumente "das Bild von Bondy als Rebell, das nicht nur er selbst, sondern auch seine Bewunderer von ihm zeichneten, nachhaltig erschüttert", wie Josef Rauvolf berichtet. Der Dichter mit bürgerlichem Namen Zbyněk Fišer (1930-2007) und dem künstlerischen Pseudonym Egon Bondy genoss besonders seit den 1970er Jahren den Status einer Art Guru, einer Person, die im Grunde unfehlbar und unantastbar war. Und wenn er jemals einen Fehler gemacht hatte, wie im Fall seiner Aussage gegen den Dichter Martin Jirous und dessen Underground-Band 'The Plastic People of the Universe' (die Jirous unter anderem ins Gefängnis brachte), sei dieser heruntergespielt worden und von Jirous selbst damals weitgehend verziehen worden. Anhand der Akten stelle sich nun jedoch heraus, dass Bondy damals seine Aussage nicht wirklich unter Druck machte, sondern das Ganze offenbar eine Inszenierung der Polizei war, "sodass Egon Bondy als eine Person daraus hervorging, die Jirous lediglich im Rahmen einer fahrlässigen Redseligkeit 'verraten' hatte und nicht etwa als Spitzel enttarnt wurde". Bondy selbst strickte fortwährend an seinem Mythos, er führe Krieg gegen das kommunistische Establishment. Laut Vodrážka verschaffte jedoch "die Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei Bondy/Fišer nicht nur die Möglichkeit, 'ungestört zu arbeiten', sondern auch eine gewisse persönliche Schutzzone, da das polizeiliche Kontrollsystem seine Veröffentlichungen 'staatsfeindlicher' Samizdat-Literatur duldete. Zugleich dienten ihm diese Texte als Deckmantel, um im 'Interessenumfeld' des StB glaubwürdig zu sein. Paradoxerweise geschah dem Autor dieser 'staatsfeindlichen' Texte nichts, diejenigen jedoch, die sie kopierten, verbreiteten oder auch nur besaßen, wurden verfolgt und verurteilt." So schildert auch die Journalistin und Charta77-Unterzeichnerin Petruška Šustrová Bondys Doppelexistenz als Underground-Guru einerseits und StB-Agent andererseits: "Als Zbyněk Fišer erhielt er Vorladungen zu Verhören und als Zbyněk Fišer lieferte er dem StB Hunderte von Berichten, während er als Egon Bondy schrieb, was er dachte."
Archiv: Ceska Televize

Merkur (Deutschland), 01.04.2025

David Kuchenbuch rekonstruiert die jüngere Geschichte der politischen Rechten Dänemarks im Allgemeinen sowie der restriktiven dänischen Migrationspolitik im Besonderen. Unter anderem geht er in dem Text auf den Karikaturenstreit ein und stellt umfangreiche Vergleiche mit anderen skandinavischen Ländern an: "Generell hängen viele Unterschiede im Norden - Island, das seit kurzem eine dezidiert feministische Regierung hat, ist noch einmal ein eigener Fall - mit den jeweiligen Erinnerungskulturen zusammen. Der norwegische Nationalfeiertag (grunnlovsdagen) feiert indirekt die Befreiung vom als Kolonisator wahrgenommenen Dänemark im Jahr 1814, während die Rolle Schwedens und Norwegens bei der 'Zivilisierung' der Sámi lange in die Tiefenschichten der jeweiligen kollektiven Gedächtnisse verbannt war. Das ist in Dänemark anders, wo die Kolonialgeschichte direkt an der Oberfläche zutage tritt. Neben der Erinnerungskultur erklären aber auch die traditionell ausgeprägten gegenseitigen Beobachtungen der Skandinavier manchen Unterschied. So sahen die rechten Schwedendemokraten 2006 aus Sicherheitsbedenken von einer geplanten Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in ihrer Parteizeitschrift ab. Bezeichnend ist auch der jüngste Umgang Schwedens mit den angedrohten Koranverbrennungen des (in Dänemark geborenen) islamfeindlichen Aktivisten Rasmus Paludan. Es gab Überlegungen, ausgerechnet den Blasphemie-Paragraphen zu reaktivieren, um sie zu stoppen - ein Atavismus, der 'unskandinavischer' kaum sein könnte und ohne die Sorge vor einer dänischen Dynamik nicht denkbar scheint."

Außerdem schlägt Michel Küppers ein Gegenprogramm zu Elon Musks Behördenkahlschlag vor: Mehr Bürokratie wagen.
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 14.04.2025

In Brasilien ist nicht nur die Nutzung sozialer Medien besonders verbreitet, auch rechte Desinformationskampagnen werden dort über ebenjene Medien außerordentlich aggressiv betrieben. Jon Lee Anderson porträtiert den Supreme Court-Richter Alexandre de Moraes, der sich entschieden dagegen einsetzt: "Unter den geltenden Gesetzen sind digitale Plattformen nur haftbar für die Inhalte der Nutzer, wenn sie eine gerichtliche Anordnung ignoriert haben, sie zu entfernen. Der Supreme Court muss nun entscheiden, ob sie auch dann haftbar zu machen sind, bevor so eine Anordnung ausgestellt wird - damit würden sie Internetunternehmen verpflichten, ihre Nutzer umfassend zu überwachen. Für De Moraes sind solche Regularien ein Mittel, die Kontrolle zurückzuerlangen. Soziale Medien sind 'nun die größte Macht von allen', findet er. 'Sie beeinflussen nicht nur die Leute, sondern generieren auch die meisten Werbeeinkünfte weltweit, sodass sie die finanzielle Stärke haben, Wahlen zu beeinflussen.' Er vergleicht Tech-Firmen mit der East India Company, die britische Handelsfirma der Kolonialzeit, die viele Ländern dominiert hat, in denen sie operierte. 'Sie wollen eine neue East India Company erschaffen, um die Welt zu kontrollieren', sagt er. 'Sie wollen in keinem Land die Gesetzgebung respektieren, weil sie in Wahrheit immun gegenüber einzelnen Nationen sein wollen.' De Moraes' schärfste Maßnahmen haben Bolsonaros Anhänger nur weiter angestachelt. Auf der Straße ist es zur Normalität geworden, Beschwerden zu hören, dass die Redefreiheit tot wäre und der Supreme Court diktatorische Macht hätte. Oliver Stuenkel, ein bekannter Politologe aus Sao Paulo, unterstützt die Entscheidungen des Gerichts weitestgehend, sagt aber auch, dass diese Durchsetzungsfähigkeit Risiken birgt. 'Brasilien wurde in den letzten Jahren zum Vorzeigemodell, wie die Demokratie geschützt werden kann', so Stuenkel. 'Die Herausforderung liegt nun darin, sicherzustellen, dass das Gericht zur Normalität zurückkehrt, denn ich glaube nicht, dass es gut für irgendeine Demokratie ist, wenn der Supreme Court permanent ein entscheidender politischer Akteur ist.'"

Außerdem: Kyle Chayka unterhält sich mit C.E.O. Jay Graber über Bluesky, das eine Alternative zu X und Facebook sein will. D.T. Max stellt das Gentechnik-Start-up Colossal vor, das ausgestorbene Tierarten wie den Schattenwolf wiederbeleben will (mehr hier auf Deutsch). James Wood bespricht Eva Menasses Roman "Dunkelblum". Nikil Saval liest James C. Scott, der Formen des leisen Ungehorsams gegen Diktaturen empfahl. Kelefa Sanneh hört Folk-Punk von Patrick Schneeweis. Adam Gopnik besucht die Frick Collection vor ihrer Wiedereröffnung am 17. April. Justin Chang sah im Kino "Warfare" von Alex Garland und Ray Mendoza. Lesen dürfen wir noch David Bezmozgis' Erzählung "From, To".
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 04.04.2025

Die Linguistin Ágnes Huszár analysiert die Rede von Ministerpräsident Orbán zum Nationalfeiertag am 15. März, in der er u.a. Oppositionelle als "Wanzen" bezeichnete, die bis Ostern, während eines Frühjahrputzes beseitigt werden sollten. "Es sind die geschnitzten Bilder des Gottes über uns und die sakralen Momente, die ungeheuerlich und ekelerregend heuchlerisch sind. Die Flüche zwischen den beiden heiligen Bildern scheinen durch einen geheimnisvollen göttlichen Auftrag zu erfolgen - Orban will entscheiden, wer gut und wer böse ist, wer in den Himmel und wer in die Hölle kommt. Die Wanzen-Hassrede hingegen ist ehrlich und ungeschminkt in ihrer Unverblümtheit und offenbart die tiefe Verachtung, die unser Regierungschef für uns hegt. Sie macht auch die Absicht deutlich, das öffentliche Handeln der Opposition einzuschränken. Die besonders Mutigen, die immer noch auf die Straße gehen, werden durch eine Gesichtserkennungssoftware identifiziert. Das moderne Äquivalent zum Scharlachroten Buchstaben wird so für die Strafverfolgungsbehörden lesbar gemacht. Dies war die Botschaft des Premierministers an sein Volk im März dieses Jahres."
Stichwörter: Ungarn

Osteuropa (Deutschland), 08.04.2025

Wie funktioniert die russische Medienlandschaft in Zeiten des Krieges? Florian Töpfl stellt dar, wie seit 2022 die vorher noch aus strategischen Gründen geduldeten kritischen Stimmen nach und nach aus der Öffentlichkeit verdrängt wurden. Freilich gilt es, genau hinzusehen. Denn immer noch "duldet das Regime Nischen, in denen regimeloyale Kriegsblogger, Duma-Abgeordnete oder prominente Medienfiguren wie der Talkshow-Moderator Wladimir Solowjew öffentlich beklagen dürfen, dass Russlands Truppen die Front nicht beherrschen, die 'militärische Spezialoperation' am seidenen Faden hängt oder die Politik der Russländischen Zentralbank verfehlt ist. Jede dieser Einlassungen muss hinterfragt und eingeordnet werden: Wer spricht, welche Stoßrichtung hat die Kritik und über welche Verbindung zum Kreml verfügt der Sprecher? Der Molotow-Enkel Wjatscheslaw Nikonow etwa, einer der drei Moderatoren der mehrstündigen, täglichen Talkshow 'Bol'šaja igra' (Großes Spiel), ist gleichzeitig Duma-Abgeordneter der Partei der Macht Edinaja Rossija und Vorsitzender der Stiftung 'Russkij mir', Dekan der Fakultät für Staatsverwaltung der Lomonosow-Universität und Herausgeber mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften. Die meisten, mitunter wütenden Äußerungen der Kriegsblogger über das Versagen der russländischen Armee sind als umsetzungskritische Äußerungen für das Regime höchst funktional. Es ist falsch, diese Kritik als führungskritisch oder gar als ein Indiz für den bevorstehenden 'Zusammenbruch der Heimatfront' zu interpretieren, wie es der amerikanische Russlandexperte S. Frederick Starr macht. Die Blogger liefern semiunabhängige Informationen über untere Ebenen der zivilen und militärischen Hierarchien und tragen dazu bei, die Verantwortung für militärische Misserfolge vom Autokraten Putin auf niedere Ränge zu lenken."
Archiv: Osteuropa

Static (USA), 04.04.2025

Michael Rothers Krautrock-Bands Neu und Harmonia waren im musikalischen Gedächtnis insbesondere in Deutschland lange Zeit sehr verschüttet (Legende der "Wetten dass"-Auftritt von David Bowie, der bei seiner Nachfrage, ob hier jemand diese Bands kenne, in einen Saal voll ratloser Gesichter blickt). Heute tourt Rother mit Begleitmusikern und der Musik beider Bands im großen Stil, gerade hat er eine Tour in den USA mit gut besuchten Konzerten absolviert. Im Gespräch mit Benny Sun blickt er zurück auf die lange Phase dieser Wiederentdeckung, die in den Neunzigern mit Julian Copes in Großbritannien veröffentlichen und längst nur noch zu Mondpreisen antiquarisch erhältlichem Buch "Krautrocksampler" einsetzt und bis heute, mit großen Wiederveröffentlichungen, weiteren Büchern und Weltourneen anhält. Dass Copes Buch gespickt mit Fehlern war, hat Rother ihm mittlerweile verziehen: "Es öffnete auch Türen. Die Neunziger waren eine Phase des Übergangs und seit 2001 habe ich so viele Konzerte gespielt. Ich spiele auf der ganzen Welt. Das ist ein Leben, wie ich es in den Achtzigern wohl nicht hätte haben wollen." In den Siebzigern "kamen wir aus dem Studio und waren schon glücklich damit, eine Platte in Händen zu halten. Ich war mir nicht sicher, ob wir damit Erfolg haben würden. ... Ich dachte mir, 'wow, Hallogallo, Weißensee und Negativland, diese ganzen Stücke klingen echt toll.' Aber als Klaus und ich auftreten wollten, hatten wir natürlich ein Problem. Mit der Multi-Track-Technik im Studio konnte ich viele Gitarren spielen. Aber live funktionierte das nicht - da waren wir ein Gitarrist und ein Schlagzeuger oder ein Bassist und ein Schlagzeuger. Das war unmöglich. Das maßgebliche Problem bestand darin, dass wir zwar nach Musikern Ausschau hielten, die uns hätten helfen können, aber es gab einfach keine. Heute, wenn ich zurückschaue, sehe ich natürlich, dass es so sein musste, sonst wären wir damals ja nicht die Außenseiter gewesen. Da gab es die Kraftwerk-Leute und dann in Köln Can, die waren ein bisschen weiter weg, die legten auf andere Aspekte in der Musik wert, die ich respektierte, auch wenn ich sie nicht wirklich völlig als Teil meiner Welt auffasste. Die waren einfach etwas Anderes. ... Klaus und ich spielten, glaube ich, zweimal als Duo. Eines bei einem Festival, wo wir ausgebuht wurden."

Angesichts der zahlreichen aufeinander getürmten und dann noch vorwärts und rückwärts abgespielten Gitarrenspuren in "Hallogallo" wundert das nicht, dass das Live-Erlebnis seinerzeit sehr mickrig ausgefallen sein muss.

Archiv: Static
Stichwörter: Rother, Michael, Krautrock

Qantara (Deutschland), 07.04.2025

Nach dem Sturz Assads wurden nur wenige tausend Menschen aus den Foltergefängnissen des Regimes befreit, zwischen 130.000 und 200.000 Menschen sind noch immer verschwunden. Die Aufarbeitung der Verbrechen in Syrien und die Bergung der Toten werden noch lange dauern, erklärt Mazin al-Balkhi von der Internationalen Kommission für Vermisste Personen (ICMP): "Die hohe Zahl der Vermissten ist eine der größten Herausforderungen in Syrien. Die Gefangenen, die systematisch getötet und in Massengräbern begraben wurden, sind dabei vielleicht noch die eindeutigsten Fälle. Es gibt darüber hinaus Leute, die willkürlich an Checkpoints von Sicherheitskräften des Regimes auf eigene Faust erschossen wurden. Obwohl diese Soldaten auf Anweisung und mit Genehmigung des Regimes arbeiteten, dokumentierten sie die von ihnen getöteten Personen nicht. Diese Opfer wurden an Ort und Stelle exekutiert und ihre Leichen verscharrt (…) Letztes Jahr haben die Weißhelme [eine zivile Rettungsorganisation, Anm. d. Red.] mir berichtet, dass sie mehrere Brunnen voller Leichen gefunden haben. Und dann gibt es noch Massaker wie das in Tadamon 2013. Wir wissen nicht, wie viele solcher Massengräber es gibt, vielleicht Tausende."

Eine neue Regierung ist an der Macht, aber das Morden in Syrien geht weiter: Mayar Mohanna dokumentiert Aussagen von Menschen, die das Massaker knapp überlebten, das Regierungstruppen Anfang März an der alawitischen Bevölkerung verübten und bei dem nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, einer in Großbritannien ansässigen Organisation zur Überwachung des Syrienkonflikts, etwa 1.639 alawitische Zivilisten getötet wurden: "Mein Name ist Nabil (Name geändert), ich bin 45 Jahre alt: Ich bin der einzige Überlebende meiner Familie, die beim Massaker im Dorf Al-Sanobar in der Nähe der Stadt Dschabla im Gouvernement Latakia umgekommen ist. Die Bewaffneten sind von drei Seiten in Al-Sanobar eingedrungen. Auf der vierten Seite liegt das Meer, der einzige Ausweg. Als der Angriff losging, hatten meine Familie und ich keine Zeit über irgendetwas nachzudenken, außer wie wir uns retten könnten. Wir beschlossen, in Richtung eines heiligen Schreins zu fliehen. Ich dachte, ich könnte dahinter Schutz finden. Meine Familie und ich rannten los, aber auf halbem Weg stießen wir auf die Kämpfer, die nur auf uns gewartet hatten. Sie schossen auf uns. Mein Vater stürzte zuerst, dann mein Bruder, dann mein anderer Bruder, dann sein Sohn, meine Frau folgte ihm, dann mein Sohn. Ich konnte niemanden retten, es gab keine Zeit zu trauern, sie sind alle innerhalb weniger Augenblicke gestorben. Ich rannte weiter bis zum Wasserbecken beim Schrein, ich sprang hinein und tauchte alle paar Minuten auf, um Luft zu holen. Stundenlang blieb ich dort. Als es ruhiger wurde, kehrte ich an den Ort zurück, an dem sie meine Familie umgebracht haben. Sie lagen auf dem Boden wie hingeworfen, einer neben dem anderen. Ich hatte nichts machen können. Ich fühlte mich hilflos und wie ein Versager. So werde ich mich mein Leben lang fühlen, auf mir lastet die Schuld des Überlebenden."
Archiv: Qantara

New Lines Magazine (USA), 07.04.2025

Von einem kaum bekannten Kapitel afrikanischer Geschichte erzählt Anna Adima: Zwischen 1942 und 1948 nahm Uganda insgesamt über 7.000 Vertriebene aus Polen auf. Nach der Aufteilung Polens zwischen Nazideutschland und der UdSSR wurden zwischen 1939 und 1941 300.000 polnische Bürger zwangsumgesiedelt und in entlegene Gebiete der UdSSR deportiert, entweder in Arbeitslager oder in Siedlungen, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. Erst im Rahmen des Sikorski-Mayski-Abkommens zwischen der UdSSR und der polnischen Exilregierung in Lwiw wurden alle gefangenen Polen freigelassen, gleichzeitig wurde beschlossen, dass die polnische Armee den Alliierten im Krieg gegen Hitlers Achsenmächte beistehen sollte, erinnert Adima. In der Folge wurden polnische Soldaten mit ihren Familien zur "Truppenverstärkung" unter anderem in die britischen Mandatsgebiete Iran und nach Ost- und Zentralafrika geschickt, unter anderem eben nach Uganda, wo sie "einen merkwürdigen Zwischenstatus" in der rassistischen kolonialen Rangordnung einnahmen, wie Adima erzählt: "Die britische Regierung in Uganda - und in anderen Gebieten - hatte eine dreigliedrige Rassenhierarchie aufgebaut: Weiße an der Spitze, Asiaten in der Mitte und Schwarze am unteren Ende. Die Anwesenheit weißer polnischer Flüchtlinge unterbrach diese Hierarchie, da sie von den Briten in Uganda als Bauern betrachtet wurden - obwohl viele zur polnischen Mittelschicht gehört hatten. Die Polen kamen in Ostafrika an, fast vollständig enteignet, was ihnen den Status 'armer Weißer' verlieh. Sie passten nicht in die konventionelle koloniale Siedlergesellschaft, die größtenteils aus der britischen Oberschicht bestand. Teilweise aus diesem Grund wurden die Siedlungen in Uganda so abgelegen errichtet: um die Störungen der rassischen und sozialen Hierarchie durch die polnische Präsenz zu minimieren. Auf einer Reise durch Masindi äußerte die weiße kenianische Siedlerin Elspeth Huxley ihre Neugier beim Anblick weißer Bauern: Sie lebten in Lehmhütten im einheimischen Stil, und es war seltsam, weiße statt schwarzer Gesichter aus den Türen schauen zu sehen. Die Tatsache, dass die meisten Flüchtlinge Frauen waren, verunsicherte die stark patriarchalische weiße Kolonialgesellschaft in Uganda zusätzlich, insbesondere da einige von ihnen bereitwillig Geschlechtsverkehr mit afrikanischen Askaris hatten."

Washington Post (USA), 08.04.2025

Bürokraten sind alle überflüssig? Michael Lewis und eine Crew von Autoren hat beschlossen, mal genauer hinzugucken und einige Staatsbedienstete vorzustellen. Zum Beispiel Heather Stone von der Food and Drug Administration, die mit einer Handvoll Mitarbeitern eine Datenbank aufbaute, von der man hätte annehmen können, dass es sie längst gab: Ein Archiv, das Krankheiten sammelt, die in den USA in den letzten Jahren aufgetreten sind, und bei denen Heilungsmöglichkeiten unbekannt sind. Ebenfalls sammeln wollte sie die Erfahrungen der Ärzte damit: Wer hatte unerwarteten Erfolg, welche Mittel halfen überhaupt nicht. Zum Beispiel bei einer Krankheit namens Balamuthia, die die kleine Alaina befallen hatte und zu töten drohte. Es ist eine richtige Feel-good-story mit Eltern, Ärzten, Bürokraten und einer chinesischen Pharmafirma, die ihr möglichstes taten und Alaina mit dem Medikament Nitroxoline retteten. Das kurz darauf ein kleines Mädchen an der selben Krankheit starb, trübt das Happy End allerdings. Es gibt zu viele Ärzte, die Stones Archiv nicht bestücken und nutzen. Alainas Rettung kommt Lewis "wie ein Wunder vor, aber wenn alle unsere Systeme so funktionieren würden, wie sie sollten, bräuchte es keine Wunder. In San Francisco findet ein Forscher in einem der führenden medizinischen Forschungszentren der Welt eine neue und vielversprechende Behandlung für eine seltene und tödliche Krankheit. Drei Jahre später kommt in Dallas ein kleines Mädchen mit dieser Krankheit in eines der führenden Krankenhäuser des Landes. Zwischen diesen beiden Ereignissen entwickelt eine Frau in der Bundesregierung, die für diese Aufgabe so gut wie geboren war, ein Instrument, mit dem Ärzte überall auf der Welt erfahren können, was andere irgendwo auf der Welt entdeckt haben. Und doch haben die Ärzte in San Francisco und Dallas, wie die Ärzte fast überall sonst, dieses Instrument vernachlässigt, zum Teil, weil es sich nicht lohnt, aber auch, weil es von der Bundesregierung geschaffen wurde. Es ist, als ob eine Gesellschaft einen Mechanismus erhalten hätte, um sich selbst zu retten, aber eine eingebaute Regel hätte, diesen Mechanismus nicht zu benutzen. Heather Stone half bei der Rettung von Alaina Smith, aber das von ihr geschaffene Instrument spielte überhaupt keine Rolle - was sich nicht nach einer großen Sache anhört. Aber dann spielte es auch keine Rolle bei der Behandlung eines vierjährigen Mädchens in Nordkalifornien, eine Autostunde von Joe DeRisis Labor entfernt, das kurz nach der Rettung von Alaina Smith an Balamuthia erkrankte und starb, weil ihre Ärzte zu spät von der Heilungsmöglichkeit erfuhren."
Archiv: Washington Post
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