Magazinrundschau
Unbewusste Verleugnung
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.01.2025. New Lines lernt, wie man ein Gletscherbaby züchtet. In Atlantic blickt Anne Applebaum auf die Rasputins des 21. Jahrhunderts. E-Autos sind auch nicht grün, seufzt der New Statesman. Meduza fragt, warum schwule Russen in Amerika im Knast sitzen. Der New Yorker blickt in den Abgrund von Assads Folterkammern. Der Verleger John Merrick beklagt in Eurozine den wachsenden Konformismus im Verlagswesen. Projekt porträtiert zwei der reichsten Männer Russlands.
New Lines Magazine (USA), 27.01.2025
Pakistans Gletscher schmelzen - und zwar rapide, berichtet Aina J. Khan. Im Laufe von vier Jahrzehnten, von 1977 bis 2014 ist der Passu-Gletscher um 10 Prozent geschrumpft, und er schrumpft weiterhin jeden Monat um 4 Meter, so das Ergebnis einer von mehreren Klimaexperten in Pakistan geleiteten Untersuchung, erklärt Khan. Das Schmelzwasser sei lebenswichtig, weil es die Wasserversorgung der Region sichere. Schmilzt der Gletscher aber zu schnell beziehungsweise zu früh, drohen Sturzfluten oder Wasserknappheit, so Khan: "Um den durch das schnelle Abschmelzen der Gletscher verursachten Wassermangel zu mildern, haben einige Gemeinden hier die Sache selbst in die Hand genommen und sich lokalen Wassersparmethoden als nachhaltige langfristige Lösung zugewandt. Eine dieser Praktiken wird Gletscherpfropfung oder - paarung genannt, ein uraltes Ritual in Gilgit-Baltistan: Die Dorfbewohner tragen eine etwa 80 Pfund schwere Eismasse in höhere Lagen, wo sie sie mit einer Mischung aus Schlamm, Asche und Holzkohle bedecken und die Stelle mit schweren Steinen verschließen. Langsam und stetig beginnt die Eismasse zu wachsen, da die Akkumulationsrate (aus Niederschlag, Feuchtigkeit und Schnee) in diesen Höhen höher ist als die Schmelz- und Sublimationsrate. Lokalen Legenden zufolge verwenden die Dorfbewohner diese Technik seit dem 13. Jahrhundert, als sie dem Mongolenfürsten Dschingis Khan und seinem Stamm den Zutritt versperrten, indem sie in den Gebirgspässen zwischen Hindukusch und Karakorum Gletscher wachsen ließen. 'Beim Gletscherpfropfen wird ein Gletscherbaby gezüchtet oder gepflegt, das in der Natur von selbst wächst', sagt Zakir Hussain Zakir, Direktor für Lehre und Öffentlichkeitsarbeit an der Universität von Baltistan Skardu und Experte für die lokale Balti-Kultur. Doch die Praxis hat aufgrund der dafür benötigten Zeit unterschiedliche Ergebnisse hervorgebracht. 'Nach unserer Tradition dauert es 12 Jahre, bis der Gletscher Wurzeln schlägt, und dann nochmal 12 Jahre, bis er nach oben wächst', fügte Zakir hinzu."The Atlantic (USA), 27.01.2025
Anne Applebaum blickt auf die "Rasputins" des 21. Jahrhunderts, die nach und nach in der Weltpolitik Fuß fassen: Der rechtsextreme rumänische Politiker Călin Georgescu glaubt, dass "kohlensäurehaltige Getränke Nanochips enthalten", in den USA schlug Donald Trump Tulsi Gabbard als Direktorin des nationalen Geheimdienstes vor, eine ehemalige progressive Demokratin mit lebenslangen Verbindungen zur "Science of Identity Foundation", einer abgespaltenen Hare-Krishna-Sekte, und mit dem Anwalt Kash Patel wurde ein entschiedener Impfgegner zum neuen Direktor des FBI auserkoren: "Für die Amerikaner stellt die Verschmelzung von Pseudo-Spiritualität mit Politik eine Abkehr von einigen unserer tiefsten Prinzipien dar: dass Logik und Vernunft zu einer guten Regierung führen; dass faktenbasierte Debatten zu einer guten Politik führen; dass Regierungsführung im Sonnenlicht gedeiht; und dass die politische Ordnung auf Regeln, Gesetzen und Prozessen beruht, nicht auf mystischem Charisma. Die Anhänger des neuen Obskurantismus haben zudem mit den Idealen der Gründerväter Amerikas gebrochen, die sich alle als Männer der Aufklärung betrachteten. Benjamin Franklin war nicht nur ein politischer Denker, sondern auch Wissenschaftler und ein mutiger Befürworter der Pockenimpfung. George Washington lehnte die Monarchie strikt ab, beschränkte die Macht der Exekutive und etablierte die Rechtsstaatlichkeit. Spätere amerikanische Führer - Lincoln, Roosevelt, King - zitierten die Verfassung und ihre Autoren, um ihre eigenen Argumente zu untermauern. Im Gegensatz dazu schafft diese aufstrebende internationale Elite etwas ganz anderes: eine Gesellschaft, in der Aberglaube Vernunft und Logik besiegt, Transparenz verschwindet und die schändlichen Handlungen politischer Führer hinter einer Wolke aus Unsinn und Ablenkung verborgen werden. In einer Welt, in der nur Charisma zählt, gibt es keine Kontrollen und Ausgleiche, in einer Welt, in der Emotionen die Vernunft besiegen, gibt es keine Rechtsstaatlichkeit - nur eine Leere, die jeder mit einer schockierenden und fesselnden Geschichte füllen kann."Pritomnost (Tschechien), 27.01.2025
New Statesman (UK), 28.01.2025
Francisco Garcia besucht ein serbisches Dorf, das sich, inzwischen im Rahmen einer nationalen Protestbewegung, gegen den Plan eines internationalen Konzerns wehrt, in der Gegend Lithium abzubauen. Lithiumbatterien, die unter anderem in E-Autos eingebaut werden, sind ein zentrales Element des Wandels hin zu einer vermeintlich grüneren Wirtschaft. Die ökologischen Folgeschäden von Lithium-Minen allerdings sind ein nicht nur in Serbien ungelöstes Problem: "Es ist für viele Serben - ganz zu schweigen von Ghanaern, Bolivianern, Portugiesen oder Menschen anderer Nationen, die den zweifelhaften Segen bedeutender Lithiumvorkommen kennengelernt haben - äußerst schwierig, die Unternehmensrhetorik über die zentrale Rolle dieser Substanz in der bevorstehenden großen globalen grünen Wende mit der weitaus unmittelbareren, lokalen Umweltzerstörung, die der Abbau mit sich bringen wird, in Einklang zu bringen. Aktivisten und Experten, mit denen ich in Serbien und sprach, sagten mir oft, dass es so etwas wie nachhaltigen Bergbau einfach nicht gibt. 'Das ist ein Oxymoron', sagte mir Stevan Filipović. 'Lithium an sich ist nicht grün, es kann nicht grün sein, wegen der Chemikalien, die man verwenden muss, um es zu extrahieren, und der Menge an Wasser, die man für diesen Prozess benötigt.' Das Jadar-Projekt soll eine Lebensdauer von 40 Jahren haben. Wenn dieser der Zeitraum, den (das Unternehmen) Rio Tinto als profitabel betrachtet, vorbei ist, was passiert dann? Wenn die Erde und das umliegende Land bis zur Unkenntlichkeit vernarbt sind und kaum Hoffnung auf eine Rückkehr zur Landwirtschaft besteht? Eine zufriedenstellende Antwort gibt es bisher nicht. 'Seien wir ehrlich', sagte Marija Alimpić zu mir, 'Bergbau ist die zerstörerischste menschliche Aktivität auf diesem Planeten. Man kann ihn nicht 'grün' betreiben.'"Meduza (Lettland), 24.01.2025
Immer mehr Menschen aus der russischen LGBTQ-Community versuchen in die USA zu fliehen, finden sich dann aber in amerikanischer Haft wieder, konstatiert Yaroslav Rasputin in Meduza (der Text erschien zuerst im russischen Onlinemedium Just Got Lucky). Das passierte auch dem Paar Tina und Natalie, welches sich in Russland nicht mehr sicher fühlte und floh. "Nachdem sie im Dezember 2023 nach Mexiko geflogen waren, heirateten Tina und Natalie (die gleichgeschlechtliche Ehe wurde 2015 in dem Land legalisiert). Die nächsten sechs Monate verbrachten sie damit, auf die Genehmigung ihres Antrags auf Überquerung der US-Grenze zu warten. Am 28. Mai trafen sie sich mit einem Einwanderungsbeamten. Zwei Tage später wurden sie in ein Gefängnis in Arizona und Anfang Juni in ein Gefängnis in Louisiana verlegt. Am 25. Juni wurden sie in ein anderes Gefängnis im selben Bundesstaat verlegt. Im Oktober wurden Natalie und Tina getrennt, nachdem in der Einrichtung Tuberkulose festgestellt und eine Quarantäne verhängt worden war. Erst Ende November wurden sie schließlich auf Bewährung entlassen. 'Der Grenzbeamte warf einen Blick auf unsere Heiratsurkunde und sagte, ich könne mir damit einen abwischen', so Natalie gegenüber Just Got Lucky. Ihr zufolge wurden sie und ihre Frau Tina 'wie zwei Fremde behandelt'. Am Ende ihrer getrennten Anhörungen zur 'glaubwürdigen Angst' - die am selben Tag, aber von verschiedenen Beamten durchgeführt wurden - wurde beiden gesagt, sie hätten keinen Anspruch auf Asyl in den USA, da sie 'in jeder russischen Stadt frei leben könnten'. Sie legten schließlich vor Gericht Einspruch gegen diese Entscheidung ein, schafften es, ihre Fälle zusammenzulegen, und ihre Asylanträge wurden erneut geprüft. Laut Natalie sagte die Richterin, dass sie sich für das Verhalten der Einwanderungsbeamten schäme. (...) Die Hunderte von russischen Asylbewerbern, die derzeit in US-Einwanderungsgefängnissen festsitzen, haben in den letzten Monaten einen wichtigen Fürsprecher gewonnen: den im Exil lebenden russischen Oppositionspolitiker Ilja Jaschin, der im August 2024 im Rahmen des Gefangenenaustauschs zwischen Moskau und westlichen Ländern freigelassen wurde. Er erzählte Meduza, dass er begann, sich mit dem Thema zu befassen, nachdem ihn Menschen über soziale Medien angeschrieben hatten. 'Die gesamte Situation ist einfach ungeheuerlich', sagte Jaschin. 'Menschen, die keine Straftaten begangen haben, werden ins Gefängnis gesteckt. Sie fliehen aus Russland, weil sie gegen den Krieg sind, entkommen der Repression und Putins Gefängnissen - nur um in amerikanischen Gefängnissen zu landen.'"New Yorker (USA), 27.01.2025
Mit dem Sturz des Assad-Regimes nach 13 Jahren Bürgerkrieg sind auch dessen Foltergefängnisse wieder in den Fokus der (westlichen) Öffentlichkeit geraten - und diejenigen, die darin zu Tode gefoltert wurden, wie der Oppositionelle Mazen al-Hamada, dessen Familie Jon Lee Anderson in Syrien für den New Yorker besucht hat. Nach mehreren Jahren in Haft konnte seine Familie Mazen freipressen, er floh in die Niederlande, wo er mit den psychischen Folgen der Haft kämpfte - und sich letztlich vom Regime manipulieren ließ, zurückzukehren: "Er verschwand und machte sich auf den Weg nach Syrien. Er muss einen neuen Pass erhalten haben - was für seine Familie und Freunde ein Beweis dafür ist, dass das Assad-Regime ihn nach Damaskus gelockt hat. 'Es war klar, dass sie Mazen zurückwollten', so Mouaz Moustafa (ein Aktivist). Mazens Unterstützer sprechen davon, dass er mehrfach mit einer Frau gesehen wurde, von der man weiß, dass sie in der syrischen Botschaft in Berlin arbeitete. Moustafa glaubt, dass er in Berlin eine Gruppe von Expats getroffen hat, die mit Assads Geheimdienst verbunden waren, und dass sie ihm versprochen haben, er könnte eine Schlüsselrolle bei der Beendigung des Krieges spielen. 'Mazen litt zunehmend unter Größenwahn', sagte er. 'Sie haben seine Wahnvorstellungen genutzt, um ihn davon zu überzeugen, nach Damaskus zurückzukehren, und sie haben ihm versichert, 'Sie werden den roten Teppich für dich ausrollen.'' (…) Am Flughafen von Damaskus hat Mazen ein paar letzte hektische Anrufe getätigt. Er hat Natalie Larrison von der Unterstützungsorganisation Syrian Emergency Task Force erreicht, aber alles, was sie verstehen konnte, war das Wort 'Damaskus' auf Arabisch, und dann ging die Verbindung verloren. Noch vor dem Morgengrauen hat Mazen seinem Bruder Fawzi zufolge eine ihrer Schwestern angerufen mit der Bitte, ihm Geld an den Flughafen zu bringen - vielleicht, um Bestechungsgeld zu zahlen, vielleicht, um ein Ticket für einen weiteren Flug zu zahlen. Die Schwester hatte das Gefühl, es wäre unsicher, zu dieser Uhrzeit zu reisen, also kam sie zum Tagesanbruch und fragte nach Mazen. Da war er bereits verhaftet und ins Gefängnis des Geheimdienstes gebracht worden. Niemand hat ihn wieder gesehen, bis sein Körper in der Leichenhalle des Militärs auftauchte, fünf Jahre später."Weiteres: Karl Ove Knausgaard stellt die Malerin Celia Paul vor (mehr hier). Alex Ross hört Neue Musik in LA. Lesen dürfen wir außerdem Samantha Schweblins Erzählung "A Visit from the Chief".
Tablet (USA), 26.01.2025
Elet es Irodalom (Ungarn), 24.01.2025
Der Dichter und Schriftsteller Lajos Parti Nagy spricht im Interview mit Csaba Károlyi u.a. über die Entstehung und Übersetzbarkeit seines Romans "Meines Helden Platz", sowie über die 154-teilige Märchenreihe aus den ersten Jahren der Orban-Regierung, in der er auf einer parodiehaften archaischen Märchensprache über die Absurdität der Regierungsentscheidungen schrieb: "Das eine führte zum anderen. Die eine Gattung ermöglichte die andere. Durch die Prosa fühlte ich mich zum Theater, zu Übersetzungen und Überschreibungen hingezogen. 'Meines Helden Platz' war ursprünglich eine Reihe von Kolumnen in Élet és Irodalom. Pál Závada sagte mir, wenn du diesen Roman jetzt, 1999, nicht schreibst, wirst du ihn später nicht mehr schreiben (...) In Deutschland wurde er ziemlich positiv besprochen. Es war vor allem sein Politikum, das geschätzt wurde, seine Angst vor und seine Kritik an der extremen Rechten. Es gibt eine Neuauflage, heute ist der Roman für den deutschen Leser aufgrund der aktuellen politischen Situation freilich wesentlich aktueller. Katharina Raabe hat mich einmal gefragt, wie ich überhaupt übersetzt werden kann. Nun, die einzige Möglichkeit ist, dass der Übersetzer das Werk in der Zielsprache neu erschafft, quasi als eigenständigen Roman. Ich hatte sehr viel Glück mit Terézia Mora, denn sie hat es geschafft. (...) Mit den ungarischen Märchen war ich zu naiv, denn ich dachte, diese Regierung sehr schnell am Ende sein würde. Ich dachte, dass die Realität die Satire niemals einholen würde. Aber natürlich tut sie das, und überholt sie sogar. (…) Mir fiel also keine Absurdität mehr ein, die in der Realität nicht vorkam."Eurozine (Österreich), 27.01.2025
Das Buchangebot wird sich immer ähnlicher und damit langweiliger, klagt der Verleger John Merrick. Schuld ist die Konzentration im Verlagswesen: "Wie Richard Snyder, der damalige CEO von Simon & Schuster, 1991 unheilvoll sagte: 'Wir sind keine Verleger, wir sind jetzt Schöpfer von Verwertungsrechten in jedem Medium oder Vertriebssystem'", so Merrick, der diesen Trend in Dan Sinykins "aufschlussreichem Buch 'Big Fiction: How Conglomerates Changed the Publishing Industry and American Literature'" gut zusammengefasst findet. "In den Redaktionssitzungen, in denen entschieden wird, was veröffentlicht wird und warum, hat sich die Dominanz des 'vergleichbaren Titels' (comparable title) am nachhaltigsten ausgewirkt. Comps, wie sie genannt werden, sind das System, bei dem neu erworbene Titel anhand der Verkaufszahlen älterer, ähnlicher Bücher beurteilt werden. Obwohl es sich hierbei um eine seit langem bestehende Praxis handelt, haben sie erst mit der Einführung von BookScan im Jahr 2001 und der damit verbundenen Verfügbarkeit genauer branchenweiter Verkaufszahlen eine neue Art von Dominanz erlangt. Wenn ein Verleger heute ein Buch erwerben will, muss er eine Liste mit Vergleichswerken erstellen, deren Verkaufszahlen hoch genug sind, um ein Buch kostendeckend zu machen. Das Buch wird dann von den Marketing-, Werbe- und Vertriebsabteilungen unter die Lupe genommen, wobei die Fähigkeit des Autors, über sein Werk im Fernsehen oder in Podcasts zu sprechen, bewertet wird, seine Anhängerschaft in den sozialen Medien eingeschätzt und die Chancen auf eine Rezension beurteilt werden. Diese Situation hat sich durch die Veränderungen außerhalb der Verlagshäuser stark beschleunigt."Zeitgeschichte online (Deutschland), 24.01.2025
In Auschwitz wurden eine Million Juden umgebracht, aber in Treblinka, das sehr viel weniger bekannt ist, starben ebenfalls eine Million Juden, schrieb letzte Woche in der FAZ der Holocaustforscher Stephan Lehnstaedt (unser Resümee). Wir brauchen Auschwitz als Symbol für die Erinnerung, meint auch die Historikerin Magdalena Saryusz-Wolska, zugleich aber führt Auschwitz als Symbol in die Irre, denn es gab jenseits der Lager die "Shoah par balles" (Holocaust durch Erschießungen, eine Formulierung des Forschers Patrick Debois) beziehungsweise den "dispersed Holcoaust" (so die Historikerin Roma Sendyka). "Das Bild vom Viehwaggon und dem Tor ins Lager steht im Kontrast zu den von Debois oder Sendyka erforschten Ereignissen - anstatt hervorzuheben, dass ost- und ostmitteleuropäische Jüdinnen und Juden überall da, wo sie lebten, ermordet wurden, fokussiert dieses Symbol die Aufmerksamkeit auf einzelne Orte der industriellen Ermordung. Dies betont zwar die Singularität des Holocaust, suggeriert aber gleichzeitig, die Vernichtung der Jüdinnen und Juden habe hauptsächlich hinter den hohen Mauern der Konzentrations- und Vernichtungslager stattgefunden, wohin die Opfer in geschlossenen Waggons transportiert wurden. 'Die Tore von Auschwitz können, so scheint es, ein Verbrechen einschließen und begrenzen, das in Wirklichkeit von Paris bis Smolensk reichte' - schreibt Timothy Snyder in seinem Buch 'Black Earth'. Die seit der frühen Nachkriegszeit auf Auschwitz fokussierte Erinnerung trägt somit zu dem Narrativ bei, der Holocaust habe außerhalb der Sicht der nichtjüdischen Bevölkerung stattgefunden. Es sperrt das Gedenken in den sicheren Raum der Gedenkstätten ein."
Weiteres im Dossier: René Schlott rezensiert die jüngst erst ins Deutsche übersetzen Holocausterinnerungen des Ungarn József Debreczeni "Kaltes Krematorium Bericht aus dem Land namens Auschwitz". Und Martina Bitunjac vom Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam lenkt in ihrem Text die Aufmerksamkeit auf ein Phänomen, das ihrer Meinung nach ebenfalls zu wenig Beachtung in der Forschung fand: Sie erinnert an die HelferInnen aus Oświęcim und Umgebung, die während und kurz vor der Befreiung den Häftlingen zur Seite standen.
Projekt (Russland), 16.01.2025
London Review of Books (UK), 28.01.2025
Adam Tooze bespricht ein Buch von Jean-Baptiste Fressoz' über die Rhetorik der Energiewende und stellt fest: So etwas wie eine Energiewende gibt es gar nicht. Denn es ist keineswegs so, dass die Menschheit Energie zunächst aus natürlichen Quellen, anschließend aus Kohle und schließlich aus Öl gewonnen hat - die natürliche Fortsetzung wäre dann eine weitere Energiewende, getragen von regenerativen Technologien. In Wirklichkeit sind wir die alten Energiequellen nie los geworden: "Die Erzählung von den 'drei Energiewenden' ist nicht nur eine Vereinfachung einer komplexen Realität. Es ist eine Geschichte, die logisch zu einem Happy End führt. Und das wirft eine Frage auf: Was, wenn es sich dabei nicht um eine realistische Darstellung der wirtschaftlichen oder technologischen Geschichte handelt? Was, wenn es ein Märchen ist, verkleidet in einem Business-Anzug, eine PR-Geschichte oder, schlimmer noch, eine Fata Morgana, eine ideologische Falle, eine gefährlich verführerische Illusion? Das würde nicht bedeuten, dass der Übergang zu grüner Energie unmöglich ist, sondern nur, dass er nicht durch historische Erfahrungen gestützt wird. Tatsächlich widerspricht er dieser Erfahrung. Wenn wir die historische Entwicklung genauer betrachten, zeigt sie keine fein säuberliche Abfolge von Energiewenden, sondern die Ansammlung immer neuer und unterschiedlicher Energiequellen. Wirtschaftswachstum basierte nicht auf einem fortschreitenden Übergang von einer Energiequelle zur nächsten, sondern auf deren Akkumulation. Mehr Kohle zu nutzen bedeutete, mehr Holz zu nutzen, mehr Öl zu verwenden verbraucht mehr Kohle, und so weiter. Eine ehrliche Betrachtung der Energiegeschichte würde nicht zu dem Schluss kommen, dass Energiewenden in der Vergangenheit regelmäßig stattfanden, sondern vielmehr, dass das, was wir jetzt versuchen - den bewussten Ausstieg aus und die Unterdrückung der energetischen Grundpfeiler unseres modernen Lebens - beispiellos ist."
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