
Die Seite
zeitgeschichte-online.de stellt eine ganze Reihe von Artikeln zum achtzigsten Jahrestag der
Befreiung von Auschwitz online. Hier das
Editorial.
In Auschwitz wurden eine Million Juden umgebracht, aber in Treblinka, das sehr viel weniger bekannt ist, starben ebenfalls eine Million Juden, schrieb letzte Woche in der
FAZ der Holocaustforscher Stephan Lehnstaedt (unser
Resümee). Wir brauchen Auschwitz als Symbol für die Erinnerung, meint auch die Historikerin
Magdalena Saryusz-Wolska, zugleich aber führt Auschwitz als Symbol in die Irre, denn es gab jenseits der Lager die "
Shoah par balles" (Holocaust durch Erschießungen, eine Formulierung des Forschers Patrick Debois) beziehungsweise den "dispersed Holcoaust" (so die Historikerin Roma Sendyka). "Das Bild vom Viehwaggon und dem Tor ins Lager steht im Kontrast zu den von Debois oder Sendyka erforschten Ereignissen - anstatt hervorzuheben, dass ost- und ostmitteleuropäische Jüdinnen und Juden überall
da,
wo sie lebten, ermordet wurden, fokussiert dieses Symbol die Aufmerksamkeit auf einzelne Orte der industriellen Ermordung. Dies betont zwar die Singularität des Holocaust, suggeriert aber gleichzeitig, die Vernichtung der Jüdinnen und Juden habe hauptsächlich hinter den hohen Mauern der Konzentrations- und Vernichtungslager stattgefunden, wohin die Opfer in geschlossenen Waggons transportiert wurden. 'Die Tore von Auschwitz können, so scheint es, ein Verbrechen
einschließen und begrenzen, das in Wirklichkeit von Paris bis Smolensk reichte' - schreibt Timothy Snyder in seinem Buch 'Black Earth'. Die seit der frühen Nachkriegszeit auf Auschwitz fokussierte Erinnerung trägt somit zu dem Narrativ bei, der Holocaust habe außerhalb der Sicht der nichtjüdischen Bevölkerung stattgefunden. Es sperrt das Gedenken in den
sicheren Raum der Gedenkstätten ein."
Weiteres im Dossier: René Schlott
rezensiert die jüngst erst ins Deutsche übersetzen
Holocausterinnerungen des Ungarn
József Debreczeni "Kaltes Krematorium Bericht aus dem Land namens Auschwitz". Und Martina Bitunjac vom Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam
lenkt in ihrem Text die Aufmerksamkeit auf ein Phänomen, das ihrer Meinung nach ebenfalls zu wenig Beachtung in der Forschung fand: Sie erinnert an die
HelferInnen aus Oświęcim und Umgebung, die während und kurz vor der Befreiung den Häftlingen zur Seite standen.