Magazinrundschau
Jeweils eine Augenklappe
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
19.11.2024. Der New Yorker trifft den Literaturwissenschaftler Ganesh Devy, der für das Überleben indischer Sprachen kämpft und lernt: Die Worte für Farben sterben immer zuletzt. The Insider begleitet den Clown Igor Narovski, der Kindern in ukrainischen Krankenhäusern die Angst nimmt. New Lines freut sich über das kulturelle Aufblühen der ugandischen Hauptstadt Kampala. Die London Review of Books blickt auf die trostlosen Ruinen von Charkiw.
New Yorker (USA), 18.11.2024
Spätestens seit Narendra Modi 2014 in sein Amt kam, werden die Bestrebungen, Indien auch linguistisch in einen hindunationalistischen Staat zu transformieren, immer stärker. Einer, der sich dem entgegenstellt, ist der Literaturwissenschaftler Ganesh Devy, den Samanth Subramanian für den New Yorker porträtiert. Seit 2010 verfolgt er mit seiner Großstudie, der People's Linguistic Survey of India (P.L.S.I.), das Ziel, so viele Sprachen wie möglich zu erfassen, die in Indien gesprochen werden, unabhängig von der Anzahl ihrer Sprecher. Es geht ihm dabei nicht um eine rein formale linguistische Erfassung, sondern darum, eine Landkarte der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Indiens zu zeichnen: "Er wollte nicht zwischen Sprache und Dialekt trennen, und ganz besonders wollte er keine Sprachen ausschließen, die nicht über ein Schriftsystem verfügen. Wenn siebzig Prozent des Wortschatzes einzigartig sind, kam die Sprache in die Studie. Devy hat die Aufzeichnenden gebeten, alles zu notieren, was sie über die Geschichte ihrer Sprache wissen, zusätzlich Lieder, Gedichte und Geschichten. Er hat nach linguistischen Besonderheiten gefragt - wie die Zeiten funktionieren, oder ob Nomen ein Geschlecht haben. Er hatte gelesen, dass in Sprachen, die dem Aussterben nahe waren, die Worte für Farben als letztes aussterben, also schlug er den Beitragenden vor, diese ebenfalls zu sammeln. Er fragte nach Begriffen für Verwandschaft, die er mir als 'aufregendstes Material für alle Anthropologen' beschrieb. 'Die Gesellschaft ist eben eine elementare Struktur der Verwandtschaft, wie Claude Lévi-Strauss festgestellt hat.'" Der Politiktheoretiker Jyotirmaya Sharma versteht Devys Arbeit als demokratisches Projekt, wie er Subramanian erklärt: "Linguistische Pluralität ist an sich noch keine Garantie für Frieden und Wohlstand - und sie kann sich zu einem Fetisch für Nummern entwickeln, so Sharma. Aber er versteht Devys Vorhaben als ein demokratisches - als Mittel, denen das Rückgrat zu stärken, die sich bemühen, Widerstand zu leisten. Wenn viele Sprachen koexistieren, berichtete Sharma mir, gibt es die Möglichkeit, dass 'die kleinste Sprache, der harmloseste Dialekt das Potential erhalten, das wichtigste Wort zu sagen: 'Nein.''"Weitere Artikel: Adam Gopnik liest Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, was der Unterschied ist zwischen einem gewalttätigen Mob und einer legitimen Protestbewegung. Lesen dürfen wir außerdem Saïd Sayrafiezadehs Kurzgeschichte "Minimum Payment Due".
HVG (Ungarn), 14.11.2024
Der Redakteur István Riba berichtet über das Vorhaben der Fico-Regierung in der Slowakei, das Sprachengesetz so zu verändern, dass der öffentliche Sprachgebrauch der ungarischen Minderheit in der Slowakei massiv eingeschränkt wäre. "Ein Sandkorn wurde in die Maschine der so genannten 'ausgezeichneten ungarisch-slowakischen Beziehungen' gestreut. Das - nicht sehr geheime - Ziel des Sprachengesetzes war schon bei seiner ersten Fassung, die ungarische Minderheit zu schikanieren. (...) Das hat auch die ungarische Partei in der Slowakei, die sich jetzt Ungarische Allianz nennt, festgestellt. Sie halten es für inakzeptabel, vor allem, nachdem sie Ficos Kandidaten Peter Pellegrini bei den Präsidentschaftswahlen auf Druck der Orbán-Regierung unterstützt hatten. Dafür habe das ungarische Volk keinen Schlag unter der Gürtellinie verdient, betonen sie. (...) Es wird erwartet, dass der Text bald offiziell veröffentlicht wird, und das Kabinett Fico könnte ihn voraussichtlich im Januar annehmen. Sollte dies in der jetzigen Form geschehen, würde Fico natürlich die guten Beziehungen zur ungarischen Regierung riskieren, weshalb er wohl versuchen wird, den Entwurf abzuschwächen. Die Frage ist jedoch, wie er dies tun kann, ohne dass es zu Koalitionsspannungen kommt, und inwieweit er die SNS von ihren Absichten abbringen kann."New Lines Magazine (USA), 18.11.2024
Die ugandische Hauptstadt Kampala erlebt derzeit eine Renaissance der Künste, die Anna Adima an die sechziger Jahre denken lässt: Kurz nach der Unabhängigkeit von Großbritannien wurde Kampala zur "Kulturhauptstadt Afrikas". Ziel vieler Kulturschaffender war es, eine genuin afrikanische Kunst zu schaffen, um das Erbe des Kolonialismus abzuschütteln, was zum Beispiel bei einer historischen Konferenz afrikanischer Schriftsteller im Jahr 1962 diskutiert wurde, an der Schriftsteller wie Chinua Achebe, Wole Soyinka, Grace Ogot oder Langston Hughes teilnahmen: "Diese Zeit in Kampala war prägend für die Entwicklung der afrikanischen Literatur und Literaturtheorie. Zu den bedeutenden Schriftstellern der Stadt gehörte der Dichter und Akademiker Okot p'Bitek, der für seine Ballade 'Song of Lawino' bekannt ist. Das Epos erzählt die Klagen von Lawino, einer Acholi-Frau aus dem ländlichen Norden Ugandas, über den Verlust ihres Mannes an eine 'verwestlichte' Stadtfrau und seine allgemeine Ablehnung der Acholi-Kultur. Die Journalistin und Schriftstellerin Barbara Kimenye erlangte bis heute Berühmtheit mit ihren 'Moses'-Romanen, einer Kinderbuchreihe über die Abenteuer von Moses in einem ugandischen Internat." Heute erlebt Kampala eine ähnliche Blüte aller Kunstformen, sei es Theater, Film, Bildende Kunst oder Literatur, freut sich Adima: "Die Afrikanisierung von Kunst und Literatur, die den kreativen Diskurs in den 1960er Jahren dominierte, ist im Jahr 2024 fest verankert. Ugandische Künstler schaffen Kunst nach ihren eigenen Vorstellungen - nicht unbedingt für den weißen Blick -, die ihre Beobachtungen der sie umgebenden Gesellschaft vermittelt. So ist beispielsweise der Liebesroman 'Whispers From Vera' von Goretti Kyomuhendo ein Beweis für die Bemühungen des Autors, kommerzielle Belletristik für ein ugandisches und afrikanisches Publikum zu schreiben."Guardian (UK), 19.11.2024
Novinky.cz (Tschechien), 16.11.2024
En attendant Nadeau (Frankreich), 16.11.2024

Der 97-jährige belgische Maler und Meister der Tinte Pierre Alechinsky, der tief von asiatischer Kalligrafie beeinflusst wurde, hat derzeit in der Brüssler Fondation Boghossian eine Ausstellung. Stéphane Massonet erzählt seine Erweckung: "1946 zeichnete Alechinsky während einer Aktsitzung in La Cambre (der belgischen Hochschule für visuelle Künste) mit Pinsel und Tusche das Profil eines weiblichen Rückens, als 'mein Lehrer zu mir sagte: 'Hier gibt es keinen Pinsel. Ein gut gespitzter Bleistift und eine einzige Linie, ohne die Mine vom Papier zu heben.' Ich willigte ein, meinem Lehrer zu gehorchen, ohne zu wissen, dass ich das, was ich durch ihn gerade verloren hatte, wiederfinden musste.' Dieses Verbot ähnelt dem, das Alechinsky einige Jahre zuvor zu einem 'verhinderten Linkshänder' machte, denn er war als linkshändiger Schüler gezwungen worden, mit der rechten Hand zu schreiben, und so behielt er seine bessere Hand zum Zeichnen. Die Wiederentdeckung des Pinsels und der Beidhändigkeit gehen Hand in Hand."
Elet es Irodalom (Ungarn), 15.11.2024
Der Ästhet und Kulturwissenschaftler László F. Földényi spricht im Interview mit Károlyi Csaba über seine Erfahrungen in Deutschland entlang der Rezeption seines 1988 erschienenen Buches "Melancholia": "Ich bin zwar kein Germanist geworden, aber ich war von bestimmten deutschen Kunstschaffenden, wie Caspar David Friedrich oder Kleist sehr fasziniert. Allerdings nicht, weil ich wissenschaftlich interessiert war. Als ich 'Melancholia' beendete, hatte ich ein Gefühl der Unvollständigkeit. So kam ich zur Malerei von Caspar David Friedrich, die ich damals entdeckte und mit Melancholie zusammenhing. Über ihn habe ich unmittelbar nach 'Melancholia' geschrieben, und erst da hatte ich das Gefühl, dass ich zum Ende des Themas gelangt war. (...) Das deutsche intellektuelle Milieu ist immer noch vom Geist der 68er geprägt, wozu die gesellschaftskritische, politisierte, rationalistische Haltung gehört. Die Welt in Ordnung zu bringen, hat Vorrang. Als 'Melancholia' 1988 auf Deutsch erschien, sahen viele darin eine Antwort auf ein damals populäres deutsches Buch von Wolf Lepenies mit dem Titel 'Melancholie und Gesellschaft', in dem behauptet wurde, dass eine ideale Gesellschaft kommen würde, in der es keine Melancholie mehr gäbe. In meinem Buch hingegen heißt es, dass Melancholie eine existenzielle Bedingung ist, eine condition humaine. Bei meiner ersten Buchvorstellung 1988 in West-Berlin gab es sogar jemanden, der das, was ich geschrieben hatte, als politisch rechts, als irrational bezeichnete. Ich saß da ganz verloren, im Gegensatz zu denen, die lautstark mit Axel Matthes diskutierten, der neben mir saß und Sade und die französischen Surrealisten verlegt hatte, und da begann ich, Deutschland zu verstehen. Aber viele Leute haben meine Bücher gerade deshalb gut aufgenommen, weil ich mich ihnen aus einer anderen Richtung genähert habe. So habe ich Caspar David Friedrich zum Beispiel nicht durch den Filter der Napoleonischen Kriege betrachtet."The Insider (Russland), 12.11.2024
The Insider veröffentlicht einen Textauszug aus dem Buch "Laughing Red", das der Clown Igor Narovski geschrieben hat. Dieser ist nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs in die Ukraine gefahren, um dort zu arbeiten: "Wir sind zu sechst, also teilen wir uns in Dreiergruppen auf. Suzie und ich haben jeweils ein Paar Clowns, die wir betreuen. Wir entscheiden schnell, wer wohin geht. Unsere Gruppe bleibt auf der allgemeinen Station, und Suzies Gruppe geht weiter, in die Onkologie. (...) Während der Visite folge ich den anderen Clowns wie ein Schatten. Ich verscheuche die Gedanken an die Gefahr. Stattdessen versuche ich, mich auf das zu konzentrieren, was ich sehe: wie Patienten auf die Clowns reagieren, welche Situationen meine Kollegen verwirrend finden, wie sie improvisieren und wann sie sich wiederholen. Ich mache mir Notizen. Was ich bekomme, ist ein Kurzbericht über das, was man nicht in Worte fassen kann: Krankenhausclownerie. Wir treffen uns zu einer Nachbesprechung in einem Schrank (dem sichersten Ort auf der Station). Wir schnappen uns drei staubige Stühle und lassen uns inmitten von Eimern und Wischern nieder. 'Da war ein siebenjähriges Mädchen auf Station drei', beginne ich. 'Sveta, glaube ich. Erinnerst du dich an sie? Was hat sie zum Lachen gebracht?' Die Clowns tauschen Blicke aus. 'Ich weiß es nicht', antwortet Tania. 'Okay', sage ich, 'versuchen wir es anders: Auf was hat sie reagiert?' 'Angst?', wagt sie zu vermuten. 'Kontrolle über die Angst. Sie hat gelacht, als einer von euch Angst hatte, und der andere hat Anweisungen gegeben. Um die Bedürfnisse eines Kindes zu verstehen, reicht es aus, darauf zu achten, worauf es am meisten anspricht. In Svetas Fall braucht sie ein Gefühl der Sicherheit. Also schaffen wir eine Situation der Wahl. Du musst ihr ein Problem geben, das sie lösen kann. Oder nicht lösen kann und dich einfach auslacht. Sagen wir, du hast Angst vor ihrem Spielzeugkaninchen. Sie kann es nehmen und dir Angst machen, oder sie kann dich beruhigen, indem sie sagt, es sei nur ein Spielzeug. In diesem Fall entscheidet sie, ob Angst einen Platz hat.'"London Review of Books (UK), 19.11.2024
James Meek berichtet aus der ukrainischen Millionenstadt Charkiw, die sich im vierten Kriegsjahr befindet. Gebeutelt wird sie nicht nur vom russischen Angriffskrieg, sondern auch von internen ukrainischen Problemen wie etwa der grassierenden Korruption. Meeks Text ist erwartbar deprimierend. Unter anderem besucht Meek Schulen, die zum Ziel russischer Bomben wurden. "Es gibt ein ukrainisches Wort, 'prylit' (auf Russisch 'prilyot'), das man in Charkiw ständig hört. Es ist ein seltenes Beispiel für ein Wort, das nicht nur über Nacht von einer gängigen Bedeutung in eine andere überwechselte, sondern dessen neue Verwendung die alte komplett auslöschte. Es bedeutet 'Ankunft aus der Luft' und war früher für die Ukrainer nur als Anzeige auf den Ankunftstafeln von Flughäfen relevant - ein Symbol für Reisen in einer offenen Welt. Seit dem Tag, an dem der Krieg ausbrach, gibt es keinen Luftverkehr mehr von oder nach Charkiw; aber 'Ankunft aus der Luft' kann auch für den 'Einschlags eines militärischen Flugkörpers' benutzt werden. Drei Einschläge an Schule Nummer 17 haben eine nackte, staubige Ruine dort hinterlassen, wo einst 1200 Kinder lernten. Die Schule ist auf Englischunterricht spezialisiert: Zu den wenigen Überresten der Friedenszeit gehören fröhliche, von Schrapnellen durchlöcherte Wandgemälde, die ein idealisiertes Großbritannien zeigen - eine rote Telefonzelle, Big Ben, das Gherkin."
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