Jachym Topol

Zirkuszone

Roman
Cover: Zirkuszone
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN 9783518418871
Gebunden, 316 Seiten, 24,80 EUR

Klappentext

Aus dem Tschechischen von Milena Oda und Andreas Tretner. Im ehemaligen Adelssitz von Silem, einem Städtchen östlich von Prag, kümmern sich Nonnen um verlassene Kinder, die es aus verschiedenen Ländern hierher verschlagen hat. Unter ihnen ist auch der zwölfjährige Russe Ilja. Die flüchtenden Eltern haben ihn und seinen behinderten kleinen Bruder zurückgelassen. Der Alltag der Kinder ändert sich jäh, als Soldaten das "Heimdaheim" stürmen und die katholischen Schwestern deportieren. Unter der Leitung des Kommandanten dominiert ein militärischer Drill. Bücher werden verbrannt, die Vergangenheit umgeschrieben und Ilja zum Saboteur ausgebildet. Als Gerüchte über eine bevorstehende Invasion der Armeen der Warschauer-Pakt-Staaten Silem erreichen, bricht im Heim Chaos aus. Viele Jungen schließen sich den Rebellen in der "Silemer Autonomen Zone" an.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.07.2007

Für den Rezensenten Christoph Bartmann steht außer Frage, dass Jachym Topol der "interessanteste" Autor der tschechischen Literatur der Gegenwart ist, und auch sein jüngster Roman "Zirkuszone" bestärkt ihn in dieser Ansicht. Der Autor, einst Dissident, hat sich seine revolutionäre Aufmüpfigkeit bewahrt und vergreift sich nun nicht nur an tschechischen Mythen der jüngsten Geschichte, sondern treibt auch seinen Schindluder damit, stellt Bartmann fasziniert fest. Eine Kinderbande aus dem Waisenhaus wird von einem Offizier einer aufständischen Truppe gegen die einmarschierenden sowjetischen Truppen ausgebildet, was den jugendlichen Helden Ilja nicht daran hindert, zur Armee des Warschauer Pakts überzulaufen. Dies alles wird in einer künstlichen Räubersprache geschildert, die gewaltige Bilder und ein rasantes Tempo vorgibt und die zudem sehr gelungen ins Deutsche übersetzt worden ist, so der Rezensent anerkennend. Diesen Roman "wichtig" zu nennen, sei mit Sicherheit nicht genug, preist der schwer begeisterte Bartmann.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.07.2007

Paul Jandl staunt über die Klugheit von Jachym Topols Roman "Zirkuszone". Der Roman erzählt die Geschichte der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der Perspektive des Jungen Ilja, eines alterslosen Kindes, das den Rezensenten ein wenig an Oskar Matzerath erinnert. Ilja führt als Partisan die Truppen des Warschauer Paktes heillos in die Irre. Der Roman zieht dabei verschiedene Zeitebenen zusammen, verdichtet das Geschehen mehrerer Jahre auf wenigen Seiten und lässt so karnevaleske, anarchische und zirkushafte Elemente der Geschichte erscheinen, wie der Rezensent begeistert hervorhebt. So deute schon der Titel des Buches auf die komplexe Zusammenstellung verschiedener Stile, Ereignisse und Wendungen, die der Roman auf grandiose Weise leistet, so der Rezensent. Die Anlage der Geschichte als Parabel legt ein neues "zyklisches" Geschichtsverständnis zugrunde und hebt sich so äußerst kunstvoll von früheren Darstellungen "dissidenter Autoren" ab, deutet der Rezensent anerkennend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2007

Einen "kühnen und furchtlosen Text" erblickt Rezensent Peter Demetz in Jachym Topols Roman "Zirkuszone", in dem dieser der Frage nachgeht, wie es gewesen wäre, wenn sich die Tschechen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zur Wehr gesetzt hätten. Er liest das Werk, in dessen Mittelpunkt der heranwachsenden Waisenjunge Ilja steht, der von einer sowjetischen Panzertruppe adoptiert wird, als "Wiederinszenierung eines Traumas". Das Geschichtsdrama mutiert in seinen Augen dabei zum "absurden Theater". Beeindruckt zeigt er sich von der unbändige Fabulierlust des Autors, die Psychologie und konventionelle Plausibilität hinter sich lässt, um mit unglaublichen Begebenheiten und überstürzenden Ereignissen aus den Vollen zu schöpfen. Gelegentlich schießt der Autor für Dementz' Geschmack über das Ziel hinaus. Allerdings sieht er sich dann wieder versöhnt durch Topols virtuose Fähigkeit, literarische Zitate und Parodien einzubringen und zu verbinden. Mit hohem Lob bedenkt er auch Milena Oda und Andreas Tretner für ihre Übersetzungsleistung, eine "philologische Tat ersten Ranges".