Magazinrundschau

Der Kommandant wollte sich betrinken

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.08.2024. Takie Dela porträtiert eine der letzten unabhängigen Redaktionen Russlands, Swobodnyje Nowosti aus Saratow. Der New Statesman schildert die Geschichte des islamischen Hasspredigers Anjem Choudary, der jahrzehntelang unbehelligt in UK agitieren durfte. Walrus besucht den Chemiker Frederik Vanmeert, der weiß, mit welchen Substanzen Jan Vermeer die Glanzlichter auf der Perle und im Gesicht des Mädchens mit dem Perlenohring setzte. New Lines trifft sudanesische Flüchtlinge in Kenia. "We have a Historikerstreit on our hands!", ruft Engelsberg Ideas. Und die New Left Review sucht nach der siebten Generation des chinesischen Kinos.

Engelsberg Ideas (Großbritannien), 19.08.2024

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Hilfe, "We have a Historikerstreit on our hands!" Höchst amüsant und dabei auch instruktiv liest sich Samuel Rubinsteins Resümee des größten britischen, ja, eben, Historikerstreits seit Jahrzehnten. Und Rubinstein versichert: er ist genauso kolossal wie der deutsche und wird einst aus historischer Distanz mit genauso großer Befremdung studiert werden. Es geht natürlich um Kolonialismus und um den Historiker Nigel Biggar, der eigentlich keiner ist, sondern ein Theologe. Sein den Kolonialismus aus neokonservativer Sicht verteidigendes Buch "Colonialism: A Moral Reckoning" ist in zweiter Auflage erschienen und darin publiziert Biggar ein siebzigseitiges Nachwort mit pedantischen Widerlegungen seiner Gegner, das Rubinstein nur sanft ächzen lässt. Aber seine Gegner sind nicht besser, ganz im Gegenteil. Sie legen einen ganzen "Anti-Biggar" (siehe Cover) vor, herausgegeben von Biggars eingeschworenem Feind Alan Lester, der dem Vernehmen nach schon Biggars erster Kritiker auf Amazon war und dem Kollegen nur einen Stern von fünf gönnte. (Der Perlentaucher hat die Kontroverse übrigens früh wahrgenommen und Biggar und seine Kontrahenten schon 2018 zitiert.) Rubinstein legt seine eigene Position so dar: "Um meine eigenen Karten für einen Moment auf den Tisch zu legen, habe ich eigentlich mehr Sympathie für die zugrundeliegende neokonservative Idee des Kolonialismus als für das Buch selbst. Es fällt mir schwer, Kenan Maliks Urteil zu widersprechen, dass Biggar dort, 'wo es sich als unmöglich erweist ein Stückchen Gutes' am Empire ausfindig zu machen, 'versucht, mildernde Umstände für das Schlechte geltend zu machen'. Gleichzeitig zeugt Biggars Arbeit aber auch von seinem persönlichen Mut und seiner Integrität. Lester beklagt, dass 'der Druck, die akademische Forschung über den Kolonialismus zu 'canceln', jetzt hauptsächlich vom rechtspopulistischen Flügel des Kulturkampfes auszugehen scheint': aber soweit ich weiß, hat kein Verlag seinen Plan, 'The Truth about Empire' zu veröffentlichen, aufgegeben, wie Bloomsbury es mit 'Colonialism: A Moral Reckoning' tat."

Takie Dela (Russland), 25.07.2024

In Russland sind nur noch einige wenige Redaktionen verblieben, die versuchen, sich an die Gesetze zu halten und trotzdem kritisch zu berichten. Eine davon, die Redaktion von Swobodnyje Nowosti aus Saratow, porträtiert Sergej Stumak für die unabhängige Onlinzeitschrift Takie Dela (hier mehr und hier die deutsche Übersetzung des Artikels bei Dekoder). "Das letzte Jahr war das schwerste in der Geschichte der Freien. Der Scherz 'wir müssen den Priester rufen' (damit dieser den Raum gegen den bösen Blick weiht) ist jetzt nicht mehr lustig. 'Das schrecklichste Ereignis des vergangenen Jahres war der Tod Nawalnys', erinnert sich Lena. 'An dem Tag hatten wir [die Politikerin Jekaterina - TD] Dunzowa auf Sendung. Sie war nach Saratow gekommen, um den regionalen Stab ihrer Partei Rasswet zu eröffnen, und wir hatten sie gebeten, davon zu erzählen. Ich las gerade bei mir im Büro einen anderen Text und war weder im Redaktions-Chat noch beim Newsticker. Da kam der Chefredakteur der Videoabteilung reingestürmt und fragte: 'Ändern wir nun das Programm wegen Nawalnys Tod?' Als Lena nach dem ersten Schock wieder zu sich kam, versuchte sie, den Journalisten zu erklären, wie sie angesichts dieser Nachricht weiter vorgehen sollten. Aber ihre Stimme versagte. Und über drei Wochen lang versagte sie wieder und wieder. Und dann, zwei Monate später, verlor das ganze Portal seine Stimme. Die Freien wurden gesperrt. Die Besucherzahlen der neuen Internetseite lagen gegenüber der alten nur noch bei einem Zehntel. Auch die Erwähnungen und die Suchergebnisse bei Nachrichten-Aggregatoren brachen ein. Yandex nahm die Freien wegen der Sperrung aus dem Nachrichten-Angebot. Das neue Portal würde frühestens nach einem halben Jahr aufgenommen. 'Bislang haben wir auf unserer Seite nichts, was die Leute anlocken könnte', erklärt Marija. 'Zum Beispiel 'Wo kann man in Saratow gut essen gehen?' oder 'Wo kann man in Saratow schwimmen gehen?' Das alles blieb auf der alten Seite zurück.' (...) Bekannte aus Saratow, die jetzt in Moskau lebten, stellten alle dieselbe Frage, erzählt [die Chefredakteurin Lena] Iwanowa: 'Warum haben sie euch noch nicht eingebuchtet?'.  'Das heißt, sie sind uns nicht feindlich gesonnen, sondern sind nur ganz ehrlich verwundert. Das ist das Alltägliche des Schreckens und des Bösen: Die Gesellschaft ist den Repressionen gegenüber tolerant.'"
Archiv: Takie Dela
Stichwörter: Russland, Russische Medien

New Lines Magazine (USA), 26.08.2024

Kang-Chun Cheng beleuchtet die Schicksale dreier Familien, die vor dem Bürgerkrieg im Sudan nach Kenia geflohen sind. Hoyam Babiker zum Beispiel, die im Sudan Jura studierte, hoffte, nach Ägypten oder Kanada fliehen zu können, berichtet Cheng, doch als der Krieg ausbrach, verloren die sudanesischen Bürger die Pass-Privilegien vieler Länder. Ihre Anträge auf Visa wurden abgelehnt. Nachdem sie mit ihren Kindern von einer vermeintlichen sicheren Zone zur nächsten und dann nach Uganda geflohen war, wo die Lebensumstände unerträglich waren, kam sie endlich im Januar 2024 als Flüchtling in Kenia an, das Schätzungen zufolge in den letzten drei Jahrzehnten mehr als 750.000 Flüchtlinge aufgenommen hat, so Cheng. In Nairobi hatte "Babiker die Idee, ein kleines Café zu eröffnen. Im Kilimani-Viertel der Hauptstadt eröffnete sie in diesem Frühjahr 'Mazaj' (arabisch für 'Stimmung'). Wir sitzen auf der Terrasse des Cafés, als sie erzählt, wie sie das Geschäft eröffnete. 'Ich wollte etwas haben, das mich beschäftigt', gibt die junge Mutter zu, damit ihre Gedanken nicht ständig zu den Gräueln in ihrem Heimatland abschweifen. In Kilimani sind die meisten Cafés äthiopisch, aber 'ich wollte einen Ort schaffen, an dem alle Sudanesen zusammenkommen', erklärt sie. 'Vielleicht können wir hier eine gemeinsame Basis finden, da wir uns alle in der gleichen Situation befinden. Während wir plaudern, kommen Stammgäste auf ein heißes Getränk hereinspaziert. Der Geruch von Bakhoor, einem traditionellen Weihrauch, liegt in der Luft. Kinder, manche auf Rollschuhen, kommen vorbei, um ihre Bilder zu verkaufen oder mit Babiker zu plaudern, die offensichtlich die geliebte Tante der Nachbarschaft ist. 'Es ist ein Ort, an dem wir uns wiederfinden. Hier können wir uns treffen und uns gegenseitig über die Situation in Nairobi und zu Hause informieren', sagt Yousif Mohammed Ahmed, 38, der im Juli letzten Jahres in Nairobi angekommen ist. 'Wir unterstützen Hoyam', fährt er fort, 'aber es ist auch ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen und sudanesisch sprechen können. Hier findet man jeden, ob er in der sudanesischen Botschaft arbeitet oder neu in der Stadt ist.' Das Einkommen, wenn auch klein, hilft natürlich auch, denn die Lebenshaltungskosten in Nairobi sind sehr hoch. 'Die meisten Leute, die hierher kommen, haben kein Geld.' Eine kleine Tasse Tee kostet an den meisten Orten etwa 75 Cent, aber bei Mazaj kostet sie nur die Hälfte - selbst in den Wirren des Neubeginns hofft Babiker, anderen zu helfen."

Walrus Magazine (Kanada), 26.08.2024

Der Chemiker Frederik Vanmeert hat mit der makroskopischen Röntgendiffraktometrie eine Methode entwickelt, die chemische Beschaffenheit von Farbpigmenten zu untersuchen, ohne Gemälde zu beschädigen, berichtet Adnan R. Khan für The Walrus. Sein besonderes Interesse gilt Vermeer: Welche Pigmente hat er benutzt, was wollte er damit zum Ausdruck bringen - das sind so die Fragen, die er sich stellt. "Vanmeert und sein Team haben zwei Arten von Bleiweißpigmenten im 'Mädchen mit dem Perlenohrring' gefunden. Der vorherrschende Typus bestand aus einem kristallinen Bleicarbonat names Hydrocerrusit. Es wurde in den Glanzlichtern im Gesicht des Mädchens, ihrer Kopfbedeckung und ihrem Kragen gefunden, aber auch in der Grundierung des Gemäldes, wo es mit Kreide vermischt war. Hydrocerussit, das im Delft des 17. Jahrhunderts das am breitesten erhältliche Bleiweißpigment war, besteht aus relativ großen hexagonalen Kristallen, die sich, wie Vanmeert mir erklärt, gut ausrichten, wenn sie auf die Leinwand gebracht werden. 'Das ist der Schlüssel zu Vermeers Glanzlichtern', meint er. 'Je nachdem, wie groß die Kristalle sind, und wie gut sie sich auf der Oberfläche des Gemäldes ausrichten, können sie mehr Licht reflektieren, um ein strahlenderes Weiß abzubilden.' Vermeer konnte natürlich nicht über dieses Detailwissen über Hydrocerussitkristalle verfügen. Er wusste auch nicht, dass man, wenn man Hydrocerussit mahlt und wäscht, ein weiteres Bleicarbonat namens Cerussit produzieren kann. Was Vermeer aber wahrscheinlich wusste, ist, dass diese Form von Bleiweiß eine feinere, durchscheinendere Farbe produziert. Diese hat er für die halbschattenen Übergänge zwischen Licht und Schatten benutzt."
Archiv: Walrus Magazine
Stichwörter: Vermeer, Jan, Alte Meister, Farben

New Statesman (UK), 26.08.2024

Shiraz Maher erzählt die Geschichte des Anjem Choudary, der nach jahrzehntelangem prominenten Wirken in schlimmsten islamistischen Organisationen nun endlich von einem britischen Gericht wegen Führens einer Terrororganisation zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. "Als 'bekanntester islamischer Extremist Großbritanniens' war er eine Art Anti-Celebrity. Fast zwei Jahrzehnte lang war er regelmäßig auf unseren Kanälen zu sehen. Nach fast jedem Terroranschlag erschien er, um eine unsensible, empörende oder anderweitig irritierende Botschaft zu verbreiten." Maher konzentriert sich in seinem Artikel mehr auf Choudarys Geschichte selbst, als auf die britischen Institutionen und eine Öffentlichkeit, die ihn gewähren ließen und möglich machten. Eine Episode aus der frühen Zeit seines Wirkens zeigt, welchen Freiraum er und seine Mitstreiter hatten. Damals war er noch an der Seite des ebenso prominenten Omar Bakri Muhammad. Man wollte 1993 im Wembley-Stadion eine Art großes Islamisten-Event veranstalten, zu dem man auch hoffte, Osama bin Laden einladen zu können. Das Wembley-Stadion machte allerdings so teure Sicherheitsauflagen, dass das Festival nicht zu organisieren war. "Für Bakri und Choudary spielte das alles keine Rolle. Die abgesagte Veranstaltung hatte bereits genau das erreicht, was sie wollten - Aufmerksamkeit für ihre Sache auf globaler Ebene. Bemerkenswert ist jedoch, dass es die Wembley-Arena war, die die Absage der Veranstaltung erzwang, nicht die Behörden. Als der damalige Außenminister Malcolm Rifkind zu der Konferenz befragt wurde, stellte er lapidar fest: 'Leute, die Konferenzen abhalten wollen, brauchen natürlich keine Erlaubnis der Regierung einzuholen.' Diese scheinbare Gleichgültigkeit verärgerte Verbündete im Ausland, die glaubten, dass das Vereinigte Königreich gegenüber dem islamistischen Extremismus absichtlich einen weichen Ansatz wählte. Der britische Staat schien zu kalkulieren, dass wir zu Hause sicher seien, solange diese Welle reaktionärer Wut ins Ausland gelenkt würde."

In der Titelgeschichte des New Statesman fragt sich Madeleine Davies, wie damit umgegangen werden soll, dass sich auf der einen Seite immer weniger Menschen als Christen bezeichnen, auf der anderen aber Personen wie Elon Musk und Jordan Peterson eine Art Kulturchristentum hochhalten. Vorschläge bietet der Schriftsteller Tom Holland, dessen Buch "Dominion" in England für Furore gesorgt hat: "Sein Vorschlag für die Church of England ist, dass sie die 'seltsame' Natur des Glauben betonen sollte. Er kritisiert die Führung dafür, das nicht zu tun. 'Anstatt mit der Stimme der Prophezeiung zu sprechen, anstatt trauernden und ängstlichen Menschen zu erklären, wie die Toten in das Licht des ewigen Lebens schweben, anstatt Wunder und Geheimnisse zu verkünden, die nur sie verkündet, scheint sich die Kirchenführung entschlossen, wie ein mittleres Management aufzutreten,' schrieb er während der frühen Wochen der Corona-Pandemie. Die Kirche sei 'zu erfolgreich', meinte er. Die Gaben des Christentums an die Kultur, verankert im Glauben an die Gleichheit aller, Bildung, Gesundheits- und Sozialfürsorge, würden nicht mehr als solche anerkannt. 'Die Zukunft der Kirchen liegt darin, die Menschen daran zu erinnern, woher diese Ideen kommen', behauptet Holland. 'Sie kommen daher, an verrückte Dinge zu glauben, daran, dass es einen Gott gibt, der alle Menschen gleichwertig geschaffen hat, der ihnen ihre Würde gegeben hat, weil sie als Abbild Gottes geschaffen wurden. (…) Es sind, objektiv, aus einer rationalen Perspektive, verrückte Dinge. Aber ihre Verrücktheit ist genau der Grund, warum sie so machtvoll sind.'"
Archiv: New Statesman

New York Times (USA), 20.08.2024

Linda Kinstler geht die Geschichte der UN-Genozidkonventionen und des internationalen Gerichtshofs durch, der gerade Genozidklagen gegen Israel prüft. Das Problem mit dem Begriff des Genozids ist, dass der Holocaust einen Standard gesetzt hat, an den seither kein Verbrechen heranreicht, legt Kinstler dar. Darum sind Genozidklagen fast immer abgewiesen worden. Das einzige Urteil des ICJ war das zum Massaker von Srebrenica, das aber ausdrücklich andere Verbrechen der Serben nicht einschloss, weil sie dem hohen Standard nicht entsprachen. "In seiner bemerkenswerten Kargheit stärkte das Urteil von 2007 jedoch auch den Status des 'Völkermordes' als ein undurchschaubares und unvorstellbares Verbrechen, indem es die Schwere des Vergehens unterstrich und gleichzeitig eine so hohe Messlatte für den Vorsatz des Völkermordes festlegte, dass es praktisch unmöglich wurde, Staaten zur Verantwortung zu ziehen… 'Das war der Sargnagel für die Völkermordkonvention', sagt mir die Völkerrechtlerin Leila Sadat über die Bosnien-Entscheidung. Sie ist der Ansicht, dass das Urteil die Völkermordkonvention von einem aktiven Mechanismus zur Verhinderung und Bestrafung der Auslöschung ganzer Völker in ein Mahnmal für den Holocaust … umgewandelt hat." Als weiteren Gewährsmann zitiert Kinstler den Postkolonialisten Dirk Moses: "Die breitere Sichtweise von Völkermord ist die richtigere", sagt er. Erst dann - so muss man es verstehen -  würde auch Israels Krieg gegen die Hamas endlich unter den Begriff des Völkermords fallen.
Archiv: New York Times

New Left Review (UK), 23.08.2024

Die fünfte Generation im chinesischen Film, das waren Regisseure wie Chen Kaige und Zhang Yimou, die in den Achtzigern auf den internationalen Festivals von sich reden machten und seitdem dort ihren festen Platz haben. Die sechste bildete sich in den frühen Nullern rund um Jia Zhangke heraus - erst in Anlehnung an die fünfte, später in kritischer Distanzierung. Aber wo bleibt die siebte, fragt sich Leo Robson im Sidecar-Blog der New Left Review. Spuren und Anzeichen einer solchen sind zwar zu verzeichnen (Robson nennt etwa den 31-jährigen Wei Shujun als eine Art Einzelgänger, dessen Filme regelmäßig international gezeigt werden), aber die Hindernisse, die die Herausbildung einer solchen Generation erschweren, sind enorm. "Jüngere Regisseure mit einer Abfolge ähnlicher oder ähnlich bemerkenswerter Debüts sind nicht gerade in Massen aufgetreten. Die Beijing Film Academy hat ihr Prestige und ihre Rolle als Masseninkubator neuer Talente verloren. Und die sechste Generation - oder die Prominenz ihrer ursprünglichen Mitglieder - hat einen langen Atem. Dies ist zum Teil auch die Folge einer kulturellen Lethargie. Auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach 'Pickpocket' gilt Zhangke immer als 'Wunderknabe' des chinesischen Kinos." Seinem Generationsgenossen "Guan Hu glückte erst in diesem Jahr mit 'Black Dog' sein Cannes-Debüt, er wurde dafür in der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet. Außerdem hat das chinesische Kino aufgehört, ein Regiekino zu sein (auch in dem spärlichen Rahmen,in dem es das überhaupt gewesen ist), da die chinesische Filmindustrie zu Beginn des neuen Jahrhunderts sich kommerzialisieren musste, zum Teil, um mit importierten Produkten mithalten zu können. 'The Five Hundred', der Film, den Guan Hu vor 'Black Dog' gedreht hat, war ein auf IMAX-Kameras gedrehter Kriegsfilm. ... Und auch wenn bestimmte Mitglieder der sechsten Generation heute Märchenfilme - oder zumindest kommerzielle Frivolitäten - ihrer eigenen Art drehen, sind die industriellen Bedingungen einfach nicht stark genug, um eine Bewegung zu unterstützen, die aus der daraus resultierenden Desillusionierung oder Verachtung hervorgehen könnte."
Archiv: New Left Review

The Insider (Russland), 20.08.2024

The Insider hat mit einem russischen Deserteur gesprochen, der von seinen Erfahrungen in der russischen Armee und von seinen Fronteinsätzen erzählt. "Der Kommandant trank die ganze Zeit. Vielleicht hatte er mit Stress zu kämpfen oder so, aber er war eindeutig unvorbereitet. Seine Trinkerei führte dazu, dass ich verletzt wurde. Er sagte mir, ich solle zum Hauptquartier gehen und einen neuen Vogel besorgen - eine Drohne. Ich sagte: 'Wir haben einen anderen Vogel, den können wir hochholen. Wir werden die Nacht auf jeden Fall überstehen. Warum sollte ich jetzt da rausgehen? Wenn ich rausgehe, werden sie mich sofort umbringen. Nachtvögel fliegen mit Wärmebildgeräten. Sie können dich aus einer Meile Entfernung sehen - du bist ein leuchtendes Ziel auf einer schwarzen Leinwand. Der Weg zum Hauptquartier führt über ein offenes Feld, es ist unmöglich, dass sie mich nicht sehen.' Aber er  schickte mich trotzdem. Ich kam im Hauptquartier an und holte den Vogel ab. Sie gaben mir ein weiteres Paket. 'Was ist da drin?' frage ich. Er sagt, es sei für den Kommandanten. Ich schaue in die Tüte, und da sind zwei Flaschen - Wodka und Cognac. Der Kommandant wollte sich betrinken, und sie haben mich geschickt, um den Schnaps abzuholen. Ich bin auf dem Rückweg durch das offene Feld und höre ein Brummen über mir. Ich schaue nach oben und da ist eine Drohne. Und dann - bumm. Ich falle auf den Boden. Ich verstehe gar nichts mehr. Mein einziger Gedanke ist, wenn ich meine Beine verliere, dann schieße ich mir einfach in den Kopf - so muss ich nicht leiden. Ich schaue nach unten, meine Beine sind noch da, ganz blutig, aber noch da. Gott sei Dank. Ich werfe den Schnapsbeutel weg und krabble in den nächsten Keller. Ich gehe ans Funkgerät: 'Bringt mich weg, ich bin verwundet. Ich kann nicht mehr laufen. Ich habe mich selbst bandagiert.' 'Wir nehmen dich nicht mit', antworten sie. 'Es ist zu gefährlich.' Und ich habe es verstanden. Sie werden mich nicht holen, weil sie Recht haben." Personen, die immer noch darüber nachdenken, in die Armee zu gehen, rät er: "Leute, besorgt euch eine Waffe und schießt euch in den Kopf."
Archiv: The Insider

Unherd (UK), 23.08.2024

Ben Whishaw als Eduard Limonow in Kirill Serebrennikows "Limonov - The Ballad". Szenenbild.

Der französische Autor Emmanuel Carrère hatte einst einen ganzen Roman über den russischen Punk, Politiker, Bolschewist und Nazi Eduard Limonow verfasst, der seinen (Carrères) Ruhm begründete. Der Roman wurde inzwischen von Kirill Serebrennikow verfilmt - "Limonov - The Ballad" mit Ben Whishaw lief letztes Jahr in Cannes. Grigor Atanesian kommt auf die irre Karriere dieses Springteufels zurück, der seine Karriere wie Alexander Dugin im Zwielicht des Moskauer Untergrunds in den Siebzigern begonnen hatte: "Sein Leben lässt sich am besten als abschreckendes Beispiel für den Niedergang des Bohemiens und Provokateurs verstehen, als Illustration dessen, was mit einer Politik geschieht, die auf Vibes und nicht auf Prinzipien basiert." Limonow, der von Putin verschmäht und hofiert wurde, verkörpert wie kein andere die Verschmelzung linker und rechte Elemente. Die Sowjets hatten ihn ins Exil vertrieben, aber er kehrte zurück: "Und fast sofort übernahm er die Rolle des obersten Revolutionärs und gründete 1993 die Nationalbolschewistische Partei (NazBol). Ihr Manifest war eine grobe Mischung aus russischem Chauvinismus, Vulgärkommunismus, italienischem Faschismus und den geopolitischen Weisheiten von Ayatollah Khomeini, während ihr Logo eine Mischung aus Kommunismus und Nazismus darstellte. Er forderte die Schaffung eines neuen russischen Imperiums mit verstaatlichtem Land, die Abschaffung der Menschenrechte und die Annexion aller von Russen bewohnten Nachbarländer von der ukrainischen Krim bis Nordkasachstan und weite Teile der baltischen Staaten. Bald befehligte er eine Armee von jungen Burschen, Idealisten und Schlägern, die sich 'Nazbols' nannten und bereit waren, für ihn auf die Barrikaden zu gehen." Kurz, niemand hat die Zukunft vorgelebt wie Limonow.
Archiv: Unherd

Harper's Magazine (USA), 01.09.2024

Mit Sorge beobachtet Jasper Craven, dass private Sicherheitsunternehmen in den USA immer mehr wachsen - insbesondere, was Wachschutzpersonal betrifft, dem jedoch "das dafür nötige Training und sowieso die rechtliche Authorität fehlt, um nennenswert etwas unternehmen zu können. Trotz dieser Ineffizienz ist private Sicherheit eine rasant wachsende Industrie." Doch wieso "haben wir so eine Armee an Papiertigern hervorgebracht? Vielleicht ja, weil selbst eine illegitime Truppe dazu in der Lage ist, irrationalen Ängsten zu begegnen. ... Die Angst der Amerikaner vor Verbrechen ist ganz besonders von der Realität abgekoppelt. ... Edward Day, der als Soziologieprofessor an der Chapman University die Ängste der Amerikaner erforscht, sagte mir, dass diese fehlgeleiteten Ängste von der Politik und den Massenmedien geschürt werden, aber auch durch die zunehmende Präsenz von Polizisten und Wachpersonal, die sowohl eine Aura des Schutzes verbreiten, aber auch das Schreckgespenst von Kräften, vor denen man beschützt werden muss. In dieser Logik rechtfertigt das Schutzpersonal seine Existenz alleine schon durch die eigene Präsenz - was zugleich den Bedarf nach immer noch mehr von ihnen nahelegt. Dieser sich selbst verstärkende Zirkel hat dazu geführt, dass Sicherheitsfirmen wie Allied explosiv gewachsen sind. Je nach Maßstab gilt Allied bereits als Nordamerikas drittgrößter privater Arbeitgeber, gleich hinter Walmart und Amazon, und als siebtgrößter in der Welt."
Stichwörter: Wachschutz, Sicherheit, USA