Magazinrundschau

Die Raiwomen leben längst in Frankreich

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
20.08.2024. In Le Grand Continent feiert Kamel Daoud die Algérianité Orans. In HVG erzählt Gergely Péterfy, warum es derzeit so viele ungarische Autoren nach Todi in Umbrien zieht. The Insider lauscht einem über Korruption und Unfähigkeit verzweifelnden russischen Bürgermeister aus der Region Kursk. Wer in Kenia Jesus treffen will, wird anschließend einige lebenswichtige Organe vermissen, lernt der New Yorker. Warum die Hungerkatastrophe im Sudan hausgemacht ist, berichtet New Lines. Die London Review taucht mit der Biografie des Musikers und Komponisten Arthur Russell ins aufregende New York der Siebziger ein.

Le Grand Continent (Frankreich), 09.08.2024

Neulich erst haben wir auf ein schönes Interview mit dem algerischen Schriftsteller Kamel Daoud hingewiesen - es handelte von seinem gerade erschienen neuen Roman "Houris" (unser Resümee). In Le Grand Continent, einer Zeitschrift, die von der berühmten Ecole normale supérieure herausgebracht wird, spricht er mit Florian Louis über seine Heimatstadt Oran, die nicht wirklich seine Heimatstadt ist, denn eigentlich kommt Daoud ja, wie er zu Beginn erzählt, vom Dorf. In Oran lernte Daoud Journalist. Es war leicht, eine Stelle zu bekommen, erzählt er, weil in der Zeit, als er anfing im Kontext des algerischen Bürgerkriegs, viele Journalisten ermordet wurden. Er stieg bis zum Chefredakteur des Quotidien d'Oran auf. Im Gespräch singt er eine einzige Hymne auf die Stadt Oran, die Hauptstadt der Rai-Musik, die gegenüber der engstirnigen Hauptstadt Algier als leichtfertig und fröhlich galt - bis heute. Aber die Stadt ist natürlich ramponiert. Von ihrem arabisch-kabylisch-spanisch-französisch-jüdischem Multikulturalismus ist nicht viel geblieben. Und die Stadt ist auch architektonisch beschädigt. "Man versucht das heute ein bisschen aufzufangen, aber es ist schwierig. Die Rai-Musik ist von den Islamisten verfolgt und massakriert worden. In Oran hatten wir jahrzehntelang das Rai-Festival. Die Islamisten haben Druck gemacht, damit es in 'Festival de la chanson oranaise' umbenannt wird. Schließlich ist das Festival nach Oujda umgezogen - und die Raiwomen leben längst in Frankreich. Auch viele Bars haben geschlossen. Unter dem Druck der Islamisten hat das Nachtleben stark nachgelassen, es ist nicht mehr das schlagende Herz der Stadt. In den letzten Wochen ist die Autorin Inaâm Bayoud scharf angegriffen worden für ihren Roman 'Houaria', der vom Leben einer Frau im Oran der Neunziger erzählt. Das tut mir weh, ich habe das selbe erlebt, politische Attacken, Drohungen, Buchhändler, die meine Bücher wegwerfen. 'Houaria' ist der häufigste weibliche Vorname in Oran, der Roman handelt vom Nachtleben, auch von der Prostitution. Er erzählt von einem Oran, von dem die Konservativen nichts hören wollen. Wenn sie könnten, würden sie Oran auslöschen." Die politische Zukunft Algeriens entscheidet sich in Algier, sagt Daoud, aber das Schicksal der "Algérianité" in Oran.

Die Geschichte Inaâm Bayouds und ihres Romans "Houaria" scheint noch nicht bis Deutschland gelangt zu sein - ein paar Informationen findet man in einem Artikel Amina Aouadis im Online-Magazin Algérie360. Inaâm Bayoud hat für ihren Roman den renommierten Prix Assia Djebar erhalten, erfährt man dort. Er "beschreibt das bewegende Schicksal von Houaria, einer jungen Frau, die in die Wirren des schwarzen Jahrzehnts in Algerien (1990-2000) gerät. Sie wird von den Schrecken des Bürgerkriegs, der ihr Land und ihre Heimatstadt Oran zerreißt, zermalmt und rutscht in die Prostitution ab um zu überleben." Der Roman wurde wegen seiner Thematik und Sprache so scharf angegriffen, dass ihr Verlag Mim schlicht und einfach zugemacht hat - mit einer Erklärung, die an Camus denken lässt: "Es hat keinen Sinn, gegen die Absurdität anzukämpfen. Wir geben heute, am 16.07.24, unseren Rückzug aus dem Verlagswesen bekannt. Wir lassen die Dinge so, wie sie sind, wie wir es immer getan haben. Wir geben bekannt, dass Mim ab sofort seine Türen schließt, im Angesicht von Sturm und Feuer."

HVG (Ungarn), 15.08.2024

Der Schriftsteller Gergely Péterfy lebt seit geraumer Zeit in Todi, im italienischen Umbrien, wo er u.a. den Verein Pro Arte Libera und eine Schriftstellerakademie gegründet hat. Nun wurde das erste Mal ein Stipendienprogramm des Vereins für Schriftsteller ausgeschrieben, wobei in den Teilnahmebedingungen festgelegt wurde, dass Bewerber in den letzten Jahren keinerlei Unterstützung der ungarischen Regierung erhalten durften. Es entstand eine kontroverse Diskussion, in der Péterfy u.a. vorgeworfen wurde, dass er sich von der ungarischen Realität entfernt hätte, denn ein vollkommen von der Regierung unabhängiges künstlerisches Leben sei im heutigen Ungarn nicht mehr möglich. Auch auf diese Vorwürfe ging Péterfy im Gespräch mit der Wochenzeitschrift HVG ein. "Wie auch immer wir es formuliert hätten, irgendjemand hätte sich empört, denn es geht um das Verhältnis der ungarischen Schriftsteller zu Orbans 'System der Nationalen Zusammenarbeit' [ungarische Abkürzung: NER], ein sensibles und kontroverses Thema. NER hat sich praktisch unentrinnbar gemacht, es verschlingt alles und lässt kaum eine Atempause. Wir leben seit mehr als einem Jahrzehnt in dieser absurden Situation, woraus solche absurden Phänomene entstehen, wie die 'Kontroverse' nach der Bekanntgabe unserer Ausschreibung. Dies ist nicht das einzige Stipendium des Vereins Pro Arte Libera: Ab 2025 werden wir auch Pädagogen die Möglichkeit bieten können, mit uns zu den umbrischen Schauplätzen von Antal Szerb's Roman 'Reise im Mondlicht' zu reisen, und wir werden auch unsere Debütanten bei ihrem ersten Band unterstützen (...) Dies hier ist ein geistiges Ungarn, eine kulturelle Heimat. Es erstreckt sich so weit, wie es ungarische Autoren und ungarische Leser gibt, es umfasst also den ganzen Planeten. Er hat auch einen Reisepass, ein kleines Büchlein mit Zitaten aus 'Reise im Mondlicht'. Alle unsere Mitreisenden, Camper und Studenten werden automatisch zu 'Bürgern'. Und immer mehr von uns leben in der 'Hauptstadt' Todi, immer mehr unserer Freunde und Bekannten kaufen sich hier oder in der Umgebung ein Haus."
Archiv: HVG

Times Literary Supplement (UK), 16.08.2024

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Mit Nachdruck empfiehlt der Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch die Monografie "Spycraft. Tricks and tools of the dangerous trade from Elizabeth I to the Restoration". Die Literaturwissenschaftlerin Nadine Akkerman und der Historiker Pete Langman erzählen darin unterhaltsam und illustrationsreich, welche Blüten die Kryptografie unter der protestantischen Regierung Elizabeths I. trieb: "Das vielleicht verblüffendste Beispiel aus den englischen Bürgerkriegen, das hier sorgfältig illustriert wird, stammt von der äußerst einfallsreichen Puritanerin Brilliana, Lady Harley, die in ihrem Herrenhaus in Herefordshire von Royalisten belagert wurde. Sie setzte ein geniales Gerät zur Übermittlung geheimer Nachrichten ein, das offenbar ein Jahrhundert zuvor von dem italienischen Universalgelehrten Girolamo Cardano erfunden worden war: das 'Cardan-Gitter'. Der Schreiber und der Empfänger eines Briefes benutzten jeweils ein Gitter aus Papier, das mit zufälligen Kästchen ausgeschnitten war. Der Schreiber legte es über ein leeres Blatt für einen Brief, schrieb den Inhalt durch die Kästchen, nahm das Gitter ab und füllte die Lücken mit einem unverfänglichen Text. Ein zufälliger Leser von Brillianas Schöpfung könnte annehmen, dass das unbeholfene und geschwätzige Ergebnis einfach die notorische Unfähigkeit von Frauen widerspiegelt, einfaches, lesbares Englisch zu schreiben: ein geschickter Einsatz männlicher Vorurteile. Akkerman und Langman machen den faszinierenden Vorschlag, dass wir andere weitschweifige Manuskripttexte dieser Zeit daraufhin untersuchen könnten, ob sich auch in ihnen ein versteckter Text im Stile Cardanos verbirgt."

The Insider (Russland), 17.08.2024

Die Region Kursk versinkt nach dem Angriff der Ukraine im Chaos - Hilfsgüter kommen nicht an, Flüchtlinge werden nicht versorgt, Regierungsbeamte fliehen und machen "patriotische" Videos. Michael Weiss hat für The Insider mit dem Gemeinderat von Goncharovka, Aleksandr Garkavenko, gesprochen, der dachte, er würde mit einem hohen Regierungsbeamten über die Details in Kursk und das Versagen der Behörden sprechen und wohl deshalb kein Blatt vor den Mund nahm (man würde das so gerne auf Russisch hören!): "Ich habe das Gefühl, dass diese Leute, die keine Grenzen der Korruption kennen, geistig abnormal sind. Wenn Sie irgendeine Möglichkeit haben, stecken Sie sie nicht ins Gefängnis. Ich verstehe, dass unser System diese Leute niemals vor Gericht bringen wird. Schicken Sie sie zur medizinischen Behandlung. Schließlich leiden die Zivilisten, aber sie kümmern sich um nichts, sie sitzen in ihren Büros, sie haben vor nichts Angst. Und das Wichtigste ist, dass sie alles ignorieren, was vor Ort geschieht, sie ignorieren es einfach. ... Nehmen Sie den Leiter der Verwaltung des Belowskij-Kreises [Nikolai Wiktorowitsch Wolobujew - The Insider]. Der Leiter des MFC (Multifunktionales Zentrum für die Erbringung staatlicher und kommunaler Dienstleistungen) des Bezirks ruft ihn an und sagt: 'Nikolai Wiktorowitsch, bitte, wie können wir helfen? Vielleicht sollten wir anfangen, die Leute anzurufen? Wir haben ihre Telefonnummern, um sie über die Evakuierung zu informieren, darüber, wohin sie gehen sollen. Verstehen Sie, worum es geht? Der Bezirksleiter sagt: 'Schauen Sie, in den sozialen Netzwerken, in diesem und jenem Ort, wird negativ darüber gesprochen, dass die Bezirksregierung nicht oder schlecht mit der Situation zurechtkommt. Fangen Sie an, dort andere Informationen einzustellen, um uns zu loben.' Ich bin erstaunt über diesen Ansatz. Ich sage: 'Wie bitte?' Er sagte: 'Erzählen Sie, dass in diesen Orten nicht alle Menschen die Bezirksregierung unisono kritisieren; es gibt auch welche, die zufrieden sind. Schwächen Sie die Negativität ab.' Verstehen Sie das? Ich weiß einfach nicht, was ich davon halten soll, und ich frage mich, was in diesem Land passieren muss, damit all diese Hähne ['petukh' oder 'Hahn' ist russischer Gefängnisslang für einen Mann, der routinemäßig von anderen Männern vergewaltigt und gedemütigt wird - The Insider], die seit 30 Jahren auf ihren Stühlen sitzen, verstehen, dass sie gehen müssen, weil der Krieg gekommen ist, verstehen Sie? Nein, sie haben Schlupflöcher im Krieg gefunden, in denen sie sich wohlfühlen.'"
Archiv: The Insider
Stichwörter: Russland, Kursk, Ukrainekrieg

New Yorker (USA), 26.08.2024

Der Pastor Paul Mackenzie hat in Kenia einen Kult begründet, dem mehrere hundert Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, berichtet Alexis Okeowo im New Yorker. Mackenzie hatte seine Anhänger, mit denen er sich im Shakahola-Wald aufhielt, dazu bewegt, sich zu Tode zu hungern, um ins Paradies zu kommen und Jesus zu treffen. Okeowo hat sich unter anderem mit Halua Yaa getroffen, einer Überlebenden, und Victor Kaudo, einem Menschenrechtsaktivisten: "Ende März 2023 haben Polizisten Mackenzie in seinem Haus in Malindi festgenommen. Er wurde zunächst auf Kaution freigelassen. Im nächsten Monat wurde er allerdings wieder verhaftet, und dutzende schwer bewaffnete Polizisten führten eine Razzia in Shakahola durch. Kaudo war als Begleiter mitgekommen und nutzte Wegbeschreibungen von Yaa und anderen. Manche Mitglieder der Kirche hörten sie kommen und flüchteten auf Motorrädern in den Wald. Andere waren dem Tod nahe. 'Sie sind wirklich gläubig', meinte Kaudo. Eine alte Frau und ihre Enkelin protestierten, als Kaudo und ein Polizeibeamter sie aus dem Wald holen wollten, es würde sie davon abhalten, Jesus zu treffen. Kaudo sah mehrere Massengräber. 'Es gab nicht mal ein richtiges Begräbnis', sagt er. 'Die Gräber waren nicht tief, nur drei Fuß. Alle diese Körper waren sehr dünn. Die Frauen waren nackt.' In einem einzigen Grab hat er eine Frau, einen Mann und sechs Kinder liegen sehen. Vier Menschen, die Kaudo ins Krankenhaus bringen wollte, sind auf dem Weg dorthin gestorben, einer davon, ein Kind, in seinen Armen. Er empfand Trauer und Wut. 'Wenn die Regierung von Beginn an kooperiert hätte, hätten wir hunderte Menschen retten können', so Kaudo. (…) Vielen Leichen, die er gesehen hatte, fehlten Organe. 'Sie hatten keine Nieren', berichtet er. 'Sie hatten keine Augen.'" Chefinspektor Martin Munene bestätigte das, und fügte hinzu, dass vermutlich "ein gut organisierter Organhandel stattgefunden hat".

Weiteres: Annie Ernaux erzählt von einem komplizierten Jahr. Brooke Jarvis erklärt, wie schwierig es ist, einen Maßstab für die Höhe des Meeresspiegels zu finden. Louis Menand erkundet, ob die Zeit des stationären Buchhandels vorbei ist. Und Justin Chang sah im Kino Victor Erices "Close your eyes".
Archiv: New Yorker

Meduza (Lettland), 16.08.2024

Wolodya Wagner stellt in Meduza eine schwedische Gewerkschaft vor, "Solidariska byggare" ("Builders in Solidarity"), die sich vor allem an Migranten aus post-sowjetischen Ländern richtet, "die selten positive Erfahrungen damit gemacht haben, dass Gewerkschaften ihnen zu Gerechtigkeit verhelfen. Ivan Semenov war nie Mitglied einer Gewerkschaft, bevor er nach Schweden kam. Jetzt sitzt er im Vorstand der am schnellsten wachsenden und zweifellos einzigartigsten Gewerkschaft des Landes: 'Builders in Solidarity'. Diese wurde 2021 gegründet und vereint Bauarbeiter, die größtenteils aus post-sowjetischen Ländern stammen und keine vorherige Erfahrung mit gewerkschaftlicher Organisierung haben. Das Projekt entstand, nachdem der russischsprachige schwedische Schriftsteller und Aktivist Pelle Sunvisson sich als Migrant aus Moldawien ausgab und mehrere Monate im Baugewerbe arbeitete, während er für einen Roman recherchierte. Erschüttert von der Ausbeutung, die er beobachtete, wandte sich Sunvisson an die Stockholmer Sektion der SAC, einer kleinen, aber kämpferischen syndikalistischen Gewerkschaft, die von libertär-sozialistischen Idealen geleitet wird und seit über einem Jahrhundert existiert. Mithilfe von Sunvissons Sprachkenntnissen und Kontakten zu den Arbeitern zog die SAC bald eine wachsende Zahl ausgebeuteter Migranten an. Mit der Zunahme der Fälle wurde 'Builders in Solidarity' als unabhängige Sektion gegründet. Indem sie ausbeuterische Arbeitgeber mit aggressiven Klagen konfrontierte und mit längst vergessenen Kampftaktiken, wie der Blockade von Baustellen von Auftragnehmern mit Lohnausständen, konnte die Gewerkschaft Millionen von Dollar an ausstehenden Löhnen und Entschädigungen zurückgewinnen. Mit fast 1.000 Mitgliedern feiern schwedische Arbeitsmarktexperten 'Builders in Solidarity' als Modell dafür, wie man das Problem der Ausbeutung von migrantischen Arbeitern angehen kann."
Archiv: Meduza

Newlines Magazine (USA), 15.08.2024

Mehr als 18 Millionen Menschen im Sudan sind derzeit von Hunger bedroht, schätzungsweise 11 Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben, schreiben der Journalist Julian Busch und der Dokumentarfilmer Vincent Haiges, die in ihrer Reportage vor einer Hungerkatastrophe warnen, die die äthiopische Hungersnot der 1980er Jahre noch übertreffen könnte - und die vor allem die in die Berge zurückgekehrten Nuba trifft: "Nach Angaben der niederländischen Denkfabrik Clingendael, die sich seit Jahrzehnten mit der Lage im Sudan befasst, ist in vielen Teilen des Landes die kritische Schwelle für eine Hungersnot erreicht worden. Die Menschen hungern im Rahmen einer Strategie, die darauf abzielt, den Feind von seinen Vorräten und Ressourcen abzuschneiden. Im ganzen Land werden Ernten verbrannt, Hilfskonvois blockiert und Saatgut geplündert. Die Landwirte können wegen der Gewalt nicht auf ihre Felder. Bis September könnten fast 2,5 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sein. Die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft haben jedoch lange gezögert, eine offizielle Hungersnot auszurufen, weil es an umfassenden Daten mangelt. Zwar wurde im Juli in einem Flüchtlingslager in Nord-Darfur in der Nähe der Stadt El-Fasher erstmals eine Hungersnot erklärt, doch ist ein Großteil des Landes für die Vereinten Nationen oder NRO unzugänglich, weil es entweder zu gefährlich ist oder die Regierung al-Burhan wie in den Nuba-Bergen den offiziellen Zugang verweigert. Dennoch zweifelt kaum jemand daran, dass die Hungersnot auch in anderen Teilen des Landes bereits wütet. Da viele der wichtigsten Lebensadern durch Kämpfe zwischen der RSF und der Armee blockiert sind, kann die Hilfe für die Nuba-Berge - wenn überhaupt - nur aus dem benachbarten Südsudan geliefert werden. Die Regierung verweigert offiziell den Zugang, und die Straße, die in die Berge führt, wurde nach dem jahrzehntelangem Konflikt nie für minenfrei erklärt. Die Vereinten Nationen und viele andere Hilfsorganisationen zögern, das Gebiet zu betreten. Seit Monaten verhandelt die SPLM-N (Sudanesische Volksbefreiungsbewegung Nord, Anm. d. Red.) mit der sudanesischen Regierung über eine friedliche Lösung und die Erleichterung von Hilfslieferungen auf beiden Seiten der Frontlinien. Doch die Gespräche verlaufen schleppend, die beiden Seiten vertrauen einander nicht und die Spannungen sind seit einiger Zeit hoch. Und es besteht weiterhin die Gefahr einer erneuten militärischen Eskalation."

In den Slums von Tunis leben die Menschen an der Armutsgrenze, ausgestoßen von den Städtern, versuchen viele Bewohner auszuwandern; Arbeitslosigkeit, Kriminalität und der politische Islam bestimmen das Leben in diesen Vierteln, berichtet der tunesische Journalist Osama Slim, der auf die lange Tradition der Slums hinweist: "Im 10. Jahrhundert verboten die herrschenden Fatimiden den Juden, innerhalb der Stadtmauern zu leben; die Beys der osmanischen Ära teilten die Stadt in drei Klassen ein; die französische Kolonialzeit brachte eine massive Verstädterung mit sich, die zu einem enormen Wachstum der Slums führte; und die Unabhängigkeit im Jahr 1956 setzte diesen Trend fort und führte zu der Situation, die wir heute in den einkommensschwachen, marginalisierten Gemeinden sehen. (...) Nach der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahr 1956 verstärkte sich die Abwanderung nach Helel, insbesondere in den 1970er Jahren, nachdem das durch die sozialistische Politik Anfang der 1960er Jahre geförderte Experiment des Kollektivismus gescheitert war. Die Beschäftigungsmöglichkeiten konzentrierten sich auf die Hauptstadt und die Küstenregionen. Ali El Mawlahi, 78, hat diese Veränderungen miterlebt. Er sagt: 'Als ich geboren wurde, war das Viertel schon da. Aber es herrschte nicht so viel Chaos und es gab nicht so viele Menschen. Die Vergangenheit war aber nicht nur gut. Die Einrichtungen, die man heute sieht - Beleuchtung, Wasser und Kanalisation - kamen erst in den 1980er Jahren, viel später als in anderen Vierteln der Hauptstadt.' In seinem Forschungspapier 'Wiederherstellung des städtischen und sozialen Lebens im arabischen Maghreb' argumentiert Faraj Stambali, dass die Vorgehensweise des Staates in Bezug auf den so genannten 'Volkswohnungsbau' nach der Unabhängigkeit einer Politik der sozialen Säuberung gleichkam, die darauf abzielte, die Bewohner zu vertreiben und sie zurück aufs Land zu zwingen."

Elet es Irodalom (Ungarn), 16.08.2024

Der Publizist György Petőcz analysiert die narrativen Säulen der ungarischen Rechten, wiederholt vorgetragen durch den Ministerpräsidenten, zuletzt im Sommercamp der Regierungspartei Fidesz im rumänischen Băile Tușnad, und sucht nach einer alternativen Erzählung, aus der sich eine Gemeinschaftsidentität entwickeln ließe: "Die drei Grundaussagen von Orbans Reden sind: 'Wir sind wir' (1), 'die Welt ist unverständlich (und gefährlich)' (2), 'das Leben ist ein Kampf' (3). Daraus lassen sich alle weiteren Texte ableiten, und kein Text und keine Aussage widerspricht ihnen. Die Präsentation kann freilich spektakulär, klangvoll, klug oder weniger klug sein, aber in jedem Fall ist sie eine Inszenierung dieser Behauptungen. (...) 'Wir sind wir' ist das dritte Axiom der Orban'schen Sprache, mit ihrer essentialistischen und ausschließenden Vorstellung von Wir. Es rechtfertigt alles, weil alles daraus folgt: nationale Abschottung und Trotz nach außen, Zentralisierung, Disziplin, 'Souveränitätsschutz', ständige Feindabwehr, politisch motivierte Anti-LGBTQ-Kampagnen, die Teilung der Welt in Nationalisten und Globalisten, die Spaltung der EU in einen postnationalen Westen und eine souveränistische Ost-Zone von Kleinstaaten usw. Dieses Axiom ist vielleicht die wichtigste linguistische Säule. (…) Man kann argumentieren, dass das Leben kein Kampf ist und dass die Welt nicht unberechenbar und vor allem nicht gefährlich ist. Aber das 'Wir sind wir' ist eine unwiderlegbare Tautologie, und die wichtigste Aufgabe einer Opposition besteht darin, sie nicht nur beiseite zu schieben, sondern eine neue Art Gemeinschaft zu formulieren, die sich auf die Idee des Gemeinschaftsminimums oder des klassischen liberalen Minimums bezieht."
Stichwörter: Ungarn, Orban, Viktor, LGBTQ

London Review of Books (UK), 15.08.2024

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Ian Penman liest "Travels Over Feeling", Richard Kings Biografie des 1992 an Aids verstorbenen New Yorker Musikers und Komponisten Arthur Russell, dessen musikalisches Erbe von Beiträgen für Rockbands über Dance Music bis zu experimenteller Klassik reicht. Diese kaum zu überblickende Vielfalt hat auch mit dem New York der Siebziger zu tun, in dem Russel zu seiner Blüte gefunden hat, schreibt Penman: "Es gab einmal eine Zeit, in der sich junge Leute mit einem Traum oder einem besonderen Blick es sich noch leisten konnten, in großen Städten wie London oder New York zu leben. Aber diese Welt, die Russell und die sich schlängelnden Ranken seines exzentrischen Eklektizismus ausgebrütet hat, ist längst verschwunden. Die Lofts, die damals von Künstlern am Rande des Existenzminimums bewohnt wurden, beherbergen heute nur noch Milliardäre. Die Kreuzbestäubung, die es Russell gestattete, zwischen den unterschiedlichen musikalischen Idiomen zu wechseln, vollzog sich nicht aus dem Nichts, sondern ging aus sehr spezifischen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hervor. Russells Freund und Musikkollege Peter Gordon erinnert sich an die gegenseitige Unterstützung, mit der ihr Freundeskreis im New York der späten Siebziger über die Runden kam: 'Wir witzelten damals darüber, dass zwischen uns dieselben 50 Dollars ständig hin und her gingen. Es gab da einfach keine Grenzlinie zwischen Geld und der Gemeinschaft.' New York hatte (vor dem digitalen Wandel, vor Aids) eine Familie, die La Monte Young, Andy Warhol, Patti Smith und eine ganze Menge an Jazz aus den Lofts umfasste. Es war ein fruchtbarer und fluider Austausch zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften: Hohe und niedere Kultur, queer, verdrogt, künstlerisch, radikal, hedonistisch. In 'Travels Over Feeling' gibt es diese eine, entzückende Geschichte, in der Gordon und Russell zum Union Square Park gehen, um ein paar 'lockere Joints' zu kaufen, als sie einen von Russells letzten Club-Bangern aus den Boomboxen der dort versammelten Skater-Kids und Drogendelinquenten donnern hören. Avantgarde-Kompositionen und indische Raga-Übungen, Beats bauen und urbanes herumschlendern: Wo immer es Russell hinverschlug, immer schien er sich mitten im Herzen dieser magischen Schnittmenge aus Zirkeln und Szenen zu befinden."

Hier eine kleine Playlist mit ein paar Eindrücken aus Russells Schaffen:

Stichwörter: Russell, Arthur, New York, 70er, Queer