Magazinrundschau
Auf einem Pony zur Schule
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
13.08.2024. New Lines begutachtet den neuesten Trend in der Pfingstbewegung, wonach sich Gottes Segen nur im eigenen Wohlstand manifestiert, auch wenn er auf Drogenhandel basiert. Die New York Times begibt sich im Sudan auf die Spuren des Sudan People's Liberation Movement. Denik Alarm beobachtet die Säuberungen der slowakischen Kulturministerin Martina Šimkovičová. Das Times Literary Supplement leidet mit William Morris an einer Welt, in der handgefertigte Waren zu teuer für die Armen sind.
Newlines Magazine (USA), 12.08.2024
Von Brasilien über Rumänien und Italien bis Nigeria und Südafrika - die Pfingstbewegung, eine immer populärer werdende Strömung des Christentums, ist auf dem Vormarsch: Heute zählt sie rund 650 Millionen Anhänger weltweit, sie ist zum "Glauben der Armen" geworden, nicht nur, weil sie ihren besonderen Fokus auf die Rolle des Heiligen Geistes für Gesundheit und Wohlstand legt, sondern auch, weil es kaum Autoritätsstrukturen und pastorale Aufsicht gibt, berichtet Elle Hardy in ihrem lesenswerten Essay. Sie geht einem besonderen Trend innerhalb der Strömung nach, den sogenannten "Narco-Evangelisten", organisierte Kriminelle, darunter auch Pastoren, die im Drogen- und Menschenhandel vernetzt sind - und die sich vor allem auf das "Wohlstandsevangelium" berufen, wie der Religionswissenschaftler Andrew Chesnut erklärt: "Als sich der Pfingstlertum in den späten 1970er Jahren in Brasilien entwickelte, war die Vorstellung von Drogennetzwerken in Kirchen undenkbar. Seitdem sind sie zu einer Ausgeburt der überzeugendsten Doktrin des Pfingstlertums geworden: der Wohlstandstheologie, besser bekannt als Evangelium von Gesundheit und Wohlstand. 'Gottes Segen durch den eigenen Wohlstand zu manifestieren, ist wichtiger geworden als die christliche Moral und die Frage, wo die Seele im Jenseits landen könnte', sagt Chesnut. Das Wohlstandsevangelium entstand nach dem Zweiten Weltkrieg unter einer Gruppe syndizierter Evangelisten in den USA, als Amerika im Aufschwung war und alles andere als der amerikanische Kapitalismus mit den Sternen und Streifen Gotteslästerung war. Diese neue Kohorte von Predigern wie Oral Roberts und Kenneth Copeland wusste auch, wie man die Sorgen der einfachen Leute anspricht. Schon bald wurde die Idee eines Gottes, der sich dafür interessiert, wie viel Sie am Ende der Woche in Ihrem Portemonnaie haben - ganz zu schweigen davon, wie viel Sie davon Ihrer Kirche spenden - zu einem Merkmal der Fernsehevangelisation. (...) Mitte der 80er Jahre sickerte das Wohlstandsevangelium nach Brasilien durch, das kulturell empfänglich war für die Ideen seines wohlhabenden nördlichen Nachbarn. Die brasilianische Wohlstandstheologie, die neben dem Fußball als Vehikel für die Hoffnungen der arbeitenden Armen gilt, hat es Pfarrern und ihren Gemeindemitgliedern ermöglicht, 'in den Drogenhandel und Menschenhandel, sogar in die Prostitution verwickelt zu sein und sich dennoch als loyale und treue Christen zu sehen', sagt Chesnut, selbst wenn Außenstehende 'große Widersprüche darin sehen, sich nach dem Gottesdienst eine AK-47 über die Schulter zu hängen.'"Magyar Narancs (Ungarn), 13.08.2024
Der 1998 geborene Dramatiker und Drehbuchautor Zsombor Aurél Bíró spricht im Interview mit Julianna Zeck über die Themen, die ihn bisher beschäftigten: "Im Herbst 2022, auf einem Flug von Billund nach Budapest, beschloss ich, die Geschichte meines Mannwerdens aufzuschreiben. Damals wusste ich nicht, was dabei herauskommen würde, ich war mir nur sicher, dass ich schon so lange, wie ich mich erinnern kann, ein Problem mit meiner eigenen Männlichkeit hatte und dem auf den Grund gehen wollte. Mein Vater ist ein Sportler, eine traditionell männliche Figur, der coolste Kerl, den man sich vorstellen kann. Aber eigentlich sind alle männlichen Figuren in meinem Leben wie er, ich bin von diesen behaarten Figuren umgeben. Einer von ihnen, mein literarischer Mentor László Potozky, machte mich beim Lesen der Kurzgeschichte, an der ich gerade arbeitete, darauf aufmerksam und sagte mir, ich solle mir klar machen, dass es ein Roman werden würde (...) Meine früheren Werke, die Theaterstücke und auch mein Roman, befassen sich mit dem Thema (der Auflösung von notwendig weitergetragenen Familienmustern), aber jetzt befinde ich mich im Übergang, ich befasse mich mit neuen Dingen. Dem öffentlichen Leben. Wir leben seit fast fünfzehn Jahren in einem System, für das die zeitgenössische Kunst kaum eine Sprache gefunden hat, um darüber zu sprechen. Ich sehe Experimente mit Umschreibungen und Metaphern im Theater und in der Literatur, Sprechweisen, die für die Regeln der Kádár-Ära erfunden wurden, aber in Orbán-Zeiten einfach nicht mehr passen."New York Times (USA), 09.08.2024
Außerdem: Ross Barkan fragt sich, wie weit eine aktivistische Linke wirklich kommen kann, ohne charismatische Anführer.
Denik Alarm (Tschechien), 10.08.2024
Unter Kulturministerin Martina Šimkovičová schreiten die "Säuberungen" in wichtigen slowakischen Kulturinstitutionen weiter fort, wie Karel Veselý berichtet. "In den letzten Tagen kommen aus Bratislava eine Schreckensmeldung nach der anderen. Das Kulturministerium bleibt auch über den Sommer hinweg nicht müßig und beruft gnadenlos die Leiter künstlerischer und kultureller Einrichtungen ab. Innerhalb weniger Tage mussten Matej Drlička, der Direktor des Slowakischen Nationaltheaters, sowie die Leiterin der Slowakischen Nationalgalerie Alexandra Kusá ihren Hut nehmen. Damit ist das Massaker noch nicht zu Ende - die Ministerin verkündet, alle Leute in der Kultur würden entlassen, die nicht 'kompatibel damit sind, wie sich die slowakische Kultur in den nächsten Jahrzehnten entwickeln soll'." Šimkovičová & Co. haben es sich zur Aufgabe gemacht, eine eigene Kulturfront aufzumachen, die aus Gruppen einzelner Loyaler bestehen soll, die sich an die nationalistische Linie halten, so Veselý. "Die Inspiration durch die Orbán-Regierung ist unverkennbar. Das Einzige, was überrascht, ist die Schnelligkeit, mit der Šimkovičová unter Ficos Ägide die slowakische Kultur umwälzt." Wenn der dienstleitende Ministerialbeamte Lukáš Machala von den Intellektuellenzirkeln aus Bratislava spricht, deren "Macht- und Interessenstrukturen" zersprengt werden sollen, fühlt sich Veselý an die Rhetorik der kommunistischen Normalisierung erinnert, "wo es ebenfalls von zahlreichen 'Verrätern' wimmelte, die sich Abend für Abend Ausschweifungen hingaben, während das restliche Volk redlich in die Fabrik ging". Und die Art, wie so manche Kunst als "degeneriert" bezeichnet wird, weckt in Veselý ungute Erinnerungen an den deutschen Nationalsozialismus. Dabei beweise das Interesse, das autoritäre Politiker an der Kultur hätten, in Wahrheit ihre Bedeutung, meint der Kritiker: "Die Kunst hat keine Scheu, einem Regime, das die demokratischen Prinzipien verlässt und nach der unbegrenzten Macht greift, den kritischen Spiegel vorzuhalten. Deshalb ist die Kultur so gefährlich, und deshalb gilt es, sie unter Kontrolle zu bringen." Tatsächlich gebe es in der Öffentlichkeit zahlreiche Demonstrationen und Petitionen gegen das staatliche Vorgehen. Die erste (wirkungslose) Petition zur Abberufung der Ministerin, die Anfang des Jahres sofort 188.000 Unterschriften erhielt, habe nun ein Nachspiel: "Die Künstlerin Ilona Németh, die sie initiiert hatte und eines der Gesichter des damaligen Protests war, wurde im Juli zur Polizei vorgeladen, die einer Strafanzeige des Ministeriums gegen die Organisatoren der Petition nachgeht." Nichtsdestotrotz ist gerade eine neue Petition gegen die "inkompetente und kulturlose" Ministerin und "die Zerstörung des öffentlichen Raumes" im Gange, deren Autoren unter anderem der Schriftsteller Michal Hvorecký und die Schauspielerin Zuzana Fialová sind.Mediazona (Russland), 08.08.2024
Times Literary Supplement (UK), 09.08.2024
Die Drucke und Muster des britischen Künstlers William Morris waren nicht nur im 19. Jahrhundert hochbegehrt. Auch heute noch ist jeder bessere Haushalt stolz auf ein Morris-Design. Morris verabscheute industrielle Produktion und setzte auf Handarbeit. Die so entstandenen Produkte waren wunderschön, aber viel zu teuer für die Armen. Für Morris, einen Sozialisten aus sehr gutem Haus, ein Riesenproblem, erzählt die Literaturwissenschaftlerin Dinah Birch, die zwei Bände zum Thema gelesen hat: zum einen seine 'Selected Writings', die Ingrid Hanson herausgegeben hat, und zum anderen den 'Cambridge Companion to William Morris', herausgegeben von Marcus Waithe. "Seine Designkonzepte waren sehr einflussreich, aber die Produkte seiner Werkstätten waren immer nur für die Wohlhabenden erhältlich, deren Geld aus den wirtschaftlichen Strukturen stammte, die er umstürzen wollte. Dies war der Widerspruch, der ihn schließlich dazu brachte, Sozialist zu werden. Es war eine Spannung, die sein Leben von Anfang an prägte. Er wurde in eine wohlhabende Familie hineingeboren, deren Reichtum aus dem Besitz wertvoller Bergbauaktien seines Vaters stammte. Es gibt Geschichten über einen verwöhnten William, der als kleiner Junge auf einem Pony zur Schule ritt und in einer Miniatur-Rüstung den örtlichen Wald erkundete. Seine Leidenschaft für mittelalterliche Architektur hatte ihren Ursprung in seiner Kindheit. Er erinnerte sich an das Gefühl, dass 'mir die Tore des Himmels geöffnet wurden', als er als Achtjähriger die Kathedrale von Canterbury besichtigen durfte, und dieser quasi-religiöse Enthusiasmus prägte auch seine Jahre als Student in Oxford. ... Einige Aspekte von Morris' sozialen Werten haben sich stark abgenutzt. Seine Sicht der geschlechtsspezifischen Identitäten ging nie über die Auffassung hinaus, dass Frauen in erster Linie dazu da sind, ihren Männern zu dienen und sie zu unterstützen ('Sie dürfen nicht vergessen, dass Frauen durch das Kinderkriegen den Männern unterlegen sind'). Dies lässt den heutigen Leser zusammenzucken. Befremdlich ist auch seine typisch ungeduldige Reaktion auf die zunehmende Sensibilisierung für die Gefahren des Arsens in Tapeten. 'Was die Angst vor Arsen betrifft, kann man sich kaum eine größere Torheit vorstellen: Die Ärzte wurden gebissen, wie die Menschen vom Hexenfieber gebissen wurden', so seine schroffe Antwort. 'Ich glaube, dass die Ärzte ihre Patienten kränkelnd vorfinden, nicht wissen, was mit ihnen los ist, und es in ihrer Verzweiflung auf die Tapeten schieben, obwohl sie es vielleicht auf das Wasserklosett schieben sollten, das meiner Meinung nach die Quelle aller Krankheiten ist.' In Anbetracht der Tatsache, dass gute sanitäre Einrichtungen so viel mehr zum öffentlichen Wohlergehen beitrugen als handgewebte Wandteppiche, spricht dies nicht für ein ausgeprägtes Verständnis für die tatsächlichen Bedürfnisse der Armen. Nur der Druck seiner Kunden konnte Morris davon überzeugen, arsenfreie Tapeten herzustellen."Elet es Irodalom (Ungarn), 09.08.2024
Der Publizist János Széky beschreibt, warum es in Ungarn in absehbarer Zeit auch mit der Opposition keine politischen Veränderungen geben wird. "Der technologische Fortschritt hat zwei soziale Folgen, die ebenfalls unumkehrbar zu sein scheinen: die Urbanisierung und das Erstarken der städtischen Mittelschicht. Dies ist ein universelles Phänomen, selbst in einem Land mit einem schrecklichen oligarchischen System wie die Ukraine (wo die Revolutionen siegreich war) oder in einer offenen Diktatur wie Belarus (wo die Revolution blutig niedergeschlagen wurde). Die städtische Mittelschicht hasst es, wenn ihre Freiheit und ihr Streben nach einem besseren Leben beschnitten werden und versucht, ihre Interessen durchzusetzen, selbst wenn sie dafür Opfer bringen muss. In Ungarn weiß sie nicht einmal, dass sie eine städtische Mittelschicht ist, noch dass sie das Recht hat, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Sie ist es gewohnt, in einer Nicht-Demokratie zu leben, und kann sich einen wirklich demokratischen Staat gar nicht vorstellen. Und so schließt sich der Kreis."London Review of Books (UK), 15.08.2024
Werbung im Digitalen, wie funktioniert die gleich nochmal? Ach ja, wer die Facebook-Seite von Bruce Willis liket, der wird ja wohl auch Autos und Donald Trump interessant finden. Denkste! Diese Art von Werbung und Marktidentifikation ist sowas von 2014 und längst zu den Akten gelegt, versichert Donald MacKenzie in einer überaus detailreichen Geschichte des Online-Marketings und damit einhergehend der Online-Privatsphäre: Seit knapp zehn Jahren hat das Marketing-Game diverse Schleifen gedreht - insbesondere eine Maßnahme von Apple, die es Werbetreibenden deutlich erschwert, Handy-Kunden eineindeutig zu idenfizieren, sorgt für Kummer - und hat etwa Facebooks Aktienwert teils drastisch abstürzen lassen. Aber natürlich gibt es längst Gegenmaßnahmen und Ausweichmanöver. "Apple könnte die IP-Adressen verbergen, indem es sie verschlüsselt und Nachrichten durch ein Relay-System mehrerer Server umleitet. So geschieht es im Dark Web - sowohl aus guten Gründen, aber auch, um sich vor Ermittlungsbehörden zu verstecken. Wenn sie Apples 'Private Relay'-System aktivieren, können die Kunden von Apples Premium-iCloud-Service schon jetzt einen Aspekt ihres Onlineverhaltens - das Browsen im Web - verbergen. Würde Apple noch weiter gehen und die Operationen aller iPhones dieser Welt von Grund auf unsichtbar machen, würde das seitens der Regierungen wohl eine starke Gegenwehr auslösen, nicht zuletzt in China, einem wichtigen iPhone-Markt. Es würde auch einen beträchtlichen Teil zusätzlicher Rechenleistung und elektronischen Verkehr auslösen und könnte den ohnehin schon hohen Energieverbrauch und die Karbonemissionen des Internet noch einmal sichtlich steigern. Solche Spannungsverhältnisse nagen an unserer Einstellung gegenüber der digitalen Ökonomie. Wir wollen unsere Privatsphäre, aber wir wollen auch freie Information und Unterhaltung, jene Ökonomien also, die oft auf gezielt adressierter Werbung beruhen. Wir sind begeistert von der nach Elektrizität gierenden KI im ganz großen Maßstab, während wir uns zugleich dessen bewusst sind, dass wir unseren Kohlendioxidausstoß senken müssen. Wir schätzen die ausgefuchsten Dienstangebote von Big Tech und deren geschützte digitale Umgebungen. Und doch wollen wir diese zugunsten eines gesunden Wettbewerbs öffnen."
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