Magazinrundschau
Eine Sprache der wunderbaren Unmöglichkeit
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
30.07.2024. New Lines lernt von den Huthi, wie man Gotteskrieger heranzüchtet. Yasha Mounk erklärt uns, was Luxusüberzeugungen sind. Die Türkei ist auch für muslimische Dissidenten kein sicheres Pflaster, lernt Eurozine. In einem hat Macron recht, meint die LRB: Die Franzosen lieben einen König. Words Without Borders stellt die Literatur des frankophonen Pazifiks vor. Wired fürchtet das Umlegen des AMOC-Schalters. Der New Yorker blickt in eines Haifischs scharfen Schlund.
Newlines Magazine (USA), 15.07.2024
Erschreckend zu lesen ist, wie die Huthi im Jemen nicht nur Kinder und Jugendliche als Soldaten rekrutieren, sondern auch die Lehrpläne an Schulen umschreiben. Dan Wilkofsky schildert anhand von Online-Lehrplänen, wie Kinder gegen Israel und Amerika und für den "Dschihad" eingeschworen werden: "Die Huthi-Lehrpläne führen Kinder in einen universellen Konflikt ein, der zwischen dem Bösen und dem Islam tobt, wie er von Hussein (Hussein al-Houthi, 2004 getöteter Gründer und Anführer der Bewegung, Anm. d. Red.) artikuliert wurde. Die Feinde - die USA, Israel und im weiteren Sinne die Juden - arbeiten daran, Muslime mit allen verfügbaren Mitteln zu unterwerfen. Für Gott zu kämpfen und zu sterben ist unerlässlich. Neben den neuen Lehrbüchern haben die Behörden in Sanaa Sommercamps, Schulfeste und andere Bildungsaktivitäten organisiert, um Schüler für das Schlachtfeld vorzubereiten. (…) In den neuen Huthi-Lehrplänen gibt es viele Feinde. Manchmal werden sie als Feinde Gottes bezeichnet, manchmal als Feinde des Islam oder der islamischen Nation und manchmal einfach als Feinde. Das sind in erster Linie die Juden - in diesem Punkt sind die Lehrpläne eindeutig. Neben 'Mustafa hat eine Lektion geschrieben' und 'Sakina ist eine aktive Schülerin' üben Erstklässler ihr Schreiben, indem sie den Satz 'Die Juden sind die Feinde Gottes' abschreiben. Sie erfahren, dass 'die Juden zu jeder Zeit und an jedem Ort das feindseligste Volk gegenüber Muslimen sind.' (…) Mit fortschreitenden Noten erhalten die Schüler eine differenziertere Analyse der angeblichen jüdischen Bedrohung. Neuntklässler erfahren, dass Juden grausam und betrügerisch sind und ihre Versprechen brechen; sie sind gierig und extrem minderwertig; sie verbreiten Korruption auf der Erde und 'töten jeden, der sich ihnen widersetzt, und auch die Propheten sind ihrer Bosheit nicht entgangen.' (…) Amerika ist der andere Hauptfeind. 'Die Feinde des Islam - allen voran Amerika und Israel - führen einen totalen Krieg gegen die islamische Nation, einschließlich unseres Landes, des weisen und frommen Jemen, um es zu besetzen, seinen Reichtum zu stehlen und sein Volk zu demütigen', heißt es in einer Lektion der achten Klasse."Quillette (Australien), 28.07.2024
Persuasion - Substack, Yascha Mounk (USA), 25.07.2024

Eurozine (Österreich), 29.07.2024
Dass die Türkei nicht der sicherste Ort für Dissidenten ist, ist spätestens seit der Ermordung Jamal Kashoggi (unsere Resümees) bekannt, der mutmaßlich auf Geheiß des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman 2018 im Konsulatsgebäude in Istanbul getötet wurde. Wie unsicher die Türkei inzwischen für russische und iranische Dissidenten, aber auch für Uiguren geworden ist, weiß Kaya Young, Redakteurin von Index on Censorship: "Uigurische Dissidenten im Land sind eine der Gruppen, die die Auswirkungen von Chinas transnationaler Macht zu spüren bekommen. Die Türkei galt aufgrund der sprachlichen, kulturellen und religiösen Überschneidungen einst als Zufluchtsort für die verfolgten Menschen aus dem Nordwesten Chinas und war daher die Heimat der meisten Uiguren außerhalb Chinas. Nun häufen sich die Vorfälle von Angriffen auf uigurische Dissidenten. Laut einem Bericht von Safeguard Defenders aus dem Jahr 2023 gaben mehr als ein Drittel der in der Türkei befragten Uiguren an, während ihres Aufenthalts im Land von der chinesischen Polizei oder Staatsbeamten schikaniert worden zu sein. Führende Aktivisten wurden abgeschoben. Es ist unklar, welche Haltung die Türkei hier einnimmt, und sie muss noch einen Auslieferungsvertrag ratifizieren, den Peking im Dezember 2020 unterzeichnet hat. Dennoch ist es alles andere als sicher, und wenn die Türkei den Vertrag tatsächlich ratifizieren sollte, wären die Uiguren noch stärker gefährdet. Eine weitere Gruppe, die die Auswirkungen zu spüren bekommt, sind iranische Dissidenten. Im letzten halben Jahrzehnt haben iranische Geheimdienstagenten mehrere Operationen auf türkischem Boden durchgeführt, zeitweise sogar mit Unterstützung von Angehörigen der türkischen Justiz und Polizei. Im September 2023 wurde ein ehemaliger türkischer Staatsanwalt wegen Zusammenarbeit mit dem iranischen Geheimdienst zu elf Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Unter den 15 anderen vor Gericht Angeklagten befanden sich auch zwei Polizisten. Im Jahr 2019 nahm der Staatsanwalt angeblich 50.000 US-Dollar als Gegenleistung dafür, dass er dem iranischen Geheimdienst den Aufenthaltsort von Mohammed Rezaei, einem ehemaligen iranischen Marineoffizier, mitgeteilt hatte. Die Entführungsaktion Rezaeis, die im Auto des türkischen Staatsanwalts durchgeführt wurde, scheiterte."London Review of Books (UK), 01.08.2024
David Todd erinnert anlässlich Macrons eigenmächtiger Auflösung des Parlaments daran, dass Frankreich, einer langen republikanischen Tradition zum Trotz, die Sehnsucht nach einem starken Anführer nie so recht losgeworden ist: "In einem Interview im Jahr 2016 erklärte Macron, dass ein Präsident eher 'jupiterartig' als 'normal' sein sollte. 'Die Franzosen, ein politisches Volk, wollen mehr', sagte er. 'Daher die Ambiguität der Präsidentenrolle, die in unserem institutionellen System mit dem monarchischen Trauma verbunden ist.' Macrons Analyse implizierte, dass die umfangreichen Befugnisse des französischen Präsidenten tiefere Wurzeln haben als de Gaulles Rückkehr an die Macht im Jahr 1958 und auf eine geheime Sehnsucht nach jenem absoluten König hinweisen, der 1793 hingerichtet wurde. Die französische Geschichte seit der Revolution von 1789 deutet in der Tat nicht auf eine eindeutige Abscheu gegenüber königlicher Macht hin. Nachdem Napoleon 1799 Erster Konsul wurde und sich 1804 selbst zum Kaiser krönte, experimentierte Frankreich mit einer Restauration der Bourbonen-Dynastie, der liberalen Monarchie Louis-Philippes und der Herrschaft von Napoleons Neffen als Präsident der kurzlebigen Zweiten Republik (bevor er Prinz-Präsident und schließlich Kaiser wurde). Die verfassungsgebende Versammlung der Dritten Republik (1870-1940) favorisierte ursprünglich eine weitere monarchische Restauration, aber die Bedingungen des Thronanwärters, des zukünftigen 'Henri V' (insbesondere der Ersatz der Trikolore durch die Fleur-de-Lys-Flagge), vereitelten die Hoffnungen der Royalisten. Im Jahr 1875 verabschiedete die Versammlung eine Verfassung, die das Wort 'Republik' vermied, außer um die umfangreichen Befugnisse eines 'Präsidenten der Republik' zu beschreiben, der leicht durch einen dynastischen Monarchen ersetzt werden könnte."Words without Borders (USA), 24.07.2024
In einem schönen kleinen Essay stellt Jean Anderson, Gründerin des New Zealand Centre for Literary Translation an der Te Herenga Waka Victoria University of Wellington, die Vielfalt an Literatur aus dem frankophonen Pazifik vor: "Um diese Vielfalt im Rahmen der pazifischen 'Frankosphäre' zu veranschaulichen, reicht es vielleicht aus, darauf hinzuweisen, dass 'Französisch-Polynesien' / Mā'ohi nui allein aus etwa 120 Inseln besteht, die über 1.359 Quadratmeilen verstreut sind und sich über 1.200 Meilen von Norden nach Süden erstrecken, und dass die Mā'ohi-Sprachen (wie Tahitianisch, die wichtigste lokale Sprache, die in den Schulen gelehrt wird; Mangarevan; Nord- und Südmarquesanisch; Tubuai; usw.) zwar mehr oder weniger gegenseitig verständlich sind, sich aber dennoch deutlich voneinander unterscheiden. Die sprachliche Situation in Neukaledonien/Kanaky ist komplexer. Obwohl die geschätzte Zahl der indigenen Sprachen von Quelle zu Quelle variiert, vielleicht abhängig davon, ob Dialekte in die Zählung einbezogen werden, ist die am häufigsten genannte Zahl achtundzwanzig. Davon sind Drehu (die Sprache der Insel Drehu, auch bekannt als Lifou), Nengone (Insel Maré), Xârâcùù (südwestliche Region), Paicî (Nordosten), Pwapwâ (Nordwesten) und Ajië (zentrale Ostküste) am weitesten verbreitet. Im Gegensatz zur Situation auf Mā'ohi nui unterscheiden sich diese Sprachen erheblich voneinander. Daher diente und dient Französisch hier als verbindende Verkehrssprache." Sehr viele Publikationsmöglichkeiten gibt es für Autoren aus dieser Region nicht, zumal auch der Buchhandel bei der Vielzahl der Inseln auf große Schwierigkeiten stößt, so Anderson, die eine Reihe von Autoren für diese Ausgabe von World without Borders um Beiträge gebeten hat, die alle am Ende des Artikels verlinkt sind. "Bei der endgültigen Auswahl der zu übersetzenden Texte habe ich versucht, eine Reihe von Themen und Genres zu wählen und sowohl etablierte als auch jüngere Autoren sowie eine Vielfalt von Ländern einzubeziehen: Wallis ('Uvea) und Futuna; Vanuatu; Kanaky-Neukaledonien; und Mā'ohi nui-Französisch-Polynesien. Die Leserinnen und Leser werden jedoch ein gemeinsames Thema in mehreren Beiträgen bemerken: Die Bekämpfung des Stereotyps vom blauen Himmel und tropischen Meeresparadies ist zwar kein zwangsläufiges Anliegen, steht aber häufig im Mittelpunkt lokaler Texte, die sich mit sozialen Themen wie Gewalt, Sucht und Unterdrückung auseinandersetzen wollen."Will Washburn hat für World without Border einen Text des Schriftstellers Murat Özyaşar übersetzt, der darüber nachdenkt, was es für einen Schriftsteller bedeutet, in keiner Sprache wirklich heimisch zu sein und sich seine eigene Sprache entwerfen: "Seit Jahren werde ich gefragt: 'Warum schreibst du nicht auf Kurdisch?' Und das aus gutem Grund, denn ich bin Kurde und schreibe auf Türkisch. Ich bin sicher, dass mir diese Frage auch in Zukunft immer wieder gestellt werden wird. In solchen Situationen nehme ich einen Schluck und versuche, eine Antwort zu geben. ... Ich wurde in Diyarbakır geboren, einundvierzig Jahre nach der Dersim-Katastrophe. Ich habe eine Sprache geerbt, in der man auf Türkisch Dinge sagt wie 'Die Welt ist kalt!' Wenn man diesen Satz hört, könnte man sagen: 'Oh, wie poetisch', oder auch: 'Das verstehe ich nicht.' Aber in Diyarbakır würde niemand diesen Satz seltsam finden: Im Kurdischen kann 'Welt' auch im Sinne von 'Luft' oder 'Wetter' verwendet werden. Dies ist eine der konkretesten - und bizarrsten - Veranschaulichungen für die Tendenz der Menschen, auf Kurdisch zu denken und auf Türkisch zu sprechen. Mit 'kurdisch' und 'türkisch' meine ich keine reine Form einer der beiden Sprachen, sondern eine, in der türkische Wörter in das zu Hause gesprochene Kurdisch eindringen, während das auf der Straße und in der Schule gesprochene Türkisch durch kurdische Wörter, Syntax und Grammatik verfälscht wird... Es ist eine Sprache, die aus der Verflechtung zweier Muttersprachen entstanden ist. Eine wurzellose Sprache, und als solche voller Verheißungen; eine traumatisierte, dunkle, dunkelhäutige Sprache! Um das klarzustellen: Ich spreche nicht von einem 'Akzent', sondern von einer Sprache, die humpelt, als hätte sie einen 'Unfall' gehabt. Das ist die Quelle ihrer ganzen Kraft: Es ist eine Sprache der wunderbaren Unmöglichkeit."
Lidove noviny (Tschechien), 29.07.2024
Hier hört man ihn mit Mozart K.:
New Statesman (UK), 29.07.2024
Gerry Hassan macht sich, nach dem katastrophalen Wahlergebnis der Scottish National Party (SNP) bei den jüngsten britischen Parlamentswahlen, Gedanken über die Gegenwart und Zukunft der schottischen Unabhängigkeitsbewegung. Klar ist: es muss sich einiges tun. "Das moralische Selbstvertrauen (der schottischen Nationalisten), demzufolge Nationalismus etwas von Natur aus Erleuchtetes und Fortschrittliches darstellt, hat sich in eine Art Selbstbeweihräucherung verwandelt. Schottische Nationalisten sehen sich selbst als Hüter der progressiven Tradition Schottlands. Die Verbindung von Sozialdemokratie und Nationalismus durch die SNP wird stolz zur Schau gestellt. Doch diese Sicht übergeht unbequeme Wahrheiten über die tatsächliche Regierungsbilanz: die skandalöse Anzahl von Drogentoten, gesundheitliche Ungleichheit und Kinderarmut, all das hat sich in 17 Jahren SNP-Herrschaft nicht verändert. All das wird zugunsten der Vorstellung eines tugendhaften Schottlands verdrängt, das von einem verrotteten, fremden Großbritannien zurückgehalten wird - eine geschönte Vision. Die Realitäten der britischen Politik, der Labour- und Tory-Regierungen und ihrer Unterschiede, spielen in dieser Erzählung keine Rolle. Alles Britische wird im gleichen Licht dargestellt und verurteilt. Solche intellektuelle Mängel haben die nationalistische Bewegung geschwächt. Das bedeutet nicht, dass die SNP am Ende ist oder dass die Aussicht auf Unabhängigkeit zum Scheitern verurteilt ist. Aber es bedeutet, dass die aktuelle Erzählung der SNP - und eines Großteils der Unabhängigkeitsbewegung - über die offizielle Geschichte Schottlands durch das Prisma des schottischen Nationalismus unzureichend ist. Sie wird das Land nicht gestalten oder erneuern. Stattdessen braucht Schottland neue Geschichten, Perspektiven und Ideen darüber, wohin man gehen will, was man sein will und was die kollektive Zukunft beinhalten könnte."Africa is a Country (USA), 27.07.2024
Der Student Gilbert Nuwagira blickt voller Hoffnung von Uganda aus auf Kenia, wo sich die Bevölkerung gegen ihre Ausplünderung durch die Eliten wehrt: "Auch unsere gewählten und ernannten Amtsträger haben uns einen Korruptionsskandal nach dem anderen beschert ... Eines ist sicher: Unser kollektives Schweigen, wie Audre Lorde es fordert, wird uns nicht schützen. Schweigen ist keine Option. Zunächst müssen wir uns auf dem öffentlichen Platz zeigen und unbequeme Gespräche führen, sei es in der Kafunda oder in den Gotteshäusern. Unser kollektives Nachdenken wird eine kritische Masse hervorbringen, um eine engagierte Bürgerschaft zu katalysieren, die die Unzulänglichkeiten spürt, die uns von unserer diebischen politischen Klasse auferlegt werden. Diese Bemühungen sollten für die Nachwelt dokumentiert werden. Die von Prof. Jimmy Spire Ssentong initiierten Ausstellungs-Hashtags auf X - #UgandaHealthExhibition, #UgandaParliamentExhibition und #KampalaPotholeExhibition - leisten in dieser Hinsicht eine lobenswerte Arbeit. Die Schaffung eines kollektiven Gedächtnisses ist entscheidend, um einen Rahmen für die Rechenschaftspflicht zu schaffen und staatlich geförderten Desinformationskampagnen entgegenzuwirken. Zweitens sollten wir Systeme fordern, die tatsächlich für uns, die Bürger, funktionieren. Mütter sollten nicht während der Entbindung sterben. Wir sollten uns nicht jedes Mal, wenn es in Kampala regnet, mit Überschwemmungen abfinden. Wir sollten nicht hinnehmen, dass Lehrer, Ärzte und Beamte nicht an ihren Arbeitsplätzen erscheinen. Wir fordern einen öffentlichen Dienst, der funktioniert - und zwar für den ugandischen Alltag. Wenn wir einen funktionierenden öffentlichen Dienst fordern, ist es auch fair zu verlangen, dass unnötige öffentliche Ausgaben kontrolliert werden - der jährliche Kauf des neuesten Toyota Land Cruisers sollte nicht zur Normalität werden."Wired (USA), 25.07.2024
In Europa geht es uns besser als es uns gehen dürfte - zumindest was das Klima betrifft: Unsere verhältnismäßig moderaten Winter und Sommer verdanken wir der atlantischen meridionalen Umwälzbewegung (Atlantic Meridional Overturning Circulation, kurz: AMOC) von gigantischen, unterschiedlich warmen Wassermassen im globalen Maßstab. Und diese Umwälzbewegung gibt der Wissenschaft derzeit Anlass zur Sorge, schreibt Sandra Upson: Sie verlangsamt sich - manche (allerdings kontrovers diskutierte) Studien prognostizieren gar für einen Zeitpunkt irgendwann in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts einen Kipppunkt, nach dem die Entwicklung unaufhaltsam und ziemlich rasant eskalieren könnte: "Für das Erdsystem ist die AMOC so ein zentrales Element, dass ihr Zusammenbruch regionale Wettermuster, den Wasserkreislauf und die Fähigkeit jedes Landes, seine Einwohner mit Nahrung zu versorgen, radikal ändern würde. Unter der Meeresoberfläche kämen die unsichtbaren Wasserstürze nahe Island und Grönland allmählich zum Erliegen. Das sind entsetzliche Nachrichten für Lebewesen in der Tiefe, die auf den Sauerstoff, den die AMOC anliefert, zum Überleben angewiesen sind. Weitreichendes Absterben des maritimen Lebens: wahrscheinlich. ... Ohne die große Wärmelieferung, die die Winter abmildert, sähe sich Europa laut einem Report von 2022 mit viel intensiveren Jahreszeiten konfrontiert. Viel mehr Schnee. Viel weniger Regen. ... Meereis könnte sich bis zum Süden Großbritanniens erstrecken. Die Sommer unterdessen: heißer und trockener. ... Der Anteil des Landes, auf dem sich Weizen und Mais - weltweit ein Grundnahrungsmittel - anbauen lässt, würde sich in etwa halbieren. In einer Analyse, wie ein AMOC-Kollaps die Landwirtschaft in UK beeinflussen würde, schrieben die Autoren, dass es zu einem 'nahezu kompletten Stopp' des Ackerbaus kommen würde. Tschüss Haferflocken, Gerste, Weizen. Ein massives Bewässerungsprojekt könnte das Land wiedergewinnen - zu einem Preis von etwa einer Milliarde Dollar, mehr als das Zehnfache des jährlichen Gewinns der Ernte. ... Im Amazonasgebiet könnte die veränderte intertropische Zone dazu führen, dass sich die feuchten und trockenen Jahreszeiten je in ihr Gegenteil verdrehen. Die Pflanzen, Insekten, Pilze und Säugetiere unter dem Regendach wären dazu gezwungen, sich in Warp-Geschwindigkeit anzupassen oder abzusterben. Ganz zu schweigen von den Bäumen selbst. ... Indien, Ostasien und West-Afrika würden einen Großteil, wenn nicht die gesamte Monsoon-Zeit einbüßen. Zwei Drittel der Erdbevölkerung sind auf den Monsoon-Regen angewiesen, zum großen Teil, um ihre Nutzpflanzen anzubauen. Diese Veränderungen würden sich eher im Laufe weniger Anbau-Saisons abspielen als in Generationen, womit nur wenig Zeit zur Anpassung bleibt. ... Abermillionen Menschen könnten zur Migration gezwungen sein, um zu überleben."Elet es Irodalom (Ungarn), 26.07.2024
Eines der verstörenden und meist besprochenen Bücher des Sommers ist das (im April erschienene) autobiografische Buch der Filmregisseurin, Übersetzerin und Schriftstellerin Lili Kemény. In "Nem" (Nein) schreibt sich entlang der autobiografischen Geschichte auch über Ereignisse der letzten zwanzig Jahren in Ungarn. Das Buch gilt bereits als eine der stärksten Reflexionen der städtischen Generation Z über ihre Zeit. Lili Kemény, die ältere Tochter des Dichters und Schriftstellers István Kemény, schreibt über Drogen, Sexualität oder die Ereignisse von 2020, als die Orban-Regierung die Hochschule für Theater- und Filmkunst (SZFE) - ihr Alma Mater - auf Regierungslinie brachten. Das Buch ist bei einem unabhängigen Verlag (su/cure-sale) als Eigenauflage erschienen. Lili Kemény spricht im Interview mit Julianna Zeck u.a. über die Entstehungsumstände ihres Buchs: ""Ich habe um meine bisherige Zukunft (getrauert). Im Herbst 2020 ging alles schief. Die Universität, die ich besuchte, wurde mit Füßen zertreten, und ich verließ sie. Die Widerstandsbewegung, die ich radikalisieren wollte, konsolidierte sich, aus der Geheimen Universität wurde Freeszfe, und ich verließ sie. Ich hatte keinen Beruf, keine Arbeit, keine Kontakte, keine Pläne, keine Stimmung, keine Gemeinschaft, kein Zuhause. Im Alter von siebenundzwanzig Jahren hatte ich bereits meine zweite oder dritte Karriere aufgegeben. Ich lebte mit meiner Liebe von seinem Gehalt zur Untermiete. Wir gaben unser ganzes Geld aus, nahmen Drogen gegen Depressionen. (...) Zu diesem Zeitpunkt begann ich zu schreiben. (...) Ich zog mich stets zurück: aus der Grundschule, dem Gymnasium, der Literaturszene, dem Film, der Universität und dem Studium. In der Praxis sieht es so aus, dass ich erschöpft zugrunde gehe, dass ich ertrinke. Ich kann mich nicht integrieren, wenn ich auf meiner Wahrheit bestehe, darauf, wie ich denke, dass die Struktur neu geordnet werden sollte (...) Aber es geht in diesem Buch nicht darum, meine Wahrheit anderen aufzudrängen, sondern darum herauszuarbeiten wie Autonomieversuche im heutigen Ungarn gesetzmäßig abgewürgt werden. Ich zeige, an wie viele Mauern ich gestoßen bin und was die strukturelle Ähnlichkeit bei diesen Zusammenstößen war. Anhand meines eigenen Falles versuche ich darzustellen, wie wir alle leben, wie gerade diese Jahrzehnte, die letzten dreißig Jahre, in dieser globalisierten, konsumorientierten, postfaschistischen, postfeministischen, individualistischen und doch uniformierenden, asexuellen oder vielmehr anti-erotischen Atmosphäre erstickt wurden."New Yorker (USA), 29.07.2024
Katherine Rundell liest für den New Yorker zwei neue Bücher über Haie, "Sharkpedia" von Daniel C. Abel und "Sharks Don't Sink" von Jasmin Graham, beide Meeresbiologen, und lernt mythische Kreaturen kennen, für die die Menschheit die größte Gefahr ist und nicht umgekehrt. So sind viele der rund fünfhundert Haiarten vom Aussterben bedroht, von denen einige weitestgehend unbekannt sind, weil sie so im Verborgenen der Ozeane leben. Zum Beispiel der Grönlandhai: "Er ist das am längsten lebende Wirbeltier der Erde, aber erst kürzlich hat man herausgefunden, wie alt er wirklich wird. 2008 hat ein dänischer Physiker, Jan Heinemeier, eine Methode entwickelt, Linsenkristalle aus ihrem Auge auf C14-Isotope zu testen und damit, grob zumindest, das Alter der Geschöpfe zu bestimmen. Später hat man ihn gebeten, Grönlandhaie zu testen. Der größte unter ihnen, ein 16 Fuß langes Weibchen, wurde auf zwischen 272 und 512 Jahre geschätzt. Weil Größe als starker Indikator für das Alter gewertet wird und weil es Aufzeichnungen von Grönlandhaien gibt, die 24 Fuß lang sind, ist es gut möglich, dass es Haie gibt, tief in den dunklen Abgründen unserer Ozeane, die noch älter sind. Es gibt wahrscheinlich lebende Haie, die schon durch die Meere geschwommen sind, als Shakespeare die Zutaten für den bösen Zaubertrank seiner drei Hexen in 'Macbeth' niedergeschrieben hat: 'Scale of dragon, tooth of wolf, / witches mummy, maw and gulf, / of the ravined salt-sea shark' (Wolfeszahn und Kamm des Drachen, / Hexenmumie, Gaum und Rachen / Aus des Haifischs scharfem Schlund)."
Kommentieren