Magazinrundschau

Der Geist kann tun und sein

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
07.01.2014. Medium liefert einen kleinen Einblick in die Folgen der Kameraüberwachung in Britannien. In französischen Magazinen kommentieren Pascale Bruckner und Bernard-Henri Levy das geplante Auftrittsverbot für den antisemitischen Komiker Dieudonné. Im Merkur denkt Ernst-Wilhelm Händler über Simmel und die Finanzmärkte nach. Das Boston Magazine untersucht die unrühmliche Rolle des MIT beim Tod von Aaron Swartz. In Commentary schreibt David Gelernter der Kognitionswissenschaft "Das Hirn ist kein Computer" ins Stammbuch. Cabinet feiert den Erfinder des Pfannkuchen-Make-ups, Max Factor.

Medium (USA), 07.01.2014

James Bridle erzählt in einer furchterregenden Reportage, welchen Umfang die Überwachungsmaßnahmen in Britannien angenommen haben. Es gibt geschätzt zwischen zwei und vier Millionen CCTV-Kameras und außerdem ein Netz mit tausenden von ANPR-Kameras, die Autokennzeichen auslesen, so dass Bewegungsprofile erstellt werden können. Macht ja nichts? Das dachten womöglich auch Linda Catt und ihr 80-jähriger Vater, bis sie im Juli 2005 von der Polizei angehalten und wegen Terrorismusverdachts durchsucht und befragt wurden. Wie sich später vor Gericht herausstellte, hatten beide an legalen und friedlichen Demonstrationen gegen die amerikanische Waffenfabrik Edo teilgenommen und waren daraufhin von der Polizei als "einheimische Extremisten" eingestuft worden. "In den acht Jahren seitdem sie angehalten wurden, haben Linda und John versucht, ihre rechtmäßigen Aktivitäten aus der Polizeidatenbank gelöscht zu bekommen. In dieser Zeit hat ihnen der Überwachungsbeauftragte für die Polizei bescheinigt, dass die Polizei von Sussex ihren Wagen widerrechtlich markiert hat und einige der dienstältesten Richter des Landes haben entschieden, dass die Metropolitan Polizei ihr Recht auf Privatheit verletzt hat. Aber die Polizei hat jedes Urteil bekämpft, der Fall ist immer noch anhängig. Und die Catts sind nicht die einzigen..."
Archiv: Medium

Monde (Frankreich), 03.01.2014

Der Philosoph und Essayist Pascal Bruckner kommentiert den Plan des französischen Innenministers Manuel Valls, nach neuerlichen antisemitischen Entgleisungen (mehr hier) des Komikers Dieudonné dessen Auftritte zu verbieten. Bruckner schreibt: "Den Komiker verbieten hieße, seiner Sache zu dienen, seinen Thesen eine objektive Grundlage zu verleihen und eine Reklame für ihn zu machen, die er nicht verdient. Es scheint eher geraten, die Bußgelder zu verzehnfachen, die anfallen, wenn er entgleist, und ihn auf diese Weise kaltzustellen ... In puncto freie Meinungsäußerungist der angelsächsische Liberalismus dem französischen Zensurgeist vorzuziehen. Man kann Hass nicht per Dekret abschalten. Auch unter dem Risiko, ihn zu vervielfachen."
Archiv: Monde

La regle du jeu (Frankreich), 05.01.2014

La regle du jeu dokumentiert zum gleichen Thema ein Gespräch, das die Boulevardzeitung Le Parisien mit Bernard-Henri Levy führte. Der springt Valls im Gegensatz zu Bruckner bei und findet ein Auftrittsverbot für Dieudonné "selbstverständlich" richtig. "Ich verstehe die Debatte überhaupt nicht. Was Sie die Auftritte von Dieudonné nennen, sind keine Vorstellungen, sondern Versammlungen. Und auf diesen Versammlungen werden die Leugnung des Holocausts, Judenhass und die Verherrlichung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit gepredigt - alles Dinge, die das republikanische Recht bestraft. Es gibt einen Moment ... in dem es die Pflicht des Staats ist, Halt zu sagen. Valls hat das getan. Und das ist gut so."
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Boston Magazine (USA), 01.01.2014

Am MIT versucht Bob Swartz die Universität dazu zu bewegen einzugestehen, welche Rolle sie beim Tod seines Sohnes Aaron gespielt hat. Aaron Swartz hatte sich umgebracht, nachdem ihm wegen des Downloads von vier Millionen copyrightgeschützten Artikeln aus dem akademischen Archiv JStor bis zu 35 Jahren Gefängnis drohten. Laut einem Report des Professors Hal Abelson hat sich das MIT in der ganzen Angelegenheit "neutral" verhalten, das heißt, sie haben Aaron nicht unterstützt, sondern weggesehen und den Staatsanwalt machen lassen. Auf die Studenten wirkt sich das nicht gut aus, schreibt Janelle Nanos. "Studenten und Fakultätsmitglieder des Media Labs der MIT haben gesagt, was Aaron passiert sei, habe abschreckende Wirkung gehabt. Wenn es ihm passiert sei, könne es auch jedem anderen passieren. Sie teilen ihre Gedanken nur zögerlich in offiziellen MIT-Onlineforen, die ein Universitäts-Login erfordern, mit. "Einige Leute haben mich gebeten, für sie zu posten", sagt Nathan Matias, Student im Aufbaustudium am Media Lab. "Sie fürchteten sich vor möglichen Rückwirkungen."
Stichwörter: Aaron Swartz

Commentary (USA), 01.01.2014

Der Computerwissenschaftler David Gelernter ist empört über die Reaktionen auf Thomas Nagels letztes Buch. Nagel, ein Philosoph, hatte in "Mind & Cosmos" die Auffassung vertreten, dass Darwin und die moderne Kognitionswissenschaft nicht zu erklären vermögen, wie das Bewusstsein entstanden ist. Darauf hin wurde er von einem akademischen "Lynchmob", so Gelernter, "(symbolisch) zu Tode geprügelt". Dabei habe Nagel vollkommen recht. Die weit verbreitete Vorstellung, dass das Gehirn ein Computer und Bewusstsein eine Art Softwareapplikation sei, hält Gelernter aus mehreren Gründen für völligen Blödsinn. "Das Konzept der reinen Informationsverarbeitung behandelt den Geist, als sei sein Zweck einzig und allein Handeln und nicht auch Sein. Aber der Geist kann tun und sein. Computer sind Maschinen und ungenutzte Maschinen sind Verschwendung. Das gilt nicht für Ihren Geist. Er mag völlig ruhig sein, nichts tun (rechnen). Dennoch fühlen Sie sich vielleicht unglücklich oder aufgeregt oder ergriffen von der Schönheit eines Objekts vor Ihnen oder inspiriert oder entschlossen - und solche Momente könnten das Zentrum Ihres geistigen Lebens sein. Oder Sie sind einfach bewusst. 'I cannot see what flowers are at my feet,/Nor what soft incense hangs upon the boughs….Darkling I listen….' Das schrieb ein Computer namens John Keats."
Archiv: Commentary

New York Review of Books (USA), 06.01.2014

Tim Judah gibt eine wohlinformierte, wenn auch etwas pädagogisch zu lesende Einführung in die gegenwärtigen Wirren in der Ukraine, liefert aber auch eine Information, die EU-Skeptiker von Broder bis Gysi wird schlucken lassen. Sie betrifft die "diametral entgegengesetzten Wege Polens und der Ukraine. Im Jahr 1990 lag ihr statistisches Bruttoinlandsprodukt gleichauf, das gleiche galt für die Sterblichkeitsraten. Nun ist das Bruttoinlandsprodukt des EU-Mitglieds Polen dreimal so hoch wie das der Ukraine, und Polen haben eine um fünf Jahre längere Lebenserwartung als Ukrainer. Die polnische Bevölkerungszahl ist etwa gleich geblieben, während die alternde Ukraine 6 Millionen Einwohner verloren hat - 11 Prozent ihrer Bevölkerung."

Außerdem erklärt Alice E. Marwick in der neuen Nummer der NYRB, wie Privatunternehmen durch Big Data den Verhaltensweisen individueller Personen auf die Spur kommen - eine Technik, die besonders auch der NSA-Gläubige Barack Obama für seine erfolgreiche Wahlkampfkampagne 2012 nutzte. Und Paul Wilson liest die gut tausendseitigen, mit Essays über die Totalitarismen versetzten Lebenserinnerungen des tschechischen Dissidenten Ivan Klima (die auf Deutsch bisher nicht erschienen sind): "My Crazy Century".

HVG (Ungarn), 18.12.2013

"Dieses Buch ist die größte literarische Sensation des Jahres", verkündet der Dichter und Schriftsteller István Kemény über "Boldog Észak" (Glücklicher Norden), den neuen Roman seines in Norwegen lebenden Landsmanns Árpád Kun. "'Boldog Észak' kann etwas über das Glück sagen. Etwas Gültiges und Erlebbares. Es handelt sich nicht um eine vor Kitsch triefende Geschichte. Es ist eine gnadenlos schwere Geschichte über den Kampf der Heimfindung. Der Protagonist ist eine Figur, welche noch nie in einem ungarischen Roman auftauchte. Ein afrikanischer Mann, Aimé Billion, erzählt sein Leben von Cotonou in Benin bis zu einem Dorf in Norwegen. Aus der Armut in das vielleicht reichste Land der Welt. Aus der Welt der Voodoo-Magie in eine Gesellschaft, die in ihrer Rationalität durch- und überorganisiert ist."
Archiv: HVG
Stichwörter: Norwegen

Cabinet (USA), 07.01.2014

Sasha Archibald schreibt eine kleine Hymne auf den großen Make-up- und Perückenkünstler Max Factor, der mit acht Jahren in einer Apotheke im polnischen Lodz anfing und später mit seinem Künsten den Hollywoodfilm prägte. Denn in den Zwanzigern musste mit dem Film auch das Make-up der Schauspieler ständig neu erfunden werden. Aber Factor konnte noch mehr: Er konnte Schauspielern zu einer neuen Karriere verhelfen. "Als Rudolph Valentino sich beklagte, dass er immer Gangster oder Verrückte spielen müsse, entwickelte Factor eine spezielle Schattierung von Schminke, die seine Haut aufhellte und lancierte so Valentinos Karriere als Herzensbrecher. Colleen Moores Augen waren verschiedenfarbig, ein Problem, dass Factor [der auch Perückenmacher war] mit einem extremen Haarschnitt löste: Moores gerader Pony lenkte nicht nur von ihren Augen ab, er wurde emblematisch für den Flapper der zwanziger Jahre. [...] In den späten Zwanzigern begannen die Produzenten, mit panchromatischem Film zu arbeiten, der hellere Farben besser naturgetreuer wiedergab. Daraufhin setzte eine Manie für blonde Schauspielerinnen ein. Factor trug seinen Teil dazu bei, indem er ein neues Haarbleichmittel für Jean Harlows Darstellung in dem Film 'Gallagher' entwickelte. Die Farbe war so auffällig, dass die PR-Leute den Film umbenannten: Platinblond - die Farbe und der Film - machten Harlow zum Star."

Hier ein kleiner Eindruck:


Archiv: Cabinet
Stichwörter: Rudolph Valentino

Merkur (Deutschland), 01.01.2014

Der Schriftsteller und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler legt einen Parforceritt durch die Geschichte der ökonomischen Theorie vor, von der Neoklassik zur Verhaltensökonomik, und ist sich am Schluss nicht mehr sicher, ob Simmels Theorem von der Indifferenz des Geldes für die heutigen Finanzmärkte noch stimmt. Das Geld nimmt Form an, die Tauschewigkeit geht zu Ende: "Die Finanzmärkte in ihrer bestehenden Form fördern zuerst die Interessen derjenigen Teile der Gesellschaft, die unmittelbar vom technischen Fortschritt profitieren. Indem sich das Geld kumuliert, wo der technische Fortschritt vollzogen wird, schafft es Identität. Wo der technische Fortschritt erlitten wird, zerfällt Identität, wird anonymisiert. Die Finanzmärkte zerstören - man kann es nicht anders formulieren - diejenigen Gesellschaftsteile, die dem technischen Fortschritt entgegenstehen."

Georg Stanitzek hebt zur Ehrenrettung der vielgescholtenen Fußnote an, die allerdings in der Wikipedia ein "unverhofftes Reservat" gefunden hat: "Dabei bleiben ihre möglichen Funktionen strikt limitiert; sie sollen die im Artikel gegebenen Informationen belegen. Diskursive, Reflexionen oder Abwägungen entfaltende Anmerkungen sind unerwünscht. Gatekeeper, die so etwas sichten, werden es in der Regel streichen und ihr Motiv mit dem Kürzel 'TF' signalisieren: Es steht für das Urteil, hier sei 'Theoriefindung' versucht worden."

Außerdem: Die Übersetzerin Katy Derbyshire erzählt, wie sie sich an Christa Wolfs "August" die Zähne ausbiss. Jürgen Kaube räsoniert über habituelle Unterschiede in den Vorträgen von Natur- und Geisteswissenschaftlern. Robin Celikates liest mit großem Interesse, aber recht kritisch Luc Boltanskis Schrift "Rätsel und Komplotte".
Archiv: Merkur

New Republic (USA), 06.01.2014

Mit großer Begeisterung hat Mario Vargas Llosa ein Buch der amerikanischen Reporterin Emily Parker über die Dissidenten des Internets gelesen. So anschaulich und spannend wie Joseph Conrad erzähle Parker in "Now I Know Who My Comrades Are" die Geschichten von Bloggern wie Michael Anti (Zhao Jing) und He Caitou aus China, Laritza Diversent, Reinaldo Escobar oder Yoani Sanchez aus Kuba und natürlich dem russischen Blogger Alexej Nawalny: "Neben bewundernswerten Kämpfern, die von ihren Überzeugungen und Prinzipien geleitet werden, beschreibt sie eine Reihe von Opportunisten, Abenteurern und Provokateuren, deren Loyalitäten zweifelhaft sind, wenn sie nicht geradewegs für die Regierung spionieren. Aber allesamt haben sie mit ihren Aktivitäten und ungeachtet ihrer Absichten die Dämme gebrochen und die Kontrollen gelockert, die es Diktaturen erlauben, Informationen zu manipulieren. Die graue Monotonie dieser Gesellschaften wurde durch die Möglichkeit aufgebrochen, die offiziellen Wahrheiten zu hinterfragen, zu korrigieren und durch echte Wahrheiten zu ersetzen. In die Stille dringen die Stimmen der Dissidenten und ein junger, hoffnungsvoller Hauch der Erneuerung mobilisiert Teile der Gesellschaft, die durch ihre Anpassung schon versteinert erschien."

Annia Ciezadlo zeichnet in ihrem Porträt von Syriens Diktator Bashar al-Assad das Bild eines schwachen, gefallsüchtigen Mannes, der die Drecksarbeit von seinen Untergebenen erledigen lässt. Und sie beschreibt ihn als hyperstrategisch: "Obwohl eine Serie von gut getimeten Massakern durch das Regime einen Aufschrei im Westen hervorrufen musste, war Assad klar, dass die Bilder eines Blutbades die Golfstaaten dazu bringen würden, die islamistische Opposition zu bewaffnen und den sektiererischen Krieg eskalieren zu lassen. Das war seine Strategie: die Intervention der internationalen Gemeinschaft so unschmackhaft zu machen, dass sie keine Schritte einleiten würde, um den Verlauf den Konflikts zu verändern."
Archiv: New Republic

Bloomberg Businessweek (USA), 02.01.2014

In einer detailreichen Reportage berichtet Joshua Yaffa über Korruption und Verschwendung beim Bau der Infrastruktur für die Olympischen Winterspiele in Sotchi. Putin habe darin nie bloß ein reines Sport-Event oder eine einmalige Werbechance gesehen, sondern vielmehr eine Möglichkeit, die gesamte Kaukasus-Region zu "verjüngen". Obwohl er die Spiele als "heilig" bezeichnete, leistete sein gleichzeitiges Sparsamkeits-Gelöbnis Schlamperei und Baufehlern Vorschub. Und der Selbstbereicherung: "Es ist schwierig zu entscheiden, an welchem Punkt ineffiziente Arbeit und Nacharbeiten zu unverhohlenem Diebstahl werden, aber es scheint in Sotchi reichlich derartige Fälle zu geben. Der Inhaber einer lokalen Baufirma erzählte mir, wie Auftragnehmer die Kosten künstlich aufblähten, um die Schmiergelder wieder hereinzuholen, die sie gelegentlich den die Aufträge erteilenden staatlichen Führungskräften zahlen mussten. Wie er es ausdrückt, haben beide Seiten - Auftragnehmer und Offizielle - die Natur des Deals verstanden: Erstere mussten Geschäftsgewinne erzielen, Letztere wollten aus den Budgetfonds mitnehmen, was zu kriegen war."

Außerdem erzählt Adam Higginbotham die Geschichte eines irischen Clans, der europaweit Nashorn-Hörner stiehlt. Die Reportage beginnt im irischen Nationalmuseum in Dublin, wo Diebe im April die komplette Sammlung von Nashorn-Köpfen klauten.

Nepszabadsag (Ungarn), 05.01.2014

Tamás Pajor, ehemaliger Frontmann der legendären Band "Neurotic" und seit 25 Jahren Sänger der Band "Amen", denkt im Interview über die Veränderungen in der populären Musik nach. Er selbst hatte einst vor laufender Kamera für János Xantus' Dokumentarfilm "Rock-Térítő" (Rock-Bekehrer) seine spirituelle Seite entdeckt. Pajor stammt aus einer säkularen jüdischen Familie und ist auch als Prediger tätig: "In den Sechzigern war die Beatkultur eine Gegenkultur, ein Gegenpol zum Kapitalismus und der Verbraucherkultur nach dem Zweiten Weltkrieg. Das war richtig, denn der Mensch ist nicht als Konsument geschaffen worden. (...) So kam der politische Protest, der östliche Mystizismus. Letzterer war damals richtungsweisend für die junge Generation und die Ideologen aus Woodstock. Das stand völlig dem entgegen, was das Showbiz heute vertritt. Heute ist diese 'Gegenkultur' zum größten Motor dessen geworden, wogegen sie einst ihre Stimme erhob. Die Unterhaltungsindustrie vereinnahmte den Beat. Wie kann zwischen Woodstock und dem X-Faktor ein Gleichheitszeichen gesetzt werden? Ich setze keins. Doch die Kontinuität zwischen den beiden ist nicht zu leugnen. Unterhaltung ist heute Religion."
Archiv: Nepszabadsag

The Atlantic (USA), 02.01.2014

Eine spannende, hervorragend aufgedröselte Recherche von Alexis C. Madrigal: Der hat sich mit einem Script einen Überblick über die "Micro-Genres" verschafft, anhand derer der Video-on-Demand-Anbieter Netflix sein Filmangebot auf denkbar feingliedrige Weise kategorisiert. Satte 76897 solcher "Mirco-Genres" hat er dabei ausfindig gemacht, die von "Japanese Sports Movies" über "Cult Evil Kid Horror Movies" bis zu "Critically-Acclaimed Emotional Underdog Movies" reichen und in einem cleveren Attributierungsverfahren genutzt werden und dabei auch auf den Kunden zugeschnitten sind. Hinter diesem System steckt die "Netflix-Quantentheorie", wie er sich von Netflix-Geschäftsführer Todd Yellin erklären lässt: "Obwohl er von unserer Nerdiness beindruckt ist, erklärt er uns geduldig, dass wir gerade einmal ein einzelnes Endprodukt der gesamten Netflix-Dateninfrastruktur aufgeschüttelt haben. Es befinden sich noch soviel mehr Daten und noch sehr viel mehr Intelligenz in dem System, das wir aufgedeckt haben. ... Was Netflix so herausragend macht, ist die Tatsache, dass die beschreibende Einschätzung der Filme in den Vordergrund rückt. Es ist nicht nur so, dass Netflix einem Dinge zeigen kann, die einem gefallen könnten, sondern auch, dass es einem sagen kann, um was für Dinge es sich dabei handelt. Auf eine sehr sonderbare Weise handelt sich dabei um ein Werkzeug der Introspektion."

Außerdem porträtiert Taylor Clark Jesse Wilms, der mit diversen dubiosen Geschätfsmodellen im Netz diverse Vermögen ergaunert und verloren hat. Und Christopher Dorr fragt sich, warum die Werke eines so herausragenden amerikanischen Krimiautors wie Elmore Leonard meist so schlechte Verfilmungen nach sich ziehen.
Archiv: The Atlantic