Magazinrundschau

Das böse Ding

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
06.08.2013. Das TLS stellt einen Film der saudischen Regisseurin Haifaa al-Mansour vor. Im Merkur beschreibt Stephan Wackwitz die Besenrevolution in Georgien. The New Republic erzählt, wie in Israel aus orthodox-jüdischen Frauen Feministinnen werden. The Nation beklagt das Schweigen der Linken beim Prozess gegen Bradley Manning. Im Espresso singt Roberto Saviano eine Hommage auf die iranische Schwimmerin Elham Asghari. Newsweek hört die Albträume der liberischen ehemaligen Kindersoldatin Mary. In Open Democracy erklärt Quentin Skinner, warum Überwachung nicht nur die Privatsphäre zerstört, sondern auch die Freiheit. Die NYT besucht die Familie King.

Times Literary Supplement (UK), 02.08.2013

Die saudische Filmemacherin Haifaa al-Mansour hatte es - trotz prinzlichem Sponsor - nicht leicht, ihren Film "Wadjda" (ab 5. September in Deutschland) zu drehen, denn in Saudiarabien dürfen Frauen und Männer nicht zusammenarbeiten. Also musste sie ihre Regieanweisungen über Walkie-Talkie aus einem Wohnwagen heraus an die Crew geben, erzählt Toby Lichtig, der das Ergebnis dennoch ganz hervorragend fand. Al-Mansour erzählt die Geschichte der aufmüpfigen zehnjährigen Wajda, die auf ein Fahrrad spart, obwohl das ja für Mädchen nichts sein soll. Gleichzeitig ist es auch eine Geschichte ihrer Mutter, die unter Druck steht, weil sie keinen Sohn bekommt. Die Schwiegermutter möchte deshalb, dass ihr Sohn eine Zweitfrau nimmt. "Wadjdas Mutter ist stoisch und unglücklich. 'Ich bin das Original', sagt sie ihrem Mann am Telefon, 'warum suchst du eine Imitation?' Der Ton ist jovial, die Unterströmung herzzerbrechend. Es ist diese Kombination, die dem Film seinen Biss gibt. Wir bleiben fokussiert auf Wadjda, die Misere der Mutter entfaltet sich nur allmählich, in flüchtigen Blicken, aus der Perspektive der Tochter. Aber die Konsequenzen eines Lebens hinter verschlossenen Türen für Frauen, die keine Wahl haben, hängen schwer über Wadjda und verleihen ihrem symbolischen Wunsch nach eine Fahrrad zusätzliche Dringlichkeit."

Erinnert sich noch jemand an den Film "Birdy"? Alan Parker 1984, die Geschichte eines jungen Vietnam-Veteranen, der in der Psychiatrie hockt und sich für einen Vogel hält? Mit Matthew Modine und Nicolas Cage? (Hier eine Auffrischung). Den Roman für die Filmvorlage hat William Wharton geschrieben, der im wirklichen Leben Albert William Du Aime hieß und von 1925 bis 2008 lebte. Wharton hatte als 18- oder 19-jähriger Soldat im Zweiten Weltkrieg gekämpft und darüber 1982 den Roman "A Midnight Clear" geschrieben. Es geht, schreibt ein sehr anerkennender D. J. Taylor, um einen Trupp Soldaten, die 1944 in einem Schloss in den Ardennen hocken. Clevere Collegeboys, die sich die Zeit unter anderem damit vertreiben, Kreuzworträtsel auszutüfteln, die die NYT blass aussehen lassen, und ihre Vorgesetzten zu bekriegen. Dann fällt ihnen auf, dass auf dem französischen Kirchturm ein Hahn sitzt statt eines Kreuzes: "Wir sind überzeugt, die dreckigen gottlosen Nazis haben das getan", zitiert Taylor die Jungs, die sich sofort daran machen, diese Untat zu korrigieren. (Auf Deutsch gibt's den Roman unter dem Titel "Die Nacht in den Ardennen" tatsächlich auch, antiquarisch.)

Außerdem: Andrew McCulloch liest angesichts der jüngsten globalen Krise mit Vergnügen Hans Magnus Enzensbergers Gedicht "Kurze Geschichte der Bourgeoisie" (in der englischen Übersetzung von Alasdair King, hier - unter der Version in Esperanto - auch auf Deutsch zu lesen). Und Louise Fabiani empfiehlt Kristin Johnsons Buch über den Insektenkundler Karl Jordan und seine Zeit, "Ordering Life. Karl Jordan and the naturalist tradition".

Merkur (Deutschland), 01.08.2013

Eindrücklich berichtet Stephan Wackwitz, Chef des Goethe-Instituts in Tbilissi, von der "Besenrevolution" gegen Micheil Saakaschwili in Georgen letztes Jahr, die zur Wahl des neuen Präsidenten und Oligarchen Bidsina Iwanischwili  führte. Alles schien der Dramaturgie der im Westen so beliebten "Farbenrevolutionen" zu entsprechen, und doch "gab es in Georgien den entscheidenden und zumindest für die Vereinigten Staaten offenbar unverzeihlichen Unterschied, dass nicht ausländische Interessen und Agenturen den Verlauf und die Parolen der georgischen 'Besenrevolution' von 2012 bestimmt haben, sondern das Geld und der mit diesem Geld aufgebaute Apparat eines einheimischen Politikers. Eines Politikers außerdem, dem man im Westen nicht traut, weil man ihn nicht kontrollieren kann. Ein sechsfacher Milliardär ohne nennenswerte Leichen im Keller ist nicht zu kaufen oder einzuschüchtern."

Außerdem ein tiefschürfendes Gespräch zwischen Irina Doronina und dem Altphilologen und Publizisten Gasan Gusejnov über Deutschland und Russland. Beide Texte stehen als pdf-Dokumente auf dieser Seite online.
Archiv: Merkur

Al Ahram Weekly (Ägypten), 30.07.2013

Ati Metwaly porträtiert die ägyptische Musikwissenschaftlerin und Kulturpolitikerin Ines Abdel-Dayem, die eine abwechslungsreiche Karriere hinter sich hat. Nach dem Sturz Mubaraks war sie von der Übergangsregierung als Vorsitzende des Kairoer Opernhauses eingesetzt. Unter Mursis Regierung wurde sie gefeuert. Die jetzige Regierung wollte sie zur Kulturministerin ernennen, machte aber einen Rückzieher, als die Salafisten protestierten. Jetzt ist Abdel-Dayem wieder Vorsitzende des Opernhauses und damit nach eigenem Bekunden restlos glücklich: "'Ich habe in den letzten zwei Monaten eine Menge gelernt. Es waren die wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Die Proteste, die wochenlangen Sit-ins vor dem MInisterium, die Aufführungen, die außerhalb des Hauptquartiers jeden abend stattfanden ... Es gab einen großartigen Kontakt zu den Leuten, nicht nur zu denen, die in der Kunstszene oder die Kunstliebhaber sind. Ganz normale Leute auf der Straße zeigten Interesse an der Musik und der Kunst. Das ist definitiv die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe und die meine Arbeit am Opernhaus beeinflussen wird. Wir müssen heute anfangen darüber nachzudenken, wie wir alle sozialen Schichten und alle Generationen erreichen können."

Außerdem: Lassaad Ben Ahmed skizziert die schwierige Situation in Tunesien nach der Ermordung des tunesischen Aktivisten Mohamed Al-Brahmi.
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Stichwörter: Salafisten, Tunesien

New Republic (USA), 19.08.2013

In Israel geht auch orthodox jüdischen Frauen das dikatorische Gehabe der ultraorthodoxen Männer - die u.a. Schulmädchen anbrüllen und anspucken, die ihrer Ansicht nach nicht bescheiden genug gekleidet sind, und auf Geschlechtertrennung auch in öffentlichen Institutionen beharren - zunehmend auf die Nerven. Und das Undenkbare geschieht: die orthodoxen Jüdinnen verbünden sich mit säkularen Feministinnen, berichten Allison Kaplan und Dahlia Lithwick. Wobei die Feministinnen auch eine Weile gebraucht haben aufzuwachen. Bisher hatte man die Haredim in ihren eigenen kleinen Bezirken machen lassen. Aber seit ihr Anteil in der Bevölkerung immer größer wird und sie sich in immer mehr Stadtteilen ausbreiten, funktioniert diese Ignorierungsstrategie nicht mehr. "Haredim versuchen, 'korrupte' Elementen aus ihrer Nachbarschaft zu vertreiben, indem sie sie für alle, die nicht ultraorthodox sind, so unwirtlich wie möglich machen. Die Opfer dieser Strategie sind gewöhnlich Frauen, deren Körper zum Schlachtfeld in einem religiösen Stellungskrieg werden. Wie Philipp und Vered Daniel erfahren mussten, kann die Bedrohung leicht in Gewalt umschlagen. Miriam Friedman Zussman, eine modern-orthodoxe Freundin von Philips sagt: 'Ich habe mich nie als Feministin gesehen. Ich dachte, das brauche ich nicht. Dann plötzlich fängst du an zu fragen: Ihr wollt, dass ich das trage? Ihr wollt, dass ich was sage? Ihr wollt, dass meine Tochter das trägt? ... Es ist die Geschichte vom Frosch, der langsam gekocht wird."

John B. Judis ist entsetzt von dem Verfahren gegen Bradley Manning, dem nach der Verurteilung wegen Spionage eine lebenslange Haft droht. Schon die gesetzliche Grundlage, das Spionagegesetz von 1917, findet er absurd: "Dieses Gesetz, das die Regierung Eisenhower benutzte, um die Rosenbergs anzuklagen, und Richard Nixon, um Daniel Ellsberg anzuklagen, ist für seine Vagheit berüchtigt. Es zielt darauf ab, jemanden anzuklagen, der Informationen veröffentlicht, die 'benutzt werden können, um den Vereinigten Staaten zu schaden oder um einer ausländischen Nation einen Vorteil zu verschaffen'. Die Information selbst muss nicht geheim sein. In den meisten Bestimmungen des Gesetzes muss der Schuldige 'Grund haben zu glauben', dass das Material den Vereinigten Staaten schaden wird, aber während des Kalten Krieges wurden Ergänzungen eingeführt, die es der Regierung erlauben, jeden anzuklagen, der 'unter Verletzung des Vertrauens', ein Dokument veröffentlicht, 'dass sich auf die nationale Verteidigung bezieht'."
Archiv: New Republic

The Nation (USA), 26.08.2013

Wie sich die Zeiten ändern. Als Daniel Ellsberg die Pentagon-Papiere veröffentlichte, wurde er von Linksliberalen als Held gefeiert. Von Bradley Manning dagegen können sich Amerikas Intellektuelle gar nicht genug distanzieren, stellt Chase Madar fest. "Obwohl Manning einige bekannte Verteidiger hat - Michael Moore, Glenn Greenwald, Ron Paul, Dennis Kucinich, Code Pink - ist das Feld nicht gerade überlaufen. Die reflexhafte Bereitschaft der amerikanischen Rechten, nach Mannings Skalp zu verlangen, war weniger bemerkenswert als das Schweigen der Progressiven. Die ACLU sammelte einst Geld für die Verteidigung Daniel Ellsbergs und man hätte eigentlich erwartet, dass ihr früherer Präsident, der liberale Löwe Norman Dorsen, zur Unterstützung Mannings brüllt. Aber obwohl er Mannings Behandlung im Gefängnis kritisiert, sagte Dorsen: 'Wir müssen hart sein zu Leuten im öffentlichen Dienst wie Manning ... Wie kann man eine Regierung führen, wenn diese Leute frei nach ihrem persönlichen Urteil einfach Dinge in die Welt leaken?' Tatsächlich hatte die Menschenrechtsindustrie zur Anklage wenig zu sagen."
Archiv: The Nation

Espresso (Italien), 01.08.2013

Roberto Saviano singt eine schöne Hommage auf die iranische Schwimmerin Elham Asghari, die sich in einem Youtube-Video bitter über die frömmlerischen Autoritäten ihres Landes beschwert: "Sie hat zwanzig Kilometer in weniger als sechs Stunden zurückgelegt. Aber nicht in leichter Badekleidung, wie man es sich vorstellen würde, sondern in einer sechs Kilo schweren Rüstung, einem 'Austronautenanzug', wie sie selbst sagt. Das Kostüm setzt sich aus einem Taucheranzug und einer Haube zusammen, kombiniert mit einem Kittel, der bis zu den Füßen geht und einem Schleier, der den Kopf umrahmt. Und trotz dieser unglaublichen Aufmachung haben ihr die iranischen Sportbehörden den Rekord aberkannt, weil ihr Kostüm noch 'zu gewagt' ist."

Archiv: Espresso

Bloomberg Businessweek (USA), 01.08.2013

Wo ist Pawel Durow, fragt Joshua Yaffa in einer instruktiven Recherche, die Einblick in das russische Internet gibt. Durow ist Gründer des größten sozialen Netzwerks in Russland VKontakte.ru und seit einiger Zeit verschwunden. Zugleich haben Investoren Anteile an der Firma verkauft - an kremlfreundliche Kräfte: "Der Staat hat ein unleugbares neues Interesse am Netz. Nach den Protesten gegen die Regierung im Dezember 2011 ging Putins Umgebung die Wichtigkeit dessen, was online gesagt und geteilt wird, auf. Die Duma, die unter Kontrolle der Pro-Kreml-Partei Verinigtes Russland steht, erließ eine Reihe von Gesetzen, um die Kontrolle über das Netz zu verschärfen und dei Blockierung einiger Websites zu erleichtern."

Ganz interessant liest sich die barbiemäßig Pink und Lila (das ist nun mal auch die Farbe der Firma) aufgemachte Titelgeschichte über Marissa Mayer, die versucht, den gestrauchelten Internetgiganten Yahoo wieder aufzubauen. Der Umsatz von Yahoo ist in den letzten Jahren von 7 Millarden Dollar auf die Hälfte gesunken, berichtet Brad Stone, der bei Marissa Mayer eine klare Strategie erkennt: Sie setzt auf Mobil und hat eine Menge Firmen und Ingenieure eingekauft, um die Strategie umzusetzen. Einfach wird es dennoch nicht: "Die Facebook-Aktie stieg um dreißig Prozent, nachdem bekannt wurde, dass Facebook 41 Prozent seiner Einnahmen mit Mobilwerbung macht." Bei Yahoo, so die Schätzungen, liegt dieser Wert noch um 10 Prozent.

Newsweek (USA), 31.07.2013

Clair MacDougall beschreibt in einer Reportage die weiblichen Kindersoldaten in Liberia, die jetzt ins Erwachsenenalter gekommen sind. Eine ist Mary, die sich mit 13 Jahren der Miliz der pro-Taylor gesinnten Regierung anschloss und auch heute noch gewalttätig werden kann. Drei Jahre kämpfte sie in einem der entsetzlichsten und grausamsten Kriege auf der Welt überhaupt. "Mary erinnert sich, dass sie die Finger und Ohren der Gefangenen abschnitt. Sie und ihre Soldaten häuteten sogar einen Gefangenen. Aber nicht diese Begebenheiten scheinen sie nachts wach zu halten. Was sie verstört ist die Erinnerung daran, wie sie ihren Soldaten den Befehl gegeben hatte, eine Frau zu vergewaltigen, die sie als Spionin gefangengenommen hatten. Mary kann nicht recht erklären, warum das schlimmer ist als jemanden zu häuten, aber sie identifiziert sich mit der Frau. Und vielleicht erinnerte sie die Hilflosigkeit der Frau an ihre eigene."
Archiv: Newsweek

Magyar Narancs (Ungarn), 27.06.2013

Der Kunsthistoriker und Medienwissenschaftler Péter György fordert eine breitere öffentliche Diskussion, um einen Konsens über die ungarische Geschichte herzustellen: "Wenn wir diese Diskussion nicht führen, werden nicht zu einer Gemeinschaft reifen. Es ist in der Tat Zeit für den Kulturkampf. Die Frage ist, ob zeitgenössische Kunst und ihr institutioneller Hintergrund frei genug sind, um diese traumatische Therapie durchzuführen: als Schöpfer von Selbstkenntnis und nicht als impotente Diener von historischen Lügen. Konsensorientierte Kunst öffnet die Möglichkeit der Katharsis für neue Generationen. Das kann und muss unterstützt werden. Oder es bleibt alles beim Alten und mentale Traumata werden Tag für Tag neu erschaffen. Nationale Kultur, integrative Gesellschaft ist ohne den Drang nach Wahrheit und einen minimalen gesellschaftlichen Konsens über Geschichte nicht einmal vorstellbar. Nationale Kultur kann nicht auf mythischen Lügen, Verschweigen, Verletzungen, oder narzistische Hysterie aufgebaut werden. Katharsis ist somit eine ästhetisch-politische Frage. Und dann werden wir vielleicht besser sein, als wir heute sind."
Stichwörter: Kulturkampf

Economist (UK), 03.08.2013

Die USA drohen, ihre konstituierenden Freiheitswerte endgültig preiszugeben, wenn sie das nach dem 11. September außer Balance geratene Verhältnis von Sicherheit und Freiheit nicht bald wieder ins Gleichgewicht bringen, rät der Economist dem transatlantischen Bündnispartner. Zwar bringt man Verständnis dafür auf, dass das Land Manning und Snowden belangen will, doch "ist auch die unverhältnismäßig harte Behandlung von Manning von Belang. ... Diese Härte ist so kontraproduktiv wie ungerecht. Jede Demokratie braucht ihre Geheimnisse. Doch um unausweichlichen Machtmissbrauch aufdecken zu können, braucht auch jede Demokratie ihre Leaks. Snowdens Unterstützer merken an, dass der Whistleblower vor allem auch wegen Mannings harscher Behandlung zuerst in die Arme der Chinesen und dann der Russen geflohen ist. Für Amerika wäre es besser gewesen, wenn er sich stattdessen vor einem amerikanischen Gericht gerechtfertigt hätte."

Weitere Ratschläge: Dem neuen iranischen Präsidenten Rohani sollten die USA zwar vorsichtig skeptisch, aber grundsätzlich aufgeschlossen begegnen, legt man hier dar und bemängelt zudem, dass der Westen bei der aufbrandenden Gewalt in Ägypten wegschaut. Außerdem blickt der Economist Spitzenforschern dabei über die Schulter, wie sie den Computer der Zukunft nach Vorgaben des menschlichen Gehirns entwerfen.
Archiv: Economist
Stichwörter: Rohani, Whistleblower

New Yorker (USA), 19.08.2013

Sarah Stillman informiert über eine gelinde gesagt höchst merkwürdige Rechtspraxis in den USA, die zu einer Art Erfolgsmodell geworden ist: die staatliche Beschlagnahmung von Bargeld, Autos, Wertgegenständen und Häusern als Gegenleistung für den Verzicht auf eine Anklage. Ursprünglich für Drahtzieher des organisierten Verbrechens und Drogenbarone gedacht, findet die Methode zwischenzeitlich auch lebhafte Anwendung auf "Normalbürger" - und finanziert auf diese Weise Polizeibehörden, die die Mittel in ihren Budgets fest einplanen. In der Regel muss man eines Vergehens nicht einmal für schuldig befunden werden, in einigen Staaten reicht schon ein "hinreichender Verdacht" aus: "Das Grundprinzip der staatlichen Beschlagnahmung ist verlockend. Es ermächtigt Behörden, Bargeld oder Besitz, die durch illegale Mittel erworben wurden, zu konfiszieren. In vielen Staaten fließen diese Einnahmen direkt wieder in die Verbrechensbekämpfung. In Tulsa, Oklahoma, fahren Polizisten einen Cadillac Escalade mit der Aufschrift 'Dieser Wagen gehörte mal einem Drogendealer, jetzt gehört er uns!' Hunderte Staats- und Bundesgesetze lassen Beschlagnahmungen wegen Hahnenkämpfen, Dragracing, Zocken, Wilderei geschützter Fischarten, Aktienbetrug und unzähliger anderer Vergehen zu." Stillman erzählt einige haarsträubende Beispielfälle, in denen es auch um polizeiliche Willkür geht.

Weitere Artikel: Robert Gottlieb stellt Boris Kachkas Buch "Hothouse" über den amerikanischen Verlag Farrar, Straus & Giroux vor. Und Anthony Lane sah im Kino den Actionfilm "Elysium" von Neill Blomkamp und das Psychodrama "Our Children" ("A perdre la raison") des Belgiers Joachim Lafosse.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Actionfilm, Bargeld

El Pais Semanal (Spanien), 03.08.2013

"Er war klein, dick und gefräßig. Die einen sagten, er sei Libanese, die anderen, er sei Deutscher." Jesús Ruiz Mantilla präsentiert: "Andor Zala, Francos jüdischer Freund." Aufgewachsen in Fiume, dem heutigen Rijeka, wo er sich einst als Freiwilliger den italienischen Freischärlern des faschistisch-anarchistischen Fin de Siècle-Poeten Gabriele D'Annunzio anschloss, war Zala Anfang der dreißiger Jahre als Filmverkäufer der 20th Century Fox in Berlin unterwegs. Auf dem Weg von dort ins Exil nach Argentinien blieb er, offenbar nicht ungern, auf den Kanarischen Inseln hängen und machte 1935 im Golf-Club von Teneriffa die Bekanntschaft "eines kleinen, dicklichen Militärs, der wegen seiner wenig vertrauenswürdigen Neigung, sich gegen die gesetzmäßige Regierung zu erheben, mehr oder weniger auf die Kanarischen Inseln verbannt worden war." Zala wurde zu einem der engsten Freunde Francos und machte in den folgenden Jahrzehnten in Spanien eine steile Karriere als Kaufmann und Unternehmer - "so überredete er etwa den Patriarchen der Hilton-Familie, in Madrid das erste europäische Hilton-Hotel zu eröffnen. Als zum Katholizismus konvertierter Andrés Zala wurde er 1972, drei Jahre vor Francos Tod, im Pantheon der spanischen Falange in El Pardo beerdigt, neben mehreren von Francos engsten Vertrauten. Die in Frankfurt lebende spanische Journalistin Yolanda Prieto bereitet ein Buch über Zala vor."

Telerama (Frankreich), 03.08.2013

Weronika Zarachowicz ventiliert Thesen aus dem Buch "Communication et pouvoir" des spanischen Soziologen Manuel Castells, der ein neues Zeitalter des Protests angebrochen sieht. "Ein kollektives Thema neuen Typs kommt zum Vorschein: das vernetzte Individuum. Es handelt sich dabei nicht um einen neuen Klassenkampf, sondern um eine Gemeinschaft von Individuen auf sämtlichen Netzebenen. Der Hauptakteur ist heute das Netz selbst. Es ermöglicht die unmittelbare Verbreitung des aktuellen Stands über Facebook, Tweets und Videos, also von Emotionen, und es definiert die Form der Struktur und der Gestaltung. Es ist das Netz, das es den Ägyptern ermöglicht, 22 Millionen Unterschriften zur Abdankung von Mohamed Morsi zu sammeln (obwohl er bei den Wahlen 13 Millionen erhalten hat). Aber vor allem steigert das Internet die Autonomiefähigkeit der Individuen."
Archiv: Telerama

Open Democracy (UK), 26.07.2013

In einem langen Gespräch über Freiheit kommt der britische Historiker Quentin Skinner auch auf das von Edward Snowden enthüllte Überwachungsprogramm zu sprechen, dass seiner Ansicht nach mit keinem Freiheitsbegriff zu vereinbaren ist: "Ich denke es ist sehr wichtig zu sagen, dass die bloße Tatsache der Überwachung uns die Freiheit nimmt. Die Antwort jener, sich vor der Überwachung fürchten, konzentrieren sich meiner Meinung nach zu sehr auf die Verletzung der Privatsphäre. Natürlich ist es richtig, dass meine Privatsphäre verletzt wird, wenn jemand ohne mein Wissen meine Mails liest. Aber mein Punkt ist, dass auch meine Freiheit verletzt wird, und zwar nicht nur durch die Tatsache, dass jemand meine Mails liest, sondern schon durch die Tatsache, dass jemand die Macht hat, dies zu tun, wenn er es will. Wir müssen darauf bestehen, dass schon dies uns unsere Freiheit nimmt, weil es uns der Gnade einer willkürlichen Macht ausliefert."

Der russische Historiker Daniil Kotsyubinsky bezweifelt die Nützlichkeit von Geheimdiensten ganz generell: "Der baskische, irische, korsische, tamilische, tschetschenische Terro wird nicht verschwinden, wenn der Geheimdienst den 'letzten Terroristen' gefangen hat, sondern wenn Politiker vernünftige Entscheidungen treffen, die dem Terror jede politische Bedeutung nehmen."

Nepszabadsag (Ungarn), 03.08.2013

Der Schriftsteller Gábor Németh ("Bist du Jude?" edition atelier, 2012) denkt über die Situation nach, die durch die Neuverteilung des landesweiten Tabakhandels seit dem 1. Juli 2013 in Ungarn entstanden ist. Im Mittelpunkt stehen die sogenannten "Nationalen Tabakläden", mit ihrem einheitlichen Aussehen eine doch seltsame Erscheinung: "(...) Jetzt, wo der Gesundheitsfaschismus zur Ideologie der zentralisierten Korruption wurde, kam die entschlossene Empfindung auf, dass er wieder mit dem Rauchen anfangen sollte. Eine Zigarette wäre dazu notwendig. Sich gegenüber dem Geschäft hinsetzen, sich die Zigarette anzünden und fertig rauchen. 'Ich liebe dieses Land nicht mehr, was zu lieben bis zu meinem Tode meine Schweinepflicht wäre. Es ist wahr, dass das Land mich auch nicht liebt, obwohl dies seine Schweinepflicht wäre.' (...) Verursacht und erklärt wurde die Verschlechterung durch die Distribution von Tabakprodukten nach den Regeln der Märkte. Solange Zigaretten und Arbeitskräfte keinen Preis hatten, denn der Tauschwert kann ohne einen Markt kaum als Preis bezeichnet werden, konnte jeder von jedem überall und immer um eine Zigarette bitten, unabhängig von seinem gesellschaftlichen Status, denn in der erwachsenen, demokratischen Bedeutung des Wortes, also im hierarchischen Sinne, hatte niemand einen solchen Status."
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Gabor Nemeth

New York Times (USA), 04.08.2013

Susan Dominus zeichnet im NYT Magazine das Bild einer friedlich-liebevollen Autorenfamilie King. Vater, Mutter und zwei der drei Kinder sind Schriftsteller, ebenso eine Schwiegertochter. Selbst in den schwierigsten Fragen ist man sich einig: "Etwas später führten Joe und Stephen eine typische Diskussion: Welcher Roman ist der 'Moby Dick' des Horrors? Der mit den vielen Fußnoten, meinten sie, nicht der, der andere, Mark Danielewskis 'House of Leaves'. Joe brüstete sich, dass sein jüngster Sohn, zehn Jahre alt, selbst schon schreibt. 'Er arbeitet an zwei Stories, die eine heißt 'Scrap', die andere 'The Bad Thing'. Stephen sah erfreut aus: das gefiel ihm, 'The Bad Thing'. 'Tut mir leid', sagte er, als habe er gerade einen glänzenden Pfennig gefunden, der einem anderen gehört, 'ich muss das möglicherweise benutzen.'"

Außerdem: In der Book Review empfiehlt Edmund White den neuen Roman des kolombianischen Autors Juan Gabriel Velazquez, "The Sound of Things Falling", der ihn eher an Onetti erinnert als an Velazquez' Landsmann Garcia Marquez.
Stichwörter: Moby, Mutter