Magazinrundschau

Identitätskrise

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
14.09.2010. Die NYRB erinnert daran, dass Katholiken in den USA eine Zeit lang höchst unwillig waren, sich zu integrieren. In Outlook India denkt Arundhati Roy über Strategien für die Revolution nach. Al Ahram freut sich, dass Genets Stück "Unter Aufsicht" während des Ramadan gespielt wurde. In Rue 89 verteidigt Noam Chomsky die Meinungsfreiheit des Holocaust-Leugners Vincent Reynouard. Le Monde möchte nicht halal essen. Im New Humanist streiten Yasmin Alibhai-Brown und Kenan Malik über ein Burka-Verbot. Der Independent bringt eine ganze Artikelserie über Ehrenmorde.

New York Review of Books (USA), 30.09.2010

In der Debatte über den Islam in den USA und die Moschee nahe Ground Zero erinnern R. Scott Appleby und John T. McGreevy daran, wie renitent Katholiken sich über Jahrhunderte allen Integrationsbemühungen in den USA verweigert haben (sie sprachen kein Englisch, besuchten nicht die öffentlichen Schulen) und schöpfen daraus Hoffnung: "Das Großartige am amerikanischen Experiment der religiösen Freiheit liegt genau in diesem langfristigen Vertrauen, dass gleiches Recht für alle religiösen Gruppen die Loyalität begründen wird, die jede demokratische Gesellschaft braucht."

Weiteres: Mit großer Sympathie schreibt Charles Baxter über Jonathan Franzens Roman "Freedom", ist am Ende aber doch enttäuscht, von gravierenden Konstruktionsfehlern und dem "Quietismus", in den sich Franzen zum Schluss flüchte: "Alle größeren Schlachten wurden verloren und Trost lässt sich allein im Gewinnen der kleineren finden: 'Freiheit' möchte die Bush-Jahre bewältigen und wird von ihnen am Ende besiegt."

Paul Krugman und Robin Wells besprechen die aktuelle Literatur zur Wirtschaftskrise. Große Authentizität kann Nicholas Lemann David Simons HBO-Serie "Treme" über das New Orleans vor Katrina bescheinigen.

Outlook India (Indien), 20.09.2010

In einer furiosen Anklageschrift von epischer Länge macht Arundhati Roy eines völlig klar: Indien ist denkbar weit davon entfernt, eine lupenreine Demokratie zu sein. Gewaltsam geht die Regierung als williger Vollstrecker von Konzerinteressen gegen das eigene Volk vor. Roy verurteilt die Morde der Maoisten, macht aber keinen Hehl daraus, dass sie in der Sache auf ihrer Seite ist, der Seite der Revolution. Die Mittel allerdings können und müssen, je nach Lage, variieren: "Die Entscheidung, ob man wie Gandhi handelt oder wie die Maoisten, ob militant oder friedlich, oder von beidem etwas, hat nicht notwendig nur mit Moral oder Ideologie zu tun. Oft genug ist sie rein taktisch. Gandhis Strategie der Gewaltlosigkeit war eine Form politischen Theaters. Um etwas zu bewirken, braucht sie ein sympathisierendes Publikum, das Dorfbewohner tief im Wald nicht haben. Wenn eine Truppe von 800 Polizisten einen Kordon um ein Dorf tief im Wald legt und die Häuser niederzubrennen und die Bewohner zu erschießen beginnt, wird da ein Hungerstreik viel nützen? (Können Verhungernde einen Hungerstreik beginnen? Und funktioniert ein Hungerstreik, den das Fernsehen ignoriert?)"

Weitere Artikel: Sugata Srinivasaraju porträtiert unter dem Titel "Brahms in Bengaloruu" indische Virtuosen der klassischen Musik des Westens. Salman Khan, der Bad Boy des Bollywood-Kinos ist zurück: Namrata Joshi schildert den gewaltigen Hype um seinen jüngsten Film "Dabangg".

Al Ahram Weekly (Ägypten), 02.09.2010

Wegen des Verbots, während des Ramadan säkulare Theaterstücke zu spielen, schließen die Theater in Ägypten zehn Tage lang und spielen dann den Rest des Monats religiöse und folkloristische Produktionen oder Musicals. Nehad Selaiha freut sich über den Mut des El-Sawi Kulturzentrums (El-Saqia), das in diesem Jahr erstmals mit der Tradition gebrochen und vom 19. bis 25. August ein bewusst säkulares Ramadan-Theaterfestival mit freien Theatergruppen organisiert hat. "Nirgends wurde diese aufgeklärte Politik so deutlich wie in der Erlaubnis für den Regisseur Mohamed Abdel-Maqsood und seine Truppe, Jean Genets Stück 'Unter Aufsicht' auf die Bühne zu bringen, ein verstörend gewaltvolles Drama über das Gefängnisleben mit seiner umgekehrten Moralität, Apotheose der Kriminalität, Feier der Unterwelt, aus der Genet kam und in der er den größten Teil seines Lebens verbrachte, und einem erkennbar homoerotischen Element. So ein Stück hätte schon außerhalb des Ramadan viele hochgezogene Augenbrauen bedeutet; es während des Ramadan aufzuführen, war vor diesem Festival einfach undenkbar."
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Rue89 (Frankreich), 12.09.2010

Unter der Überschrift "Chomsky wagt sich erneut in den Sumpf der Holocaust-Leugner" berichtet das Online-Magazin über einen offenen Brief des linken amerikanischen Linguisten Noam Chomsky, in dem dieser eine Petition zur Freilassung des französischen Ingenieurs Vincent Reynouard unterstützt, der wegen Leugnung der Existenz der Gaskammern im Gefängnis sitzt. 1979 hatte Chomsky in derselben Sache bereits den französischen Literaturwissenschaftler Robert Faurisson verteidigt, seine Argumentation ist dabei heute die gleiche wie damals: Auch Holocaust-Leugner hätten ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Im Gegensatz zu den USA, wo man diesbezüglich keinerlei gesetzliche Einschränkungen kennt, gilt in Frankreich seit 1990 die "loi Gayssot", ein Gesetz, das neben der Leugnung von Völkermorden auch rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Äußerungen ahndet. Chomsky schreibt: "Ich habe erfahren, dass Vincent Reynouard auf Grundlage der loi Gayssot verurteilt und inhaftiert wurde und dass eine Petition gegen diese Maßnahmen zirkuliert. Ich weiß nichts über Monsieur Reyounard, aber ich halte dieses Gesetz für absolut unrechtmäßig und für einen Widerspruch zu den Prinzipien einer freien Gesellschaft, wie sie seit der Aufklärung verstanden werden. Dieses Gesetz hat zur Folge, dem Staat das Bestimmungsrecht über die historische Wahrheit einzuräumen und jene zu bestrafen, die sich seinen Verordnungen widersetzen. Das ist ein Prinzip, das an die finstersten Zeiten von Stalinismus und Nazismus erinnert."
Archiv: Rue89

Babelia (Spanien), 11.09.2010

Der mexikanische Publizist Fabrizio Mejia Madrid betreibt Sprachforschung: "Mit der Einreise in die USA wird ein Mexikaner, Kolumbianer oder Kubaner zum 'Latino'. Früher bezeichneten die US-Behörden uns als 'Hispanics', ein Begriff, der sich auf die Sprache, nicht jedoch auf die Hautfarbe bezog - Richard Nixon gebrauchte ihn zum ersten Mal in einer Rede, Jimmy Carter führte ihn dann bei der Volkszählung von 1980 ein. Im Jahr davor war Carter einmal - wie er selbst berichtete - beim Angeln in einem Sumpfgebiet von einem Kaninchen attackiert worden. Dieses versuchte an Bord von Carters Ruderboot zu gelangen, wogegen der Präsident sich mit Ruderschlägen zur Wehr setzte. Über dieses 'killer rabbit' wurden viele Witze gerissen, niemand erinnerte sich damals freilich daran, dass die etymologische Bedeutung von 'Hispania' 'Kaninchenland' ist - andernfalls wäre man vielleicht gar nicht zu dem Terminus 'Latins' übergegangen, deren Zahl zwischen 1990 und 2000 um nahezu sechzig Prozent gestiegen ist. Seit Bill Clinton geht es jedenfalls nicht mehr um die Gruppe der US-Bürger, die Spanisch sprechen, sondern um 'Latins', also eine Ethnie mit dunklerer Hautfarbe, vollen Lippen, unglaublichen Hinterteilen, tänzerischer Begabung und engem Familienzusammenhalt - wobei vorausgesetzt wird, dass Jennifer Lopez, Shakira, Salma Hayek und Penelope Cruz aus einunddemselben Ort stammen."
Archiv: Babelia

Monde (Frankreich), 12.09.2010

Auch Frankreich hat seine Multikulti-Debatten. Die große Hamburger-Kette Quick - eine französische Konkurrenz zu MacDonald's - legt in immer mehr Filialen nur noch das Fleisch von Halal-geschlachteten Rindern auf den Grill. Jean Birnbaum warnt in Le Monde davor, dies einfach zum Beispiel mit einer Entscheidung für Biofleisch oder dem Verzicht auf Schweinefleisch gleichzusetzen: "Halal zu essen ist nicht einfach Ausdruck einer diätetischen oder ökologischen Entscheidung für bestimmte Nahrungsmittel. Ob man nun gläubig ist oder sich einfach eine Identität zusammenbasteln will - mit dieser Enscheidung schreibt man sich in ein System von Dogmen und Gehorsamspflichten ein. Dieses System fordert zum Beispiel, dass das Tier auf eine ganz bestimmte Weise, mit dem Kopf in Richtung Mekka und unter dem Segen 'Im Namen Allahs, Allah ist groß', geopfert wird. Was hier praktiziert wird, ist ein spezifischer Begriff von Gut und Böse, Weltlich und Heilig... Wer meint, es sei egal, ob eine solche Entscheidung nur einige wenige betrifft oder allen auferlegt wird, verkennt das Wesen religiösen Glaubens, seine Autonomie und seine ganz eigenen Folgen."
Archiv: Monde

New Humanist (UK), 05.09.2010

Soll Großbritannien - wie Frankreich - die Burka verbieten? Ja, findet die Publizistin Yasmin Alibhai-Brown: "Die Burka ist nicht ein Kampf zwischen Antirassisten und Rassisten oder Freiheit und Unterdrückung. Es ist ein Kampf zwischen einem offenen, egalitären Islam und Obskurantismus, Menschenrechten und unmenschlichen Ausnahmen, Integration und Apartheid. Wahabis verbreiten eine einzigartige freudlose Version des Islams, sie löschen die Vielfalt aus und unsere verschiedenartige Historie. Sie benutzen Wahlmöglichkeiten und Freiheit als Waffen um beide zu zerstören. Muslimische Verteidiger der Burka unterstützen niemals das Recht einer Frau, sich nicht zu bedecken. Statt dessen brandmarken sie Frauen wie mich als 'westliche Huren', die in der Hölle brennen werden."

Der Autor Kenan Malik widerspricht: Nein, in Ländern wie Saudi-Arabien oder Jemen haben Frauen keine Wahl, sie müssen die Burka tragen. In Europa dagegen würden die meisten sie freiwillig tragen. Im übrigen ist das Burka-Verbot für Malik vor allem ein Ablenkungsmanöver: "Es ist inzwischen ein Symbol für die Identitätskrise, die die westlichen Staaten befallen hat. Unfähig, klar zu definieren, was genau es bedeutet, britisch oder französisch zu sein, gehen Politiker gern den leichten Weg, indem sie gegen Symbole des 'Fremden' wettern. Das Burka-Verbot ist nichts als ein Versuch, 'westliche Werte' zu definieren, indem man man zeigt, was diesen Werten oder Traditionen nicht entspricht, während Politiker es gleichzeitig sehr schwer finden zu sagen, was diese Werte und Traditionen sind."

Einen wenig schmeichelhaften Empfang bereiten britische Intellektuelle dem Papst. Richard Dawkins ruft: "Go home to your tinpot Mussolini-concocted principality, and don't come back." Francis Wheen und Johann Hari wollen ihn gleich verhaften. Nick Doody stellt sich wenigstens erst mal vor: "Anyway, you're probably wondering what this is. It's a condom - don't panic, my intentions are honourable."

Archiv: New Humanist

Espresso (Italien), 10.09.2010

Umberto Eco ist ein bekannter Mann. So bekannt, dass auch mal der schlichte Besuch eines chinesischen Restaurants "in Anwesenheit eines unbekannten Tischgenossen" minutiös dokumentiert wird, und das in der Mailänder Tageszeitung Il Giornale. Eco fällt da gleich die Berichterstattung über einen Ermittlungsrichter ein, der in einer Nachrichtensendung des Berlusconi-eigenen Senders Canale 5 beim Besuch seines Friseurs mit versteckter Kamera gefilmt wurde. "Redete man schlecht über ihn? Nein. Aber warum ging er denn in türkisfarbenen Socken zum Barbier (wohingegegen die unbescholtenen Bürger höchstens mit amarantfarbenen Socken unterwegs sind), und warum um Gottes Willen wirkt er so als würde er dauernd eine verschlüsselte Nachricht schicken? Das Ganze ist nicht Pulitzerpreis-verdächtig, aber für Personen mit kurzen Socken reicht diese journalistische Technik aus." Eco fühlt sich gerade ähnlich behandelt. "Was soll das mit meinem 'unbekannten Tischgenossen'?. Was bilde ich mir ein, dass ich unsere Namen nicht auf Schilder drucke und aufstelle? Warum trifft man mich hier an? (nachdem man vielleicht den Monat zuvor schon Guido Rossi über den Weg lief)? Warum in einem chinesischen Restaurant, wie in einem Roman von Dashiell Hammett, warum nicht gutbürgerlich? Das macht er also, der 'Spitzenprogressive'. Auf die Wachsamkeit der Presse können wir bauen." Ach ja, Il Giornale gehört nicht Silvio Berlusconi. Sondern seinem Bruder Paolo.
Archiv: Espresso

Elet es Irodalom (Ungarn), 10.09.2010

In der Debatte über den Abschied vom Rechtsstaat meldet sich der Journalist Janos Avar zu Wort. Er hofft in erster Linie auf internationalen Druck. Schließlich sei dieser auch in den Fällen Meciar, Kaczynski, Tudjman oder Haider nicht gänzlich wirkungslos geblieben und könnte den von Matyas Eörsi und Attila Ara-Kovacs (mehr hier) bzw. von Sandor Radnoti (mehr hier) heraufbeschworenen inneren Widerstand beflügeln: "Natürlich können die Prinzipien der Demokratie leider manchmal verletzt werden, aufkündigen kann man sie aber innerhalb der EU keinesfalls. Die Zeitung Le Monde hat Orban ausdrücklich daran 'erinnert', dass Ungarn Mitglied in einem Klub ist, in dem ganz bestimmte Regeln gelten. [...] Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man in Moskau manchmal mit dem Gedanken spielt, wie es wohl wäre, wenn die Wende von 1990 rückgängig gemacht werden könnte; dafür würden sie sicherlich auch einen kleinen Donau-Putinismus unterstützen, was aber zweifelsohne die Sicherungen in Washington und in Brüssel durchbrennen lassen würde. Dann könnten die ungarischen Beschützer der Demokratie auf jeden Fall mit einer gewissen Schützenhilfe rechnen."

Das von Viktor Orban geplante Mediengesetz ist noch illiberaler als die Regelung in Russland. Aber wenn es verhindert werden soll, müssen die Journalisten schon auch selbst etwas tun, meint der Soziologe Miklos Haraszti, ehemaliger Leiter der OSZE-Behörde für die Pressefreiheit und derzeit Gastprofessor an der New Yorker Columbia University im Interview: "Ich halte es für ein schlechtes Omen, dass die Pressemitarbeiter bei uns - ähnlich, wie in Kasachstan - auf die ausländische Qualitätskontrolle hoffen und darin eine Art Manna sehen, das von der OSZE, vom Europarat, von der EU oder gar von der UNO kommen soll. Dabei können die internationalen Normen nur dort ihre Wirkung zeigen, wo sich auch die Journalisten-Zunft für sie einsetzt, wie dies in der Slowakei zu Zeiten der Fico-Regierung oder jüngst in Italien geschehen ist, als die Journalisten mit leeren Titelseiten protestierten und sich miteinander solidarisierten. Solange diese Haltung nicht vorhanden ist, wird die Regierung den Mahnungen aus dem Ausland keine besondere Achtung schenken."

Independent (UK), 10.09.2010

Im Namen der Ehre werden Frauen geköpft, verbrannt, gesteinigt, erstochen, durch Stromschläge getötet, erdrosselt und lebendig begraben. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der ermordeten Frauen auf jährlich 5.000, Frauenorganisation in den betreffenden Ländern schätzen sie viermal so hoch. In einer sehr beeindruckenden Artikelserie befasst sich Robert Fisk hier, hier, hier und hier mit den Verbrechen an Frauen in Ägypten, Jordanien, Pakistan und den palästinensischen Gebieten. Frazana Bari, Dozentin an der Qaid al-Azzam Universität in Islamabad, hat ihm das Problem im abschließenden Artikel so erklärt: "'Die Ehre von Männern ist mit dem Verhalten von Frauen verbunden, weil sie als Besitz der Familie - und der Gemeinschaft - angesehen werden', sagt sie. 'Sie haben keine unabhängigen Identitäten, sie sind keine unabhängigen Menschen. Männer denken von Frauen als Verlängerung ihrer selbst. Wenn Frauen diese Standards verletzen, gilt das als direkter Angriff auf die Vorstellung des Mannes von seiner Identität. Also müssen Frauen diese Werte auch an die Kinder weitergeben. Man versagt als Mutter und Ehefrau, wenn die Kinder die Standards nicht einhalten.' Es dauert nicht lange, bis das Wort 'feudal' in unserer Unterhaltung fällt. 'Der Islam wird nur zum Mordwerkzeug, wenn ein bestimmtes feudales System herrscht... Gerade gab es den Fall einer schwangeren Frau, die verdächtigt wurde, eine außereheliche Affäre gehabt zu haben, ihre Familie hetzte die Hunde auf sie und sie starb. Dies sind sehr grausame, brutale Arten, Menschen zu töten. Ich habe intellektuell ein Problem, dies zu erklären.'"
Archiv: Independent