Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
10.03.2003. Die NYT Book Review freut sich über ein Meisterstück der Gothic Novel: Steven Millhausers "The King and the Tree". Das TLS sucht nach russischen Beiträgen zur britischen Kultur. Ansonsten sind alle gegen den Krieg: Norman Mailer und Tony Judt in der NY Review of Books, Vinod Mehta und Edward W. Said in Outlook India, Giorgio Boca und Dario Fo im Espresso, Perry Anderson in der London Review of Books. Zwei Ausnahmen gibt es: Jose Maria Aznar im Spiegel und Robert Kagan im Express stimmen dafür.

New Yorker (USA), 17.03.2003

Seymour M. Hersh untersucht in einer gewohnt akribisch recherchierten Geschichte, weshalb sich der Geschäftsmann und "führende hawk", Richard Perle, im Januar mit dem saudischen Waffenhändler Adnan Kashoggi in Paris getroffen hat. Perle hat seit Mitte 2001 den Vorsitz des Defense Policy Board (mehr hier); dessen circa dreißig Mitglieder, weiß Hersh, gehörten zwar nicht der Regierung an, hätten aber "Zugang zu geheimen Informationen" und berieten die Politiker "nicht nur in strategischen Fragen, sondern auch bezüglich der Waffenbeschaffung". Nun sei Perle - was nicht alle Mitglieder des Boards gewusst haben wollen - gleichzeitig "im Management einer Risikokapitalgesellschaft namens Trireme Partners L.P. Deren Hauptaufgabe besteht laut eines zweiseitigen Briefs an Kashoggi vom vergangenen November darin, in Firmen zu investieren, die mit für die heimische Sicherheit und Verteidigung interessanten Technologien, Geräten und Dienstleistungen handeln. Der Brief betonte, dass die Angst vor Terrorismus die Nachfrage solcher Produkte in Europa und Ländern wie Saudi-Arabien und Singapur steigern werde." Laut Hersh ein Beispiel für die schöne "Verbindung zwischen Hochfinanz und Politik".

Weiteres: Zu lesen ist die Erzählung "Wes Amerigo's Giant Fear" von David Schickler, Hendrik Hertzberg berichtet über "Angstattacken" anlässlich des bevorstehenden Irak-Kriegs und warum sich viele Amerikaner letztlich gar nicht so sicher sind, ob er richtig ist, und Ian Parker porträtiert den britische Star-Visagistin Pat McGrath.

Besprechungen: Clive James lobt Nicholas Murrays Biografie über "Aldous Huxley" (St. Martin's): "Sein Hauptverdienst besteht darin, dass er sich der frühen Tragödien in Huxleys Leben voll bewusst ist, ohne die rückwirkenden Voraussagen ihrer Auswirkungen auf dessen künftiges Leben zu übertreiben." Alex Ross begeistert sich über die Pianistin Mitsuko Uchida und den Pianisten Leif Ove Andsnes in der Carnegie Hall und schwärmt von deren CD-Einspielungen von Schubert-Sonaten beziehungsweise der Lyrischen Stücke von Grieg. Hilton Als sah am Golden Theatre den dänischen Schauspieler Jochum ten Haaf in "Vincent in Brixton" von Nicholas Wright . David Denby war im Kino und stellt den Militärfilm "Tears of the Sun" von Antoine Fuqua mit Bruce Willis vor, sowie die Komödie "Old School" von Todd Phillips.

Nancy Franklin hat sich schließlich durch diverse neue TV-Talkshows gekämpft und stellt den "Boy Talk" bei "Real Time with Bill Maher", "Da Ali G Show" des britischen Comedian und "Jimmy Kimmel Live" vor, letzteres ihrem Urteil nach eine "Dead-on-arrival Talkshow mit einem charismafreien Gastgeber für pubertierende männlichen Zuschauern zwischen achtzehn und vierunddreißig".

Nur in der Printausgabe: ein Text zur Frage, ob eine Essstörung zur Kunst deklariert werden kann, Porträts der reichsten Frau Brasiliens und der Moderedakteurin der International Herald Tribune, Suzy Menkes (mehr hier), und Lyrik von Les Murray, W. S. Merwin und Donald Justice.
Archiv: New Yorker

New York Times (USA), 09.03.2003

Eigentlich beherbergt Steven Millhausers neuer Roman "The King in the Tree" (erstes Kapitel) drei Bücher in einem, freut sich Laura Miller. Und das ist gut so, denn "die Kurzform kommt Millhausers Talenten besser entgegen". Ein "Meisterstück der Gothic Novel" über eine verbitterte Witwe, die Geschichte eines spanischen Schwerenöters, der die Dekadenz Venedigs mit einem Leben auf Lande in England eintauscht, und eine Erzählung aus der Perspektive des Beraters des legendären Königs von Cornwall: "Romantische Dreiecksbeziehungen, verbotene Liebe und Eifersucht - die Not, die aus der eigenen Vorstellung erwächst - das sind die wiederkehrenden Elemente", notiert die Rezensentin. Millhauser "beschäftigt sich mit den Dingen, die wir tun oder erfinden, um unseren farblosen Leben zu entkommen, er legt sie offen, um sowohl die Perlen als auch den schleimigen, dunklen Untergrund zu offenbaren. Der Autor zeige uns, dass die entlegensten Winkel der Vorstellungskraft nur den völlig Skrupellosen offenstehen".

Jedes Zeitalter bekommt den Dante, den es verdient, glaubt eine düster aufgelegte Judith Shulevitz im Close Reader. Dante, der das Inferno erfunden hat und jetzt als Popfigur und Protagonist in Romanen wiederentdeckt wird, sei so universal, das jede Generation sich ein neues Bild von ihm mache. "Unserer wäre ein befreiter Dante, ein tragisch realistischer Dante, ein Radio-Talk-Show-Dante, der seine liberale Sympathie für die Verdammten überwunden hat und die Notwendigkeit der Brutalität einsieht. Kafka hat diese Interpretation von Dante in 'In der Strafkolonie' vorhergesehen, in der Kriminelle auf eine Maschine geschnallt werden, die ihnen eine hieroglyphische Zusammenfassung ihrer Taten auf den Rücken sticht, eine rätselhafte Botschaft, die sie erst in einer Explosion der Klarheit im Moment ihres Todes begreifen. Ihr masochistisches Einverständnis unterstreicht den Horror des Strafregimes."

Weitere Besprechungen: Michael Hoffmann dankt Jerzy Ficowski für "Regions of The Great Heresy" - die Biografie über den von der SS ermordeten polnisch-jüdischen Maler und Schriftsteller Bruno Schulz (mehr hier und hier) - und für die jahrzehntelange Suche nach Briefen, Berichten, Geschichten und Bildern, für das Zusammentragen all jener Mosaiksteinchen, "von denen über jeden einzelnen ein eigenens Buch hättte geschrieben werden können". Roxana Robinson feiert Nancy Clarks gelungenen Debütroman "The Hills at Home" als "elegante, intelligente und sehr lustige Chronik einer weitverzweigten Familie unter einem großen Dach". Und Ann Hulbert lobt Janna Malamud Smiths "A Potent Spell" Plädoyer für die längst überfällige Anerkennung der Leistungen der Mütter durch die Gesellschaft. "Was Smiths Werk so außergewöhnlich macht", schreibt die Rezensentin, sei ihr Hinweis darauf, "wie die Frauen bisher aus Sorge um ihre Kinder ihrer eigenen Einschüchterung zugestimmt haben."

New York Review of Books (USA), 27.03.2003

Norman Mailer (mehr hier) verzweifelt einmal mehr daran, wie korrupt die USA geworden sind. In einem herrlichen Rundumschlag bekommen sie alle ihr Fett weg: korrupte Manager, heuchlerische Pfarrer, bigotte Südstaaten-Anwälte - vor allem aber natürlich die kriegslüsternen, frömmelnden Konservativen. "Hinter der ganzen Kriegstreiberei gegen den Irak steckt das Verlangen, im Nahen Osten eine gewaltige militärische Präsenz aufzubauen, um von dort aus den Rest der Welt zu erobern. Die Wurzel von Bushs 'Banner-Konservatismus' ist nicht Wahnsinn, sondern eine versteckte Logik: Von einem militant christlichen Standpunkt aus ist Amerika nahezu verkommen: Die Unterhaltungsindustrie ist zügellos. Die Jugendlichen können inzwischen zwar alle nicht mehr lesen, aber sie können vögeln. Wenn die USA jetzt aber zu einer einzigen gigantischen Militärmschinerie würden, mit der sie all ihre Gegenspieler erobern könnten, dann würde Amerikas sexuelle Freizügigkeit, all dieses schwule, lesbische Transvestiten-Spektakel, wieder als Luxus angesehen werden, den man sich nicht mehr leisten kann. Verpflichtung, Patriotismus und Hingabe würden wieder die alles durchdringenden Werte werden - zusammen mit der ganzen dazugehörenden Heuchelei."

Als eine "Tragödie von historischen Ausmaßen" beklagt der Historiker Tony Judt das Auseinanderfallen der westlichen Allianz: "Nach dem Krieg, in Irak wie in Afghanistan, in Palästina und anderswo werden die USA wieder die Hilfe und Kooperation ihrer größeren europäischen Verbündeten brauchen; und es wird auch keinen anhaltenden Sieg über Osama bin Laden ohne internationale Zusammenarbeit geben. Das, sollte man meinen, ist nicht der Moment, in dem sich unsere führenden Politiker begeistert an die Zerstörung der westlichen Allianz machen; doch genau dies tun sie." Und wenn Washington jetzt auf das "neue Europa" setze, sollte es seine Erwartungen nicht allzu hoch schrauben: Im "neuen Europa" sei der Anti-Amerikanismus wesentlich stärker als im alten, die Bereitschaft zum internationalen Engagement dagegen bedeutend geringer: "Wenn Bush nun in Polen, Großbritannien und Italien seine Hauptverbündeten sieht, dann stützt er sich - abgesehen von Tony Blair - auf eine Gummikrücke."

Weitere Artikel: Thomas Powers glaubt nicht, dass die Amerikaner es bei einem Krieg gegen den Irak belassen werden. Seine Einschätzung: "Zuerst Irak, dann Iran." Tim Judah schickt eine Reportage aus dem jordanischen Amman, wo das Warten auf den Krieg die Menschen - und zahllose irakische Flüchtlinge - mürbe gemacht hat.

Besprochen werden Ron Marschalls Film "Chicago", der so schön Godards Diktum beweise, dass alles, was man für einen Film braucht, "a girl and a gun" sei, eine Ausstellung zu Matisse und Picasso im New Yorker Museum of Modern Art und Robert Alan Brookey Buch "On Reinventing the Male Homosexual".
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Times Literary Supplement (UK), 08.03.2003

Gleich drei Magazine für russischen Migranten sind in jüngster Zeit in London auf den Markt gekommen, neben zwei Anzeigenblättchen für einsame Herzen auch die ambitionierte Zeitschrift "The Bell". Zinovy Zinik kann dies nur begrüßen, denn abgesehen von ihrer stetig wachsenden Zahl sei das auffälligste Zeichen der russischen Einwanderer ihre Unsichtbarkeit: "Wenn ich britische Freunde frage, ob sie irgendetwas nennen könnten, das man als russischen Beitrag zum britischen Leben bezeichnen könnte, denken sie erst eine Minute lang angestrengt nach und bekommen dann leere Gesichter."

Hugh Wood feiert eine englische Neuübersetzung von Hector Berlioz' Abhandlungen über die Orchestrierung "Berlioz's Orchestration Treatise", die schon Mahler, Elgar, Debussy, und Ravel die Romantik gelehrt hat: "Jüngere Praktiker mögen Berlioz in Umfang und Tiefe übertroffen, didaktisch wirkungsvoller geschrieben haben - aber nie mit mehr Charme."

Christopher Hitchens hat sich anlässlich eines neuen Bandes über "The Free Speech Movement" auf dem Campus von Berkeley umgesehen, wo er gerade eine Gastprofessur innehat. Sein Eindruck: Die Studenten von heute könnten ruhig etwas mehr Unordnung stiften.

Der Ehestreit zwischen Zelda und Scott Fitzgerald geht weiter, zumindest literarisch. Zwei Neuerscheinungen sind ihm gewidmet, einmal Sally Clines Biografie "Zelda Fitzgerald" und der Briefwechsel "Dear Scott, Dearest Zelda". Die Runde sollte eindeutig an Zelda gehen, bemerkt Nicola Shulman, aber wie im Leben sei es auch mit den beiden Büchern: Wenn zänkische Eheleute versuchten, einen auf ihre Seite zu ziehen, steigen die Sympathien meist in umgekehrter Richtung.

Outlook India (Indien), 17.03.2003

Im Outlook India ist die Cricket-WM zurück auf dem Titel. Die entscheidende Runde steht bevor. Indien liegt im Soll, und so lehnt sich Manu Joseph zurück und schreibt über die indische Mannschaft: "Das ist das Team, von dem die Menschen in Südafrika inständig hoffen, dass es endlich Australien in die Knie zwingt. Sollte es dazu kommen, wäre es ein Triumph der großen Geste über unbarmherzige Effizienz. In einer perfekten Welt schlägt Brasilien die Deutschen, und Kasparow hält Deep Blue in Schach. Ein weiteres Gipfeltreffen steht in naher Zukunft an."

Zwei Artikel gibt es zum Krieg: Vinod Mehta ist wütend, auch wenn er weiß, dass es nichts nutzt. Ihm bleibt nur, sich zu kneifen und zu fragen: Meinen Bush und die christlichen Fundamentalisten an seiner Seite das wirklich Ernst? Saddam eine Gefahr für den Weltfrieden? Ein Tyrann und Mörder, das ja, aber ein Eroberer? Nach zwölf Jahren systematischer Schwächung? Unsinn!

Nur online findet sich ein wütender Kommentar von Edward W. Said, der die amerikanische Regierung (eine "kleine Gruppe von Intriganten, die nie gewählt wurden"), die Medien, die Zionisten, fundamentalistische Christen und den militärisch-industriellen Komplex für den drohenden Irakkrieg verantwortlich macht: "Wenn diese Organisationen Iraks Missachtung von 17 UN Resolutionen zum Vorwand für einen Krieg nehmen, dann werden die 64 Resolutionen, die Israel ignoriert hat (mit Unterstützung der USA) nie erwähnt. Auch das menschliche Leid der Irakis in den letzten zwölf Jahren wird nie erwähnt. Was auch immer der so verabscheute Saddam getan hat, haben Israel und Scharon auch getan - mit amerikanischer Unterstützung. Dennoch sagt niemand etwas gegen die letzteren, während gegen den ersteren geschäumt wird."

Weitere Artikel: Mallica Singh hat Schönheitssalons von Mumbai bis Delhi besucht und weiß, was indische Frauen mit entsprechendem "Beauty-Budget" tun, bevor sie als perfekte Göttinnen auf einer Party auflaufen oder den Gatten beglücken - und was das alles kostet.

Espresso (Italien), 13.03.2003

Der Espresso probt den Aufstand, gegen Regierung, gegen Krieg, gegen alles. Macchiavelli ist zurückgekehrt nach Italien, verkündet Giorgio Bocca im Aufmacher des Feuilletons. Das Sagen haben jetzt skrupellose Realisten der Politik, die Krieg als Mittel zum Zweck sehen. Und die wissen, was die Leute sehen wollen - sie besitzen nebenbei nämlich viele Fernsehsender. "Das große Publikum will Titten, Ärsche und Blut? Geben wir es ihnen, das sind unsere Zuschauer. Wer widerspricht, wird verfolgt? So geht es halt zu auf einer Hazienda. Ein Krieg für Öl und militärische Basen wird verkauft als Krieg für Demokratie und Freiheit? Ja, liebe Leute, für den Gott des Militärs und auch den Gott der Reichen und Starken." Noch ein wenig Berlusconi-Bashing gefällig? "Eine totale Fäulnis, die einen ab einem gewissen Punkt nur noch auf den Mafia-Effekt hoffen lässt, dass nämlich mit der Mafia eine Art von Gerechtigkeit wieder Einzug hält und eine gewisse Ordnung schafft, und wenn es auch nur die Ordnung von Al Capone ist."

Auch Dario Fo, (hier mehr zu Leben und Werk) geht im Interview hart ins Gericht mit Berlusconi & Co. Für den derzeitigen Kulturminister Guliano Urbani hat der Literaturnobelpreisträger nur Verachtung übrig. "Ich habe einige seiner Verlautbarungen gelesen. Die machen mir Angst. Man versteht sofort, dass er nicht auf der Seite der Künstler steht. Er spricht nicht von Theater, der Malerei, der Musik. Seine schlampige Sprache ist die einer Person, die keine Ahnung von den grundlegendsten Dingen hat. Versuch mal mit ihm über eine 'metopa' oder ein 'triglifo' (ähem, Signor Fo, da müssen wir ebenfalls passen) zu sprechen: gut möglich, dass er glaubt, wir führen ein Gespräch über Vögel.

Weiter mit Krieg: Naomi Klein (Bücher) beschwört den zivilen Ungehorsam, denn nur der aktive Widerstand der Weltbevölkerung kann Bush und seine Kriegsfalken jetzt noch aufhalten, schreibt sie im Politikaufmacher. Roberto di Caro hat im Irak mit den "Oppositionsführer" Ahmad Chalabi gesprochen, über Saddam vor Gericht und die Zukunft seines Landes. Di Caro war außerdem im Nordirak, wo die Kurdenführer ihre Truppen für den bevorstehenden Waffengang gegen Bagdad zusammenrufen.

Und nochmal Gewalt, aber nur auf der Leinwand: Silvia Bizo verfasst eine Hymne auf Jennifer Garner in der Marvel-Verfilmung Daredevil, wie sie nur Italiener schreiben können: "kühner als Nikita, stärker als Lara Croft; schön, sexy und mit einem tödlichen linken Haken".
Archiv: Espresso

Spiegel (Deutschland), 10.03.2003

Die Ausgabe dieser Woche steht ganz im Zeichen des sich zuspitzenden Irak-Konflikts. In einem Interview bemüht der spanische Ministerpräsident Jose Maria Aznar zur Deutung der aktuellen Lage noch einmal den Vergleich mit der Appeasement-Politik der dreißiger Jahre. "Man muss", sagt er auf die Frage, ob er denn die öffentliche Meinung einfach ignorieren könne, "immer auf die Menschen hören. Natürlich sind alle für Frieden. Aber Hunderttausende haben 1938 sicher auch dem Premier Chamberlain in London und dem Ministerpräsidenten Daladier in Paris zugejubelt, weil die Hitler nicht den Krieg erklärten, als der sich das Sudetenland einverleibte. Trotzdem haben Frankreich und Großbritannien mit dem Münchner Abkommen einen Bruch des Völkerrechts abgesegnet."

In den Titelbeiträgen geht es um langfristige Folgen des aktuellen Konflikts für die UNO, die ohnehin schon lange "um eine neue Identität" ringe sowie um das hektische diplomatische Treiben dieser Tage "hinter den Kulissen des Weltsicherheitsrates" - unter so subtil gewählten metaphorischen Überschriften wie "Der Krieg der Diplomaten" und "Das Grollen des Krieges".

Online lesen dürfen wir noch einen Artikel über die Jagd auf Osama Bin Laden, und Bernhard Zand stellt die einzige Heavy Metal Band des Irak vor: A. Crassicauda.

Nur im Print: ein Artikel über "Saddams letztes Aufgebot", aus Ungarn wird über "Kasernendrill für die irakische Opposition" und in der Rubrik "Szene" von einem "Nacktprotest gegen den Krieg" berichtet. Im Kulturteil gibt es ein Interview mit Corinna Harfouch. Besprochen werden das "raffinierte" amerikanische Film-Melodram "Dem Himmel so fern" und Daniel Kehlmanns "gewitzter" Roman "Ich und Kaminski".

Archiv: Spiegel

Economist (UK), 07.03.2003

Selbst der als neoliberal geltende Economist hat Probleme mit George W. Bushs Politik: "Im nicht-amerikanischen Ausland hofft jeder, dass ein Krieg im Irak, falls er kommt, schnell und relativ barmherzig sein wird. Doch es gibt keine Garantie, dass dies so sein wird. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass der darauffolgende Wiederaufbau äußerst schwierig sein wird - ganz zu schweigen von der politischen Veränderung im Nahen Osten. War es also klug von Bush bis zur letzten Minute damit zu warten, langfristige politische Veränderungen anzusprechen? Und dies in so vagen, klischeehaften Worten zu tun? War es scharfsinnig, währenddessen so wenig für einen israelisch-palästinensischen Frieden einzutreten, wo doch solch ambitionierte Veränderungen nicht von Amerika allein bewerkstelligt werden können? Und war es klug, so viele Europäer so beiläufig in allem zu reizen, vom Kyoto-Protokoll bis zu Sticheleien über das 'alte Europa'?"

Zur Lockerung zwischen zwei Kriegsfragen gibt es eine Kostprobe der neuen englischen Phonetik, wie sie in den geschriebenen Kurznachrichten der britischen Jugend auftaucht: "txtN wil stil survIv, bt az a ritN dialect, jst az spOkn dialex survIvd Tchaz F4tz 2 frash dem outa :- kds. so cheer ^!" Falls das mit der Lockerung nicht geklappt haben sollte, gibt es hier Übersetzungshilfe.

Weiteres in Sachen Krieg: Der Economist macht sich Gedanken über den Wiederaufbau im Irak. Eine Demokratie scheine fast utopisch, wenn man bedenke, dass der Irak eine patriarchalische Gesellschaft sei, die sich in Klans, Glaubensgruppen und sozialen Klassen zersplittere. Die türkische Regierung steckt in einem Dilemma angesichts der amerikanischen Kooperationsforderung und der Economist vermutet, dass es zu einer zweiten Abstimmung kommen wird. Dieser Irak-Konflikt scheint anders zu sein als der Letzte: Der Economist stellt fest, dass sich die amerikanische Militärtechnologie seit dem letzten Golfkrieg stark verändert hat, und dass die Ölindustrie einem Irak-Krieg weniger begeistert entgegen sieht, als man meinen könnte.

Weitere Artikel: Der Economist warnt die amerikanische Regierung davor, den Erlass von spezifischen Anti-Terror-Gesetzen weiter schleifen zu lassen. "Zuviel des Guten", so lautet nicht nur Fareed Zakarias Fazit in Hinblick auf die Demokratie, sondern auch das Urteil des Economist über Zakarias Buch "The Future of Freedom". Wir lesen einen Nachruf auf den französischen 3-Sterne-Koch Bernard Loiseau, dessen Selbstmord allenfalls diskret angedeutet wird. Außerdem erfahren wir, dass es um die britische Zeitungsbranche noch schlimmer steht, als es den Anschein hat, und dass sich unter den zwölf reichsten Menschen der Welt ganze fünf Mitglieder der Wal-Mart-Familie Walton befinden.

Leider nur im Print zu lesen ist, wie sich die USA an der Welt übernommen haben
Archiv: Economist
Stichwörter: Golfkrieg, Irak, Kyoto, Wiederaufbau

London Review of Books (UK), 06.03.2003

Perry Anderson macht deutlich, dass im Irak-Konflikt sowohl die Kritiker der Bush-Regierung und die Bush-Regierung selbst von den gleichen gedanklichen Prämissen ausgehen, und wünscht sich, man würde diese Prämissen kritisch beleuchten, anstatt sich "unablässig auf die 'internationale Gemeinschaft' und die Vereinten Nationen zu berufen". Eine Kostprobe des von Anderson herbeigesehnten Klartextes: "1. Es gibt keine internationale Gemeinschaft. Der Begriff ist eine Beschönigung für amerikanische Vormacht. Es ist der Bush-Regierung anzurechnen, dass einige ihrer Funktionäre den Begriff abgelegt haben. (?) 2. Die Vereinten Nationen sind kein Sitz unparteiischer Autorität. Ihre Struktur, die den fünf Siegermächten eines Krieges, der vor fünfzig Jahren ausgefochten wurde, überwältigende Macht gibt, ist politisch unhaltbar. (?) 3. Das nukleare Oligopol der fünf Siegermächte von 1945 ist gleichermaßen unhaltbar. (?) 4. Territoriale Aneignungen - Eroberungen, auf gut Deutsch - deren Bestrafung die Rechtfertigung für eine UNO-Blockade gegen den Irak geliefert hat, sind nie von der UNO bestraft worden, wenn die Eroberer Alliierte der Vereinigten Staaten waren, immer nur wenn sie deren Gegner waren." Wer keinen Klartext spreche und auf einer anderen Ebene diskutiere, so Anderson, wolle nur "das Mobiliar retten".

In einem sehr reichhaltigen Artikel erklärt Adam Philips unter anderem, wie wenig sich Freuds Vorstellung der Psychoanalyse mit rückhaltloser Anhängerschaft oder gar mit einem Personen-Kult verträgt. "Ich möchte Freud als Frage beibehalten, und zeigen, dass es Bestandteil der von ihm erfundenen Psychoanalyse ist, dass es immer etwas geben wird (und soll), das es in Zusammenhang mit Freud und der Psychoanalyse zu hinterfragen gilt. (?) Er möchte uns die Erfolgsgeschichte des Scheiterns erzählen. Freuds Genialität bestand darin, uns zu beschreiben, wie und warum genau es für uns gut und notwendig ist - gut weil notwendig - in Konflikt mit uns selbst und anderen zu leben, und, sollten wir so gesinnt sein, in Konflikt mit Freud."

Weitere Artikel: Colin Burrow ist begeistert von Frances Harris' Buch "Transformations of Love: The Friendship of John Evelyn and Margaret Godolphin", in dem sie die Beziehung der beiden durch deren Briefwechsel und Evelyns Tagebuchnotizen beleuchtet. Schade nur, so Burrow, dass Harris diese seltsam uneindeutige Beziehung nicht in den größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang der Freundschaft im 17. Jahrhundert stellt, die sich "auf der delikaten Grenze zwischen Erotik, Religiosität und Sozialem" bewegt.

Thomas Jones findet es nach dem Abzug des großen sicherheitsbedingten Militäraufgebots am Londoner Heathrow-Flughafen nicht sehr beruhigend, Sätze wie "Es gibt nichts zu befürchten" zu hören. Und Peter Campbell ist schlichtweg begeistert von der Tizian-Ausstellung in der Londoner National Gallery.

Außerdem erscheint die erste Folge von Art Spiegelmans neuem Comic "Under the Shadow of No Towers", den es aber zukünftig leider nur in der Printausgabe geben wird.

Express (Frankreich), 06.03.2003

In einem Interview erklärt Robert Kagan die Notwendigkeit einer neuen Machtpolitik. Kagan, der US-amerikanische "Guru der Neokonservativen", wiederholt die wichtigsten Thesen seines Essays "Macht und Ohnmacht", das auch in Frankreich großen Aufruhr verursacht hat (hier eine Kurzform des Aufsatzes). Während früher Europa als Domäne der Realpolitik galt und die Vereinigten Staaten den Idealismus pflegten, hätte sich dieses Verhältnis heute umgekehrt. "Ich würde sagen, dass Europa die Kantianische Vorstellung von Weltordnung angenommen hat, die Vision eines Ewigen Friedens, mit Nationalstaaten, die ihre Souveränität an supranationale Organisationen abgeben...Die Amerikaner sind näher an den Vorstellungen von Hobbes: ihrer Meinung nach muss die Weltordnung von einer Großmacht und nicht von internationalen Organisationen durchgesetzt werden."

Des weiteren findet sich ein Resümee der Auswirkungen der Anklageschrift von Pierre Pean und Philippe Cohen gegen Le Monde: "Die Woge des Schocks ist kolossal". L'Express, der das Buch in Auszügen veröffentlichte, wehrt sich nun gegen Vorwürfe, eine Schmutzkampagne zu führen und erwartet noch mehr "Kollateralschäden" nach den Enthüllungen. Mehr zum Thema hier.
Archiv: Express

Nouvel Observateur (Frankreich), 06.03.2003

In einem kleinen Schwerpunkt wird in dieser Woche wieder einmal über die Verfassung der französischen Intellektuellen nachgedacht. 22 Jahr nach Erscheinen ihres skandalträchtigen Buchs "Les Intellocrates" erklären die Autoren Herve Hamon und Patrick Rotman in einem Interview, dass sich vor allem an den inzestuösen Funktionsweisen des Literaturbetriebs bis heute eigentlich nicht viel geändert habe - es sei eher schlimmer geworden. Das Geld habe eben gewonnen, "wie überall": "Macht verführt, und absolute Macht verführt absolut. Das ist ein Gesetz." erklärt etwa Hamon. "Deshalb stehen wir derzeit in Frankreich kurz davor, bald eine der mächtigsten monopolistischen Verlags- und Pressegruppen aller entwickelten Länder zu haben. (?) Trotzdem ist es erschreckend, dass sich kein Mensch dafür interessiert, vor allem unter den Linken."

Der Journalist Emmanuel Lemieux hat sich noch einmal auf Spurensuche nach den neuen Netzwerken der "Intellokraten" begeben. In seinem Buch "Pouvoir intellectuel: les nouveaux reseaux" (Denoel), einer Untersuchung der aktuellen intellektuellen Landschaft, habe er versucht etwas "zu zeigen, das ich 'chemische Leuchtspuren' nenne, das heißt die diversen Strategien des Einzelnen, in die einflussreichen Bereiche zu gelangen. Wenn selbst die berühmte Ecole des Hautes Etudes en Sciences sociales noch immer künstlich den Mythos des Intellektuellen aus dem 19. Jahrhundert nährt, begünstigt man damit eher die Bildung von Stämmen (tribus) als von Netzwerken." Die Rezension des Buchs gibt sich allerdings kritisch: die erste Hälfte der Studie sei "ein konfuses Zappen zwischen Porträts, enttäuschenden Kommentaren und verschlüsselten Analysen". Mit einem Wortspiel - "l'intello est un toutologe" - versucht schließlich noch Jacques Juillard in einem Kommentar eine Annäherung an das Phänomen und stellt unter anderem fest: "Ein Intellektueller ist, wen die Medien als solchen bezeichnen."

Der Debattenteil druckt einen Auszug aus dem Buch von Henry Kissinger "La Nouvelle Puissance Americaine" (Fayard), in dem er sich mit der amerikanischen Außenpolitik beschäftigt: "Hegemonie oder Führerschaft?"

Ansonsten feiert das Magazin mit dieser Nummer seine 2000. Ausgabe und resümiert noch einmal 21 Titel und Themen aus seiner Geschichte.