Heute in den Feuilletons

Heutzutage Gespenster

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2013. Auch Kroatien ist erst in Europa richtig zuhause, meint Marko Martin in der Welt. Die deutschen Qualitätszeitungen wollen jetzt auch alles, was nicht sowieso schon kostenpflichtig ist, mit einer Paywall einfrieden, meldet horizont.net. Die Zeit bringt mehrere Artikel zu den Istanbuler Demonstrationen, darunter von Seyran Ateş und Feridun Zaimoglu. Die SZ erzählt, wie die Kulturinstitutionen Ägyptens von den Islamisten besetzt werden. Die Ruhrbarone suchen angesichts des Mordaufrufs gegen Hamed Abdel-Samad Trost bei Lichtenberg.

Aus den Blogs, 13.06.2013

(Via Netzwertig) Prism-Break präsentiert Alternativen zu den üblichen Webdiensten von Google, Apple oder Microsoft.

Gerd Herholz reagiert bei den Ruhrbaronen mit einem Spruch Georg Christoph Lichtenbergs auf den Mordaufruf gegen Hamed Abdel-Samad: "Unsere Welt wird noch so fein werden, daß es so lächerlich sein wird, einen Gott zu glauben als heutzutage Gespenster."

Endlich reagieren die USA und beantworten auf Twitter Fragen zum Prism-Skandal. Noch liegen die Sympathien allerdings denkbar asymmetrisch:


Außerdem zeigt sich nun auch endlich der praktische Alltagsnutzen dieser gigantischen Schnüffelaktion:

Welt, 13.06.2013

Kurz vor der EU-Aufnahme Kroatiens erinnert Marko Martin daran, dass auch dieses Land erst in Europa zu sich kommt: "Istrien stand 400 Jahre unter venezianischer Herrschaft, wurde dann 'österreichisches Küstenland', fiel wieder an Italien, war im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht besetzt, nach dem Krieg wurde der größere, südliche Teil Istriens Jugoslawien zugeschlagen. Wer heute durch die kroatische Stadt Pula streift, wird rund um das antike Amphitheater und die Kaiser Franz-Joseph-Bauten ein internationales Gewimmel sehen und ehrfürchtig Staunende vor der Bronzestatue von James Joyce, der hier einst als junger Mann an der Berlitz School Englisch lehrte."

Internetskeptiker Ulrich Clauss kann die Aufregung über den Prism-Skandal gar nicht verstehen: "Aus der selektiven Empörung über das Beschaffungsgebaren der US-Geheimdienste spricht ein verbohrt wirkendes Staatsmisstrauen. Dieses steht in grellem Kontrast zu der tiefen Ergebenheit großer Teile der angeblich so aufgeklärten Netzgemeinde gegenüber den Enteignungsraubzügen der Datenindustrie." (Weil man aus Google aussteigen kann, aber nicht aus dem Staat? Und weil der Staat verhaften kann, aber nicht Google.)

Im Feuilleton erklärt Barbara Möller, warum die SPD mit Kultur fremdelt. Tilman Krause sagt dem Brockhaus leise Servus. Rainer Haubrich berichtet vom ersten Spatenstich für den Aufbau der Stadtschlossattrappe. Besprochen werden Khaled Hosseinis bisher nur auf englisch erschienener Roman "And The Mountains Echoed" und Filme, darunter "Olympus Has Fallen" und Derek Cianfrances "The Place Beyond the Pines" mit dem stets gleich dreinblickenden Ryan Gosling.

Weitere Medien, 13.06.2013

(Via turi2) "Die Mitglieder der Quality Alliance Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Handelsblatt und Zeit wollen noch in diesem Jahr mit eigenen Paid-Content-Modellen auf den Markt kommen", meldet horizont.net. Der ziemlich großartig daherkommende Hund wedelt allerdings mit einem etwas mickrigen Schwanz: "Eine einheitliche Lösung für alle vier Häuser sei nicht möglich, weil jeder Verlag in bestimmten Bereichen bereits eigene Module entwickelt hat. Auch bei Preisen und der genauen Ausgestaltung der Systeme wird es Unterschiede geben." Und eins müssten die Zeitungen noch erklären: Ihre Inhalte sind doch jetzt schon zahlbar - wofür genau soll da noch eine Paywall hochgezogen werden?

Bei arte gibt es derzeit einige tolle Sendungen in der Mediathek: Hier etwa eine Doku über indische Wanderkinos, an dieser Stelle außerdem die restaurierte, farbenprächtig colorierte Fassung von Georges Méliès' "Die Reise zum Mond" sowie hier eine Doku über die aufwändige Restaurierung dieses Science-Fiction-Klassikers.


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NZZ, 13.06.2013

Der vom Getty Center initiierte Ausstellungsparcours "Modern Architecture in L.A." etabliert Südkalifornien als Hotspot der Nachkriegsarchitektur, berichtet Martino Stierli: "Besonders überzeugt dabei der Einsatz unterschiedlicher Medien, die von konventionellen Präsentationsformen wie der Fotografie, der Architekturzeichnung und dem Modell bis hin zu Ausschnitten aus kommerziellen Werbefilmen der Zeit reichen, deren fortschrittssüchtige Rhetorik mitunter belustigt. Entstanden ist im positiven Sinne eine Art stadtarchitektonische Kulturgeschichte, die mehr ist als eine einfache Blütenlese herausragender Akteure und Bauten." (Hier im Bild: Julius Shulmans Aufnahme des Department of Water and Power Building von A. C. Martin in Los Angeles.)

Weiteres: Jörg Becker gratuliert dem Berliner Programmkino und Filmarchiv Arsenal zum 50. Geburtstag. Martin Lhotzky zieht eine Bilanz der Wiener Festwochen, bei denen er "wenige Höhepunkte" erlebt hat. Sieglinde Geisel lässt das 14. Poesiefestival Berlin Revue passieren.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Les invisibles" von Sébastien Lifshitz und Bücher, darunter Joachim Meyerhoffs Roman "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 13.06.2013

Dass der Medienkonzern Bertelsmann angekündigt hat, den Brockhaus einzustellen, "ist für die Betroffenen schlimm, sonst für niemanden", findet Dietmar Bartz, die aktuelle Ausgabe sei ohnehin längst heillos veraltet: "Das Verlagshaus will die Restauflage seiner gedruckten Enzyklopädie noch verkaufen. Man mag sich fragen, ob das angesichts des kostenlosen Angebots von Wikipedia überhaupt noch moralisch zu rechtfertigen ist. Denn welcher Vertreter kann ernsthaft behaupten, dass sich der Kauf der Ausgabe noch lohnt? Wenn es Bertelsmann aber auch um den Zugang zu enzyklopädischem Wissen ginge, wäre ein großartiger Abgang denkbar: den Inhalt des Konversationslexikons komplett unter freie Lizenz und damit der Wikipedia zur Verfügung zu stellen."

Weiteres: Unter dem Titel "Zoo 3000 - Occupy Species" widmet sich das diesjährige Live Art Festival dem Verhältnis von Tier und Mensch, berichtet ein nicht restlos überzeugter Robert Matthies. Die Ausstellung "Cross-border" am Karlsruher ZKM stellt zeitgenössische Künstlerinnen aus dem arabischen Mittelmeerraum vor, meldet Ursula Wöll.

Besprochen werden außerdem Filme: "Oben ist es still" von Nanouk Leopold ("ein sanft rhythmisierter Reigen des Verzichts", schwärmt Lukas Foerster), "The Place beyond the Pines" von Derek Cianfrance (dem Anke Leweke eine "allzu banale Botschaft" attestiert), "Berberian Sound Studio" von Peter Strickland (nach dem Thomas Groh "das Kino mit anderen Ohren" hört) sowie die DVD des Allstar-Pictures "Das Narrenschiff" von Stanley Kramer.

Zeit, 13.06.2013

Der NSA-Skandal überschattet den bevorstehenden Berlin-Besuch Barack Obamas. Khuê Pham porträtiert den Whistleblower Edward Snowden. Gero von Randow erinnert daran, dass die bewusste Beteiligung von Google & Co nicht erwiesen ist, die NSA könnte auch an zentralen Knotenpunkten des Netzes unbemerkt Daten abgeschöpft haben: "Wer, beispielsweise, per Facebook eine private Nachricht verschickt, sendet möglicherweise zugleich eine Kopie an den Geheimdienst - ohne dass Facebook damit etwas zu tun haben muss." Im Leitartikel stellt Heinrich Wefing hingegen fest: "Weder das alte Raster 'böser Staat - gute Unternehmen' noch die neue Sortierung 'guter Staat - böse Firmen' funktioniert, beides fließt ineinander. Und im Zweifel sind die privaten Datenkraken eben zuallererst amerikanische Unternehmer, die ihre patriotische Pflicht tun."

Im Feuilleton findet Jens Jessen den Protest auf dem Taksim-Platz undemokratisch, weil Erdoğan die Mehrheit hinter sich hat: "Ein frei gewähltes Parlament kann auch Gesetze zur Unterdrückung abweichender Lebensstile, zur Einschränkung von Individualrechten und weiblicher Emanzipation beschließen. Wir im Westen würden das undemokratisch nennen, aber nur, weil wir in unserer Denkfaulheit das Mehrheitsprinzip und den Minderheitenschutz des Rechtsstaats zusammendenken, als könnten sie sich niemals in die Quere kommen."

Außerdem zu den Protesten in der Türkei: Nina Pauer begrüßt den Geist der Solidarität, der im Zuge von Hochwasser und Resistanbul plötzlich durch die sozialen Medien rauscht, und hofft bei jungen Menschen auf ein "bleibendes politisches Erweckungserlebnis". Feridun Zaimoglu erzählt, wie er sich telefonisch bei seiner Mutter über die Revolte informierte. Seyran Ateş ruft zur Unterstützung des Widerstands der türkischen Jugend gegen die autoritäre Religionspolitik auf.

Weiteres: Die schwedische Malerin Hilma af Klint erweist sich bei der Berliner Ausstellung als eine "Pionierin ihrer selbst", staunt Gerrit Gohlke. (Links ihr Altarbild Nr. 1, Gruppe X, aus dem Jahr 1915.) "Es ist an der Zeit, die Geduld zu verlieren", ärgert sich Christine Lemke-Matwey darüber, dass es Dirigentinnen trotz Ausnahmekarrieren wie Simone Young oder Kristiina Poska immer noch schwer haben. Elisabeth von Thadden besucht Judith Kerr zu ihrem 90. Geburtstag in London. Alexander Cammann schreibt den Nachruf auf Walter Jens, Hanno Rauterberg den auf Willi Sitte.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Die Jungfrau, die Kopten und ich" (an dem Ijoma Mangold besonders den "menschenfreundlichen Witz" schätzt, "vor dem Fundamentalismen von Religiosität und Rationalität ihre Waffen strecken müssen") und Bücher, darunter Elfriede Jelineks Bühnenessay "Rein Gold" (mehr in unserer Bücherschau heute um 14 Uhr).

Im Wirtschaftsteil stellt Christian Meier das neue Bezahlmodell von Bild.de vor und meint: "Gelingen kann der Versuch nur, wenn gedruckte Zeitung und digitale Medien sich gegenseitig stützen." Vorbild für Springer ist die britische Financial Times, die bereits 2001 eine Bezahlschranke installierte und inzwischen mehr zahlende Online-Leser als Print-Abonnenten hat, wie John F. Jungclaussen berichtet.

FAZ, 13.06.2013

Der FDP-Politiker Karl-Heinz Paqué fühlt sich in Reinhard Loskes Porträt vom 6. Juni in seinen wachstumsorientierten Positionen als Liberaler grob verzerrt dargestellt. Loskes ökologisch argumentierender Wachstumskritik stellt er Karl Poppers Dogmenskepsis entgegen: "Popper warnte davor, die Bürger per Obrigkeitsstaat zu beglücken. ... Wer die drohende Katastrophe als so gut wie sicheres Szenario entwirft, wird schnell geneigt sein, auch weitreichende Eingriffe des Staates ohne viel Federlesen zu legitimieren. Der schnöde Konsum muss sich eben den übergeordneten Erfordernissen anpassen."

Weitere Artikel: Emanuel Derman schaudert es bei dem Gedanken, wieviele Menschen Zugriff auf die NSA-Daten haben, was deren Missbrauch nur zu einer Frage der Zeit macht: "Wenn es all diese Daten einmal gibt, wenn man sie mit derartig großem Aufwand gesammelt hat, dann schreien sie danach, benutzt zu werden." Karen Krüger attestiert dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zunehmenden Realitätsverlust, nachdem dieser die Auseinandersetzungen in Istanbul als von ausländischer Seite eingefädeltes Komplott gegen die Türkei gedeutet hat. Frieder Schuller begibt sich in Rumänien auf die Suche nach den letzten Kinos abseits der Multiplex-Tempel. Gerhard Rohde meldet, dass der Intendant der Salzburger Festspiele Alexander Pereira seinen Posten vorzeitig verlässt (mehr).

Besprochen werden Derek Cianfrances Film "The Place Beyond the Pines" mit Ryan Gosling, der Science-Fiction-Film "Seelen" nach einem Buch von Stephenie Meyer, die Ausstellung "Tour de Monde" im Wiener MAK und Bücher, darunter Irina Liebmanns Erzählung "Drei Schritte nach Russland" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 13.06.2013

Der in Deutschland lebende, kurdische Schriftsteller Haydar Isik ist vorsichtig, was die Einschätzung der Ereignisse rund um den Taksim-Platz aus kurdischer Perspektive betrifft: Erst unter Erdogan entspannte sich das Verhältnis zur kurdischen Minderheit. Er vermutet, "es wären diese Tage deutlich mehr Kurden auf der Straße, wenn man nicht Angst haben müsste, dass mit Erdogans Sturz auch der Friedensprozess scheitert".

Die ägyptischen Kulturschaffenden reagieren mit Entsetzen auf den Islamisten Alaa Abdel-Aziz, der gerade als neuer Kulturminister in Ägypten eine Reihe von Leitungskräften in der Kultur entlassen hat, berichtet Tomas Avenarius: "Die Empörung über den professionellen Kahlschlag ist groß: Der Minister wolle sein Haus und damit das gesamte Kulturleben islamisieren, sagen viele Künstler und Intellektuelle. Als Nachfolger installiere Abdel-Aziz fachliche unqualifizierte Islamisten: 'Der Minister hat eine politische Agenda', sagt der Maler Mohsen Schaalan der SZ. Schaalan sollte jüngst in einer Ausstellung eines seiner Gemälde abhängen - es zeigt ein Mädchen, dass einem Bärtigen trotzig entgegentritt."

Weitere Artikel: Eine "großartige Ehrenrettung einer verlorenen Dekade" ist die von der Gruppe "The Canine Condition" kuratierte Filmreihe zum amerikanischen Kino der 80er im Filmmuseum Wien, schreibt Fritz Göttler. Die meisten Befürworter des Berliner Stadtschlosses kamen gar nicht aus Berlin, stellt Stephan Speicher zur Grundsteinlegung des umstrittenen Bauwerks fest. Helmut Mauró empfiehlt die Konzerte der Münchner Philharmoniker unter dem griechischen Dirigent Teodor Currentzis (das heutige Konzert strahlt der br am 24. Juni aus). Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler plaudern mit Gerard Butler, der im neuen Film "Olympus Has Fallen" (unsere Kritik) die USA vor Nordkorea verteidigt. David Steinitz gratuliert Malcolm McDowell zum 70. Geburtstag. Bei Tinto Brass erklärte er sich schon in den 70ern zum Gott:



Besprochen werden Bücher zum Jean-Paul-Jubiläumsjahr (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).