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Im Kino

Ganz neue Schrecknisse

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Jochen Werner
11.06.2013. In Antoine Fuquas "Olympus Has Fallen" tritt Gerald Butler gegen Nordkorea an; wir drücken gerne die Daumen. Peter Stricklands "Berberian Sound Studio" dienen das Exploitationkino und sein Sound-Design als Folie für einen abgründigen Horrorfilm.


Sie geben nicht auf: Kaum ein halbes Jahr ist es her, dass nordkoreanische Invasoren im Remake des Achtziger-Jahre-Klassikers "Red Dawn" den Versuch unternahmen, das amerikanische Festland unter ihre Kontrolle zu bekommen. In "Olympus Has Fallen" startet die Kim-Dynastie jetzt den nächsten Versuch. Genauer gesagt ist es ein durchgeknallter nordkoreanischer Freelancer, der, während eines Staatsbesuchs der verhassten südkoreanischen Führung, in einer minutiös geplanten Kommandoaktion samt lufttaktischem Ablenkungsmanöver (ein absurd altertümliches fliegendes Schlachtschiff, das die modernen amerikanischen Kampfflieger mit simplem Maschinengewehrfeuer außer Gefecht setzt) und einer konzertierten Schläfer-Attacke (waren Ihnen diese asiatischen Touristen mit ihrer ewigen Fotografiererei nicht immer schon unheimlich?) gleich das symbolische Zentrum der Macht, das Weiße Haus, unter seine Kontrolle bringt.

Es spricht nicht unbedingt fürs amerikanische Selbstbewusstsein, dass sich die letzte verbliebene Weltmacht in ihrem eigenen Kino andauernd gegen eine in jeder Hinsicht kleine, innerlich morsche, steinzeitkommunistische ostasiatische Diktatur zur Wehr setzen muss. Andererseits ist so etwas wohl, in Zeiten des globalisierten Kinomarktes, eher ökonomischen Überlegungen geschuldet. Zumindest im "Red Dawn"-Remake war ursprünglich China als - etwas realistischerer - Gegenspieler vorgesehen, in dessen Vorlage formierte sich gar noch eine internationalistische Invasion; schon den Zugang zum lukrativen chinesischen Box Office wollte man sich 2012 nicht mehr verbauen. In Nordkorea ist für Hollywood nach wie vor nichts zu holen, man geht also kein Risiko ein, wenn man den Schergen Pjöngjangs einen nur sehr oberflächlich traumatisierten Geheimdienstmitarbeiter (Gerald Butler) auf den Hals hetzt.

So einfach man sich über einen Film wie "Olympus Has Fallen" lustig machen oder ihn als groben, ideologisch bedenklichen Unfug in Grund und Boden verdammen kann (und zugegeben, zumindest die Sache mit den Schläfern ist reichlich perfide): man muss gleichzeitig eingestehen, dass diese Art patriotischer Unfug niemand besser hinbekommt als Hollywood. Was auch an der Eigenart des amerikanischen Patriotismus liegen dürfte, der sich, zumindest in erster Linie, nicht auf Blut-und-Boden-Rhetorik gründet, sondern sich problemlos über bloße Staatssymbolik artikulieren kann: Wenn die Fassade des Regierungssitzes vom Bombenhagel zerfurcht ist, wenn daneben der Sternenbanner zerfetzt baumelt, wenn der Präsident entmächtigt und gefesselt in seinem Bunker kauert, wenn dann auch noch in einem Akt der symbolischen Kastration das Washington Monument in sich zusammenfällt (und damit außerdem die 9/11-Ikonografie aufruft), dann ist das völlig ausreichend, um die Demokratieverteidigungsreflexe in Gang zu setzen. Die atomaren Sprengsätze, die der durchgeknallte General außerdem in seine Gewalt gebracht hat, sind schon nur noch Bonus.



Also: Gerald Butler gegen Nordkorea. Gerade in Zeiten, in denen Hollywood sein Heil fast durchweg in überproduzierten Fantasy-Spektakeln sucht, kann man sich an derartigen B-Movie-Reduktionen durchaus erfreuen. Vor allem, wenn sie, wie in "Olympus Has Fallen", mit einigem Gespür für die Texturen und den dramaturgischen Rhythmus des Bewegungsbilds durchexerziert werden. Nach einer noch ein wenig chaotischen Anfangsphase zieht sich der Film räumlich und dramaturgisch zusammen, konzentriert sich ganz auf Gerald Butlers Ein-Mann-Feldzug im rötlich-bläulich ausgeleuchteten Inneren des halb zerträummerten Regierungssitzes, dessen kulturbürgerliches Interieur einem Amalgam von Blut, Schweiß und Stahl weicht. Regisseur Antoine Fuqua, zuletzt mit dem ebenfalls äußerst sehenswerten Drama "Brooklyn's Finest" mit durchaus anderen Ambitionen unterwegs, orientiert sich am unkomplizierten, testosteronbefeuerten Actionkino der Achtziger, insbesondere die Butler-Figur, deren patriotisches Pflichtgefühl über die gesamte Filmlaufzeit von einer grantligen Missmutigkeit überlagert bleibt, könnte fast ein Widergänger des Bruce Willis aus "Stirb Langsam" sein.

Allerdings war Willis einerseits zumindest etwas entspannter, andererseits melancholischer als der wie in seinen eigenen Psychosen eingeschlossen wirkende lebende Dampfkochtopf Butler. Was damit zusammenhängen könnte, dass der Film fast noch mehr als an das Achtziger-Männerkino an jene unbedingte, atemlose Dringlichkeit anschließt, die vor allem die Fernsehserie "24" in den zeitgenössischen amerikanischen Actionfilm eingeführt hat; die aber sicher auch etwas zu tun hat mit anderen Aspekten der zeitgenössischen Medienwelt, mit dem Irrwitz des Twitter-Feeds, mit der Allgegenwart des "Live-Tickers". Alles passiert in diesem neuen Actionkino mehr oder weniger gleichzeitig (beziehungsweise "in Echtzeit" - als ob die vorherige, synthetische Zeit, die der klassischen Dramaturgie, in der man erst einmal die Ursache abwarten konnte, bevor man sich mit der Wirkung auseinander setzen musste, unecht gewesen wäre), immer steht gleich das abstrakte Große und Ganze auf dem Spiel - und konsequenterweise verwandelt sich alles und jeder in Spielmaterial.

Nun ist es natürlich nicht so, dass der Actionfilm vorher ein Medium der geduldigen Reflexion gewesen wäre. Aber es ging doch eher um langsame Zuspitzungen, um eine Verzeitlichung von Bedrohung. Der "Echtzeit"-Actionfilm im Gefolge von "24" gehorcht dagegen einer immer schon totalisierten Eskalationslogik, seine eigentliche Daseinsform ist der permanente Ausnahmezustand. Man kann das an unterschiedlichen Formen der Zeitmessung festmachen: Der die Sekunden herunterzählende Bombencountdown am Ende von Fuquas Film ist eine Referenz an alte Formen des Spannungskinos, hier aber eigentlich schon ein Anachronismus (und auch dramaturgisch nur ein fast überflüssig wirkendes Anhängsel), weil er auf eine Differenz innerhalb der Zeit verweist, auf ein Vorher und ein Nachher. In der Welt, in der "Olympus Has Fallen" spielt, gilt eigentlich nur noch die jeweils aktuelle Uhrzeit, verkörpert in jener bis auf die Nanosekunde perfekt geeichten, das ganze Narrativ durchstrukturierenden digitalen Uhr, die in "24" oft direkt im Bild tickte, eine Zeitmessung, die keinen Anfang und kein Ende kennt und mit jeder Sekunde nur unbarmherzige Gegenwart anzeigt.

Auch von solchen Überlegungen muss man sich freilich nicht davon abhalten zu lassen, den Film als das zu genießen, was er zu allererst ist: ein Actionfilm mit einem verdammt guten Punch.

Lukas Foerster

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Normalerweise macht Gilderoy Naturfilme, aber dies ist etwas Anderes. Klar, es geht darin um eine Reiterin. Aber die reitet nicht mehr. Gilderoy ist Tontechniker, Spezialist für Soundeffekte im Kino, und der italienische Regisseur Santini hat ihn gebucht, um seinen neuen Film - den mit der Reiterin, die wohl nie wieder reiten wird - zu vertonen. Das ist ein Film über Hexen, über das, was Hexen ihrem Leumund nach mit unschuldigen jungen Mädchen veranstalteten, und das, was im Gegenzug staatlicherseits und verbriefterweise mit den mutmaßlichen Hexen angestellt wurde. Dieses Subgenre des Splatterfilms - der Inquisitions- oder Hexenjägerfilm - war in der Tat einmal, in der Folge von Michael Reeves' "The Witchfinder General", recht populär, und das Spektrum der historisch mehr oder oft auch eher minder akkuraten Grausamkeiten, das er auf Zelluloid bannte, ist beeindruckend breit.

"Hexen bis aufs Blut gequält", so ein einschlägiger Titel, sind wohl auch in Santinis Film zu sehen - in Peter Stricklands Film "Berberian Sound Studio" hingegen nicht. Da sehen wir nur Gilderoys angewiderten Gesichtsausdruck beim Betrachten der blutigen Exzesse auf der Leinwand - und sein mitunter auch recht matschiges Handwerk. Denn während Santini die Opfer seiner Hexen allem Ohrenschein nach detailfreudig zerfleischen lässt, sehen wir Gilderoy über weite Strecken von "Berberian Sound Studio" beim Zermatschen von Wassermelonen oder dem Hacken von Salatköpfen zu. Das Handwerk des Sound Design ist der zentrale Gegenstand von Peter Stricklands zweitem Kinofilm, und das Genre- beziehungsweise Exploitationkino dient ihm eher als eine Folie, durch die er die analogen Prozesse des Kinomachens - und insbesondere die Entkoppelung der visuellen und auditiven Informationen des Filmstreifens - in den Blick bekommt. Eine Folie, die mit dem Fortschreiten des Films immer mehr Falten wirft und in der sich der Protagonist Gilderoy schließlich heillos verfängt.



Ähnlich wie zuletzt der grandiose "Amer" von Hélène Cattet und Bruno Forzani - und im Gegensatz zum in Ehrfurcht erstarrten und entsprechend langweiligen "Masks" von Andreas Marschall - versucht sich "Berberian Sound Studio" nicht daran, einen authentischen Beitrag zum filmhistorischen Genre des Giallo oder der ihm verwandten Subgenres des italienischen Horrorkinos der 1970er Jahre zu imitieren. Eher geht es Regisseur Peter Strickland um eine experimentelle Annäherung an die formalen Schablonen dieser stilistisch markanten Epoche des europäischen Exploitationkinos, in deren Hang zum Delirium, zur Halluzinatorik er einen ganz eigenen Schrecken entdeckt, der sich aus einem Auseinanderstreben von Wahrnehmung und Lesbarkeit der Welt nährt.

Dieser Differenz entspricht jene von Bild und Ton in "Berberian Sound Studio", aber während sie zunächst explizit verhandelter Gegenstand ist, wird sie im Verlauf des Films immer konsequenter entgrenzt, bis sie sich schließlich als die gesamte Diegese bestimmendes Strukturelement offenbart. Wo "Berberian Sound Studio" sich zunächst, zwischen Persiflage und Verweigerungshaltung, der Sichtbarmachung an sich zu verwehren scheint, entpuppt er sich schließlich als liebende Hommage, die den Schrecken seiner Vorläufer eher auf einer neuen, reflexiveren Ebene zu rekonstruieren versucht, als ihn unter dem Mikroskop des Dekonstruktivismus zu sezieren.

Daraus ergibt sich ein hochorigineller Umgang mit filmhistorisch stark aufgeladenem Material - ein Film, der gleichzeitig kenntnisreiches Stilkompendium europäischer (Populär-)Kulturgeschichte und originäres, einzigartiges Kunstwerk sein will. Nicht unbedingt ein Werk, das selbst wiederum ohne Vorbilder auskäme - das kafkaeske Grundszenario kippt bald in eine an David Lynch erinnernde Alptraumwirklichkeit, und die cinephile Lektüre der Kinowelten, die den Protagonisten selbst entzweischneidet, ihm Stimme und Souveränität raubt und Worte in den Mund legt, die vor allem die des filmischen Apparates sind, liegt recht nahe an einer generisch fixierten Variation auf Leos Carax' noch junges Meisterwerk "Holy Motors". Aber im Kern ist "Berberian Sound Studio" ein Horrorfilm. Und Horrorfilme sind dann am Abgründigsten, wenn sie sich im Arrangement vertrauter Versatzstücke plötzlich auf ganz neue Schrecknisse hin öffnen.

Jochen Werner

Olympus Has Fallen - USA 2013 - Regie: Antoine Fuqua - Darsteller: Gerald Butler, Aaron Eckhart, Finley Jacobsen, Dylan McDermott, Rick Yune, Morgan Freeman, Angela Bassett, Melissa Leo - Laufzeit: 120 Minuten

Berberian Sound Studio - GB 2012 - Regie: Peter Strickland - Darsteller: Toby Jones, Tonia Sotiropoulou, Cosimo Fusco, Susanna Cappellaro, Suzy Kendall, Layla Amir, Eugenia Caruso - Laufzeit: 92 Minuten

Archiv: Im Kino

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