Heute in den Feuilletons

Wenn der dreimal Terror ruft

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.06.2013. In der SZ erklärt Constanze Kurz, warum Google denn doch nicht dasselbe ist wie die NSA. Und in der FAZ erklärt sie, dass es auch der NSA durchaus um Wirtschaft gehen könnte. Der Guardian erzählt, warum sich der Whistleblower Edward Snowden nicht an die New York Times wandte. Der Freitag interviewt einen türkischen Journalisten zu Zensur und Selbstzensur in den Medien des Landes. Im Buchreport erklären die Manager von Randomhouse die Rolle der Verlage in Zeiten des Ebooks.

Weitere Medien, 14.06.2013

In der SZ online erwartet die Informatikerin Constanze Kurz im Interview weitere Enthüllungen über die Spionage der NSA. Und sie erklärt, warum das Datensammeln von beispielsweise Google nicht zu vergleichen ist mit dem Datensammeln des Staates: "Google ist schließlich ein Wirtschaftsunternehmen, das für seine Werbekunden die Daten seiner Nutzer speichert. Die NSA ist ein Geheimdienst. Wenn der dreimal 'Terror' ruft, dann können Menschen daraufhin sterben, weil ihnen plötzlich Drohnen über die Köpfe fliegen. Die möglichen Konsequenzen von Datenüberwachung durch den Geheimdienst sind also offensichtlich sehr viel krasser als bei Google." Die Distanzierungsversuche von Google, Facebook etc. zur NSA findet sie allerdings auch nicht überzeugend.

Im Guardian erklärt Ewen MacAskill, wie und warum Edward Snowden sich an den Guardian-Kommentator Glenn Greenwald gewandt hat, um die Überwachungsmethoden der NSA zu enthüllen: "For an American, the traditional home for the kind of story Snowden was planning to reveal would have been the New York Times. But during extensive interviews last week with a Guardian team, he recalled how dismayed he had been to discover the Times had a great scoop in election year 2004 - that the Bush administration, post 9/11, allowed the NSA to snoop on US citizens without warrants - but had sat on it for a year before publishing. Snowden said this was a turning point for him, confirming his belief that traditional media outlets could not be trusted."

Ebenfalls im Guardian berichtet Jonathan Kaiman aus Hongkong, dass dortige Aktivisten eine Kundgebung zur Unterstützung Snowdens planen: "A group of 11 local organisations, many of them human rights NGOs, plans to hold the rally at 3pm on Saturday, according to a press release posted online on Wednesday afternoon. "We call on Hong Kong to respect international legal standards and procedures relating to the protection of Snowden; we condemn the US government for violating our rights and privacy; and we call on the US not to prosecute Snowden,' it said."

Schließlich noch eine frohe Botschaft: Menschliche Gene dürfen nicht patentiert werden. Das entschied am Donnerstag der Supreme Court einstimmig: "Auslöser für den Fall war das Monopol für Brustkrebs-Gentests, welches das amerikanische Pharmaunternehmen Myriad Genetics erhielt, indem es sich zwei Gen-Sequenzen patentieren ließ. Da diese aber ein 'Produkt der Natur' seien, dürften sie nicht patentiert werden, urteilte nun das höchste US-Gericht", berichtet Greenpeace.

NZZ, 14.06.2013

Demokratische Systeme haben einen "ökonomischen Wettbewerbsvorteil" gegenüber Autokratien, erläutert der Politikwissenschaftler Jörg Faust. Die Globalisierung gefährdet jedoch diesen Vorteil - und mit ihm die Demokratie. Faust fordert daher "die Begrenzung und Regulierung wirtschaftlicher Globalisierung, gepaart mit einem Ausbau direktdemokratischer Verfahren und der Verstärkung der Transparenz wirtschaftspolitischer Entscheidungen. All dies würde die demokratische Herrschaftsform wieder enger mit den konkreten Entscheidungsprozessen der Wirtschaftspolitik verknüpfen."

Weitere Artikel: Wer in das unterirdisch gelegene neue Ägyptische Museum in München hinabsteigt, mag "den Nervenkitzel von Forschern nachempfinden, die eine noch unerschlossene Grabkammer betreten", meint Judith Leister. Das neue Album von Black Sabbath klingt "würdig, majestätisch, düster wie eine verwitterte gotische Kathedrale", findet Frank Schäfer. "Ich liebe Brooklyn", bekennt Andrea Köhler in ihrer Hymne auf den "coolsten Ort der Welt".

Freitag, 14.06.2013

Im Interview mit dem Freitag erzählt ein anonym bleibender türkischer Journalist und Zeitungsredakteur, wie die Berichterstattung türkischer Zeitungen zum Taksim-Platz funktionierte: "Anfangs dachten alle, die Demonstrationen würden schnell beendet. Mein Arbeitgeber veröffentlichte auch Fotos und Videos auf unserer Website. Als der Protest von Tag zu Tag größer wurde, erhielten wir eine Mail vom Chefredakteur, dass wir das Material löschen sollen. Es gab keine Debatte darüber. Natürlich fühlen sich viele Redakteure nicht wohl damit, aber ihre Haltung ist: Wir können nichts machen."
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Stichwörter: Zeitungen, Taksim-Platz

Spiegel Online, 14.06.2013

Google will angeblich seine Verhältnisse zu Geheimdiensten und Behörden so offen legen wie möglich, berichtet Richard Meusers. Kann man daran glauben? "'Die Hightech-Unternehmen wollen den Amerikanern versichern, sie würden sich gegen exzessive Nachfragen nach Informationen wehren', so Susan Freiwald, Professorin für Onlinerecht und Datenschutz an der University of San Francisco. Man kann es auch anders formulieren: Für die großen Internetunternehmen ist der NSA-Skandal ein PR-Gau schlimmster Sorte. Sie drohen, das Vertrauen ihrer Kunden verlieren, die ohnehin von einem ständigen Unbehagen ob all der gesammelten Daten gequält werden."

TAZ, 14.06.2013

Wie die analoge Wirklichkeit hat auch das Internet seine positiven und negativen Seiten, weiß Clemens Niedenthal und empfiehlt, "sich etwas zu entspannen... Wenn der eine dem anderen das Fahrrad klaut, ist daran nicht die ganze Welt schuld. Wenn aber der eine den anderen bei einem Ebay-Deal übers Ohr haut, oder wenn ein soziales Netzwerk die offen ausgestellten Leidenschaften seiner Nutzer für personalisierte Werbeofferten nutzt - dann wird gerne die ganze digitale Welt in Sippenhaft genommen."

Weitere Artikel: Uwe Mattheiß würdigt Luc Bondy anlässlich dessen Abschieds von den Wiener Festwochen. Besprochen werden das neue Album der kanadischen Band Austra und Bücher, darunter Elliot Perlmans Roman "Tonspuren" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Weitere Medien, 14.06.2013

Daniel Lenz hat für den Buchreport ein Interview mit Randomhouse-Managern über Digitalisierung und Ebooks geführt. CEO Frank Sambeth beschreibt die künftige Rolle der Verlage so: "Wenn ein Selfpublishing-Autor Texte bei einer Plattform hochlädt, sind sie noch nicht vermarktet. Verlage wie wir können die bestmöglichen Inhalte und Autoren finden und diese dann plattformübergreifend vermarkten. Das ist eine Leistung, die man in der Vergangenheit nicht ganz so explizit herausstellen musste. Inzwischen hat die Dienstleistungsorientierung der Buchverlage deutlich zugenommen."

Welt, 14.06.2013

Alan Posener ruft das deutsche Bürgertum auf, es den Briten gleichzutun und Freiheit nicht mit der Freiheit zu verwechseln, sich daneben zu benehmen. Eckhard Fuhr begrüßt die gerade vorgestellte inhaltliche Konezption des kommenden Humboldt-Forums. Peter Dittmar berichtet über die Aushebung eine Kunstfälscherrings, der sich auf Kopien von russischen Avantgardisten spezialisiert hatte. Claus Lochbilher liest die gerade auf englisch erschienenen Memoiren Burt Bacharachs (Auszug). Melanie Suchy besuchte den Tanzkongress in Düsseldorf.

SZ, 14.06.2013

Nicht einmal mehr auf das gute, alte Bodysnatcher-Motiv ist Verlass, stellt Tobias Kniebe nach "Seelen", der neuesten Verfilmung eines Romans von "Twilight"-Autorin Stephenie Meyer fest. Wenn hier Aliens die Körper von Menschen übernehmen, so ist das nicht mehr abgrundtief böse, im Gegenteil: Die Aliens erscheinen als Fügung höherer Vernunft. Das hält Kniebe für ziemlich zeitgemäß: "'Wir verschwendeten nichts', sagt die Seele einmal, die Melanie beherrscht. 'Alles, was wir uns nahmen, machten wir besser, friedlicher und schöner...' Das ist nicht ironisch gemeint. Irgendwie glaubt Stephenie Meyer schon, dass die Menschen frei sein müssen. Aber frei wozu? Das weiß sie nicht mehr zu sagen. Dann doch lieber eine friedliche Kooperation mit den 'Seelen' - Schizophrenie als Schicksal."

Weitere Artikel: Hubert Wetzel erinnert an Kendall Myers, der als Beamter im US-Außenministerium für Kuba spioniert hat. Helmut Mauró genießt Unsuk Chins zwar nicht "konkret sexuelle", aber doch "hemmungslos erotische" Musik unter Kent Naganos Dirigat. Roswitha Budeus-Budde gratuliert der Schriftstellerin Judith Kerr zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden die große Ausstellung über die RAF im Haus der Geschichte Baden-Württembergs in Stuttgart ("Viele Objekte graben sich ins Gedächtnis" von Roman Deininger), eine Ausstellung über "Hermann Hesse und München" im Literaturhaus München, die Aufführung von Ingo Schulzes "Deutschlandgerät" im Schauspielhaus Dresden und Bücher, darunter Elsbeth Sterns und Aljoscha Neubauers Studie über Intelligenz (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 14.06.2013

In mehreren Artikeln befasst sich die heutige FAZ mit dem Prism-Skandal: Patrick Bahners blickt in die (Kriegs-)Geschichte der NSA, die bis zum Ersten Weltkrieg zurückreicht, und schließt daraus: "Kriege werden erklärt und beendet. Die Infrastruktur des Krieges bleibt intakt, und die NSA-Oberen werden mit Sicherheit behaupten, dass sie um des Friedens willen nicht abgebaut werden dürfe."

Mark Siemons berichtet aus China, wo sich nach anfänglicher Häme chinesischer Nationalisten nun westlich orientierte Menschenrechtler den Fall zunutze machen: Diese können besser denn je verdeutlichen, "dass es ihnen nicht um die Zugehörigkeit zu einem geopolitischen Lager geht, sondern tatsächlich um Rechte, deren Geltung es auch im Westen immer neu durchzusetzen gilt."

Constanze Kurz zweifelt unterdessen angesichts der abgegriffenen Datenmengen stark daran, dass es den USA nur um Terrorabwehr geht: "Da nicht hinter jedem Baum ein mutmaßlicher Terrorist lauert, hat in Wahrheit die gute alte Wirtschaftsspionage ein neues prächtiges Gewand bekommen." Unternehmen und Journalisten rät sie dringend dazu, ihre Mailkommunikation zu verschlüsseln: "Es ist heute so einfach wie nie in der Geschichte, technisch übermittelte Kommunikation selbst zu schützen."

Weitere Artikel: "Das ist der Sommer, der keiner ist, vor einem Wahlkampf, den keiner merkt, und einer Wahl, zu der niemand hin möchte", schreibt Nils Minkmar angesichts des behäbigen Wahlkampfs. Niklas Maak liefert Hintergründe zur kürzlich erfolgten Großrazzia gegen Kunstfälscher. Jürgen Dollase spürt dem Einfluss der Kochkunst-Avantgardisten auf den kulinarischen Mainstream nach. Christoph Hein fährt mit dem Bus durch Indien. Joachim Willeitner begibt sich in das "magische Fluidum" des Neubaus des Ägyptischen Museums in München. Am Taksim-Platz in Istanbul finden sich jetzt auch die Eltern der vor Ort versammelten Aktivisten ein, berichtet Karen Krüger. Jan Wiele meldet das neue Projekt der frisch ausgezeichneten Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff, die als nächstes einen Roman rund um Dantes "Göttliche Komödie" plant. Jan Brachmann freut sich über den Bremer Fund der Urfassung von Brahms' "Triumphlied".

Besprochen werden neue CDs, Mimmo Jodices Fotografie-Zyklus "Transiti" in der Kunstsammlung Jena, die Ausstellung "Glam - The Performance of Style" in der Frankfurter Schirn und Bücher, darunter der Bildband "Judith Kerr's Creatures" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).