Heute in den Feuilletons

Die Kultur ist der harte Faktor

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.03.2012. Stasi-Dokumente-Kanonaden. War Joachim Gauck ein "Pastor der Unfreiheit"?, fragt der Freitag. War Beate Klarsfeld ein Sprachrohr der DDR-Propaganda?, fragt die Welt. Für die taz hat Micha Brumlik das türkische Machwerk "Fetih 1453" geguckt und ist entsetzt. Es wird weiter über das Leistungsschutzrecht gestritten. Im Deutschlandradio kündigt der Medienrechtler Thomas Hoeren Verfassungsbeschwerden an. Die Zeit kapituliert vor Afghanistan. Die NZZ ist begeistert von Claude Lorrain.

TAZ, 08.03.2012

"Lange hat man keinen Film mehr gesehen, der Töten und Sterben, einschließlich des militärisch-religiös motivierten Selbstmordes so inbrünstig verherrlicht, Geschichte so schamlos klittert und seinem Publikum eine so eindeutig reaktionäre Botschaft auf den Weg gibt", urteilt Micha Brumlik über das türkische Historienspektakel "Fetih 1453" von Faruk Aksoy, das den Triumph des Islams über den Westen erträumt. Der weltweit bisher teuerste und erfolgreichste türkische Film, der "in anstrengenden 160 Minuten" die Eroberung der byzantinischen Hauptstadt durch Sultan Mehmet II. und seine Truppen im Mai des Jahres 1453 schildert, war in einem Kino in Berlin-Neukölln wochenlang ein Kassenhit und zum Ende gab's Applaus.

Weiteres: Kleinlich findet Katrin Bettina Müller die Kritik des Berliner Kardinals Rainer Maria Woelki an Romeo Castelluccis Stück "Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn": Es ziehe den Glauben durch "den Dreck" behauptet dieser, ohne es gesehen zu haben. Besprochen werden die Ausstellung "Archivo F.X. / Pedro G. Romero" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, für die der Künstler Bild-, Text- und Tondokumenten des antiklerikalen Ikonoklasmus in Spanien zusammengetragen hat, Klaus Sterns Dokumentarfilm "Versicherungsvertreter" über den Unternehmer Mehmet E. Göker und die DVD von Peter Fleischmanns "Jagdszenen aus Niederbayern" von 1968/1969.

Den Internationalen Frauentag begeht die taz mit einem Schwerpunkt, der den Begriff der Unterwerfung durchdekliniert, unter anderem in einem Essay von Heide Oestreich, Ines Kappert schreibt über makellose Fernsehkommissarinnen.

Und Tom.

Freitag, 08.03.2012

Ist Joachim Gauck ein "Pastor der Unfreiheit", weil er sich bei der Organisation eines Kirchentags in Rostock 1988 weigerte, auch einen "Kirchentag von unten" zuzulassen?, fragen Jakob Augstein und Jana Hensel (und beantworten die Frage sebstverständlich mit ja): "In einem IM-Bericht vom 2. November 1987 heißt es: 'Zum Kirchentag 1988 in Rostock sagte Gauck eindeutig, dass 'wir' keinen sogenannten Kirchentag von unten haben wollen und es in Rostock nicht zu solchen Ausschreitungen wie in Berlin kommen wird. Der gesamte Kirchentag ist ein Kirchentag von unten, aber Missbrauchshandlungen läßt er nicht zu... Rostock ist nicht Berlin - Gäste haben sich zu fügen und einzuordnen.'"

Perlentaucher, 08.03.2012

Thierry Chervel stellt im Perlentaucher ein paar Fragen zu Nutznießern und Ausgestaltung des künftigen Leistungsschutzrechts: "Wenn der Perlentaucher Tickerverschnitte und ein paar eigene Artikel anbieten würde - wäre er dann ein Presseerzeugnis? Könnte sich jedes Blog bei der zu gründenden Verwertungsgesellschaft anmelden? Wenn ja, wäre der Geldsegen aus dem Leistungsschutzrecht für die Zeitungen am Ende nicht recht mager?"
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Aus den Blogs, 08.03.2012

Das Wall Street Journal hat Google Plus als eine "Geisterstadt" bezeichnet, Martin Weigert hat in Netzwertig eine ebenfalls ernüchternde Bilanz zu Googles sozialem Netzwerk gebracht. Nun bringt Google Zahlen, mit denen es das Gegenteil verbreiten will: 50 Millionen Menschen sollen täglich "mit Google plus verbundene Dienste" nutzen. Weigert analysiert: "Von der Bezeichnung 'mit Google+ verbundene Dienste' werden sämtliche Google-Dienste umfasst, die in irgendeiner Form mit Google+ verknüpft sind. Dazu gehören mittlerweile sowohl YouTube als auch die Google-Suche, und wahrscheinlich auch Google Mail, Google Docs und Google Maps - denn ein Besuch bei diesen Angeboten präsentiert angemeldeten Nutzern stets die Navigationsleiste inklusive Anzeige über neue Benachrichtigungen bei Google+."

Marcel Weiß zitiert auf Neunetz den Journalistikprofessor Klaus Meier, der aus der Entwicklung der deutschen Zeitungsauflagen eine Prognose entwickelt: "Im Jahr 1992 waren es noch 26 Millionen verkaufte Tageszeitungen, 2002 23,2 Millionen (minus 11%) und 2011 nur noch 18,8 Millionen (minus 19%). Die Statistik sagt uns voraus: 2022 werden noch ca. 11 Millionen Exemplare verkauft - und 2034 ist dann Schluss."

Welt, 08.03.2012

Beate Klarsfeld hat für ihre Kiesinger-Ohrfeige ein fettes Honorar von der DDR erhalten - zumindest indirekt, berichtet Uwe Müller. Klarsfeld schrieb in der DDR-Revue nach dem Ereignis einen Artikel unter dem Titel, "warum ich Kiesinger ohrfeigte", woraufhin Albrecht Norden, der Propagandachef der DDR, die Überweisung von 2000 Westmark veranlasste. In dem Artikel erklärt sie ihre Tat: "Der 'Demokratie in der DDR' stellt sie das System der Bundesrepublik gegenüber. Das 'Deutschland Bonns' ist nach ihrer Ansicht im Begriff, die Bürger in 'zwei unversöhnliche Lager' zu spalten: in Demokraten und deren Gegner, die sich 'im Verhältnis eins zu zehn' gegenüberstehen würden."

Im Feuilleton annonciert Marcus Woeller eine Brenefiz-Auktion für Christoph Schlingensiefs Afrika-Projekt. Volker Blech berichtet, dass die Prima Ballerina Polina Semionova ihren Vertrag beim Berliner Staatsballett aufgelöst hat. Andrea Backhaus schreibt über den Reggae-Sänger Elephant Man, dessen Deutschland-Tournee wegen seiner schwulenfeindlichen Texte storniert wurde.

Besprochen werden Steven Soderberghs neuer Film "Haywire" und eine Verfilmung von Juli Zehs Roman "Schilf".

Im Forum erklärt Michael Wolffsohn, warum das Verhältnis der Deutschen zu Israel so distanziert ist und schließt mit den Sätzen: "Auch ohne Deutschland würde sich Israel iranischer Angriffe erwehren können. Die Deutschen dürfen ihr gutes Gewissen bewahren."

Weitere Medien, 08.03.2012

In der Jüdischen Allgemeinen fragt Thierry Chervel, warum sich die Feuilletons eigentlich nicht für die Morde der Zwickauer Neonazis zuständig fühlten, während sie die Taten des Norwegers Anders Breivink ausgiebigst analysierten: "Es könnte an mangelnder Empathie mit den Opfern liegen. Anders als Breiviks Tat zielten die Morde der Zwickauer Nazis nicht auf eine Institution dieser Gesellschaft, sondern auf die "anderen"."

Außerdem in der Jüdischen Allgemeinen: Die Israel-Boykottbewegung (BDS) ist inzwischen selbst einem ihrer prononciertesten Anhänger peinlich, Norman Finkelstein. Michael Wuliger sieht dies als klares "Indiz dafür, wie intellektuell und moralisch bankrott die Israel-Boykottbewegung ist". Für eine Fehlentscheidung hält Ralph Giordano, dass der französische Verfassungsrat das Gesetz zur Leugnung von Völkermorden kassiert hat.

Deutschlandradio Kultur hat den Medienrechtler Thomas Hoeren zum Leitungsschutzrecht interviewt, der annimmt, "dass mit der Einführung des Leistungsschutzgesetzes sofort die ersten Verfassungsbeschwerden eingereicht werden würden. Das Leistungsschutzrecht habe mit den Interessen der Kreativen überhaupt nichts zu tun, betonte Hoeren: "Es geht um ein Wirtschaftsrecht, um ein Verwerterrecht. Hier sieht man auch, wie das Urheberrecht verkommen ist von einem Kulturrecht, einem Recht der Kulturschaffenden zu einem reinen Rechtsinstrument zugunsten der großen Verwerter.""

NZZ, 08.03.2012

Andrea Gnam besichtigt voller Begeisterung die Austellung zu Claude Lorrain im Frankfurter Städel-Museum: "Was war da für ein Zauberer am Werk: Stimulieren seine 'verzauberten Landschaften etwas, das als inszenierte Seherfahrung über die Zeiten hinweg an kaum veränderte Grundbedürfnisse anzuknüpfen vermag? Oder aber hat Claude Lorrain Bilderfindungen geschaffen, die so wirkungsmächtig sind, dass sie (selbst wenn sein Name derzeit einem breiten Publikum nur noch unzureichend bekannt sein dürfte) bis heute im kollektiven Bildgedächtnis nachklingen, so dass das, was man sieht, wenn man tatsächlich vor den Originalen steht, zum beglückenden Wiedererkennen wird?"

Weiteres: Roman Hollenstein besucht die Werkschau des Architekten Luigi Moretti, dessen Gebäude den monumentalen Stil des italienischen Faschismus mit der Moderne verbinden. Ronald Gerste berichtet von der Restauration der Magna Charta.

Besprochen werden Dominik Molls Literaturverfilmung "Le Moine", Steve McQueens Film "Shame" und Bücher, darunter ein Gedichtband des koreanischen Autors Choi Seung Ho (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 08.03.2012

Rüdiger Suchsland spricht mit Christian Petzold, der fünfzig Jahre nach dem "Oberhausener Manifest" keine Großfronten mehr im deutschen Film sieht, sondern vielmehr "viele kleine falsche Dinge", gegen die sich auch kein großes Manifest mehr schreiben ließe: "Die Sehnsucht nach dem großen Manifest führt zu Joachim Gauck. Hinter all dem steckt eine sehr deutsche Vereinfachungssehnsucht. Die Verhältnisse sind aber heute anders. Ich finde, der deutsche Schrei nach 'dem' Manifest, oder 'dem' Hauptstadtfilm oder 'dem' Staatsoberhaupt, das eben kein Schnäppchenjäger ist, oder eben nach dem Vater, den man dann endlich 'ermorden' kann, damit man eine Identität bekommt - das ist alles so autoritätshörig! Das Kino muss viel spielerischer sein. Dieses Land ist noch nicht gefilmt."

Weitere Artikel: Olivier Guez tummelt sich bei einer Großveranstaltung des Front National in Châteauroux unter Rechtsgesinnten aller Façon. Hannes Hintermeier trifft sich in Hannover mit Bettina Radatz, Ex-Mitarbeiterin von Gerhard Schröder und Christian Wulff, die jetzt Hannover-Politkrimis schreibt. Gina Thomas blättert in Anweisungen der Olympischen Spiele in London an das Hilfspersonal, dem erläutert wird, wie es gegenüber Homosexuellen oder Homophoben auftreten soll, und fühlt sich an Orwellsches "Neusprech" erinnert. Andreas Kilb empfiehlt den Besuch der Fritz-Lang-Retrospektive im Berliner Zeughauskino schon auch deshalb von Herzen, da viele Lang-Filme auf DVD nur per Import erhältlich sind. Jan Brachmann hat sich Barrie Koskys Pläne für die Komische Oper in Berlin angehört. Christian Wildhagen schreibt den Nachruf auf den Filmkomponist Robert Sherman, der die Musik für zahlreiche Disney-Klassiker schrieb, darunter auch dieses Stück:



Besprochen werden Steven Soderberghs neuer Film "Haywire", neue Schallplatten und Bücher, darunter "Im schönsten Fall" von Angela Krauß (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 08.03.2012

Akira Takayama stellt sein unter den Eindrücken der Fukushima-Katastrophe konzipiertes Theater-Kunstprojekt "Referendum Project" vor. Jan Füchtjohann ist tendenziell gelassen, was die Google- und Facebook-Filter betrifft, die aus der Analyse des Nutzerverhaltens Suchergebnisse individuell zuschneiden, doch machen ihm die Datenakkumulationen dahinter Sorgen. Maxi Koemm erklärt das Konzept der deutschen Schuldenbremse. "Ein Meisterwerk der klassischen Moderne und des Funktionalismus", schwärmt Klaus Brill beim Besuch der restaurierten Villa Tugendhat. Nina Hoss und Christian Petzold plaudern über ihren neuen Film "Barbara". Johan Schloemann erlebt bei der Verabschiedung des Historikers Lothar Gall in München ein "Hochamt des Historismus".

Besprochen werden Steven Soderberghs neuer Actionfilm "Haywire", Dennis Gansels neuer Film "Die vierte Macht" und Javier Marias' Roman "Die sterblich Verliebten" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

Zeit, 08.03.2012

Jens Jessen gibt den Krieg in Afghanistan verloren, und damit irgendwie auch die Frauen und Mädchen wie die aufgeklärten Männer: "Die Illusion des Westens bestand in seinem naiven Materialismus, der von einer Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse eine demokratische Kultur und von dieser auch gleich Pluralismus, Toleranz und aufgeklärte Religion erwartete. Die Kultur hielt der Westen für den weichen Faktor, der den harten ökonomischen Faktoren folgt. Heute wissen wir: Es ist umgekehrt. Die Kultur ist der harte Faktor."

Weiteres: Marie Schmidt bringt gegen die Heidi Klums dieser Welt und die Dressur des weiblichen Körpers die britische Feministin und Bloggerin Laurie Penny ins Spiel. Der Soziologe Armin Nassehi denkt über die monarchische Rolle des Bundespräsidenten nach. Tobias Gohlis besucht Fred Vargas in Paris, deren neuer Krimi "Die Nacht des Zorns" demnächst erscheint und deren Schaffen sich in die Phasen "Rausch und Schufterei" aufteilt, wie sie ihm verrät.

Besprochen werden unter anderem Christian Petzolds "Barbara", Christof Loys Inszenierung von Leos Janaceks "Jenufa" an der der Deutschen Oper Berlin und Jörg Baberowskis Stalin-Buch "Verbrannte Erde", das Karl Schlögel sehr eindringlich vor Augen führte, dass Menschen morden, nicht Ideen (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).