Heute in den Feuilletons

Im Gehör-Tunnel des Netzes

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.03.2012. Die taz porträtiert den neuen Intendanten der Komischen Oper Berlin Barrie Cosky und lässt sich von ihm über die Genetik der Oper informieren. Die FR erzählt, wie der Guardian seine Leser an der Findung von Themen beteiligt. Die New York Times liest Kindle Singles. Die FAZ hört klassische Musik im Netz. Die SZ beklagt den Verfall der Drastik und der Subkultur

Tagesspiegel, 09.03.2012

Die Frauen werden ihren Weg schon machen, meint Caroline Fetscher in der Tagesspiegel-Serie zum Thema Frauenquote: "Immer mehr Mädchen machen Abitur, immer mehr studieren. Immer mehr Jungen hingegen sind verhaltensauffällig und lernschwach, zutiefst verunsichert vom rasanten Umbruch der Gesellschaft."
Stichwörter: Frauenquote

Weitere Medien, 09.03.2012

Dwight Garner untersucht in der New York Times das neue journalistsiche Genre des Kindle Singles, also der (zumeist bei Amazon veröffentlichten) Reportage, die zu lang für ein Magazin und kürzer als ein Buch ist. Es bringt unter adnerem den Vorteil, dass man schneller sein kann als mit Büchern: "We're destined to see many books about the Italian cruise liner Costa Concordia, which struck a rock off Tuscany on Jan. 13 and lurched onto its side. But John Hooper, a Rome-based correspondent for The Economist and The Guardian, is here with 'Fatal Voyage: The Wrecking of the Costa Concordia' ($1.99), the first wide-angle account of these events."

FR/Berliner, 09.03.2012

Auf der Medienseite berichtet Jonas Rest, dass der Guardian seine Leser jetzt online mitverfolgen lässt, welche Themen in die Zeitung des nächsten Tages kommen. Der Guardian hofft auf Unterstützung durch ihre Leser: "Guardian-Reporter Paul Lewis wurde während der Krawalle in London gar von tausenden Twitter-Nutzern durch die Straßen gelotst, die ihn auf dem Laufenden hielten, wo etwas passierte. Wichtiger noch als Hinweise zu aktuellen Geschichten, sagt Roberts, sei die Glaubwürdigkeit, die der Guardian dadurch gewinne, dass er mit der Themenliste zur Diskussion stellt, worüber berichtet wird: 'Im Internet-Zeitalter sind die Mainstream-Medien eben nicht mehr die alleinigen Überbringer von Nachrichten - und es wird genau registriert, welche Themen von uns ignoriert werden.'"

Weiteres: Erik Franzen beschreibt, wie das NS-Dokumentationszentrum in München nach den Querelen um Gründungsdirektorin Imrtrud Wojak allmählich Gestalt annimmt. Christian Thomas huldigt den künstlerischen Großtaten des Lionel Messie. Markus Schneider gratuliert John Cale zum Siebzigsten.

Besprochen werden Klaus Sterns Doku "Versicherungsvertreter" über den Finanzvertrieb des Mehmet Göker und Helge Timmerbergs neues Abenteuer "African Queen".
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TAZ, 09.03.2012

Niklaus Hablützel porträtiert Barrie Kosky, den neuen Intendanten der Komischen Oper Berlin, der am Dienstag das Programm seiner ersten Spielzeit vorstellte und Oper als "genetische Evolution" begreift. "Das Spektakel ist kein Selbstzweck. Kosky sagt, Monteverdi sei 'die DNA der Oper'. Alles, was danach kam, sei hier angelegt."

Weiteres: Helmut Höge beschäftigt sich mit jüdischen Witzen und der Theorie: je unterdrückter eine Bevölkerungsgruppe, desto schärfer ihre Witze. Besprochen werden das Album "Brighter" des dänischen Trios WhoMadeWho, das Doppelalbum "Shangaan Shake" des Londoner Labels Honest Jon's, das Musiker aus Detroit, Chicago, London und Berlin auf Musik aus Südafrika treffen lässt, und Jörg Baberowskis Gewaltgeschichte des stalinistischen Terrors "Verbrannte Erde" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 09.03.2012

Sven Felix Kellerhoff berichtet über lokalpolitische Querelen um das in München geplante NS-Dokumentationszentrum. In der Leitglosse fragt Henryk Broder, warum deutsche Bundespräsidenten nie Hunde haben. Jan Küveler war dabei, als Christian Kracht in Zürich aus seinem Roman "Imperium" las. Tilman Krause schreibt zum Tod des letzten George-Jüngers und Castrum Peregrini-Herausgebers Manuel Goldschmidt. Anne Waak schreibt über die Deutschlandtournee der Tindersticks.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Thomas Ruffs Fotografien im Münchner Haus der Kunst, die "45 Malereien von 34 Künstlern" in der Berner Kunsthalle.

NZZ, 09.03.2012

Manuel Gogos lernt vom Philosophen Nikos Dimou, warum die Griechen so sehr unter der aktuellen Krise leiden: Immerzu werden sie mit ihrer glorreichen Vergangenheit konfrontiert oder verweisen selbst auf ihre grandiosen Vorfahren - um dann ganz profan an der Bürokratie zu scheitern: "Ausgerechnet den Griechen, den 'Erfindern' des Guten, Schönen, Wahren, wird heute die Fähigkeit zur Bildung von 'Wertschöpfungsketten' abgesprochen. Wenn aber die Wirtschaft eines Landes nichts mehr taugt, dann hat es seine Satisfaktionsfähigkeit verloren. Da werden ihm die großen Orden vom Revers gerissen ('Mathematik!', 'Gymnastik!', 'Demokratie!'), die bürgerlichen Rechte der Europäischen Union aberkannt und wird ein Vormund eingesetzt, ein Kurator, der den griechischen Patienten Rosskuren unterzieht - Europas 'kranker Mann' sitzt heute an der Ägäis."

Weiter Artikel: Wojciech Czaja erzählt von der restaurierten Villa Tugendhat in Brünn. Besprochen wird eine Polt-Ausstellung in München, Bruce Springsteens neues Album "Wrecking Ball" und ein Remix der Operette "Fledermaus" im Theater Chur sowie Peter Habers Studie zur Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr.)

FAZ, 09.03.2012

Einerseits hocherfreut ist Julia Spinola darüber, dass der Anteil gehörter "Kunstmusik" in Webradios wesentlich höher ist als beim althergebrachten UKW-Empfang, andererseits gruselt es sie dann doch etwas vor den Algorithmenradio-Angeboten wie Aupeo oder Iceberg Radio, die Playlists anhand von Nutzervorlieben zusammenstellen: "Wenn im Gehör-Tunnel des Netzes jedoch Widerständigkeiten zunehmend ausgeschaltet werden, wenn das durch die eigenen Präferenzen erzeugte Potpourri auf der einen Seite zwar Musik vorstellt, die dem Hörer vorher unbekannt war, diese Folge aber andererseits doch bloß passgenau auf seine musikalische Wohlfühl-Struktur reagiert - woran sollte er dann jene Kriterien schärfen, die ihm eine sinnvolle Auswahl überhaupt ermöglichen?" Hier, glaubt sie dann immerhin doch, könnten sich der "traditionellen Musikkritik" vielleicht doch "neue Aufgaben und auch Chancen" auftun.

Weiteres. Weil sich auf der Zürcher Lesung von Christian Krachts "Imperium" so gar kein Lüftchen zum vorangegangenen Skandal um Georg Diez' Rezension des Buchs im Spiegel regen wollte, rollt Jürg Altwegg nun die ganze Vorgeschichte nochmals auf. Sabine Frommel inspiziert den Erweiterungsbau der Bibliotheca Hertziana in Rom. Jürgen Kaube bringt Hintergründe zu einem Machtkampf hinter den Kulissen des Marbacher Literaturarchivs. Volker Corsten begutachtet die neue "Sammlung Moderne" des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

Besprochen werden Dennis Gansels neuer Film "Die vierte Macht" und ein illustrierter Band mit Gedichten von Gottfried Benn (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

SZ, 09.03.2012

In der Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken über das "Cinema of Transgression", also über den New Yorker Underground-Film der 80er Jahre, ist Jörg Heiser in eine Zeit gereist, in der das Schockpotenzial von Sex und Gewalt noch medial randständig, dafür in den Metropolen allgegenwärtig war: "Medienhysterie lösen (heute) allenfalls Präsidenschaftskandidaten mit traurig-biederem Sexsucht-Problem und Präsidenten mit Schnäppchenjäger-Mentalität aus. Derweil ist die Drastik selbst längst verlorenes Kulturgut und gehobene Unterhaltung zugleich geworden, zu Hause in der Hipster-Werbung, im frei zugänglichen Online-Porno-Portal, im Regietheater, im Autorenkino. Mit anderen Worten: überall. Und damit zugleich entwertet. Die künstlerischen Phantasien müssen sich neu formieren. Umso aufschlussreicher, noch einmal zu sehen, wie alles anfing."

Weiteres: Der Historiker und Gedenkstättendirektor Volkhard Knigge plädiert dafür, dass Gerichte sich im Namen objektiver Quellenforschung nicht in die Deutung von nationalsozialistischen und stalinistischen Verbrechen einmischen sollten. Reinhard Brembeck kann sich der "Mischung aus Zurückhaltung, Intimität und Magie" beim Konzert des Pianisten Gregorij Sokolow kaum entziehen. Susan Vahabzadeh spricht mit Steven Soderbergh über dessen neuen Film "Haywire". Petra Steinberger schreibt über Debatten unter Geowissenschaftlern, unsere Erdenepoche in Anthropozän umzubenennen. Enver Robelli liefert Hintergründe zu den Kontroversen in Kroatien über den neuen Dokumentarfilm "Tudjman und Milosevic - Der vereinbarte Krieg?". Diedrich Diederichsen gratuliert dem Musiker John Cale zum 70. Geburtstag. Bei Christian Krachts "Imperium"-Lesung in Zürich gab es weder einen Eklat noch eine Stellungnahme, berichtet Susanne Gmür.

Besprochen werden Bernd Cailloux' 68er-Selbstparodie "Gutgeschriebene Verluste" und eine neue Machiavelli-Biografie von Volker Reinhardt (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).