Heute in den Feuilletons

Erzakademisch, wohlerzogen und lieb

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.12.2011. In der FAZ veranstaltet Sahra Wagenknecht eine machtvolle Manifestation ihrer Rezepte gegen die Eurokrise. Die SZ analysiert den Nerdbegriff der Piraten. Gawker schildert, wie Amazon seine Kunden zu Spitzeln macht. Die taz findet Jena lieb. Zu lieb. In der NZZ wünscht sich Marko Martin ein bisschen vom Licht der Aufklärung auch für Lateinamerika.

Aus den Blogs, 08.12.2011

In den USA ist Amazon jetzt auf eine besonders miese Geschäftsidee gekommen, um den Buchladen um die Ecke auszuspionieren, meldet Gawker: "Apparently concerned that it's not already doing enough to undermine local physical retailers across the country, Amazon.com announced it will pay customers up to $5 to go into a local store, scan an item, walk out, and buy the same item on Amazon."
Stichwörter: Amazon, Gawker, USA, Country

Welt, 08.12.2011

Ulf Poschardt kann im Aufmacher seine Bewunderung für den Überraschungscoup des SPD-Parteitags mit der Farbe Purpur (die im Fernsehen mehr wie Pink aussah) nicht ganz verhehlen. Manuel Brug breitet in der Leitglosse genüsslich Opernklatsch aus Darmstadt (Intendant schasst die singende Lebensgefährtin des Generalmusikdirektors, nachdem dieser den singenden Gatten des Intendanten nicht beschäftigte) und andern Häusern auf. Wolf Lepenies empfiehlt den auf Französisch erschienenen Briefwechsel zwischen Leon Blum und Andre Gide zur Lektüre. Michael Pilz weist die Welt-Leser in die Schönheiten des Black-Metal-Genres ein.


Besprochen werden Nanni Morettis neue Komödie "Habemus Papam" mit Michel Piccoli als Papst (mehr hier), der Film "The Perfect Sense" (mehr hier), in dem Eva Green und Ewan McGregor nicht am Verlust der Sinne verzweifeln, und eine Dokumentation über Rolf Eden (mehr hier).

FR/Berliner, 08.12.2011

Von "perfekten Momenten" abstrakter Elektronik, experimenteller Geräuschcollagen und nihilistischen Lärms schwärmt Jens Balzer, der zum Digital Festival nach Madeira reisen durfte. Daniel Kotheschulte erinnert an den ersten Magier des Kinos, Georges Melies, der vor 150 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden unter anderem Nanni Morettis Vatikan-Film "Habemus Papam", Chris Millers Animationsfilm "Gestiefelter Kater" und Stephane Poulins Bildergeschichte "Im Land der verlorenen Erinnerung".
Anzeige
Stichwörter: Jens Balzer, Lärm, Vatikan

Weitere Medien, 08.12.2011

Stephen Colbert in Höchstform - ab 3.30' hat der arme Donald Trump darunter zu leiden (und am Ende kommt eine Ankündigung, die man jetzt schon nur großartig finden kann!)

Stichwörter: Donald Trump

NZZ, 08.12.2011

Marko Martin galoppiert durch die Geschichte der lateinamerikanischen Literatur und konstatiert zu den diversen politischen Krisen: "Angesichts dieses Tohuwabohus bleibt weiterhin Mario Vargas Llosa, was oft unterschätzt wird, einer der ganz wenigen Schriftsteller-Intellektuellen, die sowohl das 'pralle' Geschichtenerzählen wie auch das kühle Analysieren meistern auf einem Kontinent, der in der Tat das Licht der rationalen Aufklärung noch nicht erblickt hat - und in diesem Sinne wohl tatsächlich bis heute laicht und brodelt a la Graf Keyserling. Oder wie Octavio Paz in seinem 'Labyrinth der Einsamkeit' schrieb: 'Jede Kritik Mexikos muss mit einer Kritik der Pyramide beginnen.'"

Auch Andrea Köhler berichtet jetzt, dass die USA einen Kunstfälscherskandal haben: Die bisher renommierte New Yorker Galerie Knoedler & Company hat etliche Bilder verkauft, die nicht wirklich von Pollock, Motherwell oder Rothko gemalt waren (mehr in der New York Times).

Besprochen werden eine Ausstellung des Designers Ettore Sottsass im Düsseldorfer Keramikmuseum, Thomas Knubbens Spurensuche "Hölderlin", Volker Brauns Erzählung "Die hellen Haufen" und der Fotoband "Kinski" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 08.12.2011

Vid Silber porträtiert die Stadt Jena, die in den Ruch kam, Brutstätte des rechten Terrors zu sein. Nazis hat Silber dort aber nicht getroffen, nur Studenten: "Die Stadt ist erzstudentisch, erzakademisch, wohlerzogen und lieb. Zu lieb. Jena ist so lieb, dass man nicht einmal den Punks in der Innenstadt ihre Subversion abkauft. An der grundsätzlich braven Attitüde können auch selbst die ungezogenen Schmierereien der Fußballfans nichts ändern. Insgesamt ist Jena eine so studierte Stadt, dass man sich fragt, ob es dort überhaupt Mittelschulen gibt."

Weiteres: "Unbegreiflich" findet es Klemens Ludwig, dass Altkanzler Helmut Schmidt als "moralischer und intellektueller Leuchtturm der Nation" gilt. Besprochen werden die Doku "The Big Eden" über den Berliner Nachtclubbesitzer Rolf Eden, Tate Taylors zuckriger Mississippi-Film "The Help", Alex de la Iglesias' Film "Mad Circus" über unbewältigte Konflikte der Franco-Diktatur, die DVD von Lee Chang-Dongs "Poetry" und eine Biografie des Historikers Robert Gerwarth über den SS-Mann Reinhard Heydrich (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

SZ, 08.12.2011

Die Piraten sprechen zwar die Nerds an, aber Nerds sind heute doch fast alle, meint Hannah Beitzer, die den Bundesparteitag der Piraten beobachtet hat: "Der Nerdbegriff geht bei den Piraten auch weit über das hinaus, was er ursprünglich einmal bedeutete. Ein Nerd ist nicht mehr nur der Computerfreak, sondern jeder, der irgendwie nicht in herkömmliche Schemata passt. Es ist jemand, der anders denkt und handelt als der Rest. Und mal ehrlich: Wer fühlt sich da nicht angesprochen? Eigentlich hält sich doch jeder halbwegs intelligente Mensch für irgendwie anders, irgendwie nicht konform."

Weitere Artikel: Die steten Vergleiche Griechenlands mit dem Zustand der DDR kurz vor der Wiedervereinigung lassen Alex Rühle ein Gedankenexperiment spinnen, was wohl gewesen wäre, hätten "die führenden Wirtschaftskräfte schon 1990 ähnlich dreist mitregiert (...), wie sie das heute tun." Fritz Göttler stellt eine Filmreihe zum jungen mexikanischen Kino im Münchner Filmmuseum vor. Susan Vahabzadeh unterhält sich mit Nanni Moretti über dessen neuen Film "Habemus Papam". Helmut Kerscher berichtet über einen Vortrag von Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, über Kleists "Michael Kohlhaas" vor vollem Saal in der Uni Freiburg.

Besprochen werden Alex de la Iglesias' Film "Mad Circus", Karl Markovics' Regiedebüt "Atmen", die Michael-Majerus-Retrospektive im Kunstmuseum Stuttgart, eine Aldi-Ausstellung im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum und eine Brot-Ausstellung im Mannheimer Technoseum sowie Bücher, darunter Jürgen Lodemanns Roman "Salamander" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 08.12.2011

Als Repräsentantin einer Partei, die schon einmal ein "besseres Deutschland" verkörperte, nennt Sahra Wagenknecht heute in der FAZ ihre Rezepte gegen die Eurokrise: "Banken und Versicherungen in Europa müssten bei einem solchen Schuldenschnitt staatlich rekapitalisiert werden. Den dadurch als Eigentümer gewonnenen Einfluss können die Staaten aber nutzen, um die Großbanken zu verkleinern und ihr Geschäftsmodell zu verändern. Ergebnis sollte ein strikt regulierter Bankensektor sein, der seine Aufgabe als Diener der Realwirtschaft wieder wahrnimmt. Das Geld für die Rekapitalisierung wäre durch eine einmalige europaweite Abgabe auf Vermögen oberhalb eine Million Euro zu beschaffen." Ah ca ira!

Der Bevölkerungsschwund in Mecklenburg-Vorpommern ("Der pommersche Teil darf abschnittsweise sogar schon als entvölkert gelten") freut zwar den dort wieder heimisch werdenden Elch, macht den Theaterbühnen vor Ort aber doch sehr zu schaffen, informiert Jan Brachmann. Michael Martens liefert Hintergründe, warum man in Griechenland Mazedonien nicht Mazedonien genannt sehen will.

Besprochen werden Biljana Srbljanovics Theaterstück "Das Leben ist kein Fahrrad" am Schauspielhaus Bochum, die Gastkuration von Jean-Marie Gustave Le Clezio im Louvre, die Ausstellung "Bigger Than Life" über jüdische Exilanten im frühen Hollywood im Jüdischen Museum Wien, ein Sampler mit Soul-Interpretationen von Beatles-Stücken, eine Ausstellung mit satirischen Zeichnungen von Tomi Ungerer im Caricatura Museum in Frankfurt a.M., der Film "The Help" und Bücher, darunter ein Band mit Zeichnungen von Rene Kemp (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 08.12.2011

Iris Radisch verabschiedet Christa Wolf, die sie als ganz und gar unmoderne Schriftstellerin bewundert: "Moderne Literatur sorgt sich um den Einzelnen, mit dessen Einsamkeit sie sich abgefunden hat; die Literatur, für die Christa Wolf zu Recht berühmt ist, sehnt sich nach Überwindung seiner Einsamkeit. Sie hat, ob es gefällt oder nicht, eine höhere Herzfrequenz und einen weiteren Horizont." Außerdem schreiben zu Christa Wolf Evelyn Finger und Christoph Dieckmann.

Weiteres: Angela Köckritz berichtet, wie sehr Ai Weiwei von diesem Jahr mitgenommen ist: "Ich glaube, ich werde bald ausgebrannt sein." Ijoma Mangold besucht West-Berlins Oberplayboy Rolf Eden, über den Peter Dörfler nun den Dokumentarfilm "The Big Eden" gedreht hat. Als hätte die Zeit nichts mit dem Comebackversuch zu tun, erklärt Thomas Assheuer, dass auf einen Karl-Theodor zu Guttenberg eigentlich nur Agenda2010-Verlierer, Demokratieaussteiger und Nationalkonservative ihre Hoffnungen setzen. Christoph Dallach interviewt Michael Stipe zum nächsten letzten Album von R.E.M..

Besprochen werden eine Ausstellung der Fotografin Gundula Schulze Eldowy in der C/O Galerie in Berlin und ein Band mit Interviews von Andre Müller, "Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Außerdem erscheint heute eine weitere Literaturbeilage der Zeit. Im Musikspezial feiert Thomas Groß huldigt Frankreich heiliger Familie, den Gainsbourgs, die mit Lulu nun Serges jüngsten Sohn an den Start bringen.