Heute in den Feuilletons

Die Traurigkeit eines Curtis Mayfield

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.12.2011. Hurra, F. Scott Fitzgerald ist tot - und das seit siebzig Jahren. Und damit werden die Rechte frei, und überall blüht der Gatsby auf Bühnen und in Büchern, berichtet die Welt. Die NZZ preist die HipHopper von The Roots. In der SZ spricht  Hans-Ulrich Wehler über die Eurokrise. Vergesst den Feminismus nicht, ruft die FAZ den jungen Frauen zu. Bitter schmeckt der Sieg der Islamisten in Ägypten der Welt und Achgut.

Welt, 09.12.2011

Wer immer schon ahnte, dass das jetzige Urheberrecht die Auseinandersetzung mit Kunst eher behindert statt fördert, wird durch Matthias Heine bestätigt. F. Scott Fitzgerald ist vor siebzig Jahren gestorben, die Rechte werden frei. Schon blühen die Neuübersetzungen des "Großen Gatsbys", und allenthalben werden in Theatern Dramatisierungen des Romans angesetzt. Vorher ging das gar nicht: "Die Erben Fitzgeralds waren besonders unerbittliche Wachhunde. Jedwede Dekonstruktion der Geschichte, wie sie in deutschen Theatern normal ist - in der Frankfurter Fassung wird der Erzähler Nick Carraway von gleich vier Männern gespielt - haben sie untersagt. Und Dramatisierungen ließen sie - etwa 1999 bei John Harbisons Oper - nur zu, wenn es nach richtig viel Geld roch."

Weitere Artikel: Thomas Kielinger besucht die Wiener Library in London, die neu gestaltete "größte Bibliothek und Dokumentensammlung zur Erforschung des Holocaust". "Warum sind die achtzig Minuten so unsäglich öde?", fragt Ulrich Weinzierl in der Leitglosse, nachdem er Rene Polleschs neuestes Spektakel am Wiener Akademitheater gesehen hat. Marc Reichwein schreibt in seiner Feuilletonkolumne über Ratings in Feuilletons. Besprochen werden ein "Don Giovanni" unter Barenboim und mit Netrebko an der Mailänder Scala und die Ausstellung "Die Kunst der Entschleunigung" in Wolfsburg.

Die ägyptischen Islamisten werden sich nicht in die Logik westlicher Demokratien fügen ud rationale Poltik treiben, nur weil sie jetzt mit demokratischen Mitteln an die Macht kommen, befürchtet Richard Herzinger auf der Meinungsseite: "In Ägypten haben die Islamisten von den zersplitterten und schlecht organisierten säkularen Demokraten, die bereits jetzt wachsender Repression durch den herrschenden Militärrat ausgesetzt sind, kaum effektiven Widerstand zu befürchten. Die starke Konkurrenz vonseiten der Salafisten wird die Muslimbrüder eher dazu nötigen, ihre fundamentalistische Prinzipientreue unter Beweis zu stellen."

NZZ, 09.12.2011

Auf der Musikseite preist Jonathan Fischer das Album "Undun" der repolitisierten HipHopper von The Roots. Es erzählt die Geschichte eines Kleindealers aus Philadelphia, der mit 25 Jahren erschossen wird: "Die Traurigkeit eines Curtis Mayfield findet sich hier genauso wie der sezierende Blick Gil Scott-Herons. Viele der unterkühlt vorgetragenen Raps stecken dabei voller Anspielungen, dass sich ihr Sinn erst allmählich erschließen lässt. 'If you ever see me out in y'all streets', rappt Phonte in 'Kool On', 'find another one to occupy...' Der große Wall-Street-Kapitalismus hat in dem kleinen Straßendealer sein hässliches Ebenbild gefunden "



Besprochen werden außerdem Amy Winehouses CD "Lioness" mit ihren bisher unveröffentlichten Songs, die Madonnen-Schau "Himmlischer Glanz" in Dresdens Gemäldegalerie Alte Meister und der Saisonstart an der Mailander Scala mit Mozarts "Don Giovanni".

TAZ, 09.12.2011

Nachdem Franz X.A. Zipper den Wert des ersten postumen Albums fünf Monate nach dem Tod von Amy Winehouse zunächst bezweifelt, hält er es am Ende dann aber doch "von hohem dokumentarischem Wert": "'Wir haben hier keine Tupac-Situation', versichert Salaam Remi. Was der Produzent von Amy Winehouse damit meint, ist, dass der künstlerische Nachlass der Sängerin nicht ganz so schamlos ausgebeutet werden soll, wie es im Falle von Tupac Shakur geschah. Von dem US-Rapper, beziehungsweise von seinen verantwortungslosen Nachlassverwaltern, wurden noch ganze 25 Tupac-Alben veröffentlicht, nachdem er seinen Schussverletzungen erlegen war. So gesehen ist 'Lioness: Hidden Treasures' schon fast eine respektvolle Zusammenstellung des musikalischen Schaffens von Amy Winehouse."

Besprochen werden Karl Markovics Spielfilm "Atmen", laut Bert Rebhandl ein "einfacher, in den Details aber reicher und komplexer Film", das neue Album "Sie sind hier jetzt" des Köln-Berliner Duos Pirx und Jürgen Overhoffs Doppelbiografie über George Washington und Friedrich dem Großen (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.
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Aus den Blogs, 09.12.2011

"Gute Nacht, Ägypten", ruft Hannes Stein in achgut, der - anders als Richard Herzinger im Februar im Perlentaucher (hier) - zunächst nicht pessimistisch war angesichts des islamistischen Erstarkens im Land. Zugrundegerichtet wurde das Land allerdings nicht erst von den Islamisten. Unter König Faruk "war Ägypten noch angenehm korrupt - und weltoffen und liberal und multiethnisch; es lebten sogar noch ziemlich viele Juden in Kairo und Alexandria. Uralte Gemeinden übrigens; auch sie viel älter als der Islam. (Lektüretipp: 'The Man In The White Sharkskin Suit' von Lucette Lagnado.) Damit war es vorbei, als die Offiziere putschten und dieser widerwärtige Nasser an die Macht gespült wurde - ein Faschist, der Hitler bewunderte und in seinen Kriegen gegen Israel mit alten Nazis zusammenarbeitete. Das hinderte Nasser naturgemäß nicht daran, sich später mit der Sowjetunion zu verbünden."

Die Popkritiker von Pitchfork präsentieren in alphabetischer Reihenfolge ihre 40 Lieblingsmusikvideos von 2011 (hier etwas komfortabler für schwachbrüstige Computer). Dabei wird nicht nur erfolgreich die Inneneinrichtung demoliert, sondern auch der alltägliche Kampf gegen die Rolltreppe thematisiert:

SZ, 09.12.2011

Johan Schloemann unterhält sich eine ganze Seite lang mit dem Wirtschafts- und Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler über die Eurokrise: "Soll man ein basisdemokratisches Entscheidungsmodell vor Augen haben? Oder müssen die wichtigen Macher wie Merkel, Sarkozy, Monti und ein paar andere nicht doch institutionell in der Lage sein, die nötigen Veränderungen ins Werk zu setzen? Jeder weiß doch eigentlich, was wir brauchen: eine wirksame Schuldenbremse - und zugleich eine echte Regulierung der Finanzmärkte, die seit 2008 ansteht, aber noch immer nicht durchgesetzt wurde."

Weitere Artikel: Rudolf Neumaier collagiert historischen Quellen entnommene Zitate über die Seherin Louise Beck. Die Stockholmer Nobelpreislesung aus dem Werk und zu Ehren von Tomas Tranströmer fand Burkhard Müller "würdig und ehrenvoll", "ein bisschen traurig auch" (die Schwedische Akademie hat sie als Video ins Netz gestellt). Tobias Winstel empfiehlt die Gratiszeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte von der Bundeszentrale für politische Bildung. Franka Nagel referiert die Kultur- und Wissensgeschichte der lange als typisch weiblich eingeschätzten Hysterie.

Besprochen werden die "Don Giovanni"-Aufführung zur Eröffnung der Scala in Mailand und der Animationsfilm "Der gestiefelte Kater".

FAZ, 09.12.2011

Sexy ist das Etikett "Feministin" unter Frauen schon lange nicht mehr, beklagt Melanie Mühl nach Lektüre von Michele Rotens Buch "Wie Frau sein". Statt miteinander solidarisch für die gemeinsame Sache zu kämpfen, bestehen junge Frauen lieber darauf, sich jederzeit für alles frei entscheiden zu können - und im Zweifel eben auch für Brustvergrößerung, mehr Hausarbeit oder eingeschränkte Karriere: "Was Stärke suggerieren soll, ist aber in Wahrheit Schwäche. Eine gefährliche Schwäche, die direkt in den Stillstand führt. Schlimmer noch: Die Töchter des Feminismus geben nach und nach jenes gewonnene Terrain preis, für das sie nicht einmal kämpfen mussten und dessen Vorzüge für sie wie ein Geschenk vom Himmel fielen." (Neben dem Artikel: Ein großes Bild von Rolf Eden mit zwei halbnackten bunnies - Glückwünsche an die Bildredaktion für das wachsame Auge!)

Außerdem: Kerstin Holm wirft einen sorgenvollen Blick nach Russland, wo sich Polizei und Demontranten gerade für geplante Protestveranstaltungen gegen das mutmaßlich gefälschte Wahlergebnis wappnen. Das Lucerne Festival fand mit Maurizio Pollinis "fulminanten Interpretationen" von Liszt-Kompositionen einen "krönenden Abschluss", findet Christian Wildhagen. Ab 01. Januar sind auch die "großen Töchter" in der leicht umformulierten österreichischen Nationalhymne berücksichtigt, informiert Julia Spinola.

Besprochen werden Rene Polleschs "neunzig Nonsens-Minuten" dauerndes Stück "Die Liebe zum Nochniedagewesenen" am Wiener Akademietheater, die Ausstellung "Gesamtkunstwerk. New Art from Germany" in der Saatchi Gallery in London, der Porträtfilm "The Big Eden" über Rolf Eden und Bücher, darunter Nagib Machfus' Roman "Das junge Kairo" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).