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Heute in den Feuilletons

In diesem Applaus lag der Misston

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.12.2011. Jena ist empört. Aber nicht über den Rechtsextremismus in der Stadt, sondern über einen Fernsehbeitrag dazu und den Imageschaden für die Stadt, berichtet die FRAi Weiwei hat für Spenden Tausende von Schuldscheinen verschickt. Viele davon stehen jetzt im Netz, berichtet die Welt. In der taz erklärt der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof, was es heißt, permanent in Angst zu leben. FAZ und taz berichten über die erstaunlich breiten Proteste gegen Putin in Russland.

FR/Berliner, 07.12.2011

Aspekte hat einen Beitrag über Jena gebracht, "Angstzone Ost", in dem der Autor mit Migrationhintergrund Steven Uhly seine Angst bekannte, sich in den Neuen Ländern zu bewegen. Die Empörung in Jena war so groß, dass man eine öffentliche Diskussion ansetzen musste, berichtet Dirk Pilz. "Am Montag hat man sich im Theaterhaus Jena zusammengesetzt. Das ZDF bat um eine Podiumsdiskussion: 'Wie 'braun' ist Jena wirklich?' Der Saal war übervoll, man übertrug die Veranstaltung auf die Leinwand des Vorplatzes, auch übervoll. Jedes Statement wurde mit Beifall oder Buhrufen kommentiert. Christhard Läpple, Aspekte-Redaktionsleiter, fragt: 'Warum richten sich die Emotionen gegen einen Fernsehbeitrag und nicht gegen die rechtsextremen Täter?' (viel Buh)..."

Recht bitter liest sich eine Kolumne von Anetta Kahane, die sie (schon gestern) nach einem Konzert gegen die Neonazis in Jena geschrieben hat. 50.000 Leute waren da, alles war korrekt, und dennoch störten sie die Reden, denen es weniger um die Taten und die Opfer und die Umstände, die die Verbrechen möglich machten, ging, sondern vor allem um das Image der Region. Und das Publikum applaudierte. "Genau in diesem Applaus lag der Misston: Die Menschen hätten dem Image der Stadt, des Landes und des Ostens gedient, wäre das verdrängende Gerede als das empfunden worden, was es ist - eine unangemessene, eine zutiefst unanständige Reaktion auf den Tod von Menschen, die ihrer Herkunft wegen von Nazis ermordet wurden."

Björn Wirth schreibt über die Selbstrechtfertigungen Giovanni di Lorenzos nach dem Riesen-Guttenberg-Interview in der Zeit, das selbst Zeit-Lesern sauer aufgestoßen ist: "Die Zeit (habe) früher auch große Interviews mit Erich Honecker und Nicolae Ceausescu gedruckt. Was di Lorenzo nicht sagt: Auch davon waren die Leser damals nicht angetan. Und Karl-Theodor zu Guttenberg wird sich über diesen Hinweis auch nicht gerade freuen."

Besprochen wird Tate Taylors Film "The Help".

Welt, 07.12.2011

Ai Weiwei bedankt sich bei seinen Unterstützern, die vor gut einem Monat in einer Solidaritätsaktion fast eine Million Euro für angebliche Steuerschulden des Künstlers aufgebracht haben, mit selbst entworfenen Schuldbriefen, berichtet Johnny Erling. "29.434 Chinesen, die dem Künstler umgerechnet eine Millionen Euro überwiesen haben, werden alle solche Schreiben erhalten. Die meisten der Empfänger, die ihre in besonderen Umschlägen zugestellten Schuldtitel schon bekamen, haben ihre handsignierten Ai Weiwei-Orginale über Mikroblogs ins Internet gestellt. Manche machten vorsichtshalber ihre Namen unkenntlich. Andere sind aber so stolz, einen Schuldschein von Ai Weiwei zu besitzen, dass sie ihn wie ein kostbares Bild rahmen ließen."

Die Jane-Austen-Forscherin Paula Byrne will ein neues Porträt Austens (hier) entdeckt haben, meldet Thomas Kielinger, das Austen-Liebhaber eher zufriedenstellt als die bislang einzig bekannte Tuschezeichnung von Janes Schwester Cassandra (hier). Alan Posener ist unzufrieden mit den architektonischen Entwürfen für das geplante Vertreibungsmuseum in Berlin, sogar den Siegerentwurf von Marte.Marte findet er einfallslos: Ein "Block in der heute üblichen Sichtbeton-plus-Glas-Mache".

Besprochen werden Tate Taylors Film "The Help" (Hannes Stein findet es absurd, dass einige amerikanische Kritiker dem Film Rassismus vorwarfen), Anselm Webers Inszenierung von Biljana Srbljanovics Stück "Das Leben ist kein Fahrrad" in Bochum und die Ausstellung "Kulmhof - das unbekannte Vernichtungslager" im Berliner Centrum Judaicum.

NZZ, 07.12.2011

An den Universitäten wird wieder Talar getragen. Urs Hafner stellt klar, dass es dabei nicht um Tradition, sondern um Pomp geht: "Die 1460 gegründete Universität Basel hat ihre im Renaissancestil gestalteten Talare, die von der Reformation durch schwarze Roben ersetzt und um 1798 abgeschafft wurden, erst 1939 wieder eingeführt. Die im 19. Jahrhundert gegründeten Universitäten Bern, Freiburg, Genf und Lausanne haben ihre Talar-Traditionen um die Mitte des 20. Jahrhunderts gar erfunden oder konnten, zumindest theoretisch, an Traditionen aus ihrer voruniversitären Zeit als Akademien anknüpfen."

Weiteres: Ksenija Cvetkovic und Martin Sander berichten von Kontroversen um Nobelpreisträger Ivo Andric, dem die Bosnier zunehmend verargen, dass er sie in seinem Werk als "stur und unzivilisiert" darstellt. Axel Timo Purr trifft den Kameruner Fabien Didier Yene, der in seinem Buch "Bis an die Grenzen" die schlimmen Erfahrungen afrikansicher Migranten schildert.

Besprochen werden Idith Zertals Studie zum Holocaust im israelischen Gedenken "Nation und Tod" und Kinderbücher (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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TAZ, 07.12.2011

Cristina Nord hat den iranischen Filmemacher Mohammad Rasoulof getroffen, der in Berlin seinen Film "Good Bye" vorstellte, obwohl ihm im Iran eine Gefängnishaft droht: "Das ist der einzige Weg, in Iran zu überleben: Man versucht auf einer individuellen Ebene, das Leben, das man führen soll, einfach zu umgehen und sein eigenes Leben zu leben. Das führt aber zu einem Vertrauensverlust - man entwickelt ein Misstrauen gegenüber jedem Menschen, weil man dauernd in Angst lebt und immer besorgt ist, dass man doch zur Verantwortung gezogen wird, für etwas, was eigentlich zu den ganz basalen Lebensrechten jeder Person gehört."

Weiteres: Anlässlich der Nobelpreisverleihung in Stockholm empfiehlt Jan Scheper noch einmal nachdrücklich, Tomas Transtömer zu lesen: "Die Lektüre verlangt viel, beschenkt den, der sie unternimmt, aber reich." Besprochen werden Nanni Morettis Komödie "Habemus Papam", ein Konzert von Thurston Moore in der Berliner Volksbühne.

Auf den Tagesthemenseiten erzählt der russische Musikkritiker Artemij Troizkij im Gespräch mit Klaus-Helge Donath von den Protesten gegen die Wahlfälschungen: "Mir gefiel besonders, dass es nicht diese sogenannten Schizo-Demokraten waren. Alte Leute, die sich in den sechziger, siebziger Jahren ihre Dissidenten-Sporen verdient haben. Das ist ein sympathisches Publikum, nur hängt von ihnen überhaupt nichts mehr ab. Am Sonntagabend waren 80 Prozent fröhliche, sympathische und nüchterne Leute da, unter ihnen auch viele junge Frauen. Sie wollen ihre Jugend nicht an die Bankerbanditen vom Typ Putins verschwenden. Riesig habe ich mich gefreut."

Und noch Tom.

SZ, 07.12.2011

Nach dem Besuch der Ausstellung der vier für den Turner-Preis nominierten Künstler in Newcastle, ist Alexander Menden felsenfest überzeugt: "Dieser Jahrgang wird als stärkster der letzten zehn Jahre in Erinnerung bleiben." Lothar Müller plädiert gegen die Abschaffung der schnörkeligen Schreibschrift an deutschen Grundschulen. Sandra Danicke informiert über die Hintergründe des in Frankfurt als echter Raffael präsentierten Bildes von Papst Julius II., das bislang für eine Nachahmung gehalten wurde. Andrian Kreye portätiert den Discomusiker Nile Rodgers, dessen Autobiografie "Le Freak" er gerade gelesen hat (hier Robert Christgaus Rezension in der New York Times). Alan Asaid findet in alten Nobelpreis-Akten die Bestätigung dafür, dass Thomas Manns 1929 den Nobelpreis nicht für den "Zauberberg" erhalten hatte. Wolfgang Schreiber erliegt dem Charme des Dirigenten Yoel Gamzou und dessen Vollendungsversuch von Mahlers Zehnter.

Besprochen wird der Film "Habemus Papam" (den Rainer Gansera nicht besonders fand, auch wenn Michel Piccoli als unwilliger Papst "überragend" sei).

FAZ, 07.12.2011

So viele Proteste wie nach den Duma-Wahlen vom Wochenende hat es in Russland lange nicht mehr gegeben, schreibt Kerstin Holm und zitiert Intellektuelle wie den Blogger Alexej Nawalnyj: "Das politische Lifting auf 49 Prozent für die Kremlpartei wirke so überzeugend wie die kosmetische Verjüngung ihres Schöpfers Putin, der von seinen Kritikern gern als 'Herr Botox' verhöhnt werde, findet Nawalnyj. Da habe jemand andere an der Nase herumführen und wie ein Jüngling aussehen wollen, spottet Nawalnyj, doch das Ergebnis war ein Onkel mit lauter Bienenstichen im Gesicht."

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier hat NZZ (oder Perlentaucher, hier) gelesen und mokiert sich über die dort vorgestellte Internetseite theaterkritik.ch, die er vorschlägt in Korrupzick.ch umzubenennen. Hannes Hintermeier inspiziert die als "Greentowers" renovierten Türme der Deutschen Bank in Frankfurt. Auf der Medienseite berichtet Günther Platzdasch über Empörung in Jena, die sich aber nicht am Rechtsextremismus in der Stadt entzündete, sondern an einen Aspekte-Beitrag, der das Thema polemisch aufgriff.

Besprochen werden eine Dramatisierung des "Candide" im Münchner Residenztheater, Nanni Morettis Film "Habemus Papam", Choreografien VA Wölfls im Frankfurter Mousonturm, neue DVDs (unter anderem von "Apocalypse Now") und neue Bücher, darunter Josef Winklers "Die Realität so sagen..." (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).