Heute in den Feuilletons

Zerberstende Lebenswelten

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.11.2011. Wir sind bekanntlich gezwungen, im Kapitalismus zu leben. Die FR hat jetzt aber die Nase voll davon und auch von der Demokratie und hätte es gern anders nett. Jürgen Habermas stimmt in der FAZ Frank Schirrmacher zu und sieht die Demokratien in der Zerreißprobe zwischen Märkten und Gerechtigkeit. Selbst die Brasilianer wollen jetzt Flachbildschirme, klagt die SZ. Außerdem ist der Kapitalismus schuld an gurken- und amöbenförmiger Architektur, findet der Architekturhistoriker Vittorio Magnago Lampugnani in der NZZ.  Nur in der Welt warnt Niall Ferguson: Bitte keine Verliebtheit in das Autoritäre!

NZZ, 05.11.2011

Der Architekturhistoriker Vittorio Magnago Lampugnani wendet sich in Literatur und Kunst gegen die Mode der spektakulären Bauskulpturen, die durch Frank Gehrys Museum in Bilbao ausgelöst wurde und eine Menge Plagiatoren gefunden hat. Dank der durch Computer errechneten Statik nehmen die Gebäude die bizarrsten Formen an. Hauptsache, sie ignorieren die Umgebung. Schuld sind auch hier die üblichen Verdächtigen: "Zelt, Spirale, Amöbe, Muschel, Kristall, schiefes Prisma, Bügel und Gurke fügen sich nicht zu einem irgendwie gearteten Kontinuum zusammen, sondern wachsen nach den kapriziösen und teilweise undurchdringlichen Gesetzen des globalen Kapitalismus sowie der provinziellen Ad-hoc-Stadtplanung an allen möglichen und unmöglichen Stellen aus der Stadt empor, deren ruhige Normalität sie unwiederbringlich zerstören."

Außerdem in Literatur und Kunst: Laurent Stalder und Georg Vrachliotis würdigen den Architekten Franz Füeg "als Baukünstler und Theoretiker". Manuel Gogos erinnert an den griechischen Literaturnobelpreisträger Odysseas Elytis, der in diesen Tagen hundert Jahre alt würde. Und Karl-Markus Gauß liest die jüngst aufgefundenen und publizierten Erinnerungen des österreichischen Weltreisenden Christoph Carl Fernberger (um 1596-1653).

Im Feuilleton werden eine große Willem de Kooning-Retrospektive im New Yorker MoMA und ein "Siegfried" in Frankfurt besprochen. Und der in Deutschland lebende iranische Lyriker Said erinnert sich in der Kolumne "Whe the Music's over" an das erste Mal, als er Bob Dylan hörte.

Tagesspiegel, 05.11.2011

Berlin hat einen neuen Star, schreibt Martin Böttcher. Sie heit Aerea Negrot und "scheint eine Art Destillat aus vielen schrägen und einzigartigen Stimmen der letzten 50 Jahre zu sein, aus Nina Hagen und Klaus Nomi, aus Hildegard Knef und Yma Sumac, aus Laurie Anderson und Karen Mantler."

Hier singt sie:


FR/Berliner, 05.11.2011

Dirk Pilz und Friederike Schröter verabschieden die Demokratie. Taugt nichts mehr. Gesucht wird jetzt "eine alternative Gesellschaftsform zur Demokratie, die die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit, Presse- und Meinungsfreiheit wahrt, ohne zum Spielball der Weltprobleme zu werden. Ohne von den Finanzmärkten, den Umweltproblemen und weltweiten Migrationsbewegungen fremdgesteuert zu sein."

Besprochen werden die Ausstellung Arte Essenziale im Frankfurter Kunstverein und einige Bücher, darunter Christopher Hitchens' Autobiografie "The Hitch" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 05.11.2011

Niall Ferguson warnt im Gespräch mit Andrea Seibel aus aktuellem Anlass, dass Zivilisationen meist nicht langsam, sondern mit einem Kollaps enden. An das von Helmut Schmidt und anderen so gepriesene asiatische Modell will er trotzdem nicht glauben: "Niemals wird es eine Welt voller Singapurs geben. Man muss der Versuchung, der besonders die amerikanischen Westküsten-Intellektuellen erliegen, widerstehen. Bitte keine Verliebtheit in das Autoritäre!"

Außerdem geht Manuel Brug mit dem Countertenor Bejun Mehta essen. Im Forum fragt Alan Posener was wir ohne Rock'n'Roll wären? (Antwort: "trauriger".)

Die Literarische Welt bringt die Dankrede Albert Ostermaiers für den Welt-Literaturpreis, sowie eine Laudatio von Rachel Salamander und eine weitere durch den Schauspieler Dominique Horwitz.

Besprochen werden unter anderem Ian Kershaws Studie "Das Ende" über die Frage, warum die Deutschen Hitler bis zum letzten Moment die Treue hielten, neue Biografien über Friedrich den Großen und Olga Tokarczuks neues Buch "Gesang der Fledermäuse".

TAZ, 05.11.2011

Cristina Nord unterhält sich mit David Cronenberg über dessen neuen Film "Eine dunkle Begierde", der um die Beziehung zwischen Sigmund Freud, C. G. Jung und Sabina Spielrein kreist. "Mit nachgerade revolutionärem Elan" schritt eine begeisterte Kirsten Riesselmann aus dem Dokumentarfilm "Nosotros del Bauen", der im Rahmen des Filmfestivals "Globale" gezeigt wird. Carolin Pirch lässt sich von dem Pianisten Fazil Say erklären, wie er sich auf ein Konzert vorbereitet. Waltraud Schwab unterhält sich mit der Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz ausführlich über Geschichte und Wesen des Feminismus. Jens Uthoff porträtiert Kathrine Switzer, die Anfang der 70er Jahre durchsetzte, dass in den USA auch Frauen am Marathon teilnehmen können. Karin Schädler erklärt erschöpfend, was liberale Muslime, traditionelle Muslime, Medien und alle andern auch falsch machen in der Diskussion um eine andere Auslegung des Koran.

Besprochen werden die Ausstellung "Fiktion Okzident" im Ausstellungszentrum Tophane-i-Amire in Istanbul und Bücher, darunter Marc Degens' Roman "Das kaputte Knie Gottes" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

FAZ, 05.11.2011

Papandreou wollte die Griechen darüber abstimmen lassen, ob sie bereit sind, ihre Schulden zu bezahlen. Frank Schirrmacher konnte die Empörung über die Idee des Referendums, das er als einen Sieg der Demokratie über den Markt begriff, nicht nachvollziehen. Jürgen Habermas stimmt ihm heute zu: "Heute sind die politischen Eliten einer Zerreißprobe ausgesetzt. Beide driften auseinander - die Systemimperative des verwilderten Finanzkapitalismus, den die Politiker selbst erst von der Leine der Realökonomie entbunden haben, und die Klagen über das uneingelöste Versprechen sozialer Gerechtigkeit, die ihnen aus den zerberstenden Lebenswelten ihrer demokratischen Wählerschaft entgegenschallen."

Weitere Artikel: Jordan Mejias berichtet über große Sympathiewerte für die Occupy Wall Street-Bewegung in amerikanischen Umfragen. Für seine Gastrokolumne speist Jürgen Dollase im Kölner Restaurant Moissonnier von Eric Menchon. In der Reportage auf der letzten Seite schildert Uwe Ebbinghaus, wie sich eine Achtzigjährige mit ihrer beginnenden Alzheimererkrankung auseinandersetzt.

Besprochen werden "Hoffmanns Erzählungen" in München, Rossinis "La Donna del Lago" an der Mailänder Scala und Bücher, darunter Douglas Couplands Roman "JPod" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Bilder und Zeiten bringt eine lyrische Hommage Durs Grünbeins auf Christian Morgenstern. Dimitrios Kisoudis schreibt über den Einfluss Carl Schmitts in Spanien. Jörg Wittkewitz interviewt den im amerikanischen Exil lebenden chinesischen Autor Bei Ling über die Macht des Internets in China, und obwohl nur zehn Prozent der Chinesen einen eigenen Zugang zum Netz haben, meint er: "Aber trotzdem können gerade die zehn Prozent, die einen privilegierten Zugang haben, eine Menge ändern. Sie könnten der Kern einer Protestbewegung oder gar einer Revolution werden." Mark Siemons begutachtet Produkte der südkoreanischen Popkultur, die in ganz Asien Erfolge feiern. Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's unter anderem um Lieder von Grieg, eingesungen von Marianne Beate Kielland.

Für die Frankfurter Anthologie liest Harald Hartung ein Gedicht Ilse Aichingers - "Teil der Frage:

Hoch auf dem Platze steht das Wasser,
die Luft steigt noch in Blasen,
doch was sie singen,
dringt nicht mehr zu mir.
(...)"

SZ, 05.11.2011

Endlich haben die Kinder der 68er mit der erstarkenden Piratenpartei eine eigene Bewegung, schon meckern die Alten: Die haben ja kein Programm. Genau das ist der Punkt, erklärt die 29-jährige Hannah Beitzer in der SZ am Wochenende: "Junge Leute finden die Piraten gut, weil die ihr Parteiprogramm online zusammen entwickeln, weil man mitreden kann, weil es dort nicht heißt: Hier ist unser Programm, hier ist unser Führungspersonal: friss oder stirb."

Außerdem: Rebecca Casati trifft die 1974 geborene amerikanische Autorin und Filmemacherin Miranda July und erlebt sie als perfektes Rollenmodell ihrer Generation: Eine "die ratlos rüberkommt und selbstbewusst redet". Ex-Wikileaks-Aktivist, Ex-Chaos-Computer-Club-Mitglied und Ex-Twitterer Daniel Domscheit-Berg erklärt im Interview, was ihn von Julian Assange unterscheidet: "Ich glaube an etwas wie pro Transparenz und pro Whistleblowing. Julian glaubt an so was wie Anti-Geheimhaltung. Das ist eine ganz andere Sache."

Für das Feuilleton besucht Sebastian Schoepp eine Vortragsreihe des Potsdamer Instituts für Nachhaltigkeitsforschung, die am Beispiel Lateinamerikas der Frage nachgeht, ob eine Modernisierung ohne Verwestlichung erreichbar sei. Etwa, indem man wie Ecuador den Umweltschutz in die Verfassung aufnimmt. Die Brasilianer allerdings wollen davon eher nichts wissen, so Schoepp: "Die zu Geld kommende, wachsende Mehrheit giert nach Flachbildschirmen und nach ausreichend Strom dafür - aus den neuen Großkraftwerken am Amazonas."

Weitere Artikel: Mit der Wiedereröffnung des Mumok und dem Bau einer zusätzlichen Ausstellungsstätte sieht Gottfried Knapp ein gutes Jahr für die Moderne Kunst in Wien heraufdämmern. Christian Cadenbach unterhält sich mit Martin Gretschmann, der als DJ Acid Pauli die Berliner Technoszene auch mal mit "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei" in Verzückung versetzt. Joseph Hanimann wirft einen Blick in französische Zeitungen und Bücher, wo neben Katastrophenstimmung auch die Suche nach einer neuen Normalität Konjunktur hat. Alexander Menden wirft einen freudigen Blick ins Programm der Kulturolympiade 2012 in London. Beim Konzert der Berliner Philharmoniker beobachtete Wolfgang Schreiber Ovationen für den Komponisten Helmut Lachenmann. Jürgen Berger berichtet vom Afrika-Schwerpunkt des Konstanzer Theaters.

Besprochen werden der Film "Aushilfsgangster", Jan Philipp Glogers Inszenierung von Händels "Alcina" an der Dresdner Semperomper und Bücher, darunter John von Düffels Roman "Goethe ruft an" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).