Heute in den Feuilletons

Mit Zustimmung der Erstfrau

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.11.2011. Nach der drakonischen Steuerforderung gegen Ai Weiwei werfen Chinesen Geldscheine über Ais Gartenmauer. Ai Weiwei betrachtet die Spenden als Kredit und will in Form von Kunstwerken zurückzahlen, berichtet die Welt. Auch per Paypal sollen Spenden möglich sein. Wir haben's probiert: Ais Paypal-Konto funktionierte heute morgen leider nicht. Außerdem: In der taz meint der Jurist Mathias Rohe: keine Angst vor der Scharia, denn sie ist ein "vielfältig auslegbares Normenbündel". Die FAZ berichtet über die Drangsalierung türkischer Intellektueller, die sich mit dem Völkermord an den Armeniern beschäftigen.

Welt, 07.11.2011

Herzerwärmend ist die Geschichte, die China-Korrespondent Johnny Erling im Feuilleton erzählt. Nach der drakonischen und mit Gefängnisstrafe bewehrten Steuerforderung gegen Ai Weiwei aus der letzten Woche, fangen Chinesen an, spontan für Ai zu spenden: "Eine Flut privater Geldüberweisungen aus allen Teilen Chinas schwappt seit Freitagfrüh in das Haus des 54-Jährigen. Junge Chinesen gehen samstagabends am Atelier vorbei und werfen Geldscheine als gefaltete Flieger über die Mauer. Ai Weiweis Frau Lu Qing findet im Vorgarten gelandetes Papiergeld - insgesamt 610 Yuan (70 Euro). Über jeden Geldeingang wird Buch geführt... Es ist die erste große spontane, rein chinesische Solidarisierungsaktion mit dem verfolgten Künstler." Ai betrachtet das Geld als Kredit, führt genau Buch und will womöglich in Form von Kunstwerken zurückzahlen.

Sehr lesenswert auch Erlings Analyse zu den jüngsten kulturpolitischen Leitlinien der KP auf der Forumsseite: "Pekings heutige Kulturreform will Kulturmanagement und Kulturproduktion trennen. Kultur soll sich vermarkten dürfen, um zur neuen Antriebskraft der Konjunktur zu werden. Bisher trage sie nur 2,75 Prozent zum Sozialprodukt bei, beklagt das ZK. Bitter wird auf den deutschen Medienkonzern Bertelsmann verwiesen, der pro Jahr allein mehr Umsatz macht als alle über 500 chinesischen Staatsverlage zusammen. Woran es wirklich liegt, dass sich Chinas Kultur nicht verkaufen lässt, interessierte die Partei nicht."

Weitere Artikel im Feuilleton: Hans-Joachim Müller besucht die Ellsworth Kelly-Ausstellungen in München. Jan Küveler berichtet von der Verleihung der Faust-Theaterpreise. Besprochen wird ein "Käthchen" im Berliner Gorki-Theater.

Aus den Blogs, 07.11.2011

Auch das Blog 21CB (Selbstdarstellung: "a fresh, thoughtful voice on the current affairs, popular culture, and web trends of Asia and the Asian diaspora", berichtet ausführlich und mit vielen Links über die Solidarisierungsaktion für Ai Weiwei. 21CB, andere Blogs und Twitternutzer (hier) geben als E-Mail-Adresse für Ais Paypal-Konto fakesheji@gmail.com an.

Eine Zahlung funktioniert im Moment aber nicht. Und auch die Website von Ais Vermarktungsfirma Fake hat heute morgen nicht funktioniert.

Stichwörter: Ai Weiwei, Blogs, Diaspora

TAZ, 07.11.2011

Der Jurist Mathias Rohe kann in der Scharia keinen Gegensatz zu demokratischer Rechtsstaatlichkeit erkennen, vielmehr hält er sie für ein "vielfältig auslegbares Normenbündel", das man differenziert betrachten müsse: "In Tunesien hat man so 1956 die Polygamie verboten, indem die widersprüchlichen koranischen Aussagen hierzu neu gelesen wurden. Marokko hat 2004 immerhin die Zustimmung der Erstfrau verpflichtend gemacht."

Tal Sterngast bemerkt in ihrer Besprechung zu Anselm Kiefers großer Ausstellung in Israel: "Kiefers zweite israelische Ausstellung scheint seine Rückkehr nach Deutschland zu markieren." Juliane Streich war bei Rihannas Konzert in Leipzig, Michael Bartsch berichtet von Pöbeleien, die das Theaterfestival "Fremd" in Dresden über sich ergehen lassen musste.

Und Tom.
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NZZ, 07.11.2011

Susanne Ostwald trifft den Hollywood-Regisseur Roland Emmerich, der im Hotelzimmer-Interview über seinen Film "Anonymous" und seine Erkenntnisse zu Shakespeare und dem Earl von Oxford spricht. Patrick Straumann erzählt ausführlich nach, was die Kunst des Mashups bis heute hervorgebracht hat (Hier Esfir Schubs "Der Fall der Dynastie Romanow", die Mutter aller Mashups).

Besprochen werden eine Ausstellung über den an den Wiener Kaiserhof verschleppten Westafrikaner Angelo Soliman im Wien Museum und eine Bühnenadaption von Ingmar Bergmans "Siebentes Siegel" am Theater Basel.

FAZ, 07.11.2011

Als der türkische Ministerpräsident Erdogan in Deutschland war, hätte auch der Verleger Ragip Zarakolu nach Deutschland kommen sollen, der sich um die Aufklärung des Völkermords an den Armeniern verdient machte und wie viele kritische Intellektuelle nun unter Vorwänden geschurigelt wird, berichtet Regina Mönch. Nach Deutschland kommen dürfen aber acht chinesische Intellektuelle, die sich auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung über eine deutsche Kernkompetenz informieren dürfen: die Vergangenheitsbewältigung, meldet Mark Siemons. Dirk Schümer stellt das italienische Internetfernsehen servizio pubblico vor, für das Sendungen produziert werden, die eigentlich im Öffentlich-rechtlichen ihren Platz haben sollten. Anastasia Boutsko erzählt von einem Streit zwischen der russischen Gemeinde in Nizza und dem russischen Staat um eine Kathedrale, die von Weißrussen vor neunzig Jahren gegründet wurde.

Besprochen werden ein "Hamlet" am renovierten Düsseldorfer Schauspielhaus (das Gerhard Stadelmaier dennoch nicht gnädig stimmt), eine Warschauer Ausstellung über die Beziehung zwischen der Pariser surrealistischen Malerin Leonor Fini und dem polnischen Exilintellektuellen Konstanty Jelenski und Bücher, darunter Gerard Donovans Roman "Ein bitterkalter Nachmittag".

SZ, 07.11.2011

Ira Mazzoni schildert diverse ostdeutsche Bauvorhaben zur Musealisierung der Bauhaus-Bestände. Restlos begeistert ist Wolfgang Schreiber von Andreas Dresens Operninszenierung "Figaro" am Schlosstheater Sanssouci zwar nicht, doch bescheinigt er den Musikern gerne "eine spektakulär sprechende Darstellung des musikalischen Gewebes". "Völlig fleisch- und merkwürdig ereignislos" findet Christine Dössel indessen den Hamlet in Staffan Valdemar Holms Auftaktinszenierung als Intendant am Schauspielhaus Düsseldorf. Über Probleme beim Nachdenken über Pop denkt Felix Stephan anlässlich einer Historikertagung über Pop in Berlin nach. In den Netzdepeschen berichtet Niklas Hoffmann vom Netzfeminismus in Blogs. Die Reihe über verschollene Länder und ihre Briefmarken widmet Burkhard Müller dieses Mal dem 1919/20 zwischen Finn- und Russland gelegenen Ingermanland. Michael Stallknecht berichtet von der Eröffnungsveranstaltung der neuen Münchner Professur für "Kulturgeschichte des Altertums".

Besprochen werden neue DVDs, die Cattelan-Ausstellung im New Yorker Guggenheim-Museum, die Ausstellung "Arte Povera International" in Mailand und Bücher, darunter "Gerron", Charles Lewinskys Roman über den jüdischen Filmregisseur und -schauspieler Kurt Gerron (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).