Peter Handke

Der große Fall

Cover: Der große Fall
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783518422182
Gebunden, 218 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Die Geschichte eines müßiggängerischen Schauspielers, an einem einzigen Tag, vom Morgen bis tief in die Nacht: Das Gehen durch eine sommerliche Metropole, von den Rändern bis in die Zentren. Die Begegnungen: mit den Läufern, den Obdachlosen, den Paaren, dem Priester, den Polizisten. Ein Weg mitten durch Nachbarnkriege, vorbei an überlebensgroßen Leinwandpolitikern, dann inmitten von Untergrundfahrern aus einer anderen Welt. Wetterleuchten in der Stadtmitte. Und das Gesicht einer Frau.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.05.2011

Gar nicht gefallen hat dieses jüngste Buch Peter Handkes dem Rezensenten Jörg Magenau. Ein Mann, der ein Schauspieler ist, bricht auf durch den Wald in die Stadt. Viel genauer wird es gar nicht gesagt, dass die Stadt aber Paris sein muss, scheint doch klar. In erster Linie geht es im Buch um die Gedanken, die der Schauspieler denkt. Und der Rezensent hat keinen Zweifel daran, dass es im großen und ganzen Handke-Gedanken sind, die da gedacht werden. Viel Kulturkritisches, "gesammelte Vorurteile" (Magenau), Tötungswünsche. Das alles auch noch in einer diesmal besonders manierierten Handke-Sprache, die sich an der Verdopplung einzelner Wörter erfreut. Nichts von alledem bezieht sich noch, klagt der Rezensent, irgendwie präzise auf die Welt, alles verharrt in der Enge des Dichterkopfs. Worauf es mit dem "großen Fall" hinaus soll, klärt sich auch nicht wirklich - aber das scheint dann auch schon egal.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.04.2011

Anhand seiner neuen Erzählung erweist sich für Andreas Breitenstein einmal mehr die Größe des Schriftstellers Peter Handke als konsequenter Neuerfinder seiner selbst. In "Der Große Fall" erzählt der Autor von einem einzigen Tag in naher Zukunft, an dem ein Schauspieler aus einer Waldidylle in die Stadt hinein wandert, erfahren wir. Breitenstein gibt durchaus zu, dass die Lektüre nicht nur lust- sondern auch qualvoll war, verspricht aber reichen Gewinn. Was der Protagonist auf seiner Tageswanderung sieht und erlebt, von intensiver Naturbeobachtung bis zur mal mitleidsvoll, mal abgestoßen betrachteten Gewalt und Hässlichkeit der Zivilisation, könnte einen in seinem Kulturpessimismus, seinem Narzissmus und seinem "bleiernen" Hang zum "Allegorischen" mächtig abschrecken, wäre da nicht Handkes Wendung ins Komische und Selbstironische, die dem Buch das überbordende Pathos nimmt, lobt der Rezensent. Und so ist er sich sicher, dass nicht nur eingefleischte Handke-Freunde diese Erzählung mögen werden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2011

Einen Tag lang ist die Leserin und der Leser in Peter Handkes neuer Erzählung im Kopf eines alten Schauspielers unterwegs. Der bricht auf, von irgendwo am Rande der Stadt (einer Großstadt? Paris?) und geht durch einen Wald, der eventuell auch ein Park ist. Vieles Faktische bleibt eher unklar, nicht zuletzt, was beim titelgebenden "Großen Fall" so genau der Fall ist. Dafür wird viel rumüberlegt, nachgedacht, werden die Jogger und wird ganz besonders Präsident Sarkozy verachtet. Eine Frau, die beim Aufwachen nicht mehr da war, spielt ihre Rolle, wenngleich der Schauspieler aus dem Alter leidenschaftlicher Amouren sich eher schon raus wähnt. Das ganze ist, staunt die Rezensentin Daniela Strigl, ebenso "gegenwärtig" wie es einen "märchenhaft surrealen" Einschlag hat; die Bewegung des Helden ist vielleicht "Pilgerfahrt", vielleicht "Kreuzzug". Schritt für Schritt und Bild für Bild hat die Erzählung die Rezensentin durchaus sehr überzeugt, insgesamt ist sie dann aber doch, wie sie zugibt, gelegentlich an die Grenzen ihrer Leserinnengeduld gelangt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.04.2011

In den vergangenen Jahren, bekennt Rezensent Thomas E. Schmidt, mochte er Peter Handke nicht mehr gern lesen: zu viele Ressentiments lagen ihm da auf Wegen, die in Regionen führten, in die er dem Autor nicht folgen wollte. Aber bei diesem Buch ist alles wieder anders, versichert Schmidt:  Handke ist wieder da, und er erzählt "so schön, so schlicht" wie in seinen besten Zeiten, den Anfangszeiten. Es geht um einen Schauspieler, der genug hat von seinem Schauspielersein und von der Wohnung seiner Freundin durch die halbe Stadt zu Fuß nach Hause geht. Doch mehr als von dem, was er beim Spazieren sieht und wem er dabei begegnet, handelt das Buch davon, wie man dies erzählt. Und mehr als bei einem Gang durch die Stadt folgte Schmidt dem Autor bei einer "Wanderung durch das Erzählen", aber auch beim Überschreiten des eigenen Daseins. Hin und wieder stieß der Rezensent auf Unschönes, etwa einen aufblitzenden "Hass auf die ekelhafte Sozialwelt". Aber im Grunde ist er begeistert: "Ohne Peter Handke ist die deutsche Literatur gar nicht vorstellbar."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2011

Rezensent Christopher Schmidt liest Peter Handkes Erzählung "Der Große Fall" als eine Suche nach Wiederannäherung an die Gesellschaft. Die an einem Tag spielende Geschichte um einen zivilisationsmüden Schauspieler, der sich zu Fuß auf den Weg in die Stadt, Paris, aufmacht, scheint ihm - nach den vorangegangenen, in der Ortlosigkeit "imaginierter Seelenlandschaften" angsiedelten Werken Handkes - auch die Geschichte einer "Zurückeroberung des Urbanen". Dieser Gang ins Zentrum der Metropole, begleitet von allerlei Begegnungen, die bei dem Schauspieler abwechselnd Aggressionen und Hilfsbereitschaft wecken, hat für Schmidt durchaus etwas von einem "Amoklauf". Allerdings nicht von einem der blutigen Gewalt, sondern der "hellsichtigen Poesie".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.03.2011

Eins ist sicher: Peter Handke kann noch immer erzählen. Rezensentin Sabine Vogel versichert uns nicht nur der weiterhin lebhaften Erfindungsgabe des Autor, sondern auch seines Fortschreitens auf einem, auf seinem Weg. Auf der Suche nach der wahren Empfindung und dem tatsächlichen Wert der Dinge. Dass dabei der Plot und das Selbst flötengehen, stört weder Handke noch die Rezensentin. Immerhin bietet der Autor ersatzweise lässige Bewegungen und den intensiven Zauber des Augenblicks. Eine Intensität, die Vogel allerdings kaum auszuhalten scheint, es hallt, dröhnt, sirrt um sie herum. Aber dann doch: die große "Handke-Melodie".