Heute in den Feuilletons

Toccata und Tango

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.03.2011. In der Berliner Zeitung fragt Peter Glaser: Wo sind die Roboter in Fukushima? In der Welt erklärt Manfred Schneider, wie der Attentäter die politische Bühne betrat. In der NZZ empfiehlt der Wissenschaftshistoriker Anthony Grafton den Geisteswissenschaftlern, sich in die Grenzgebiete vorzuwagen. Die taz plädiert für mehr Mies van der Rohe in der heutigen Architektur. In der FAZ fordert Herta Müller die sofortige Freilassung Liu Xiaobos aus dem Gefängnis. Die SZ wird von Wolf Wondratschek mit dem Stempel "Bibliothek in die Papiertüte" geadelt.

Berliner Zeitung, 26.03.2011

Peter Glaser stellt sich und Japan eine sehr einleuchtende Frage: "Wo sind die Roboter in Fukushima? Wo sind, in einer geradezu roboterverrückten Hightech-Nation wie Japan, die Flugroboter, die in den offenliegenden Reaktorgebäuden nach der inneren Sicherheitshülle um den Reaktorkern sehen, nach den plutoniumhaltigen Brennstäben in den Abklingbecken? Die Messungen durchführen, ohne dass Menschen in Gefahr geraten? Eine amerikanische 'Global Hawk'-Flugdrohne soll die desolaten Reaktorblocks in Fukushima nun überfliegen. Wo sind die Roboter, die für Mondlandschaften prädestiniert sind und sich im Gebäudeschutt der Reaktorblöcke bewähren können? Raupengeräte, Kletterroboter, fernsteuerbares schweres Gerät? Das kann doch nicht wahr sein, dass die ganze Roboterverheißung nur für Wettbewerbe und Firmenpräsentationen da ist."

Welt, 26.03.2011

Alexander Kluge unterhält sich mit dem Literaturwissenschaftler Manfred Schneider über Attentate, Paranoia und tödlichen Scharfsinn. Zwar wirft Schneider die These in den Raum, "dass Attentate besonders häufig in protestantischen Ländern geschehen", am faszinierendsten findet er dann aber die junge Girondistin Charlotte Corday, die Marat erstach, um die Republik zu retten: "Sie sticht in die linke Brusthälfte, unterhalb des Schlüsselbeins. Mit einem einzigen Hieb. Unglaublich, mit welcher Entschlossenheit, Gewalt und am Ende eben auch Sicherheit sie diese Tat ausführt. Wir sehen ja eben eigentlich seit dem 19. Jahrhundert die Merkwürdigkeit, dass das Politische sich öffnet, im Idealfall für alle. Alle dürfen sich am Politischen beteiligen. Diese Öffnung des Politischen für den Privatmann hat auch den Attentäter hervorgebracht. Der Attentäter ist ja eben keine Figur des Politischen selbst. Im politischen Feld gibt es die Intrige, den politischen Mord, es gibt den Krieg, all das ist vorgesehen. Der Attentäter ist aber nicht vorgesehen."

Richard Kämmerlings trifft die Autorin Kathrin Schmidt zum Tischgespräch im Mahlsdorfer Hotel-Gasthof "Zum Ziehbrunnen": "Sie sei ein-, zweimal hier gewesen, weil's in der Nähe ist; hier gebe es 'so typische Sachen, Letscho und so, keine Ahnung'." In der Randglosse versucht Harald Peters, die Echo-Verleihung zu verkraften. Besprochen werden eine Schau des Malers Joos van Cleve im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen und Mark Minkowskis Aufführung von Massenets Feenmärchen "Cendrillon" in Paris.

In der Literarischen Welt blickt die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer vor den morgigen Wahlen in Baden-Württemberg auf die Proteste gegen Stuttgart 21 und die wundersame Zeit zurück, als die braven Schwaben lernten, auf den Putz zu hauen. Als "bewegendes und ungemein interessantes Buch" empfiehlt Monika Maron kurz Aatish Taseers "Terra islamica" (Leseprobe), sie liest es selbst gerade. Als Buch der Woche stellt Andreas Rosenfelder Douglas Couplands Biografie "Marshall McLuhan" vor. Besprochen werden unter anderem auch die sechsbändige Edition Rahel Levin Varnhagens nebst Neuerscheinungen zu Fanny Lewald, Friedrich Anis Krimi "Süden und Aris Fioretos' Odyssee-Version "Der letzte Grieche".

NZZ, 26.03.2011

In der Beilage Literatur und Kunst empfiehlt der in Princeton lehrende Wissenschaftshistoriker Anthony Grafton den Geisteswissenschaftlern ein Mittel gegen Einsamkeit und das von Sparzwängen verursachte Jammern: "gemeinsam mit einem anderen Wissenschafter einen Text schreiben, bei dem beide für alle Passagen verantwortlich sind. Diese Auseinandersetzung ist äußerst lehrreich und vergnüglich. Das müsste eigentlich jeder Student der Geisteswissenschaften mindestens einmal versuchen, und zwar mit Leuten aus verschiedenen Disziplinen. Das wäre ein weiteres Mittel gegen die Misere. Das Spannende in den Naturwissenschaften passiert heute an den Rändern. In Princeton unterrichtet niemand in dem Fach, in dem er doktoriert hat. Das Biologie-Departement ist voll von Mathematikern und Physikern, die Chemie von Ingenieuren und umgekehrt. Die Leute überschreiten Grenzen und bilden Teams. Wir Geisteswissenschafter müssten die Leute auch in die Grenzgebiete schicken."

Weiteres: Die Basler Dramaturgin Julie Paucker verteidigt die Romanadaption am Theater gegen ihre Verächter. Thomas Leuchtenmüller schreibt zum 100. Geburtstag von Tennessee Williams. Besprochen werden Erzählungen von Wassili Grossman (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton berichtet die Zürcher Japanologin Daniela Tan, wie die Japaner mit der Atomkatastrophe umgehen und dass sie sich immer mehr über die Informationspolitik der Regierung ärgern. "Über nukleare Bedrohung spricht man nicht. Das ist das Problem, und deshalb wächst die Unsicherheit. Abhilfe versprechen unter anderem Blogs von Atomwissenschafts-Doktoranden des MIT oder die Tweets des Nuklearphysik-Professors Ryugo Hayano von der Universität Tokio, in denen die aktuellen Nachrichtenmeldungen aus fachlicher Sicht erklärt und kommentiert werden. Mittlerweile verfolgen in Japan über 150.000 Personen per Follower-Abonnement seine Meldungen."

Weiteres: Uwe Justus Wenzel schreibt zum 100. Geburtstag des Philosophen John L. Austin. Besprochen werden der Film "La petite chambre" von Stephanie Chuat und Veronique Reymond und die Performance "Zukunftsmusik" am Theater Basel.
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FR, 26.03.2011

Der aufgrund langjähriger Aufenthalte mit dem Land bestens vertraute Philosoph Gregor Häfliger rückt manches Vorurteil über Japan und die Reaktionen der Bevölkerung auf die Katastrophe gerade. Auch daran, dass das Fernsehen auf hohem Niveau berichtet, aufklärt und informiert, bestehe kein Zweifel: "Ich habe mich täglich über Stunden hinweg via NHK informiert. Sobald Neues aus den Pressekonferenzen bekannt wurde, haben Experten aus dem Universitätsbereich aus den Daten, so dürr sie auch sein mochten, herauszuholen versucht, was nur herauszuholen war, es eingeordnet, in seinem Gewicht abgewogen und erklärt. Rund um die Uhr wurde Aufklärung betrieben." 

Weitere Artikel: Sylvia Staude begibt sich für eine Times Mager auf die Suche nach Trost in Japan und anderswo. Zum Tod der Dokumentarfilmer-Legende Richard Leacock schreibt Daniel Kothenschulte.

Besprochen werden ein James-Blunt-Konzert in der Frankfurter Festhalle ("Große Gefühle. Aber lieber Gott, ist das alles langweilig", stöhnt Thomas Stillbauer), Crystal Pites Choreografie "Lost Action" am Frankfurter Mousonturm, im Rückblick der Beethoven-Zyklus des Artemis Quartetts in der Alten Oper Frankfurt, Ausstellungen mit Werken von Andro Wekua und Nina Canell im Kasseler Fridericianum und Bücher, darunter Alex Capus' neuer Roman "Leon und Louise" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 26.03.2011

Ronald Berg erklärt, warum Mies van der Rohes Architekturphilosophie in der Gegenwart aktueller sein sollte als sie es ist: "Die verbreitete Bevorzugung von billiger Investitionsarchitektur, Schlossattrappen und Eventarchitektur mit Hoffnung auf 'Bilbao-Effekt' oder die wahlweise Verschmelzung derartiger Ansätze bei Shopping Malls und Bürotürmen von Las Vegas über Braunschweig bis nach Schanghai sagt eine Menge über die derzeit praktizierte Rangordnung der Werte aus. Die Sehnsuchtsformel 'Less is more' kann man hier getrost auch ästhetisch lesen." 

Weitere Artikel: Nadine Michel schildert die Rückständigkeit Baden-Württembergs in Queer-Belangen - und versucht den dennoch eher geringen Mobilisierungsgrad der Szene zu erklären. Gerhard Dilger stellt die uruguayische la diaria vor, die taz-ähnlichste Zeitung Südamerikas In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne informiert Wolfgang Gast über die nun wohl erwiesene NSDAP-Mitgliedschaft des von der RAF ermordeten nachmaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Nachgedruckt wird Ina Hartwigs Dankesrede zur Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik.

Besprochen werden das neue Clueso-Album "An und für sich", und Bücher, darunter Kwame Anthony Appiahs neues Buch "Eine Frage der Ehre" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

FAZ, 26.03.2011

Abgedruckt ist eine Rede Herta Müllers, die die sofortige Freilassung des chinesischen Dissidenten und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo fordert. Sie beginnt so: "Die Köpfe von Freiheitsbewegungen bezeichnet man später als Freiheitskämpfer. Und diese Freiheitskämpfer kann man, glaube ich, in zwei Grundtypen einteilen: den Typus des Selbstüberschätzers und den Typus des Selbstzweiflers. Gewöhnlich schließt eines das andere aus. Bei Liu Xiaobo aber haben wir beides in einer Person. Und das macht ihn so wahrhaftig." (Hier der Appell, den man unterzeichnen kann)

Weitere Artikel: Mark Siemons stellt das neue, knapp zweihunderttausend Quadratmeter große Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens vor: "Die politische Ausstellung ist unverhohlen den didaktischen und ästhetischen Prinzipien des Sozialistischen Realismus verpflichtet." Jürgen Dollase erklärt, wie man den richtigen Wein zum Essen aussucht und in welchem Moment man ihn trinken sollte. Dirk Schümer berichtet vom Liszt-Festival im Burgenland. Katharina Teutsch berichtet von einer Berliner Podiumsdiskussion über Afrika. Jan Grossarth erzählt in einer Reportage, wie die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen von Tierschützern aus dem Amt gefegt wurde (mehr hier) und warum es dabei vielleicht die Falsche getroffen hat.

Auf der Medienseite berichtet Paul Ingendaay über einen Streit in Spanien um das geplante Verbot von Kontaktanzeigen in der Presse. Karen Krüger meldet, dass die türkische Polizei mit allen Mitteln versucht, alle Kopien eines Buch des Journalisten Ahmet Sik über die Unterwanderung des Sicherheitsapparats durch die Fethullah-Gülen-Bewegung - der Elisabeth Kiderlen kürzlich in der taz ein Loblied sang - zu vernichten (mehr hier).

In Bilder und Zeiten erzählt Dieter Bartetzko die Geschichte einiger Statuetten aus Amarna (Beispiel), deren geschlechtliche Indifferenz ihn berückt. Günther Sandner porträtiert den österreichischen Philosophen Otto Neurath, der der Ansicht war, der Nationalsozialismus resultiere aus einer speziellen deutschen Geistestradition, die Goethe und Kant umfasst. Jörg Bremer freut sich über vier Rom-Panoramen, die der Casa di Goethe gehören. Und Ulrich Peltzer spricht im Interview über das Politische in der Literatur.

Besprochen werden die Ausstellung "Chronologie der Bilder, Städelwerke vom 14. bis 21. Jahrhundert" im Frankfurter Städel, die Ausstellung "Segantini" in der Fondation Beyeler und Bücher, darunter Najat El Hachmis Roman "Der letzte Patriarch" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um Britney Spears neues Album "Femme fatale", eine Gesamtedition von Jascha Heifetz und um Jeff Beck.

In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius ein Gedicht von Jürgen Becker vor:

"Winter; belgische Küste

Toccata und Tango; der Nachmittag
nicht hell. Ein Hotel
nach dem andern verwittert;
..."

SZ, 26.03.2011

Eine seltene Ehre widerfährt Holger Gertz: Er durfte in Wien Wolf Wondratschek treffen, einen Schriftsteller, zu dessen nicht wenigen altmodischen Zügen es gehört, dass er das Licht der Öffentlichkeit scheut. Eine Passage im Porträt (auf Seite Drei) lässt ahnen, warum Gertz Gesprächsrecht bekam: Wondratschek "versucht, Begegnungen mit Journalisten aus dem Weg zu gehen. Sehr selten reißt er sich aus der Zeitung was raus und steckt den Ausschnitt in eine Papiertüte. Er hat sich bei einem Wiener Stempelmacher - der auch irgendwann verschwunden sein würde ohne Aufträge wie diesen - einen Stempel anfertigen lassen: 'Bibliothek in die Papiertüte'. Wenn sich einer, dessen Text mit diesem Aufdruck geadelt worden ist, bei ihm meldet, kann es sein, dass Wondratschek sich zu einem Kaffee bereiterklärt."

Weitere Artikel: Der in Japan lebende deutsche Filmemacher Werner Penzel hat japanische Flüchtlinge aus den Katastrophengebieten und aus Tokio bei sich aufgenommen - einige von ihnen kommen nun auf einer ganzen Seite mit ihren alles andere als nüchternen Lagebeschreibungen zu Wort (mehr dazu hier). Sebastian Conrad erklärt die vergleichsweise kleine Anti-Atomkraftbewegung in Japan mit einer geschickt auf Lokalisierung der Proteste setzenden Politik. Ein vonMichail Gorbatschow veranstaltetes Altherren-Treffen zur "Sicherheit in der Welt" klingt in Tim Meshitovs Beschreibung ein wenig wie eine Senioren-Tennisturnier.

In Khalid al-Khamissis Kairo-Kolumne ist einem Taxifahrer diesmal gar nicht wohl angesichts der aktuellen Wendung der Dinge: "Ich verstehe übrigens nicht, warum jetzt plötzlich in allen Fernsehprogrammen Islamisten auftauchen. Man hat schon Angst, dass man den Wasserhahn aufdreht und einem die Führung der Muslimbruderschaft entgegensprudelt." Über die nicht nur in US-Filmen und -Fernsehserien neuerdings sehr prominente Droge Crystal Meth informiert Doris Kuhn. Von der misslungenen Echo-Verleihung berichtet Michael Moorstedt. Malte Dahlgrün gratuliert dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins zum Siebzigsten.

In der SZ am Wochenende bekommt der Publizist Christian Nürnberger einen Wutanfall und geißelt eine nicht zuletzt durch "marktgesteuerte Mediengleichschaltung" verdorbene Gesellschaft , in der Kritieren wie "billig" und "erfolgreich" alle anderen längst verdrängt haben. Johannes Willms lässt die Geschichte Libyens Revue passieren. Rafi Eitan, der einst Adolf Eichmann mit einfing, spricht im Interview über "Vergeltung".

Besprochen werden die Ausstellung "Bye Bye Kitty!!!" in den Räumen der Japan Society in New York, und Bücher, darunter Gregor Hens' Suchtbeschreibung "Nikotin" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).