Heute in den Feuilletons

Vergessen durch Löschen

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.02.2011. Was wollen die Libyer? Jedenfalls keine Demokratie, behauptet die Geo-Reporterin Gabriele Riedle in der Berliner Zeitung. Die Marokkaner setzen auf eine konstitutionelle Monarchie, meint die FAZ. In der FR möchte Joachim Radkau den Umweltschutz nicht dem rigiden Denken der Naturwissenschaftler überlassen. Die Welt sieht einen weinenden neuen Stern am New Yorker Kunsthimmel leuchten. Die Plagiatejäger haben ein neues Opfer, meldet BoingBoing: Saif Gaddafi.

FAZ, 23.02.2011

In Marokko, wo die Opposition mit in der Regierung sitzt, die allerdings wenig Macht im Vergleich zum Monarchen hat, wird eine mögliche Revolution, erklärt Joseph Hanimann, anders aussehen als in Tunesien oder Ägypten. Gegen den König hat kaum einer was, Vorbild für die Protestierenden sind eher die konstitutionellen Monarchien Europas: "Das Schonen des Königs liegt nicht nur daran, dass Majestätsbeleidigung strafbar ist. Für die Elite wie für das Volk gilt das Königtum als eine Trumpfkarte der Revolution - kein vertriebenes und kein abgeschlagenes, sondern ein aufrecht erhobenes Staatsoberhaupt soll sie bringen."

Weitere Artikel: Wie sehr der Union über ihrer Unterstützung für den Doktorerschwindler KT zu Guttenberg aller "Anstand" und überhaupt die meisten der Werte, die sie gerne vor sich herträgt, flöten gehen, erläutert Hannes Hintermeier. Hubert Spiegel unterhält sich mit Heinrich Steinfest über dessen S-21-Krimi "Stuttgart 21". In der Glosse lobt Andreas Rossmann den Einsatz Walter Scheels für den Erhalt der Bonner Beethovenhalle. Auf das neben der HafenCity wichtigste - und im Vergleich wenig beachtete - Hamburger Stadterneuerungsprojekt auf der Elbinsel Wilhelmsburg weist nachdrücklich Oliver G. Hamm hin. Die Frage, warum genau die Rosemarie-Trockel-Schau in der Bonner Bundeskunsthalle abgesagt wurde, kann Tomas Kurianowicz leider auch nicht klären.

Besprochen werden ein Edwyn-Collins-Comeback-Konzert in Köln, ein Dresdner Konzert, bei dem Christian Thielemann sich als Dirigent der Sächsischen Staatskapelle mit Liszts "Faust"-Werk befasste, die "Eugen Schönebeck"-Ausstellung in der Frankfurter Schirn, Ami Sahadi Ahadis Film zum iranischen Widerstand "The Green Wave", und Bücher, darunter Leopoldo Brizuelas Roman "Nacht über Lissabon" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Berliner Zeitung, 23.02.2011

Wenig hoffnungsvoll klingt, was die Geo-Redakteurin Gabriele Riedle gestern im Interview von ihrer Reise durch Libyen erzählte. Gaddafi lässt die Aufständischen ermorden, und auf die Frage, was die libyschen Demonstranten genau fordern, antwortet sie: "Jedenfalls keine Demokratie. Es geht um Machtverteilung, um alte Rechnungen, um Rache. Ich habe keine einzige Person getroffen, die von Demokratie redete. Was sollte auch besser werden, wenn sich die Wirtschaft für Ausländer öffnet? Die Privilegien, die Wohltaten der Subventionierungen sind sie dann los, die Frauen müssen Angst haben, dass es fundamentalistischer wird."
Stichwörter: Libyen

Weitere Medien, 23.02.2011

The Atlantic hat netterweise noch einmal die bizarrsten Passagen der gestrigen Gaddafi-Rede zusammengestellt: "They are a group that are sick, taking hallucinatory drugs... They were given drugs, like in Tunisia, are just imitating... We won't lose victory from these greasy rats and cats.... They should be given a lesson and stop taking drugs. They're not good for you, for your heart. Don't destroy the country... Shame on you, you gangsters."
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Stichwörter: Country

FR, 23.02.2011

Der Historiker Joachim Radkau, dessen Buch "Die Ära der Ökologie" gerade erschienen ist, erklärt im Interview, warum man die Umweltforschung nicht allein den Naturwissenschaftlern, Biologen und Ökologen überlassen sollte: "Oft herrscht dort ein zu rigides Denken. Wenn wir immer nur sagen, dieses Schutzgebiet ist absolut notwendig, weil nur hier allein diese spezielle Fledermausart anzutreffen ist und dergleichen mehr, dann machen wir uns die Bauern und Grundbesitzer etc. zu Feinden. ... Ich denke, es müssen mehr Human- und Kulturwissenschaftler an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden, die sich über den Konstruktionscharakter von Natur bewusster sind."

Weitere Artikel: Tobi Müller besucht die Plattenfirma Daptone (Webseite) in ihrem struppigen Domizil in Brooklyn. Dort macht man keinen Retro-Soul, lernt er, sondern steht in der Tradition des Soul. (Zum Einhören: Daptone hat einen eigenen Youtube-Kanal.) Daniel Kothenschulte erklärt, warum "The King's Speech" der aussichtsreichste Kandidat für den Oscar ist. In Times Mager erkennt Pitt von Bebenburg in der Durchhaltestrategie Karl-Theodor zu Guttenbergs ein Vorbild: Roland Koch.

Besprochen werden die Eugen-Schönebeck-Retrospektive in der Frankfurter Schirn, Schostakowitschs Zweites Cellokonzert mit Alban Gerhardt in Frankfurt und ein Konzert des HR-Sinfonieorchester unter David Zinman mit Mahlers Sechster.

NZZ, 23.02.2011

Viktor Mayer-Schönberger, Autor von "Delete", plädiert noch einmal dafür, Informationen im Netz mit einem Verfallsdatum zu versehen: Denn "dank geringen Speicherkosten ist das Vergessen durch Löschen teurer geworden als das Horten digitaler Informationen." Dirk Pilz porträtiert Thomas Oberender, der 2012 Nachfolger des Berliner Festivalleiter Joachim Sartorius wird. Ziemlich trocken umreißt Pilz seine bevorstehende Aufgabe: "Die Berliner Festspiele, seit Sartorius' Amtsantritt in der Obhut des Bundes, hängen dem Kunstbetrieb glitzerndes Lametta ins Geäst. Das ist schön; noch schöner wären inhaltliche Impulse."

Besprochen werden eine eine Ausstellung über den Industriedesigner Albrecht Graf Goertz im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, die Fortsetzung von Robert Lepages "Dragon's Trilogy" im Londoner Barbican Centre, Ian Burumas Roman "Die drei Leben der Ri Koran" (Leseprobe) und Javier Cercas' Essay "Anatomie eines Augenblicks" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 23.02.2011

Vergesst Guttenberg! Inzwischen gibt es eine Wiki-Seite, die Plagiate in der Doktorarbeit von Saif Gaddafi sucht, meldet Cory Doctorow in BoingBoing.

Regeln sind gut, aber man muss auch Ausnahmen machen können, findet der Biologe Richard Dawkins. Er erzählt auf BoingBoing, wie eine junge Frau in der Schlange vor ihm von der Flughafensicherheit in Heathrow eine Tube Salbe für das Ekzem ihres kleinen Mädchens abgeben musste. Die Beamten waren höflich, hielten sich aber eisenhart an die Regeln. "There was nothing I could do, and it was no help that I recommended a website where a knowledgeable chemist explains, in delightfully comedic detail, what it would take to manufacture a workable bomb from binary liquid ingredients, working for several hours in the aircraft loo, using copious quantities of ice, in relays of champagne coolers helpfully supplied by the cabin staff."

Hier würdigt sich einer selbst - zurecht, denn er gilt als einer der ersten Bloger der Welt:



Welt, 23.02.2011

Eva Munz sieht einen neuen Stern am Kunsthimmel aufgehen: Laurel Nakadate (Webseite), die gerade im Moma PS1 eine Ausstellung hat. Kernstück ist ihre Performance "A Catalogue of Tears": "Ein Jahr lang brachte sich Nakadate täglich einmal zum Weinen und nahm ein Foto davon auf." Und dann sind da noch ihre etwas gruseligen alten Filme: "Nakadate lauerte ihren Filmpartnern - einsame Männer an Tankstellen, Parkplätzen - auf und stellt sich zur Verfügung, wie sie es nennt. Mit nichts als einer Videokamera und macchiavellistischer Menschenkenntnis ausgestattet, ließ sie sich von den Männern ansprechen und mit nach Hause nehmen. In der Uniform pubertierender Mädchen ... bringt sie diese Männer dazu, in deren Küchen oder Schlafzimmern ihren vermeintlichen Geburtstag zu feiern..."

Weitere Artikel: Hannes Stein besucht Gene Sharp, dessen Do-it-Yourself-Anleitungen zum Sturz einer Diktatur die Revolutionäre in Ägypten und Tunesien inspiriert haben soll (mehr dazu in der NYT). Die große Stauferschau in Mannheim war ein riesiger Publikumserfolg, meldet Dankwart Guratzsch. Alan Posener wirft, offenbar inspiriert von Patrick Bahners, Familienministerin Schröder vor, sie habe sich zur Erstellung ihrer Doktorarbeit des CDU-Apparats bedient. Harald Peters bewundert das Marketing von Radiohead, deren neues Album im Netz eine kleine Sensation ausgelöst hat. Hier das Video zu ihrem Stück "Lotus Flower":



Besprochen werden Catja Baumanns Inszenierung des italienischen Romans "Die dunkle Unermesslichkeit des Todes" in Stuttgart und Martin Schläpfers Choreografie "Robert Schumann Tänze" in Düsseldorf.

TAZ, 23.02.2011

Susanne Messmer hat die neuen Romane von Lucy Fricke ("Ich habe Freunde mitgebracht") und Leda Forgo ("Vom Ausbleiben der Schönheit") gelesen, in denen die Autorinnen sehr brutal, sehr blutig und schleimig von Fehlgeburten und Abtreibungen schreiben. Kehrt hier die Angst vor dem Körper wieder?, fragt Messmer. "Aber es gibt vielleicht noch einen Grund, warum sich Frauenliteratur heute vermehrt anfühlt wie jene berühmte Feldpost der Freikorps-Soldaten, die Klaus Theweleit in den Siebzigern zuhauf für sein unterhaltsames Werk 'Männerphantasien' studiert haben muss. Es scheint, als ginge es hier um ein Spiel mit Bekanntem, mit der guten, alten Flutangst, die sich nach wie vor bester Gesundheit erfreut, mit dem Ekel des gestählten Körpers vor allem Weichen, Flüssigen und Disparaten."

Besprochen werden Nicolas Stemanns Abend "Letzte Lieder" am Deutschen Theater in Berlin und Javier Cercas' Essay "Anatomie eines Augenblicks".

Auf der Meinungsseite sieht Bahman Nirumand das iranische Regime nicht wanken: Der Machtapparat sei viel geschickter aufgebaut als in Ägypten.

Und Tom.

SZ, 23.02.2011

Auch im subsaharischen Afrika herrschen greise Autokraten. Arne Perras erklärt, warum es seiner Meinung nach trotzdem unwahrscheinlich ist, dass sich die arabischen Aufstände nach Süden fortpflanzen - einer der Gründe: "Die meisten Afrikaner leben in Dörfern auf dem Land, Twitter und Facebook sind hier Fremde von einem anderen Stern, Debatten über Bürgerrechte oder freiheitliche Demokratie werden nicht geführt." Mit dem Entstehen der Mittelschicht, so Perras, wird die Revolte aber unweigerlich kommen.

Der tunesische Rapper El General erzählt im Interview mit Jonathan Fischer, wie er für seine Protesthymne "Rais Lebled" zwar festgenommen, aber dann zum Glück doch nicht gefoltert wurde: "Der Präsident selbst hatte angeordnet, dass ich nicht geschlagen und gefoltert werden durfte, um keine Märtyrerfigur zu schaffen. Er wusste, dass wir Rapper das Sprachrohr der tunesischen Jugend darstellen." Der Song wird nun in ganz Arabien nachgerappt.



Weitere Artikel: Peter Laudenbach würdigt die Arbeit des Ballhauses Naunynstraße, das mit Stücken über Migration und Integration reüssiert. Burkhard Müller verfolgte in Paderborn ein Symposion über Armutskonzepte der Franziskaner.

Besprochen werden Wagners "Parsifal" in der Regie Claus Guths in Barcelona, die Ausstellung "Felix Gonzalez-Torres - Specific Objects without Specific Form" in Frankfurt, Dvoraks Oper "Rusalka" an der Komischen Oper Berlin und Bücher, darunter Philip Pullmans Studie " Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).